„Südafrika ist in meinem Herzen“

Im Interview mit Ulli Neuhoff, Fernsehjournalist und Leiter des ARD-Studios Johannesburg

(Autor: Ghassan Abid)

SWRAlexander Kluge

© Ulli Neuhoff wurde 1965 in Stuttgart geboren. Er studierte Germanistik und Politikwissenschaften in Tübingen und Newcastle. Seit 2011 ist Neuhoff Leiter des ARD-Studios Johannesburg und Korrespondent des Südwestrundfunks. Er versorgt die ARD mit Beiträgen aus dem südlichen Afrika. (Quelle: SWR/ Alexander Kluge)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Herrn Ulli Neuhoff, Leiter des ARD-Studios Johannesburg. Erstmal die Frage, wie Sie zum Fernsehjournalismus gekommen sind?

Antwort: Das war in meinem Fall eine ziemlich geradlinige Sache. Neben Lokomotivführer und Daktari war Journalismus immer mein Ziel. Während des Studiums habe ich dann Praktika gemacht und so einen Einstieg zum Südwestfunk bekommen, wie der SWR damals noch hieß. Zuerst Radio, dann Fernsehen; da bin ich dann hängen geblieben – mit Freude.

2010sdafrika-Redaktion: Und was hat Sie ausgerechnet nach Südafrika verschlagen?

Antwort: Im Jahr 2000 die Farmbesetzungen in Simbabwe, da wurde ich als Reporter zur Verstärkung aus Deutschland geschickt. Und seit dem immer wieder und mit steigender Begeisterung für Menschen, Landschaften und die Geschichten.

2010sdafrika-Redaktion: Seit 2011 berichten Sie nun über die Geschehnisse aus dem südlichen Afrika – über die WM 2010, das Mordverfahren gegen Oscar Pistorius oder den kürzlichen Fremdenhass. Wie erleben Sie das Land und die Menschen?

Antwort: Ich glaube in diesen drei Themen ist so ziemlich das ganze Spannungsfeld der Region zu spüren. Eine sehr gewaltgeprägte Gesellschaft, mit viel Hass und noch mehr Ungleichheit, viel Armut und für den Großteil der Bevölkerung nur wenig Hoffnung darauf, dass sich das einmal ändert. Gleichzeitig aber auch ein so unbeschwerter Umgang miteinander. Eine solche Offenheit, wenn man selber offen ist, und speziell hier in Johannesburg eine Dynamik, die ich kaum irgendwo auf der Welt erlebt habe. Extrem spannend und anregend.

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© Ulli Neuhoff war Sonderkorrespondent für die Fußballweltmeisterschaft in Südafrika. Der Fernsehjournalist berichtete für die ARD über das wichtigste Ereignis im internationalen Fußballsport. (Quelle: Anton Swart)

2010sdafrika-Redaktion: Kritische Stimmen, insbesondere jene aus dem Medienbereich, behaupten, dass sich die politische Lage am Kap zunehmend verschlechtert. Kriminalität, Armut und Korruption würden bestehen bleiben oder sich gar verschlimmern. Wie bewerten Sie diese „Prognose“?

Antwort: Immerhin hat sich eine schwarze Mittelklasse gebildet und es gab – ohne größere Probleme – mehrere freie, gleiche und demokratische Wahlen. Das ist die Habenseite. Auf der anderen sprechen leider Zahlen für sich: Die Reichen sind in den vergangenen 21 Jahren reicher geworden, die Armen
ärmer. Die Schulbildung ist seit 21 Jahren ein Desaster und solange das nicht geklärt ist, gibt es für die Mehrheit der Menschen auch keine Aussicht auf bessere Jobs. Meine Prognose fällt heute weit weniger positiv aus als noch vor 10 Jahren.

2010sdafrika-Redaktion: Warum gelingt es der Regierung in Pretoria bisweilen nicht, deutliche gesellschaftspolitische Fortschritte zu erzielen?

Antwort: Da ist zuerst einmal die Größe der Aufgabe. Wenn in einem Land weniger als 20 Prozent der Menschen überhaupt genug verdienen um steuerpflichtig zu sein, wird es schwierig die Mammutaufgabe zu bewältigen, die Südafrika seit 21 Jahren versucht zu stemmen. Und dann kommt natürlich die fürchterliche Misswirtschaft, Selbstbereicherung und schlichtes Unvermögen hinzu. Nicht gerade ideale Bedingungen.

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© Ulli Neuhoff begibt sich auch in die Townships, um dem deutschen Publikum ein realistisches Bild von Südafrika vermitteln zu können. (Quelle: Anton Swart)

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© Südafrika habe Fortschritte erzielen können. Doch bremsen Misswirtschaft, Selbstbereicherung und schlichtes Unvermögen die weitere Entwicklung des Landes, hält der erfahrene Auslandskorrespondent fest. (Quelle: Anton Swart)

2010sdafrika-Redaktion: Ihr Kollege Jan-Philippe Schlüter, Korrespondent des ARD-Studios in Johannesburg, hielt in einem Interview mit unserer Redaktion mal fest, dass vor allem in den ländlichen Gebieten erheblicher politischer Handlungsbedarf besteht. In welchen Bereichen müsste der Staat mehr als bisher aktiv werden?

Antwort: Ich glaube es geht weniger um „mehr“ als um besser. Seit 21 Jahren tritt die Ministerin für Erziehung und Bildung einmal im Jahr vor die Presse und muss erklären, warum die selbstgesteckten Ziele nicht erreicht wurden. Die Schulbildung ist in allen Bereichen ein Patient auf der Intensivstation. Und das obwohl Südafrika – ähnlich wie auf der Intensivstation – unheimlich viel Geld ausgibt für die Schulen und trotzdem sind die Ergebnisse mangelhaft.

2010sdafrika-Redaktion: Mir ist aufgefallen, dass Sie auch ein positives Südafrika-Bild nach Deutschland vermitteln wollen. Ihr TV-Beitrag „Balletttänzer aus den Townships“ ist mir hier in guter Erinnerung geblieben. Nach welchen Kriterien wird die Themenwahl bestimmt?

Antwort: Das ist doch das Faszinierende an der Region und an meinem Beruf. Die Welt ist nicht eindimensional, sondern überaus vielfältig. Und das sollte sich auch in den Berichten widerspiegeln. Bei der Themenauswahl geht es zum einen natürlich immer um Relevanz. Wie wichtig ist das Thema für die Menschen hier; welche Auswirkungen haben bestimmte Dinge auf ihr Leben? Das sind die Fragen, die wir uns stellen. Und dann gibt es noch die Themen, die versuchen Vorurteile abzubauen. Das Township ist eben nicht nur Traurigkeit, Elend und Chancenlosigkeit. Es gibt auch Malhasi, der sich für klassisches Ballet begeistert.

2010sdafrika-Redaktion: Wer entscheidet dann letztendlich darüber, ob ein Beitrag aus Südafrika es in den ARD-Sendeplan schafft?

Antwort: Das bin zum einen ich, der das Thema finden und anbieten muss und zum anderen die jeweiligen Redakteure in Deutschland, die eine Sendung zusammenstellen.

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© Ulli Neuhoff berichtet seit 2011 über das südliche Afrika, das in seinem Herzen auf Dauer einen besonderen Platz hat. Insbesondere die Offenheit der Menschen und die Dynamik von Johannesburg haben es dem Journalisten angetan. (Quelle: Anton Swart)

2010sdafrika-Redaktion: Wo sehen Sie sich in den nächsten fünf Jahren – weiterhin in Südafrika?

Antwort: Korrespondenten sind Beobachter/Experten für eine Region mit dem deutschen Blickwinkel. Diesen Blickwinkel dürfen wir nicht verlieren, sonst würden die deutschen Zuschauer die Berichte möglicherweise nur noch teilweise verstehen. Deshalb wechseln wir im Durchschnitt alle fünf Jahre unsere Posten, damit wir nicht zu sehr eins werden mit unserem Berichtsgebiet und so Dinge für selbstverständlich hinnehmen, die unseren Zuschauern erklärt werden müssen. Wohin es nach Südafrika geht, weiß ich noch nicht. Klar ist aber, das südliche Afrika hat in meinem Herzen einen besonderen Platz.

2010sdafrika-Redaktion: Ulli Neuhoff, Leiter des ARD-Studios Johannesburg, vielen Dank für das Interview!

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