Filmkritik: Miners Shot Down

Südafrika-Dokumentationsfestival in Berlin – 3. Veranstaltungsbericht

(Autor: Johannes Woywodt)

Marikana ist eine kleine und unscheinbare Bergarbeiterstadt im Nordwesten Südafrikas. Hier, unter der trockenen und staubigen Erde, befindet sich die weltweit größte Abbau- und Förderstätte von Platin. Internationale Großunternehmen sind hier ansässig, um aus den Minen das begehrte Edelmetall zu fördern. Bis zu 25.000 Kumpel arbeiten hier unter Tage. Körperliche Schwerstarbeit bei heißen Temperaturen, die zugleich gesundheitsschädlich und gefährlich ist.

Miners Shot Down

© Auf dem diesjährigen South African Documentary Festival in Berlin ist die Dokumentation „Miners Shot Down“ gezeigt worden. Die Redaktion von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ schaute sich diese an. (Quelle: Screenshot/ Miners Shot Down)

Viele leben in Wellblechhütten ohne Wasser und Strom und erreichen nicht einmal die durchschnittliche Lebenserwartung von knapp 50 Jahren. Dennoch ist es für viele die einzige Möglichkeit ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familie zu verdienen. Seit dem 16. August 2012 jedoch ist Marikana weit mehr als nur eine Ortschaft voller Bergarbeitender, Schächte und Minen. Marikana ist der bisher schwerste Einschnitt in der Geschichte der jungen südafrikanischen Demokratie.

Nach einem einwöchigen Streik von knapp 3.000 Minenarbeitern, die eine Lohnerhöhung von 3.000 auf 12.500 Rand (von ca. 300 auf 1.200 Euro) vom britischen Betreiber Lonmin einforderten, eskalierte der Streik an jenem Augustdonnerstag. Die mit einem Großaufgebot stationierte Polizei, die durch Sicherheitskräfte unterstützt wurde, sollte den Protest auflösen. Mit Stacheldraht, dem Einsatz von Helikoptern, Wasserwerfern und scharfer Munition sollten die Demonstrierenden auseinander getrieben, deren Waffen beschlagnahmt und die Arbeitsniederlegung letztendlich beendet werden.

Am frühen Nachmittag überschlugen sich die Ereignisse, so dass Polizeikräfte das Feuer auf die Streikenden eröffnete. 34 Menschen starben, 80 Personen wurden teilweise schwerverletzt. Vor Ort aufgenommene Videoaufnahmen und Fotografien von Medienvertretern zeigen Szenen eines Massakers, die an schlimmste Apartheidszeiten wie in Sharpeville oder Soweto erinnern. Doch wodurch kam es zu einer solchen Eskalation der Gewalt? Warum setzte die Polizei scharfe Munition ein, obwohl andere – weniger gefährliche – Maßnahmen zur Verfügung standen? Warum gab es keinen politischen Willen zu handeln, nachdem sich abzeichnete, dass sich die Lage in Marikana zuspitzte? Diese Fragen greift die mehrfach international prämierte Dokumentation „Miners Shot Down“ (Uhuru Productions, 2014) von Rehad Desai auf, die im Rahmen des South African Documentary Festivals im Agora Collective Berlin gezeigt wurde.

Mit Hilfe diverser am Massaker und an dessen Aufarbeitung beteiligter Akteure versucht Desai in 85 Minuten die verflochtenen Handlungsstränge zu entwirren, die schließlich in diesem Gewaltexzess mündeten. Das gelingt der Dokumentation sehr gut, denn sie beginnt mit der Ursachenforschung eine Woche vor dem eigentlichen Massaker selbst. Schrittweise zeigt der Film wie durch das Handeln oder Unterlassen verschiedener Personen eine Situation entstand, in der es am Ende scheinbar kein Ausweg mehr gab, obwohl es die Möglichkeiten gegeben hätte, den Streik friedlich beizulegen. Besonders die Rolle des Minenbetreibers Lonmin und der konkurrierenden Gewerkschaften NUM (National Union of Mineworkers) und AMCU (Association of Mineworkers and Construction Union) werden dabei untersucht.

Lonmin, das bereits im Juli 2012 Gehaltserhöhungen mit einem Teil der Bergarbeiter ausgehandelt hatte und nun auf weitere Forderungen anderer Kumpel nicht eingehen wollte, weigerte sich genauso wie die NUM am ersten Streiktag, den 10. August 2012, Gespräche mit den Streikenden aufzunehmen. Nur ein Tag später beginnt der erste Teil der Gewaltspirale, als die Streikenden zum Büro der NUM marschieren, um dort ihre Forderungen abermals zu unterstreichen. Dort werden sie allerdings von NUM-Angestellten beschossen, die sich von den friedlichen Demonstranten bedroht fühlten. Dieses Ereignis ist so einschneidend, dass sich die Demonstranten zusehends zum Eigenschutz bewaffnen. Die einsetzende Eigendynamik, die sich täglich zu verschärfen droht, wird durch eigene Film- und Aufnahmen des Lonmin-Werkschutzes spürbar.

Spätestens am 13.8.2012, drei Tage vor dem Massaker, verdeutlicht die Dokumentation, dass alles auf eine Eskalation hinführen wird, nachdem abermals eine friedliche Kundgebung der Bergarbeiter durch den Einsatz von Tränengas beendet wird. Der Film zeigt, dass die Protestierenden keine Eskalation mit der Polizei wünschen, sondern nur streiken wollen, um ihre Forderungen durchzusetzen. Dennoch gibt es Auseinandersetzungen infolgedessen acht Personen sterben.

Daraufhin beschließt die südafrikanische Polizei auch auf Druck von Lonmin ihre Präsenz mit knapp 600 Polizisten zu verstärken. Und die Politik? Die billigt das Vorgehen und zieht sich zurück. Gerade in diesem Punkt bekommt der Film eine stark persönliche Komponente, da Regisseur Desai sich mit einem seiner politischen Vorbilder auseinandersetzen muss – Cyril Ramaphosa. Mitgründer der NUM, Anti-Apartheidskämpfer, Vertrauter Mandelas, südafrikanischer Vizepräsident und Aufsichtsratsmitglied von Lonmin. Er hätte bewirken können, so Desai, dass sich die Lage entspannt, kennt er doch beide Seiten.

Trailer „Miners Shot Down“

Doch anstelle zu vermitteln, unterstützte er das verstärkte Vorgehen der Polizei. Pure Enttäuschung seitens des Filmmachers, die symbolisch für das verlorengegangene Vertrauen von Teilen der Bevölkerung in den ANC zu interpretieren ist. Dass eine Vermittlung doch noch möglich gewesen wäre, demonstriert die Dokumentation in der Person des AMCU-Vorsitzenden Joseph Mathunjwa, der in einer emotionalen Rede am Vorabend des 16. August noch viele Demonstrierende zum Waffenverzicht überreden kann.

Wer letztlich die Verantwortung für den Einsatz von tödlicher Munition trägt, die 34 Menschen tötete, kann die Dokumentation nur mutmaßen, weil auch die damit beauftragte Untersuchungskommission zur Zeit der Entstehung der Dokumentation ihre Arbeit noch nicht beendet hatte. Lonmin, Südafrikas Polizeiminister, Südafrikas Polizeichefin, die lokalen Generäle der Polizei oder hohe ANC-Kreise? Jeder versucht die Verantwortung weiterzureichen, keiner übernimmt sie. Für die Angehörigen wäre dies ein wichtiges Zeichen, wenn auch nur von symbolischer Bedeutung.

Eine Antwort zu “Filmkritik: Miners Shot Down

  1. Pingback: Der krisenfeste Präsident Südafrikas | SÜDAFRIKA - Land der Kontraste

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s