Im Ungewissen

Springboks bei Rugby-WM 2015: Zwischen politischer Ablehnung und sportlicher Schwäche

(Autor: Johannes Woywodt)

Das Objekt der Begierde ist 38 Zentimeter hoch, wiegt 4,5 Kilogramm, besteht aus vergoldetem Silber und hört auf den Spitznamen Bill. Gemeint ist der William-Webb-Ellis-Pokal, der alle vier Jahre an die weltbeste Rugbynationalmannschaft vergeben wird. Dieser lässt die Herzen der Spieler, Funktionäre und Fans schneller und höher schlagen. In England wird die 8. Rugby-Union-Weltmeisterschaft von heute an bis zum 31. Oktober ausgetragen – Südafrikas Auswahl ist auch dabei.

Martin Dobey

© Vom 18. September bis zum 31. Oktober 2015 findet zum nun achten Mal die Rugby-WM in England statt. Neuseeland verteidigt seit 2011 den begehrten William-Webb-Ellis-Pokal. Südafrikas Rugby-Auswahl – die Springboks – nehmen an diesem wichtigen Sportspektakel teil. (Quelle: flickr/ Martin Dobey)

Wird es einen neuen Weltmeister geben oder können die All Blacks aus Neuseeland ihren Titel verteidigen? Im Teilnehmerfeld und zu den Favoriten gehören neben dem amtierenden Weltmeister die starken Mannschaften aus England, Wales, Frankreich, Italien, Argentinien, Australien und natürlich Südafrika. Nach 1995 und 2007 könnten die Springboks sich zum dritten Mal die Krone aufsetzen. Doch die Verwirklichung dieses Vorhabens scheint momentan eher ungewiss.

Innerhalb des letzten Jahres präsentierte sich das Team von Trainer Heyneke Meyer auf internationalem Parkett unbeständig. Von zwölf Partien konnten die Springboks nur fünf gewinnen. Nach den großen Siegen gegen Australien und Neuseeland im Vorjahr folgte 2015 in der Rugby Championship das bisher schlechteste Abschneiden mit nur einem Sieg aus vier Partien. Darüber hinaus sorgte die Nominierung des 31-köpfigen Spielerkaders Ende August für Unruhe.

Gewerkschaftsmitglieder von Cosatu, Numsa, Sportverbände wie das „Transformation and Anti-Racism Rugby Committee“ (Tarc) und politische Parteien (Agency for New Agenda) kritisierten die Unterrepräsentierung von Schwarzen und Coloureds. Gerade einmal acht Spieler sind schwarz und coloured. Dies sind weniger als 30 Prozent, obwohl sich der südafrikanische Rugbyverband dazu verpflichtet hatte, die Anzahl nicht-weißer Spieler auf diese Zahl und bis 2019 auf 50 Prozent schrittweise zu erhöhen.

Doch diese Entwicklung sei von der „South African Rugby Union“ (Saru) nicht ernsthaft betrieben worden, so dass es noch immer kein durchmischtes Nationalteam gibt. Daher, so die Forderung, sollten die Südafrikaner die Springboks während der Weltmeisterschaft boykottieren und nicht unterstützen. Die „Agency for New Agenda“ ging darüber hinaus noch einen Schritt weiter und versuchte die Abreise des Teams per juristischer Verfügung stoppen.

Neben der politischen Dimension der Kadernominierung sorgte auch die Sportliche für Diskussionsbedarf. So verzichtete Coach Meyer auf die erfahrenen Spieler Cobus Reinach und Marcell Coetzee und nominierte an deren Stelle den noch international unerfahrenen Rudy Paige. Andere wichtige Leistungsträger wie Kapitän Jean de Villers, Jannie du Plessis, Willie le Roux und Francois Louw waren lange Zeit verletzt und müssen nun rechtzeitig fit werden, um ihre Topform abrufen zu können.

Sollten diese ihre Form in der Vorrunde noch nicht erreicht haben, drängen sich Meyer zwei junge Talente auf, die bei dieser Weltmeisterschaft ihren großen Durchbruch schaffen könnten: Eben Etzebeth und Jesse Kriel. Gerade der erst 21-jährige Kriel überzeugte in den letzten Länderspielen durch seine gute Ballbehandlung, sein Konterspiel und seine Schnelligkeit. Diese könnten ausschlaggebend werden, da Experten, wie der ehemalige Springboktrainer Nick Mallett vermuten, dass die Südafrikaner eher defensiv und taktisch agieren, um so Ballverluste zu vermeiden.

Ein offensiv-orientiertes Spiel dürfte nach den jüngsten Niederlagen in 2015 in den Hintergrund treten. Aus der Defensive hinaus sollen die Spiele kontrolliert werden und mit der Erfahrung von noch sieben spielenden Weltmeistern von 2007 gewonnen werden. Auch bei dem letzten WM-Gewinn vor acht Jahren waren die Vorzeichen ähnlich. Doch im Verlauf des Turniers steigerten sich die Springboks von Spiel zu Spiel und bestätigten ihren Ruf als Turniermannschaft.

In der Vorrundengruppe B treffen die Südafrikaner auf Japan, Samoa, Schottland und die USA. Diese dürften sie als Gruppenerster abschließen und im Viertelfinale auf Gastgeber England, Australien oder Wales treffen. Sollten die Boks dieses überstehen und ihre Siegermentalität mit ihren Kampf- und Teamgeist verbinden, könnte die WM mit einem großen Triumph enden.

Südafrikas Kader:

Jean de Villiers, Willem Alberts, Schalk Brits, Schalk Burger, Damian de Allende, Lood de Jager, Bismarck du Plessis, Jannie du Plessis, Fourie du Preez, Pieter-Steph du Toit, Eben Etzebeth, Bryan Habana, Zane Kirchner, Siya Kolisi, Jesse Kriel, Pat Lambie, Willie le Roux, Francois Louw, Frans Malherbe, Victor Matfield, Tendai Mtawarira, Lwazi Mvovo, Trevor Nyakane, Coenie Oosthuizen, Rudy Paige, Ruan Pienaar, JP Pietersen, Handre Pollard, Morne Steyn, Adriaan Strauss und Duane Vermeulen.

Die Rugby-Weltmeisterschaft ist live im Free-TV auf EuroSport zu sehen, darunter sind ebenfalls die Partien der Springboks:

  • 19. September 2015: Südafrika vs. Japan
  • 26. September 2015: Südafrika vs. Samoa
  • 3. Oktober 2015: Südafrika vs. Schottland (17:45 Uhr live auf EuroSport)
  • 7. Oktober 2015: Südafrika vs. USA (17:45 Uhr live auf EuroSport)

Eine Antwort zu “Im Ungewissen

  1. Pingback: Drachenbändiger | SÜDAFRIKA - Land der Kontraste

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s