Die unterschätzte Gefahr

Wie Südafrikas Regierung den islamistischen Terrorismus am Kap seit Jahren verharmlost

(2010sdafrika-Redaktion)

Als zum Auftakt der Fußball-Weltmeisterschaft 2006 die US-Regierung vor einer erhöhten Anschlagsgefahr gegen die eigenen Bürger in Südafrika warnte, reagierte die Regierung in Pretoria reflexartig empört. Der damalige Polizeiminister Nathi Mthethwa dementierte entsprechende „Fehlmeldungen“ aus Washington. Alles sei in Ordnung, hieß es. Zehn Jahre später wiederholt sich das Ereignis, obwohl die Terrorgefährdung durch gewaltbereite Islamisten seither enorm zugenommen hat. Bisweilen verharmlost die südafrikanische Politik die Gefahr durch den islamistischen Terrorismus.

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© Im Juli 2016 wurden im Rahmen einer Anti-Terror-Razzia in Johannesburg insgesamt vier Terrorverdächtige festgenommen, die mehrere Anschläge gegen US-Einrichtungen und Amerikaner am Kap geplant haben sollen. Die Brüder Brandon-Lee Thulsie und Tony-Lee Thulsie [im Bild] sollen sich der ISIS-Miliz angeschlossen haben. (Quelle: Facebook)

Im September 2015 warnten die USA vor einer bevorstehenden Terrorgefahr. Zudem erneuerte im Juni 2016 die Regierung der USA, diesmal jedoch gemeinsam mit den Außenministerien von Großbritannien und Australien, die „große Gefahr“ eines möglichen Terroranschlags gegen die eigenen Bürger in den Städten Johannesburg und Kapstadt. Der US-Regierung lagen nach eigenen Angaben ernstzunehmende Informationen vor, wonach Terrororganisationen unter anderem Anschläge in Einkaufszentren planen würden. Wer die Quellen waren, bleibt bis zum heutigen Tage ungeklärt.

Sowohl im September 2015 als auch im Juni 2016 reagierte die Regierung in Pretoria prompt verärgert, wonach die US-Terrorwarnungen haltlos seien und eine Gefahr nicht bevorstünden würde. Man betrachte die Terrorwarnungen aus dem Ausland als eine gezielte Einmischung in die inneren Angelegenheiten und als einen Versuch, Enfluss auf die innen- und wirtschaftspolitische Lage Südafrikas zu nehmen – so mehrere ranghohe ANC-Politiker. Insofern werden die bilateralen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Südafrika regelmäßig belastet.

Nur einen Monat später, im Juli 2016, verhaftete schließlich die südafrikanische Polizei in Johannesburg vier junge Personen, die dem islamistischen Terrorismus zugeordnet werden. Demnach planten die Zwillinge Brandon-Lee Thulsie und Tony-Lee Thulsie, die sich der ISIS-Miliz angeschlossen haben sollen, einen Anschlag auf die US-Botschaft in der 877 Pretorius Street in Pretoria. Zwei weitere Personen sollen ähnliche Terrorambitionen gehabt haben. Die Ermittlungen der Strafverfolgungsbehörden gegen die in Untersuchungshaft sitzenden Terrorverdächtigen laufen noch auf Hochtouren.

Dabei offenbarte der Anschlag auf das Westgate-Einkaufszentrum in der kenianischen Hauptstadt Nairobi durch Mitglieder der somalischen Al-Shabaab-Miliz im September 2013, dass das Kapland längst als Rückzugsgebiet von islamistischen Extremisten genutzt wird. Der fehlende staatliche Verfolgungsdruck begünstige diesen Umstand, so mehrere Experten gegenüber der regionalen Presse. Zudem haben Recherchen des arabischen TV-Senders Al Jazeera ergeben, dass sich zum Stand Mai 2015 mindestens 23 Personen aus Südafrika der ISIS-Terrormiliz angeschlossen haben sollen und in den Irak oder nach Syrien ausgereist seien.

Ferner dürfte das in diesem Jahr geschlossene Anti-Terror-Bündnis zwischen Südafrika und Nigeria gegen die extremistische Boko-Haram-Miliz die Gefährdungslage am Kap weiter verschärft haben. Allerdings lässt sich im politischen Pretoria nicht erkennen, dass den Verantwortlichen die erhöhte Terrorgefahr durch Dschihadisten bewusst geworden ist. Es fehlt nach wie vor an einer umfassenden Öffentlichkeits-, Präventions- und Vernetzungsarbeit zur Bekämpfung des islamistischen Extremismus.

Eine Antwort zu “Die unterschätzte Gefahr

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