„Treffen mit dem ANC kamen nicht zustande“

Im Interview mit der Bayerischen Wirtschaftsministerin Ilse Aigner zu ihrer Südafrika-Arbeitsvisite

(Autor: Ghassan Abid)

© Ilse Aigner, Bayerische Staatsministerin für Wirtschaft sowie Stellvertretende Ministerpräsidentin, besuchte gemeinsam mit einer Wirtschaftsdelegation das Partnerand Südafrika. Die Redaktion von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ interviewte die CSU-Politikerin. (Quelle: StMWi Bayern)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Frau Ilse Aigner, Bayerische Staatsministerin für Wirtschaft sowie Stellvertretende Ministerpräsidentin. Sie hielten sich vom 9. bis 14. April 2017 in Südafrika auf. Was stand auf dem Programm?

Antwort: Bayern und Südafrika verbindet eine lange Partnerschaft – mit den Provinzen Gauteng und Westkap sogar schon seit über 20 Jahren. Diese Partnerschaften müssen natürlich gepflegt werden. Die politischen Gespräche waren ein wesentlicher Aspekt. Außerdem haben wir bayerische Firmen und Projekte vor Ort besucht. Viele bayerische Unternehmen sind hier schon aktiv oder wollen es werden. Da können mit so einer Reise die entsprechenden Kontakte hergestellt werden. Ein großes Thema ist die Ausbildung qualifizierter Fachkräfte im Land. Südafrika ist ein Stabilitätsanker in der Region und wirtschaftlich auf einem guten Weg. Wenn Sie in Südafrika aber eine Fabrik oder einen Windpark aufbauen, fehlen häufig die entsprechenden Arbeitskräfte. Deswegen war die berufliche Qualifizierung einer der Schwerpunkte auf dem Programm. Aber es ist bei einer Reise in ein Land mit so starken Gegensätzen auch wichtig, beispielsweise in die Townships zu gehen und die andere Seite Südafrikas kennenzulernen. Dank engagierter Initiativen, wie Hope Cape Town oder Amandla EduFootball, gibt es aber hier ebenfalls Fortschritte.

2010sdafrika-Redaktion: Sie sprechen gerade die Wirtschaft an. Begleitet wurden Sie ja von einer Delegation. Welche Unternehmen waren dabei und auf welche Branche wurde der Schwerpunkt gelegt?

Antwort: Der Teilnehmerkreis war bunt gemischt – vom kleinen mittelständischen Betrieb bis hin zum großen Unternehmen. Ebenso waren Vertreter der Kammern, der Messen München und Nürnberg sowie bayerischer Hochschulen dabei. Der Schwerpunkt lag auf den Branchen Erneuerbare Energie, Umwelttechnologie, Digitalisierung und Maschinenbau. Gerade in diesen Bereichen sehen wir großes Potenzial, die Zusammenarbeit zwischen Bayern und Südafrika zu intensivieren.

© Die Staatsministerin Aigner wurde vom kleinen mittelständischen Betrieb bis hin zum großen Unternehmen begleitet. Auf dem Bild ist die Bayerische Wirtschaftsdelegation in Pretoria zu sehen. (Quelle: StMWi Bayern)

2010sdafrika-Redaktion: Sie sprachen bereits an, dass der Freistaat Bayern enge Beziehungen zu den wirtschaftsstarken Partnerprovinzen Gauteng und Westkap pflegt. Wo sehen Sie persönlich noch Potentiale?

Antwort: Die Beziehungen sind ja bereits sehr eng. Und als G20-Mitglied ist Südafrika nicht nur ein wichtiger Stabilitätsfaktor auf dem Kontinent, sondern auch eine aufstrebende Volkswirtschaft. Auch bei den Hochschulen und in der Wissenschaft gibt es bereits einen regen Austausch. Persönlich sehe ich meine Rolle als Türöffner. Die Politik kann Kontakte vermitteln und beim Einstieg in das Auslandsgeschäft helfen. Am Ende bleibt es eine unternehmerische Entscheidung, ob eine Firma tatsächlich investiert oder nicht. Gerade in den Bereichen Umwelttechnologie und Energie sehe ich aber viel Potenzial. Hier hat Bayern viel Knowhow und ist daher ein wichtiger Partner. Grundsätzlich profitieren von solchen Partnerschaften oder Kooperationen immer beide Seiten. Entwicklungszusammenarbeit ist wichtig und richtig. Mir geht es aber auch um eine wirtschaftliche Partnerschaft auf Augenhöhe. Und da kann Bayern das notwendige Handwerkszeug liefern, damit Südafrika den positiven Weg, den das Land eingeschlagen hat, weiter gehen kann.

2010sdafrika-Redaktion: Nun ist in Südafrika der zunehmende Markteintritt chinesischer und russischer Unternehmen zu beobachten, sodass sich die Frage stellt, welche Stärken bayerische Unternehmen mitbringen?

Antwort: Unsere Stärken sind Qualität und Langfristigkeit. Bei vielen Produkten, etwa im Bereich der Digitalisierung oder im Maschinenbau gehören bayerische Firmen zur Weltspitze. Wenn die Südafrikaner also Spitzentechnologie wollen, dann führt an uns kaum ein Weg vorbei. Zweitens bin ich schon davon überzeugt, dass unsere Unternehmen weniger den schnellen Profit suchen, sondern mehr an einer dauerhaften Zusammenarbeit interessiert sind. Das sehen Sie zum Beispiel auch daran, dass in den Standorten, die unsere Unternehmer im Land aufbauen, auch Fachkräfte in unterschiedlichen Bereichen ausgebildet werden. Das machen Sie nur, wenn Sie längerfristig planen.

2010sdafrika-Redaktion: Inwieweit haben die aktuellen Entwicklungen – der Rausschmiss des Finanzministers Pravin Gordhan, die Herabstufung des Landes durch Ratingagenturen auf Ramschniveau und der gesellschaftliche Protest gegen die Regierung – eine Rolle während Ihres Arbeitsbesuchs in Johannesburg und Kapstadt gespielt?

Antwort: Die aktuellen Entwicklungen haben das Programm schon etwas durcheinander gewirbelt. Trotzdem war es richtig, dass wir die Reise wie geplant durchgeführt haben. Ich wollte damit auch ein klares Zeichen setzen: Wir Bayern kommen nicht nur in ruhigen Zeiten, sondern auch dann, wenn es etwas turbulenter wird. Mir geht es auch weniger um die Momentaufnahme. Wichtiger ist es, die erfreuliche Entwicklung, die Südafrika in den vergangenen Jahren durchlaufen hat, anzuerkennen und das Land dabei weiter zu unterstützen.

2010sdafrika-Redaktion: Was sagen Sie bayerischen Mittelständlern oder Konzernvertretern, die sich unsicher sind, ob sie am Kap in Anbetracht der aktuellen Situation überhaupt investieren zu wollen?

Antwort: Pauschal lässt sich diese Frage nicht beantworten; jede Investition ist ja anders. Die Entscheidung muss jedes Unternehmen für sich und abhängig vom Einzelfall treffen. Grundsätzlich spricht aber nichts dagegen, in Südafrika aktiv zu werden. Zahlreiche Unternehmen sind hier bereits sehr erfolgreich aktiv. Politisch gesehen ist Südafrika ein demokratischer Staat mit einem funktionierenden Rechtssystem, vielen guten Unternehmen und engagierten Arbeitskräften. Aber natürlich ist der Schritt in den afrikanischen Markt etwas größer im Vergleich zu einer Investition in Europa. Jeder Betrieb, der diesen Schritt gehen möchte, bekommt unsere Unterstützung. Bayern International und unser bayerischer Repräsentant in Südafrika sind dabei kompetente Ansprechpartner.

© Sichtlich entspannt läuft die CSU-Politikerin und ehemalige Bundeslandwirtschaftsministerin durch das von Muslimen geprägte Bo-Kaap-Viertel in Kapstadt. Bayern unterhält seit rund 20 Jahren enge Beziehungen zu den Provinzen Gauteng und Westkap. (Quelle: StMWi Bayern)

2010sdafrika-Redaktion: Unter anderem trafen Sie den Bürgermeister der Wirtschaftsmetropole Johannesburg, Herman Mashaba von der Oppositionspartei „Democratic Alliance“. Worum ging es im Gespräch?

Antwort: Johannesburg ist das wirtschaftliche Leistungszentrum in Südafrika. Auch hier gibt es, wie überall im Land, natürlich noch erhebliche Probleme. Aber alles in allem sehe ich eine positive Entwicklung. Zudem ist die Stadt ein wichtiger Messeplatz. Bei unserem Gespräch mit Bürgermeister Mashaba ging es daher insbesondere um Investitionsmöglichkeiten für bayerische Unternehmen. Johannesburg und die Provinz Gauteng insgesamt haben ein großes Interesse an einer stärkeren Zusammenarbeit. Auch die bayerischen Unternehmer, die mich auf der Reise begleitet haben, zeigten sich sehr interessiert. Ich bin schon gespannt, welche konkreten Projekte sich aus unserem Treffen ergeben.

© Unter anderem traf Ilse Aigner den Bürgermeister der Wirtschaftsmetropole Johannesburg, den DA-Politiker Herman Mashaba. Geplante Gespräche mit Politikern der Regierungspartei ANC blieben hingegen aus. (Quelle: StMWi Bayern)

2010sdafrika-Redaktion: Gab es auch Konsultationen mit führenden Persönlichkeiten der Regierungspartei ANC?

Antwort: Geplant war das schon. Aufgrund der politischen Turbulenzen kamen die vorgesehenen Treffen aber nicht zustande. Wir werden die Gespräche auf unterschiedlichen Ebenen bei anderen Gelegenheiten nachholen. Die bayerisch-südafrikanischen Beziehungen lassen sich ja nicht auf eine Delegationsreise reduzieren, auch wenn diese wichtig und notwendig war. Wir pflegen seit mehr als zwei Jahrzehnten eine intensive Partnerschaft. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir diese in Zukunft noch weiter ausbauen werden.

2010sdafrika-Redaktion: Ilse Aigner, Bayerns Wirtschaftsministerin, vielen Dank für das Interview!

2 Antworten zu “„Treffen mit dem ANC kamen nicht zustande“

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