„Jacob Zuma hat Südafrika geschadet“

Im Interview mit Andreas Freytag, Universitätsprofessor für Wirtschaftspolitik in Jena

(Autor: Ghassan Abid)

© Südafrika hat in den letzten Jahren an internationales Ansehen verloren. Zu viele Skandale gab es in der Regierung. Die Redaktion von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ sprach mit dem Jenaer Ökonomen Prof. Andreas Freytag über die Entwicklungen im Land. (Quelle: Privat)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Herrn Andreas Freytag, Professor für Wirtschaftspolitik an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Sie befassen sich seit Jahren mit Südafrika. Was läuft dort gegenwärtig schief?

Antwort: Das schwerwiegendste Problem ist das Ausmaß an Korruption in den höchsten Regierungskreisen. Präsident Zuma scheint sein Amt nahezu ausschließlich dazu nutzen zu wollen, sich und einigen Vertrauten private Vorteile zu verschaffen. Damit veruntreut er nicht nur öffentliche Gelder, sondern vernachlässigt dringende Probleme, vor allem im Bildungssektor.

2010sdafrika-Redaktion: Inwieweit gehen Sie davon aus, dass die Absetzung des renommierten Finanzministers Pravin Gordhan durch Staatspräsident Jacob Zuma dem Land aus ökonomischer Sicht nachhaltig geschadet hat?

Antwort: Es ist immer von Vorteil, wenn der Finanzminister eines Landes politisches Gewicht aufweist. Das war bei Pravin Gordhan der Fall, während sein Nachfolger dieses Gewicht nicht zu haben scheint. Gordhan hat sich nicht nur den Guptas in den Weg gestellt, die zu den engsten Vertrauten Zumas zu zählen scheinen, sondern auch davor gewarnt, Prestigeprojekte mit Korruptionspotential in der Energiewirtschaft voranzutreiben.

Damit wurde ein Signal der Stabilität an potentielle ausländische Investoren gesandt. Zumas Verhalten sendet das gegenteilige Signal. Das scheint dem Präsidenten aber egal zu sein. Vor diesem Hintergrund schädigt der Präsident das Land mit der Absetzung Gordhans, zumindest in der kurzen Frist. Da Zuma spätestens 2019 das Amt aufgeben wird, dürfte die Schädigung allerdings nicht nachhaltig sein. Das gilt wenigstens dann, wenn die Nachfolgeregierung sich geschickter und regelkonformer verhält.

2010sdafrika-Redaktion: Wie kann Südafrika der aktuellen Krise entkommen?

Antwort: Südafrikas politische Landschaft muss – und wird – sich weiter ändern. Der African National Congress (ANC) wird an Bedeutung verlieren oder sogar noch weiter aufgespalten werden. Die linksgerichtete Partei des ehemaligen ANC-Youth League Vorsitzenden Julius Malema ist bereits die erste „Ausgründung“, wenn auch keine, die dem Land internationales Ansehen bringen wird. Die zentrale Oppositionspartei ist die Democratic Alliance (DA), die bereits die wichtigsten Metropolen (außer Durban und East London) regiert. Dort werden die Menschen erfahren, dass man ein Land besser regieren kann, als es der ANC tut.

Eine gute Rolle spielt auch die Presse, die sehr kritisch über die politischen Prozesse berichtet. Hinzu kommt eine wachsende schwarze Mittelschicht, die die herrschende Korruption zunehmend ablehnt. Sie stärkt eher die Opposition, vor allem die DA.

Anders gewendet: Der politische Wettbewerb tut dem Land gut. Beim ANC erkennt man dies, und es gibt schon breite Absetzbewegungen von Präsident Zuma. Wichtig ist, dass der ANC wie bisher etwaige Wahlniederlagen mit Anstand und ohne den Versuch, den Machtübergang zu verhindern, erträgt. Da die Verfassung als vorbildlich und die Justiz als unbestechlich gilt, bin ich zuversichtlich, dass dies gelingt.

2010sdafrika-Redaktion: Gehen Sie davon aus, dass das Vertrauen ausländischer Unternehmen in den Wirtschaftsstandort Südafrika mittlerweile verloren gegangen ist?

Antwort: Nein.

2010sdafrika-Redaktion: Welche Positionen hören Sie von deutschen Wirtschaftsrepräsentanten, wenn es um Investitionen am Kap geht?

Antwort: Ich habe bisher vor allem vorsichtigen Optimismus vernommen. Gerade der Ausgang der Kommunalwahlen im vergangenen Jahr wurde nach meiner Wahrnehmung als ein Zeichen, dass sich die Zustände am Kap weiter normalisieren, empfunden. Ich teile diese Einschätzung.

2010sdafrika-Redaktion: Wie bewerten Sie die jüngste Herabstufung Südafrikas auf Ramschniveau durch Ratingagenturen wie „Fitch“ und „Standard and Poor’s“?

Antwort: Angesichts der hohen Qualität des südafrikanischen Finanzmarktes und der guten Reputation sowohl der Zentralbank als auch des Finanzministeriums scheint sich diese Bewertung hauptsächlich auf den Präsidenten zu beziehen. Wenn der nächste Präsident – und das wäre zu hoffen – rationaler und weniger eigennützig agiert, dürften sich die Ratings generell wieder verbessern.

2010sdafrika-Redaktion: Die Bundesregierung hält sich zu den innenpolitischen Entwicklungen im Partnerland traditionell zurück. Ist dieses Verhalten überhaupt richtig?

Antwort: Grundsätzlich halte ich es für klug von der Bundesregierung, bei innenpolitischen Konflikten, die nicht zu Eingriffen in Bürger- oder gar Menschenrechte führen, keine öffentliche Stellung zu beziehen. Für politische Botschaften dieser Art gibt es sicherlich vertrauliche und diplomatisch vorteilhafte Kanäle.

2010sdafrika-Redaktion: Andreas Freytag, Professor für Wirtschaftspolitik, vielen Dank für Ihre Einschätzung zur Lage am Kap!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s