Südafrika-Auswanderung endet im Albtraum

Justizskandal am Kap: Leipziger Jens Leunberg sitzt nun ganze 6 Jahre in Untersuchungshaft

(Autor: Ghassan Abid)

Der Fall um den in Südafrika inhaftierten Leipziger Jens Leunberg, worüber die Redaktion von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ am 19. September 2013 erstmals berichtete, ist beispielhaft. Denn seit August 2011 sitzt der Deutsche im Gefängnis. Ganze 6 Jahre lang, ohne jemals von einem Gericht zu einer entsprechenden Freiheitsstrafe verurteilt worden zu sein. Die Verteidigung des 40-Jährigen in Südafrika und Deutschland zeigt sich erschrocken. Gegenüber der Redaktion wurde seitens der Rechtsanwälte der Vorwurf gegen die Staatsanwaltschaft erhoben, dass diese den Strafprozess unnötig in die Länge ziehe. Es ist unmissverständlich die Rede von „Prozessverschleppung“.

© Der Leipziger Jens Leunberg befindet sich in Südafrika hinter Gittern. Ihm wird der Mord an dem Südafrika-Auswanderer Klaus S. vorgeworfen. Der Skandal: Mittlerweile befindet sich der Deutsche schon 6 Jahre in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft ist von der Schuld Leunbergs und seiner Freundin Kristina A. überzeugt. (Quelle: Privat)

Der am 1. März 1977 in Leipzig geborene Jens Leunberg soll mit seiner Freundin Kristina A. sowie deren gemeinsames Kind im Jahr 2006 die ostdeutsche Messestadt verlassen haben, um in Südafrika ihr neues Glück zu finden. Sie zogen nach Jeffreys Bay, einer kleinen Küstenstadt in der Provinz Ostkap. Rund 2 Jahre später erblickte ihr zweiter Sohn das Licht der Welt. So wie viele Auswanderer erhoffte sich das Paar, ein neues und vor allem erfülltes Leben im südlichen Afrika aufzubauen. Mehr als 100.000 Bundesbürger haben in Südafrika ihre neue Heimat gefunden. Das Auswandererpaar soll mit „Bed and Breakfast (B&B)“, also mittels Übernachtungsangeboten mit Frühstück für Touristen, den Lebensunterhalt eigenständig bestritten haben.

Dieser Traum platzte jedoch endgültig, als im Jahr 2009 die Polizei das B&B-Gelände durchsucht hatte. Die Reisepässe der gesamten Familie wurden einbehalten, damit sich diese womöglich nicht ins Ausland absetzen können. Die Polizei suchte nach Beweismitteln, hieß es vor Ort. Demnach soll der Sachse den aus Bayern stammenden Klaus S. (54 Jahre alt) ermordet haben – seinen eigenen Freund. Auch dessen Freundin wird beschuldigt, am Mord beteiligt gewesen zu sein. Denn Tanja S., die Ehefrau des Vermissten, beschuldigte den Leipziger für das Verschwinden ihres Ehemannes verantwortlich zu sein. Angeblich soll es zwischen Jens Leunberg und Klaus. S. zu einem Streit wegen des Kaufes einer millionenschweren Immobilie gekommen sein. Die Hintergründe hierzu sind bisweilen nicht abschließend geklärt.

© Die Kleinstadt Jeffreys Bay [im Bild] ist vor allem bei Surfern sehr beliebt. Die Küsten von J-Bay und der direkte Zugang zum Indischen Ozean locken Touristen aus aller Welt an. Das Leipziger Paar wollte an diesem Ort ihr Glück finden. Im Jahr 2009 entwickelte sich die Auswanderung zum Albtraum. (Quelle: flickr/ Matthew and Heather)

Im Sommer 2011 kam es schließlich zur Festnahme der Leipziger, während die beiden Kinder bei Nachbarn untergebracht werden konnten. Seine Freundin Kristina A. konnte nach der Zahlung einer Kaution nach 6 Wochen Haft das Gefängnis verlassen. Sie musste bedingt durch den Ermittlungsdruck zwischenzeitlich in eine Psychiatrie eingewiesen werden. Die beiden Kinder leben mittlerweile bei ihrer Großmutter in Thüringen – getrennt von ihren Eltern. Jens Leunberg sitzt hingegen seither im Gefängnis „Sant Albans“ in Port Elizabeth. In einer Gemeinschaftszelle müsse er nicht mehr ausharren. Hingegen ist Kristina A. auf sich alleine gestellt. Sie steckt in Südafrika seit Jahren fest. Nach wie vor darf sie das Land nicht verlassen, solange die Ermittlungen laufen.

Der für den Fall zuständige südafrikanische Staatsanwalt deutscher Abstammung soll – so heißt es aus Justizkreisen gegenüber der Redaktion – im Jahr der Festnahme der Leipziger nach Deutschland gereist sein, um gegenüber den deutschen Strafverfolgungsbehörden deutlich zu machen, dass seine Ermittlungen erst bei einer Verurteilung des Leipzigers ein Ende finden würden. Notfalls würde er „lange Ermittlungen“ in Kauf nehmen, um die notwendigen Beweismittel zu beschaffen, die für eine Verurteilung wegen Mordes ausreichen. Darüberhinaus habe er sich darüber informiert, inwieweit in Deutschland gegen den Auswanderer ermittelt werde. In der Konsequenz wurde die Einleitung eines Gerichtsverfahrens am Kap wiederholt verschoben: Von Mai 2012 auf Mai 2013, dann von Mai 2013 auf Mai 2014 und schließlich von Mai 2014 auf Mai 2015.

Erst rund 4 Jahre nach der Festnahme wurde ein offizielles Verfahren am Port Elizabeth High Court gegen die Leipziger eingeleitet, jedoch laufe dieses nicht unter rechtsstaatlichen Prinzipien ab – so die Verteidigung. Es sollen nur wenige Verhandlungstermine seitens der Staatsanwaltschaft angesetzt worden sein. Die Pausen zwischen den Sitzungen seien ferner zu lang. Zudem wurde die Arbeit des südafrikanischen Verteidigers massiv behindert, sodass dieser seine Mandantschaft niederlegen musste. Der neue Verteidiger des Leipzigers drohe auch mit einer Mandatsniederlegung, sollte die Staatsanwaltschaft weiterhin notwendige Informationen für den Strafprozess zurückhalten. Die aktuellen Rahmenbedingungen würden eine Verteidigung unmöglich machen. Der Redaktion vorliegende Gerichtsunterlagen vom 26. September 2016 belegen, dass eine zeitnahe Entscheidung überhaupt nicht absehbar ist.

© Südafrika verstoße nach Ansicht der Verteidigung Leunbergs gegen geltendes Recht. Fakt ist, dass für die Untersuchungshaftdauer eine Zwei-Jahres-Frist gilt, die unter engen Voraussetzungen verlängert werden kann. Mittlerweile ermittelt die Staatsanwaltschaft seit 2009, dem Jahr des Mordes an Klaus S., gegen die Leipziger. (Quelle: flickr/ ELSA)

Unterdessen ist der Honorarkonsul der Bundesrepublik Deutschland in Port Elizabeth im Fall eingeschaltet worden. Ebenso wurde Amnesty International auf das Verfahren aufmerksam. Hinter den Kulissen heißt es, dass von einem fairen rechtsstaatlichen Verfahren – wie es die UN-Menschenrechtskonvention vorsieht – nicht die Rede sein kann. Tatsächlich verstößt Südafrika gegen geltendes Recht. Denn die Republik hat den UN-Zivilpakt unterzeichnet und ratifiziert. Mit dem Gesetz „Correctional Services Act“ wurden diese internationalen Verpflichtungen auch in nationales Recht aufgenommen. Demnach hat die Untersuchungshaftdauer maximal 2 Jahre zu betragen. Südafrika missachte somit ganz bewusst die Zwei-Jahres-Frist, heißt es. Die Staatsanwaltschaft konnte 6 Jahre nach der Festnahme noch nicht hinreichend darlegen, warum sie von einer Schuld des Leipzigers ausgeht.

Eine Antwort zu “Südafrika-Auswanderung endet im Albtraum

  1. Ein Beitrag, der mich nachdenklich zurück lässt und viele Fragen aufwirft…

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