Kap-Kolumne: Krotoa – der Film

Ein Historienfilm über die erzwungene Assimilation einer Khoi-Frau durch Siedler in Südafrika

(Autor: Detlev Reichel, Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals)

Krotoa ist eine südafrikanische Frau aus dem 17. Jahrhundert. Sie gehört zum Clan der Goringhaicona aus dem Volk der Khoi-Khoi. Die Khoi- und die San-Völker sind die Ureinwohner an der Südspitze Afrikas. Es waren sehr wahrscheinlich die Goringhaicona, die die ersten Siedler der niederländischen Handelsgesellschaft Vereenigde Oostindische Compagnie (VOC) im April 1652 bei ihrer Landung in der Tafelbucht, dem heutigen Kapstadt, empfangen haben.

© Der auf wahren Begebenheiten beruhende Film „Krotoa“ unter der Regie von Roberta Durrant blickt ins Südafrika des 17. Jahrhunderts zurück, als sich Siedler aus den Niederlanden am Kap der guten Hoffnung niederließen. Im Fokus steht das Khoi-Mädchen Krotoa [gespielt von Crystal-Donna Roberts], die gegen ihren Willen „zivilisiert“ wird. (Quelle: Filmsequenz KROTOA)

Seit Menschengedenken bevölkerten die Khoi und die San diesen Teil des afrikanischen Kontinents. Die Khoi-Clans sind nomadisierende Viehbauern, die mit ihren Rinder- und Schafsherden je nach Jahreszeit auf saftiges Weideland ziehen. Die ebenfalls nomadisierenden San hingegen leben weiter im Landesinneren vom Jagen des reichlich vorhandenen Wilds und Sammeln von Feldfrüchten und Wurzeln.

Die Siedlertruppe unter Leitung des VOC-Angestellten Kommandant Jan van Riebeeck ist beauftragt, die Handelsschiffe der VOC auf ihrer langen Reise zwischen Europa und den ostindischen Kolonien mit frischem Gemüse und Fleisch zu versorgen. Die Südspitze Afrikas liegt quasi auf halbem Weg.
Bauern und Soldaten aus den Niederlanden sowie aus anderen Gegenden des vom Krieg zerrissenen Europas – das Ende des 30-jährigen Krieges ist bei Van Riebeecks Landung am Kap gerademal vier Jahre her – heuern bei der VOC an.

Während die Bauern Lebensmittel produzieren, bauen und betreiben die Soldaten ein Fort – Ausgangspunkt der gewaltsamen Eroberung des Landes.
Das von der VOC verlangte Frischfleisch für die Schiffsbesatzungen tauschen Van Riebeecks Leute bei den Khoi für Schnaps und Tabak ein. Rinder aber sind die Lebensgrundlage der Khoi. Dieser „Handel“ – wertvolle Rinder gegen billige Genussmittel – ist im Grunde die Urzelle des brutalen kolonialen Landraubs der folgenden Jahrhunderte in der südlichen Hälfte Afrikas.

Wehren sich die Khoi mit Pfeil und Bogen und Speeren, werden sie kurzerhand niedergemacht. Die VOC-Soldaten sind mit Gewehren und Kanonen gut ausgerüstet, sozusagen auf der Höhe der damaligen europäischen Waffentechnik. Soviel kurz zum historischen Hintergrund.

© Krotoa bekommt den Namen Eva aufgedrückt. Ihre Kleidung aus Tierfellen muss sie ablegen. Ebenso werden ihr die Halskette und das Armband brutal entrissen. Zudem muss sie in Kleider schlüpfen, wie sie die Sklaven in den holländischen Kolonien tragen mussten. Eine erzwungene Assimilation ist die Folge. (Quelle: Filmsequenz KROTOA)

Krotoa wird als elfjähriges Mädchen in den Dienst des Kommandanten-Haushalts im Fort genommen. Das heutige Wissen um Krotoa gründet auf den Tagebüchern des Jan van Riebeeck. Der Kommandant der VOC-Kolonisten ist außerdem verpflichtet, für seine Herren in Amsterdam genaustens Buch zu führen. Daher ist auch das Wissen um den ungleichen Handel mit und die Behandlung der Khoi historisch verbrieft. Dies alles freilich aus der Sicht der europäischen Siedler.

Der Film hingegen versucht, die Geschichte der Krotoa aus der Sicht der Protagonistin zu erzählen. Krotoas Onkel Autshumao, Häuptling der Goringhaicona, bringt das Mädchen persönlich zum Fort. Autshumao, den die Kolonisten „Herry die Strandloper“ nennen,  kann auf Holländisch, Englisch und Portugiesisch kommunizieren. Er lernte es von europäischen Seefahrern, die zuvor oftmals an der Küste seiner Heimat landeten.

Vom ersten Tag im Fort an wird das Mädchen gründlich „zivilisiert“, d.h. christianisiert. Diese Aufgabe übernimmt Van Riebeecks Frau Maria. Krotoa bekommt den biblischen Namen Eva aufgedrückt. Ihre Kleidung aus Tierfellen muss sie ablegen. Die Halskette und das Armband aus Muscheln werden ihr brutal entrissen. Und Maria zwängt sie in östliche Kleider, wie sie die Sklaven in den holländischen Kolonien zu tragen haben. Krotoa passt sich an, lernt schnell Sprache und Gewohnheiten. Aber sie vergisst nicht, wo sie herkommt.

© Krotoa passt sich an, lernt schnell Sprache und Gewohnheiten. Aber sie vergisst nicht, wo sie herkommt. Auf beiden Seiten der Fortmauern werden ihr Misstrauen und Anfeindungen von Niederländern und Khoi entgegengebracht. Die Ehe mit Doman, dem Mann aus ihrem Clan, kommt nicht zustande. (Quelle: Filmsequenz KROTOA)

Schon bald erkennt Van Riebeeck Krotoas Fähigkeiten, sich auf beiden Seiten der Fort-Mauern zu bewegen. Er nutzt sie erfolgreich für sich als Dolmetscherin bei seinen Expeditionen ins Landesinnere und den Verhandlungen mit den Khoi. Krotoa gilt heute als erste südafrikanische Diplomatin, die mit großem Geschick Verhandlungen führen konnte.

Für Krotoa aber ist das Doppel-Leben am Ende zerstörerisch. Einerseits entfremdet sie sich von ihrem Volk. Auf der anderen Seite, trotz ihres Ansehens, das sie sich bei Van Riebeeck erworben hat, bleibt sie im Fort eine Dienerin, die vielfältigen Erniedrigungen und Missbrauch ausgesetzt ist. Es sei daran erinnert, dass diese Kolonialgesellschaft damals auch eine Gesellschaft von Sklavenhaltern war.

Auf beiden Seiten der Fortmauern werden ihr Misstrauen und Anfeindungen entgegengebracht. Die versprochene Ehe mit Doman, dem jungen Mann aus ihrem Clan, kommt nicht zustande. Doman, indessen, wird einer der ersten Widerstandskämpfer gegen die holländische Kolonialherrschaft.

Eiserne Faust statt verhandeln

Van Riebeecks Nachfolger am Kap, Wagenaer, wird gleich zum Gouverneur ernannt. Das widerspiegelt die Entwicklung von der so genannten „Erfrischungsstation“ der VOC zur Kapkolonie, die Inbesitznahme des Landes.
Wagenaer, der ein brutales militärisches Regime führt, nach dem Motto: Eiserne Faust statt verhandeln, versteht, dass Krotoa die Absichten der Kolonisten durchschaut hat. Er unternimmt alles, um die Dolmetscherin Van Riebeecks zu isolieren.

Krotoa rettet sich in die Heirat mit dem dänischen Arzt und Entdecker Pieter van Meerhof. Die erste sogenannte Mischehe, die in Südafrika offiziell registriert wird. Doch selbst die Ehe schützt sie nicht vor der Feindschaft und den Intrigen der Kolonialherren. Um Krotoa loszuwerden, wird Meerhof zum Gouverneur der Gefangeneninsel Robben Island ernannt, eher eine Verbannung als eine Beförderung. Doch Meerhof geht weiterhin auf Entdeckungsreisen und kommt schließlich in Madagaskar ums Leben. Krotoa, nun auf sich allein gestellt, verfällt dem Alkohol und stirbt schließlich als Gefangene auf Robben Island.

Ob es der Regisseurin Roberta Durrant gelungen ist, wirklich die Perspektive der Krotoa und damit der Khoi-Khoi umzusetzen, sei dahingestellt. Trotz der Kritik, die der Film diesbezüglich auf sich ziehen wird, ist er doch ein wichtiger Beitrag in einem längst überfälligen Diskurs über den Beginn der Kolonisierung Südafrikas, die Geschichte der Khoi und San – und damit auch die Geschichte der so genannten „Coloureds“ in Südafrika.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s