„Wir wollen in Afrikas Start-ups investieren“

Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries im Interview über „Pro! Afrika“, Innovation & Südafrika

(Autor: Ghassan Abid)

© Die Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries sprach mit der Redaktion von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ über das hauseigene Afrikakonzept „Pro! Afrika“, die deutsche Förderung innovativer Projekte auf dem afrikanischen Kontinent und die Zusammenarbeit mit dem wirtschaftsstarken Partnerland Südafrika. (Quelle: Susie Knoll)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen ganz herzlich auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Frau Brigitte Zypries, die Bundesministerin für Wirtschaft und Energie (BMWi). Im Mai 2017 hielten Sie sich in Südafrika auf, um das Afrikakonzept „Pro! Afrika“ zu präsentieren. Wie kam dieses hauseigene Konzept überhaupt zustande und welche Abteilungen waren in der Ausarbeitung involviert?

Antwort: Die Entwicklung in Afrika ist mir sehr wichtig. Meine erste Auslandsreise als Wirtschaftsministerin habe ich im Februar nach Kenia unternommen und in Nairobi den German African Business Summit der Subsahara-Afrika Initiative der deutschen Wirtschaft eröffnet. Im Mai war ich nochmals in Südafrika, um beim World Economic Forum in Durban meine Initiative „Pro! Afrika“ vorzustellen. An der Ausarbeitung dieser Initiative war das ganze Haus beteiligt. Wichtig ist mir, dass wir von der früheren Entwicklungslogik wegkommen. Wir sollten die Welt nicht mehr in „Geber“ und „Nehmer“ einteilen, sondern brauchen eine Wirtschaftspartnerschaft zwischen Deutschland und Afrika. Davon profitieren beide Seiten. Afrika ist ein Kontinent mit großen Chancen, bei dem rasanten Bevölkerungswachstum braucht Subsahara-Afrika bis 2035 jährlich rund 18 Millionen neue Arbeitsplätze. Mit „Pro! Afrika“ wollen wir dabei unterstützen, Produktivität und Wertschöpfung vor Ort zu steigern.

2010sdafrika-Redaktion: Worum geht es in dem 8-seitigen Konzept?

Antwort: Die Initiative „Pro! Afrika“ stellt ein ganzes Bündel von passgenauen Maßnahmen bereit: Wir fokussieren unsere Außenwirtschaftsinstrumente stärker auf Afrika. Ganz wichtig ist mir unsere Digital- und Innovationspartnerschaft mit Afrika. Hier wollen wir eine Kontinentalbrücke für Start-ups aus Deutschland und Afrika schaffen. Denn wir wissen, dass moderne digitale Technologien Afrika in rasantem Tempo voranbringen. Oft werden da ganze Entwicklungsstufen übersprungen, wie zum Beispiel beim Mobile-Banking, das in zahlreichen afrikanischen Ländern längst Gang und Gäbe ist.

2010sdafrika-Redaktion: Welche Summen stellt das BMWi für welche Projekte zur Verfügung und wo liegt der Schwerpunkt von „Pro! Afrika“?

Antwort: Der Schlüssel zur Zukunft Afrikas liegt in den vielen Ideen von Gründerinnen und Gründern. Wir wollen innovativen Geschäftsideen eine Perspektive geben. Deshalb richten wir einen Fonds ein, der in afrikanische Start-ups investiert. Am 26. Oktober werden wir in Berlin in unserem Ministerium bei einer „Start-up Night Afrika“ viele Ideen sehen. Wir bringen Start-ups und Investoren zusammen und geben ihnen die Möglichkeit zum Netzwerken und Matching. Mit meiner Initiative „Pro! Afrika“ setzen wir auch auf eine engere Zusammenarbeit im Energiebereich, in der Gesundheitswirtschaft und im Tourismus. Außerdem wollen wir die breite Palette wirtschaftspolitischer Instrumente stärker auf Afrika konzentrieren: Bei den Exportkreditgarantien, den sogenannten Hermesbürgschaften, gestalten wir beispielsweise die Bedingungen attraktiver. Wir bauen unsere erfolgreichen Auslandshandelskammern weiter aus. Sie unterstützen deutsche Unternehmen konkret vor Ort. Im Herbst eröffnen wir z.B. eine neue Außenstelle in Tansania. Zudem unterstützen wir die Ausbildung von lokalen Fachkräften, mit denen eine erfolgreiche Zukunft Afrikas steht und fällt, mit eigenen und am Bedarf der Wirtschaft ausgebildeten Fachkräften. Dafür wollen wir insgesamt 2018 zusätzliche Mittel in Höhe von rund 100 Millionen Euro bereitstellen.

© Die Wirtschaft Afrikas wächst stetig, jedoch zu langsam, um die dortige Armut nachhaltig zu reduzieren. Insofern werden ausländische Investitionen benötigt. Die bilateralen Zusagen der Bundesregierung im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit mit Afrika betrugen 2014 insgesamt 1,5 Mrd. Euro (2013: 1,3 Mrd. Euro). Pro Jahr werden zusätzlich 100 Mio. Euro zur Verfügung gestellt. (Quelle: flickr/ Angus Willson)

2010sdafrika-Redaktion: Im Afrikakonzept ist die Rede von der Unterstützung strategischer Auslandsprojekte in Afrika. Welche aktuellen Vorhaben werden durch Ihre Behörde in welchen Staaten unterstützt?

Antwort: Wir haben Anfang 2017 eine Geschäftsstelle für strategische Auslandsprojekte im Wirtschaftsministerium geschaffen. Ziel ist es, strategische Auslandsprojekte durch politische Flankierung und erweiterte Finanzierungsangebote noch gezielter und effektiver zu begleiten. Diese Unterstützung steht auch für Projekte in Afrika zur Verfügung und ist bei der in Afrika engagierten deutschen Wirtschaft auf großes Interesse gestoßen. Die Geschäftsstelle führt daher intensive Gespräche mit Verbänden und Unternehmen, um aktuelle Projekte in Afrika zu identifizieren und zu begleiten.

2010sdafrika-Redaktion: Nun hört man wiederholt die Bedenken von Mittelständlern, die den Eintritt in den afrikanischen Markt scheuen. Fehlende Rechtssicherheit, Defizite in der Infrastruktur und vermehrte Fälle von Korruption werden als Hindernisse aufgeführt. Was sagen Sie dem deutschen Mittelstand, um dennoch das Risiko einer Investition zu wagen?

Antwort: Zunächst einmal kann man nicht alle Länder in Afrika über einen Kamm scheren. Dafür sind sie zu unterschiedlich. Ich kann Mittelständler nur ermutigen, sich ihre Chancen auf dem afrikanischen Markt anzuschauen. Klar müssen dabei auch Risiken betrachtet werden. Dabei helfen unsere Auslandshandelskammern, die aktuell in 11 Ländern Afrikas vertreten sind. Auch die Germany Trade & Invest (GTAI) stellt wertvolle Informationen und Marktanalysen bereit, die für unternehmerische Entscheidungen das A und O sind. Mit unserem KMU-Markterschließungsprogramm bieten wir gerade Mittelständlern die Möglichkeit, an themenspezifischen Unternehmensreisen teilzunehmen, um sich vor Ort ein Bild zu machen und mit wichtigen Multiplikatoren und potenziellen Geschäftspartnern in Kontakt zu treten.

Die Bundesregierung bietet außerdem verschiedene Förderinstrumente an, um deutsche Unternehmen gegen Risiken bei Auslandsgeschäften abzusichern. Deutsche Unternehmen, die in Afrika investieren möchten, können zum Beispiel eine Investitionsgarantie des Bundes beantragen und sich so gegen politische Risiken, wie z.B. Enteignung oder Krieg, absichern.

© Das BMWi [im Bild] erarbeitete das Afrikakonzept „Pro! Afrika“. Verwunderlich ist, dass auch das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) ein eigenes Afrikakonzept unter dem Titel „Marshallplan für Afrika“ präsentierte. Beobachter begründen dies mit parteipolitischen Differenzen – das BMWi wird unter der SPD und das BMZ unter der CSU geführt. (Quelle: Foto: Jörg Zägel – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0)

2010sdafrika-Redaktion: Das Bundesentwicklungsministerium (BMZ) wirbt intensiv für ihr eigenes Afrikakonzept, welches den Namen „Marshallplan für Afrika“ trägt. Warum arbeiten BMWi und BMZ nicht zusammen, indem man eine gemeinsame Initiative auf die Agenda setzt?

Antwort: Das tun wir. Am 7. Juni haben wir im Bundeskabinett gemeinsame Eckpunkte zur wirtschaftlichen Entwicklung Afrikas verabschiedet. Sie greifen zentrale Maßnahmen aus „Pro! Afrika“ und dem Marshallplan auf. Zugleich haben wir in den Eckpunkten vereinbart, dass wir die Außenwirtschaftsförderung und die Entwicklungszusammenarbeit eng miteinander verzahnen wollen und die Zusammenarbeit der Ressorts in diesem Bereich intensivieren.

2010sdafrika-Redaktion: Mich würde interessieren, welche Chancen das BMWi-Afrikakonzept im Hinblick auf die Partnerschaft mit Südafrika eröffnet?

Antwort: Südafrika ist unter den afrikanischen Staaten das bereits am stärksten entwickelte Land. Es ist der wichtigste Wirtschaftspartner Deutschlands auf dem afrikanischen Kontinent und zugleich seit Langem eines der bedeutendsten Zielländer der deutschen Außenwirtschaftsförderung. Wir haben im Mai das 65-jährige Bestehen unserer Auslandshandelskammer in Südafrika gefeiert. Meine Initiative „Pro! Afrika“ bietet eine Reihe von Möglichkeiten, diese Partnerschaft auszubauen z.B. durch Kompetenzzentren oder auch Maßnahmen zur beruflichen Ausbildung. Und für mich ist es wichtig, dass deutsche und südafrikanische Gründerinnen und Gründer zusammenfinden. Auf meiner Reise nach Südafrika konnte ich Kontakte mit Start-up-Gründerinnen knüpfen und die Lionesses of Africa kennenlernen – eine großartige Initiative!

2010sdafrika-Redaktion: Im November 2014 interviewte unsere Redaktion Ihren Abteilungsleiter Herrn Thorsten Herdan, der die deutsch-südafrikanische Energiepartnerschaft umfassend erläuterte. Inwieweit hält das BMWi weiterhin am Standpunkt an der Finanzierung von Kraftwerken mit fossilen Brennstoffen im südlichen Afrika durch die KfW-Bank fest?

Antwort: Bei fossiler Energieerzeugung beraten wir Südafrika mit Blick auf eine Flexibilisierung der bestehenden südafrikanischen Kohlekraftwerke. Damit wollen wir die Kraftwerke anpassungsfähig für die Einspeisung volatiler Energie aus erneuerbaren Quellen machen. Denn wir wollen mit unseren Energiepartnerschaften ja andere Länder beim Ausbau erneuerbarer Energien und bei der Verbreitung effizienter Energietechnologien unterstützen.

2014 hat die Bundesregierung beschlossen, im Rahmen der klima- und entwicklungspolitischen Zusammenarbeit keine neuen Kohlekraftwerke mehr zu finanzieren. Für die Modernisierung laufender Kohlekraftwerke haben wir klare Kriterien zur Finanzierung definiert. Bei der Exportfinanzierung wollen wir die bestmöglichen Technologien, die den Einsatz von modernsten, effizientesten und möglichst klimafreundlichen Technologien sicherstellen.

© Afrikas Bevölkerung wird im Vergleich zu allen Kontinenten am stärksten zunehmen. Denn nach einer Prognose der UNO werde sich in Afrika die Zahl der Menschen von heute 1,3 Mrd. bis zum Jahr 2100 auf 4,5 Mrd. mehr als verdreifachen. In Europa dagegen sinke sie von ca. 740 Mio. auf 646 Mio. Daher plädieren Ökonomen für den signifikanten Ausbau von Investitionen in Afrika. (Quelle: flickr/ Francisco Anzola)

2010sdafrika-Redaktion: Nun hat die britische Regierung im Jahr 2013 erklärt, dass die klassische Entwicklungspolitik mit Südafrika nicht mehr notwendig sei. Vielmehr würde der „Handel auf Augenhöhe“ im Vordergrund stehen. Stimmen Sie der These zu, wonach die bisherige Entwicklungszusammenarbeit mit der Republik Südafrika nicht mehr zeitgemäß ist?

Antwort: Südafrika verfügt über eine relativ gute Infrastruktur, und die südafrikanische Wirtschaft ist breit aufgestellt. Es gibt aber auch große Herausforderungen wie Armut, Ungleichheit und Arbeitslosigkeit. Auch bei der Good Governance kann noch einiges getan werden. Für diese Aspekte halte ich Ansätze der Entwicklungszusammenarbeit weiterhin für notwendig. Wir brauchen jedoch dringend auch einen stärker wirtschaftsorientierten Ansatz, eine Partnerschaft auf Augenhöhe. Nur so können wir Arbeitsplätze schaffen, praxisorientierte berufliche Ausbildung gewährleisten und damit nachhaltig Wohlstand generieren. Und dazu will ich mit meinem Konzept „Pro! Afrika“ beitragen.

2010sdafrika-Redaktion: Brigitte Zypries, Bundeswirtschaftsministerin, vielen Dank für dieses ausführliche Interview!

Eine Antwort zu “„Wir wollen in Afrikas Start-ups investieren“

  1. Sämtliche Bemühungen in der Vergangenheit und in Zukunft werden massiv ausgebremst durch apokalyptische Verdoppelung der afrikanischen Bevölkerung. Auch ein mega Manko die zügellose Koruption auf dem Kontinent Afrika. Der einzige wahre Profiteur ist China. Die Chinesen haben fast den ganzen Kontinent gekauft. In den letzten fünfzehn Jahren mehr als sechshundert Milliarden an Rohstoff Lizenzen an zig afrikanische Regierungen bezahlt. China fragt nicht nach Umwelt/Menschen/ Sozialrechten China will die Nummer eins werden koste es was es wolle.
    Der Kontinent Afrika wird wahrscheinlich nicht mehr zu retten sein.

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