Kap-Kolumne: Life-Esidimeni-Skandal

Das Elend im Gesundheits- und Sozialwesen: 143 Patienten mussten sterben – aus Kostengründen

(Autor: Detlev Reichel, Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals)

Richter Dikgang Moseneke ist immer wieder fassungslos. Die Aussagen der Zeugin Dr. Makgabo Manamela sind meist ausweichend, wirr, unzusammenhängend. Dr. Manamela ist nicht irgendwer in diesem Drama. Sie ist die suspendierte leitende Direktorin für den Bereich geistig behinderte Menschen bei der Gesundheitsbehörde der Provinz Gauteng. Sie war zuständig für Patienten, die mit staatlicher Hilfe u.a. bei dem privaten, also auf Gewinn orientierten Krankenhaus-Unternehmen Life Esidimeni untergebracht waren.

© Dr. Makgabo Manamela [im Bild] war die leitende Direktorin für geistig behinderte Menschen bei der Gesundheitsbehörde Gautengs. Ihre Behörde entschied, 1.300 Patienten, die beim Unternehmen Life Esidimeni untergebracht waren, aus Kostengründen auszulagern. Dabei starben 143 Menschen – ein Skandal.

Der Name Life Esidimeni (Esidimeni heißt so viel wie „Ort der Würde“) ist verbunden mit einem Riesenskandal, der sich derzeit in den Abteilungen Gesundheit sowie Soziales in Südafrika vor den Augen der Öffentlichkeit entfaltet.

Aus Kostenersparnis 1.300 Patienten verschoben

Im Oktober 2015 hatte das Gesundheitsamt der Provinz Gauteng beschlossen, die rund 1.300 Psychiatrie-Patienten, die über staatliche Hilfen bei Life Esidimeni untergebracht waren, auszulagern. Der Grund: Kostenersparnis. Die Patienten wurden 2016 teils zu den Familien, zu Nichtregierungsorganisationen (NGOs) sowie auf andere Krankenhäuser verteilt.

Bei der Transferaktion zu den NGOs starben viele Patienten. Inzwischen ist die Zahl auf 143 angestiegen. Wie sich allmählich herausstellte, hatten mehrere der NGOs weder die Mittel noch die Kapazitäten und das nötige qualifizierte Personal, um Psychiatrie-Patienten aufzunehmen und zu betreuen. Einige NGOs waren gar mit illegalen Lizenzen ausgestattet. Die Patienten sind teils verdurstet, verhungert oder einfach aus mangelnder Betreuung gestorben. Bis Oktober 2017 ist nur an 26 der Verstorbenen eine Autopsie vorgenommen worden.

Die Verantwortlichen in der Gesundheitsbehörde (Department of Health) sowie im Sozialamt (Department of Social Development) von Gauteng müssen sich nun vor einem Tribunal unter Leitung des ehemaligen stellvertretenden Obersten Verfassungsrichters Dikgang Moseneke verantworten.

Die provinziale Gesundheitsministerin (MEC), Qedani Mahlangu, unter deren Leitung die Transferaktion beschlossen und durchgeführt wurde, war bereits am 1. Februar 2017 zurückgetreten. An diesem Tag hatte der Ombudsmann für Gesundheit seinen Bericht über den Skandal veröffentlicht. Mahlangu, jedoch, ist außer Landes, zum Studium in Britannien. Sie hat aber zugesagt, im Januar 2018 vor der Untersuchungskommission zu erscheinen. Man wird sehen.
Stattdessen sitzt ihre ehemalige Direktorin für psychisch Kranke, Dr. Makgabo Manamela, seit drei Tagen auf dem heißen Stuhl im Kreuzverhör. Darin tritt das ganze Elend der Zustände im Gesundheitswesen in Gauteng zutage.

Die zunehmende Irritation, ja, Verärgerung des Vorsitzenden Moseneke rührt daher, dass die promovierte Psychiatrie-Krankenschwester sich stur weigert, Verantwortung für das Geschehene zu übernehmen. Es sei nicht ihre Entscheidung gewesen. Die Verantwortung liege beim gesamten Team. Sie habe sich gegen Entscheidungen von höherer Stelle nicht wehren können. Sie habe nicht wissen können, dass die Patienten sterben werden usw. Doch hat sie Lizenzen für NGOs unterschrieben, die in keiner Weise geeignet waren, diese Patienten aufzunehmen.

Eine Frage der Berufsethik

Es stellt sich hier auch die Frage nach der Berufsethik von professionellen Fachkräften, in diesem Fall Mediziner und Sozialarbeiter, im Staatsdienst. Darf sich eine Fachkraft darauf zurückziehen, auf Anordnung oder Befehl von administrativen Vorgesetzten, seien es Politiker oder Manager, gehandelt zu haben, wenn ihr, der Fachkraft, klar ist, dass die geforderte Handlung falsch ist und zu katastrophalen Folgen führen kann?

Der oben erwähnte Bericht des Ombudsmanns kam u.a. auch dadurch zustande, weil es medizinische Fachkräfte gab, die, letztlich erfolglos, versucht hatten, die Transferaktion der Patienten zu verhindern, und dann zurückgetreten sind. Aber da war das Kind schon mit dem Badewasser ausgeschüttet worden.

Der Skandal um die Life-Esidimeni-Patienten hat Dimensionen, die Südafrikas Gesundheitsminister Aaron Motsoaledi und Gautengs Premier David Makura veranlasst haben, eine hochrangige Arbeitsgruppe (task team) zur Erneuerung des Gesundheitswesens in der Provinz einzusetzen. Offenbar ist die Fäulnis so weit fortgeschritten, dass die neue MEC für Gesundheit die Aufgabe nicht allein stemmen kann.

Leider mussten erst 143 Menschen sterben, bevor etwas Grundsätzliches geschieht.

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