„Bei Ramaphosa habe ich wieder Hoffnung“

Im Interview mit der in Berlin lebenden südafrikanischen Journalistin Anli Serfontein

(Autor: Ghassan Abid)

© Anli Serfontein ist eine südafrikanische Journalistin, Buchautorin, Dokumentarfilmerin und Übersetzerin, mit Wohnsitz in Deutschland. Regelmäßig kommentiert sie in deutschen und ausländischen Medien die politischen Entwicklungen am Kap. Kürzlich stand sie DW-TV für eine Lageeinschätzung zur Verfügung. (Quelle: Screenshot DW-TV)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen ganz herzlich auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ die südafrikanische Journalistin Anli Serfontein. Selten stand ein ANC-Bundesparteitag so stark im öffentlichen Fokus. Dabei hat die Wahl von Cyril Ramaphosa zum neuen ANC-Parteivorsitzenden weltweit für ein mediales Echo gesorgt. War der Sieg des Unternehmers zu erwarten oder vielmehr eine Überraschung?

Antwort: Es war die letzten Tage vor der Wahl sehr knapp und viele Leute hatten es gehofft und um die Entscheidung gebangt. Wir haben aber gesehen, dass mit diesen Wahlen der ANC zurzeit in zwei verschiedene Lager gespalten ist.

2010sdafrika-Redaktion: Welche politischen Interessen vertritt Cyril Ramaphosa überhaupt?

Antwort: Viele werfen Ramaphosa vor, dass er dem „white monopoly capital“ zugehörig sei. Ich habe Ramaphosa in den 80er Jahren als Journalistin kennengelernt, als er noch ein Gewerkschaftsführer war. Er hätte Rechtsanwalt werden können, ist jedoch zu den Gewerkschaften gegangen. Damals waren die Gewerkschaften in Südafrika in ideologische Grabenkriege verwickelt und untereinander ziemlich zerstritten. Er hatte die „National Union of Mineworkers“ [Anm. d. Redaktion: Minengewerkschaft] aufgebaut und zur gleichen Zeit auf das Ziel hingearbeitet, dass ein nationaler Gewerkschaftsbund – Cosatu (Congress of South African Trade Unions) – entsteht. Damals gab es auch viele Auseinandersetzungen zwischen dem ANC und den Gewerkschaften. Zur gleichen Zeit ist er zum Gewerkschaftsführer aufgestiegen, innerhalb der 1983 gegründeten United Democratic Front (UDF) [Anm. d. Redaktion: außerparlamentarisches Oppositionsbündnis]. Zuerst hatte er 1987 den größten Minenarbeiterstreik geleitet. Im Anschluss hatten alle Respekt vor ihm – die Minenbosse und die Regierung. Ich denke seine Strategie wird es sein, zuerst abzuwarten, dann aufzubauen und schließlich erst aktiv zu werden. Wenn er nicht sehr schnell Zuma entfernt, wird er an eigener Glaubwürdigkeit verlieren. Er hatte sehr klar gesagt, dass es keinen Platz für Korruption gibt. Nun muss er zeigen, was er tatsächlich bewirken kann.

© Serfontein hält fest, dass der ANC mittlerweile in zwei Lager gespalten sei, jedoch könne Cyril Ramaphosa die Partei wiedervereinen und den ANC aus der gegenwärtigen Glaubwürdigkeitskrise herausholen. Die Bekämpfung der Korruption gelte als Maßstab für seine Führungsqualitäten. (Quelle: Screenshot DW-TV)

2010sdafrika-Redaktion: Ich möchte bei der Erwartungshaltung gegenüber Ramaphosa bleiben. Denn einige südafrikanische Medien sprechen bei seiner Wahl von einem Neuanfang und einer damit verbunden Chance für Südafrika. Ist dies denn so?

Antwort: Einige von den Journalistinnen und Journalisten vor Ort waren begeistert und ich selber hatte mir seine Rede angeschaut und wieder ein Gefühl von Hoffnung – von Leadership – verspürt. Die Südafrikaner hatten sich nämlich seit 1999 ein bisschen führungslos gefühlt. Ramaphosa ist ein natürlicher Leader. Für vielen Südafrikaner waren die ANC-Vertreter, die aus dem Exil zurückkamen, fremd geworden. Zum ersten Mal ist da nun wieder eine Top Six in der Spitze des ANC vertreten, bestehend aus Leuten, die im Land gegen die Apartheid gekämpft hatten. In vielerlei Hinsicht sind nun äußerst undemokratische Kräfte aus dem Exil entfernt worden. Auch wenn innerhalb des ANC zwei unterschiedliche Ideologien aufeinandertreffen, denke ich, dass die Agenda der 80er Jahre – die der UDF – zurückkommt, um den Feind zu identifizieren und geschlossen dagegen anzukämpfen. Und da ist Ramaphosa schon der richtige Mann dafür, da er begeistern kann, die Menschen vereinen kann und handeln kann. Zum ersten Mal gibt es keine Dominanz der Zulus oder Xhosas in der ANC-Top-Six-Führung mehr.

2010sdafrika-Redaktion: Sie sprachen bereits Jacob Zuma an. Worin unterscheidet sich Ramaphosa von Zuma in persönlich-charakterlicher sowie politischer Hinsicht?

Antwort: Zuma kommt aus der Sicherheitsabteilung des ANC und wurde in Ost-Berlin sowie in Moskau ausgebildet – die Rufschädigung Dritter war ihm schon immer wichtig gewesen. Er denkt nach Außen betrachtet stets im Sinne seines Eigeninteresses und ist zugleich geheimnisvoll. Er ist ein Tribalist [Anm. d. Redaktion: Stammesdenker], sexistisch und korrupt. Er ist jedoch auch ein charismatischer, freundlicher und guter Stratege, wenn es um seine eigenen Interessen geht. Es wird ihm auch nachgesagt, dass er in den 90er Jahren den Frieden in KwaZulu-Natal [Anm. d. Redaktion: Provinz im Osten Südafrikas] brachte.

Mit Ramaphosa werden einige demokratische Merkmale zurückkehren. Er ist ein natürlicher Führer, mit leiser Stimme, aber fester Überzeugung. Er wuchs im urbanen und multi-tribalem Soweto auf, stammt allerdings vom kleinen Stamm der Venda ab und zeigt diese natürlich schüchterne Zurückhaltung auch im öffentlichen Auftreten.

Ramaphosa war der Schlüssel bei der Aushandlung der südafrikanischen Verfassung – als Anwalt wird er die Verfassung respektieren. Ich habe den Eindruck, dass Zuma die Verfassung nie gelesen hat und sie bei jeder Gelegenheit zu untergraben versuchte.

© Die Südafrikanerin übt im Interview mit der Redaktion von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ scharfe Kritik an Jacob Zuma. Dieser denke nur an sich. Sie habe mit der Wahl Ramaphosas, den sie bereits einmal persönlich kennenlernte, die Hoffnung auf eine Verbesserung der politischen Situation in Südafrika. (Quelle: Screenshot DW-TV)

2010sdafrika-Redaktion: Wird der ANC mit dem Führungswechsel bei den Parlamentswahlen 2019 das verloren gegangene Vertrauen einiger Bevölkerungsgruppen wiederherstellen können?

Antwort: Die Zeit wird es zeigen. Es hängt davon ab, ob Zuma gehen wird oder halt nicht. Mit Zuma wird die Zukunft düster ausfallen.

2010sdafrika-Redaktion: Was bedeutet der Sieg Ramaphosas für die Oppositionsparteien wie der Democratic Alliance oder den Economic Freedom Fighters?

Antwort: Für sie wird es einfacher sein, eine Wahl mit Zuma an der Macht anzukämpfen. Es kommt darauf an, inwieweit Ramaphosa seine Versprechen in den nächsten 16 Monaten – also die Bekämpfung der Korruption – einlösen wird.

2010sdafrika-Redaktion: Klare Worte, die Sie da wählen. Anli Serfontein, südafrikanische Journalistin, Buchautorin, Dokumentarfilmerin und Übersetzerin, vielen Dank für dieses aufschlussreiche Interview!

Eine Antwort zu “„Bei Ramaphosa habe ich wieder Hoffnung“

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