Politikverdrossenheit der Jugend

6 Millionen Wahlberechtigte unter 30 Jahren mieden Registrierung an Parlamentswahlen Südafrikas

(2010sdafrika-Redaktion)

Die Parlamentswahlen 2019 dominieren als Dauerthema die Berichterstattung in Südafrika. TV, Radio und Online-Medien spekulieren über den finalen Ausgang der sechsten Wahlen für die Nationalversammlung und die neun Provinzparlamente. Die Wahlkommission IEC veröffentlicht auf ihrer Webseite im Live-Modus die Auszählergebnisse der einzelnen Wahlstationen und lässt erkennen, dass der ANC nicht so stark abschneidet wie vor 5 Jahren. Auffallend ist die diesjährige Politikverdrossenheit unter den jungen Menschen.

© Die sechsten Parlamentswahlen Südafrikas vom 8. Mai 2019 sind geprägt vom Fernbleiben der Jugend. Sechs Millionen junge Wahlberechtigte unter 30 Jahren mieden die Registrierung an den Wahlen. (Quelle: flickr/ United Nations Photo)

Rund 27 Millionen Südafrikaner ließen sich registrieren, um an den Wahlen überhaupt teilnehmen zu können. Denn mangels eines klassischen Melderegisters ist eine Registrierung in Südafrika erforderlich, um von seinem Wahlrecht überhaupt Gebrauch machen zu können, für welches Nelson Mandela die besten Jahre seines Lebens im Gefängnis aufopferte. Rund 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid zeigt sich, dass die Jugend der Regenbogennation den Bezug zu den demokratischen Errungenschaften mittlerweile verloren hat.

Die langen Menschenschlangen an den Wahlurnen des Landes haben deutlich gemacht, so berichten es mehrere Wahlbeobachter in den sozialen Medien, dass vor allem Ältere anstanden. Nach aktuellen statistischen Erhebungen haben sich sechs Millionen junge Südafrikaner unter 30 Jahren, der Großteil davon Schwarze, für die diesjährigen Wahlen nicht einmal registrieren lassen. Es ist die Rede von einer immensen Politikverdrossenheit, jedoch dürfte vielmehr die Parteienverdrossenheit für das mangelnde Interesse verantwortlich sein. Denn die Jugendlichen sind durchaus politisch interessiert.

Es ist unumstritten, dass die jungen Menschen in der Kaprepublik den Glauben an ein besseres Leben scheinbar verloren haben – urteilen die Kommentatoren namhafter Zeitungen. Der seit einem Vierteljahrhundert regierende ANC hat seinen Beitrag an der Desillusionierung der Bevölkerung beigetragen – egal ob Jung oder Alt. Knapp die Hälfte der Südafrikaner lebt unter Bedingungen, die der extremen Armut zuzuordnen sind. Ferner ist jeder zweite Jugendliche arbeitslos und etliche Bürger wohnen weiterhin in Wellblechhütten. Zudem verlassen Jugendliche die Schulen, ohne richtig Lesen und Schreiben zu können.

Südafrika ist das ungleichste Land der Welt, titelt das TIME-Magazin in einer aktuellen Ausgabe unter Heranziehung von Daten der Weltbank. Demnach gehört zehn Prozent der Bevölkerung rund 71 Prozent des Gesamtvermögens. Dieser prekären Lage ist sich Staatspräsident Cyril Ramaphosa, der im Übrigen selbst ein Multimillionär ist und somit zu den zehn Prozent der Wohlhabenden zählt, durchaus bewusst. Unmittelbar nach seiner Stimmabgabe in einem Wahllokal in Soweto erklärte der einstige Vizepräsident unter seinem korrupten Vorgänger Jacob Zuma, das Südafrika nie wieder das durchmachen dürfe, was es über sich ergehen lassen musste – „Verdorbenheit, Gesetzesübertretungen, ungezügelte Korruption“.

Zwar wird der ANC bei den sechsten Parlamentswahlen erneut als Sieger hervorgehen und Cyril Ramaphosa für eine weitere Amtszeit bestätigt werden. Die eigentlich interessante Frage ist allerdings, in welchem Ausmaß der Afrikanische Nationalkongress Stimmen verlieren wird und inwieweit seine wichtigsten Konkurrenten im Gegenzug an Einfluss hinzugewinnen können. „Wir haben unsere Lektion gelernt – und werden uns darum kümmern.“, untermauert Ramaphosa seinen Reformwillen. Allerdings ist der Vertrauensschadens längst eingetreten. DA und EFF profitieren bereits jetzt vom angeschlagenen Ansehen des ANC – und von der Frustration der Bevölkerung.

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