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Deutsch-Südafrikanische Wirtschaftsbeziehungen

Andreas Wenzel, Generalsekretär der Wirtschaftsinitiative SAFRI, im Interview

(Autor: Ghassan Abid)

©  Andreas Wenzel, Generalsekretär der "Südliches Afrika Initiative der Deutschen Wirtschaft (SAFRI)"

© Andreas Wenzel, Generalsekretär der „Südliches Afrika Initiative der Deutschen Wirtschaft (SAFRI)“

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Herrn Andreas Wenzel, Generalsekretär der „Südliches Afrika Initiative der Deutschen Wirtschaft (SAFRI)„. Herr Wenzel, Südafrika ist mit einem BIP von 294 Milliarden Euro (2011) die größte Volkswirtschaft in ganz Afrika. Mehr als 600 deutsche Unternehmen am Kap haben über 90.000 Arbeitsplätze geschaffen. Können wir in diesem Kontext von einem absoluten Paradebeispiel einer Nord-Süd-Kooperation sprechen?

 Antwort: Südafrika und Deutschland verbindet eine langjährige, bedeutende Wirtschaftspartnerschaft. Für Deutschland ist Südafrika der zehntwichtigste Exportmarkt außerhalb der Europäischen Union. Das Land ist mit deutlichem Abstand der wichtigste Partner auf dem afrikanischen Kontinent und Brücke für die deutsche Wirtschaft nach Subsahara-Afrika. Für Südafrika ist Deutschland ein zentraler Exportmarkt, Investitionsstandort und politischer Partner. Die deutschen Unternehmen stehen für verantwortungsvolles Unternehmertum und eine nachhaltige Partnerschaft. Dabei verfolgen sie selbstverständlich auch das Ziel, in Südafrika Gewinne zu erwirtschaften. Darüber hinaus leistet die deutsche Wirtschaft signifikante Beiträge in der Bildung und Ausbildung, beim Technologietransfer sowie in der Unterstützung der lokalen Gemeinschaften vor Ort. Hier ist die deutsche Wirtschaft ein in Südafrika hoch angesehener Partner. Interessanterweise ist die Zusammenarbeit mit Südafrika keine Einbahnstrasse: Südafrikanische Unternehmen investieren auch in Deutschland und vertrauen auf diesen Standort als Ausgangspunkt für ihre Aktivitäten in Europa.

© Deutsche Firmen stellen für die Wirtschaft Südafrikas eine wichtige Stütze dar. Über 600 deutsche Unternehmen haben rund 90.000 unmittelbare Arbeitsplätze schaffen können. Darüberhinaus engagieren sich mehrere Unternehmen im Rahmen des Corporate Social Responsibility CSR in den verschiedensten sozialen Bereichen. (Quelle: Chris Kirchhoff/ MediaClubSouthAfrica.com)

© Deutsche Firmen stellen für die Wirtschaft Südafrikas eine wichtige Stütze dar. Über 600 deutsche Unternehmen haben rund 90.000 unmittelbare Arbeitsplätze schaffen können. Darüberhinaus engagieren sich mehrere Unternehmen im Rahmen des Corporate Social Responsibility (CSR) in den verschiedensten sozialen Bereichen. (Quelle: Chris Kirchhoff/ MediaClubSouthAfrica.com)

Die Partnerschaft zwischen Südafrika und Deutschland ist also sehr wohl ein Paradebeispiel einer Nord-Süd-Kooperation. Wir sind aber überzeugt, dass es weitere Möglichkeiten bilateraler Engagements gibt, die noch nicht ausgeschöpft sind: in den Bereichen Umwelttechnik (besonders im Bergbau), Gesundheitsversorgung, technische Infrastruktur (besonders im urbanen Bereich) und in den verarbeitenden Industrien (besonders im Hochtechnologiebereich). Hierbei ist es besonders wichtig, dass sich die Regierungen beider Länder stärker strategisch austauschen und abstimmen. Südafrika schaut derzeit intensiv nach Ostasien und Südamerika. Die Bundesregierung ist verständlicherweise stark mit europäischen und transatlantischen Fragestellungen beschäftigt. Wir als Südliches Afrika Initiative der deutschen Wirtschaft sehen aber auch und besonders in der Partnerschaft Deutschlands mit Südafrika ein großes strategisches Potenzial und erwarten von der Politik mehr Aufmerksamkeit für die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder. Gleichzeitig ermutigen wir die Wirtschaft zu einem stärkeren Engagement.

2010sdafrika-Redaktion: Am 9. Mai 2012 fand ein deutsch-südafrikanischer Wirtschaftstag in München statt, an welchem unter anderem der Vizepräsident Südafrikas, Kgalema Motlanthe, und Vertreter von 30 südafrikanischen Unternehmen teilnahmen. Wie verliefen Ihrer Meinung nach die B-2-B-Gespräche und in welchen Branchen erfolgten Vertragsabschlüsse?

Antwort: Wir waren mit den Ergebnissen des Besuchs generell zufrieden, obwohl wegen der kurzen Vorbereitungszeit und der späten Bestätigung der südafrikanischen Seite vieles improvisiert werden musste. Die Gespräche verliefen insbesondere zu den Themen Erneuerbare Energien, Infrastruktur und verarbeitenden Industrien sehr engagiert und intensiv, Das lässt uns auf kurzfristig neue Impulse hoffen. Im Gegensatz zu anderen Partnerländern Südafrikas ist die deutsche Privatwirtschaft aber nicht so stark auf publikumswirksame Abschlüsse ausgerichtet. Sie wird auch nicht zentral auf einen solchen Besuch hin koordiniert. Somit standen Vertragsabschlüsse am 9. Mai nicht im Fokus. Ich bin mir aber sicher, dass in nächster Zeit deutsche Wirtschaftsengagements in Südafrika verstärkt zu vermelden sein werden.

2010sdafrika-Redaktion: Es ist bekannt, dass die deutsche Automobilindustrie am Kap breit aufgestellt ist. Für 2012 erwarten Experten einen Absatz von rund 617.500 Fahrzeugen. Dennoch werden Kfz-Zubehörteile weiterhin größtenteils nach Südafrika importiert. Wie erklären Sie sich, dass viele Zulieferbetriebe – also der Mittelstand – vor Ort nicht präsent sind?

Antwort: Dieses Thema wurde in der Tat auch auf dem Wirtschaftstag in München kontrovers diskutiert. Wir haben dabei großes Verständnis für die Sichtweise der südafrikanischen Regierung, welche die Automobilindustrie als Ankerindustrie zur weiteren Industrialisierung der Volkswirtschaft sieht. Sie drängt daher darauf, im Rahmen von local content Programmen die Automobilhersteller noch stärker als bisher zu verpflichten, lokale Zulieferer für die Produktion zu identifizieren und lokal einzukaufen, also den lokalen Anteil an den in Südafrika produzierten Fahrzeugen zu erhöhen. Im Ergebnis hieße das, dass deutsche Zulieferer noch stärker als bisher in lokale Produktionsstätten in Südafrika investieren müssten, um gemeinsam mit den Herstellern diesen Verpflichtungen nachzukommen. Das große Problem besteht jedoch darin, dass die Produktionsstätten der Automobilhersteller in Südafrika im globalen Vergleich eher klein. Infolgedessen sind die Auftragsgrößen so klein, dass sich für die Zulieferer kaum economies of scale realisieren lassen. Die Investitionen würden sich betriebswirtschaftlich kaum rechnen und nachteilig auf die Wettbewerbsfähigkeit der südafrikanischen Automobilindustrie auswirken.

In diesem Zusammenhang stellt sich auch eine grundsätzliche wirtschaftspolitische Frage: Wäre die Regierung Südafrikas nicht besser beraten, Hochtechnologieexporte von Südafrika in die globalen Märkte zu fördern, statt durch die Hintertür auf Importsubstitution zu setzen? Am Ende ist immer diejenige Volkswirtschaft im globalen Wettbewerb erfolgreich, die nicht Fragen nach Umverteilung von Wohlstand in allen Facetten diskutiert, sondern Rahmenbedingungen zur Schaffung von Wohlstand ermöglicht.

2010sdafrika-Redaktion: Im Konzept „Partnerschaft mit Zukunft“, welches durch die Trägerorganisation von SAFRI erstellt wurde, halten Sie fest: „Die engen und breit gefächerten Beziehungen zwischen Deutschland und Südafrika haben Tradition“. Zurzeit stehen einige deutsche Konzerne aufgrund ihres Engagements mit dem Apartheidsregime in den USA vor Gericht. Ist es nicht in der Zeit, dass die deutsche Wirtschaft ihr Verhältnis mit den einstigen Machthabern komplett untersucht – ganz im Sinne von verantwortlichem Unternehmertum?



Antwort: Mit dem Wort Tradition in den deutsch-südafrikanischen Wirtschaftsbeziehungen beziehen wir uns natürlich auf eine Zeit weit vor der durch nichts zu rechtfertigenden Apartheidspolitik in Südafrika. So sind deutsche Unternehmen schon seit dem 19. Jahrhundert vor Ort aktiv. Die Präsenz deutscher Unternehmen auch zu Zeiten der Apartheid in Südafrika muss man vor diesem Hintergrund bewerten. In der Überzeugung, dass insbesondere im produzierenden Gewerbe Sanktionsmaßnahmen sich hauptsächlich negativ auf die lokale, schwarzafrikanische Mitarbeiterschaft und deren Familien und Gemeinschaften ausgewirkt hätte, blieben deutsche Unternehmen im Land. Sie investierten und engagierten sich über das damals übliche Maß hinaus für Ihre Belegschaften und deren Angehörigen im sozialen Bereich. Dies wird deutschen Unternehmen heute immer noch im Rückblick von den lokalen Gemeinschaften hoch angerechnet. Die Deutsche Wirtschaft war auch nach 1994 unter den neuen Voraussetzungen eines freien Südafrika sehr schnell bereit, die Investitionen wie auch die Maßnahmen der Corporate Social Responsibility (CSR) zu intensivieren, um den Transformationsprozess in Südafrika zu stabilisieren. Deutsche Unternehmen setzen auch heute noch Standards bezüglich Arbeitsbedingungen, Engagement für die lokalen Gemeinschaften und Umweltschutz. Dies gilt auch für Projektmaßnahmen der Auslandshandelskammer Südliches Afrika in Johannesburg, die über eigene Tochtergesellschaften im Ausbildungsbereich aktiv ist und zusammen mit der GIZ ein CSR-Kompetenzzentrum unterhält. So halten auch wir es mit unserem Südafrika-Konzept: Wir schauen gemeinsam nach vorne! Zum Sonderfall der sog. Apartheid-Sammelklage, die im Übrigen nur zwei deutsche Unternehmen betrifft, und wahrlich kein signifikantes Phänomen ist, möchte ich mich an dieser Stelle nicht im Detail äußern. Ich bin mir aber sicher, dass wir erleben werden, wie Unternehmen ihr Engagement während der Apartheid aufarbeiten werden.

© "Die Deutsche Wirtschaft war auch nach 1994 unter den neuen Voraussetzungen eines freien Südafrika sehr schnell bereit, die Investitionen wie auch die Maßnahmen der corporate social responsibility (CSR) zu intensivieren, um den Transformationsprozess in Südafrika zu stabilisieren.", so SAFRI-Generalsekretär Wenzel. Volkswagen Südafrika - hier im Bild das Werk Uitenhage in der Provinz Eastern Cape - zählt zu einem der wichtigsten Arbeitgeber des Landes. (Quelle: VW South Africa/ MediaClubSouthAfrica.com)

© „Die Deutsche Wirtschaft war auch nach 1994 unter den neuen Voraussetzungen eines freien Südafrika sehr schnell bereit, die Investitionen wie auch die Maßnahmen der corporate social responsibility (CSR) zu intensivieren, um den Transformationsprozess in Südafrika zu stabilisieren.„, so SAFRI-Generalsekretär Wenzel. Volkswagen Südafrika – hier im Bild das Werk Uitenhage in der Provinz Eastern Cape – zählt zu einem der wichtigsten Arbeitgeber des Landes. (Quelle: VW South Africa/ MediaClubSouthAfrica.com)

2010sdafrika-Redaktion: Im selben Konzept sprechen Sie sich für eine „vereinfachte Visavergabe“ aus. Könnten Sie die bestehenden Schwierigkeiten erläutern?



Antwort: Die Anforderungen für südafrikanische Geschäftsreisende zum Erhalt eines Schengen-Visum zur Einreise in die Bundesrepublik Deutschland sind immer noch sehr hoch und aus unserer Sicht nicht zwingend nachvollziehbar. Denn Visa sind generell ein Investitions- und Handelshindernis, da sie Kosten verursachen und durch übermäßige Bürokratie Wettbewerbsnachteile verursachen. Hinzu kommt, zumindest was reine Geschäftsreisen angeht, ein gewisses Ungleichgewicht im Verhältnis Deutschlands zu Südafrika. Während deutsche Unternehmensvertreter für Geschäftsreisen nach Südafrika ein kostenfreies dreimonatiges Visum bei Einreise erhalten, müssen südafrikanische Unternehmensvertreter für Geschäftsreisen nach Deutschland alle administrativen Vorgaben eines Schengen-Visum erfüllen. Zur Intensivierung der Wirtschaftsbeziehungen sollten wir eine gewisse Liberalität in Visafragen erreichen oder zumindest einen gewissen Spielraum bei der Vergabe schaffen, den konsularische Vertretungen anderer EU-Länder bereits nutzen. Dies führt teilweise zu der paradoxen Situation, dass deutsche Unternehmen afrikanische Geschäftspartner bei einer anstehenden Einladung nach Deutschland an Vertretungen anderer Länder des Schengen-Raumes zwecks Erteilung des entsprechenden Visum verweisen.

2010sdafrika-Redaktion: Außerdem machen Sie einen interessanten Vorschlag. Sie schlagen vor, Vertreter der Privatwirtschaft in den Arbeitsgruppen der Deutsch-Südafrikanischen Binationalen Kommission zu beteiligen. Besteht hierbei nicht die Gefahr eines Interessenskonfliktes zwischen privatwirtschaftlichen Eigennutz und gemeinwohlorientiertem Nutzen? Und wer würde dann entscheiden, welches Unternehmen partizipieren darf?

Antwort: Die Arbeitsgruppen der Deutsch-Südafrikanischen Binationalen Kommission können nur dann in die Zukunft weisende und nachhaltige Ergebnisse im Interesse der beiden Volkswirtschaften erzielen, wenn Vertreter der Privatwirtschaft ihren hierzu so wichtigen Input einbringen können. Am Ende finden Investitionen sowohl in Südafrika als auch in Deutschland nicht auf staatlicher Ebene, sondern durch privatwirtschaftliches Bestreben statt.

© Die deutsche Wirtschaft macht den Vorschlag, dass Vertreter der Privatwirtschaft in den Arbeitsgruppen der Deutsch-Südafrikanischen Binationalen Kommission partizipieren sollten. SAFRI und seine Trägerorganisationen würden die Wirtschaft vertreten. Die Bundesregierung hat diesen Vorschlag, so SAFRI-Generalsekretär Wenzel, positiv zur Kenntnis genommen. (Quelle: flickr/The Presidency of the Republic of South Africa)

© Die deutsche Wirtschaft macht den Vorschlag, dass Vertreter der Privatwirtschaft in den Arbeitsgruppen der Deutsch-Südafrikanischen Binationalen Kommission partizipieren sollten. SAFRI und seine Trägerorganisationen würden die Wirtschaft vertreten. Die Bundesregierung hat diesen Vorschlag, so SAFRI-Generalsekretär Wenzel, positiv zur Kenntnis genommen. (Quelle: flickr/The Presidency of the Republic of South Africa)

Es geht dabei nicht darum, Partikularinteressen einzelner Unternehmen zu bedienen, sondern durch die Vertreter der verfassten Wirtschaft das übergeordnete Interesse und das Engagement der Privatwirtschaft stärker in den institutionalisierten Dialog auf politischer Ebene einzubringen. Die deutsche Wirtschaft würden dabei von SAFRI und unseren Trägerorganisationen vertreten werden. Darüber hinaus möchten wir hier künftig stärker als bisher die verfasste Privatwirtschaft auf südafrikanischer Seite in den konstruktiven Dialog einbeziehen. Im Idealfall sind wir gemeinsam in der Lage, Positionen abzustimmen und einzubringen. Ein Problem auf südafrikanischer Seite ist die Identifikation der richtigen Partner für den Dialog, da die institutionelle Positionierung der einzelnen Privatwirtschaftsorganisationen dort stark umkämpft ist. Die Bundesregierung steht unserem Vorschlag sehr aufgeschlossen gegenüber und arbeitet bereits jetzt im Vorfeld der Deutsch-Südafrikanischen Binationalen Kommissionen vertrauensvoll mit uns zusammen. Dies wünschen wir uns auch von südafrikanischer Regierungsseite und den Partnern in der Privatwirtschaft. Gemeinsam können wir die bestehenden Herausforderungen besser meistern und neue Potenziale schöpfen. Hier wäre dann auch zu diskutieren, wie wir gemeinsam den Weg bereiten können, damit in Südafrika Wohlstand geschaffen werden kann statt lediglich Umverteilungsdebatten zu führen.

2010sdafrika-Redaktion: Andreas Wenzel, Generalsekretär der Wirtschaftsinitiative SAFRI, vielen Dank für das informative Interview!

2010sdafrika-Interview mit Handelsblatt-Korrespondent Wolfgang Drechsler:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2012/05/20/handelsblatt-korrespondent-im-interview/

2010sdafrika-Interview mit Ralf Brauksiepe, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2012/05/01/offentliche-arbeitsvermittlung-in-sudafrika/

2010sdafrika-Interview mit Andreas Storm, Staatssekretär im Bundesarbeitsministerium:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2011/05/23/bundesagentur-fur-arbeit-arbeitsvermittlungsmodell-fur-sudafrika/

Geschäftsführerin des Weingutes „Kaapzicht Wine Estate“ im Interview

Wirtschaftskrise erfasst renommierte Weingüter Südafrikas mit aller Härte

(Autor: Ghassan Abid)

Die internationale Wirtschafts- und Finanzkrise ist weiterhin anhaltend und unberechenbar. Vor allem exportorientierte Nationen und inbesondere aufs Ausland angewiesene Unternehmen machten und machen harte Zeiten durch. Nicht nur der Automobilsektor Südafrikas musste harte Einschnitte in Kauf nehmen, sondern auch der Großteil der 585 Weingüter im Lande. Einer von diesen Weinkellern gehört der aus Bremen stammenden Yngvild Steytler und ihrem Ehemann. Mit „Kaapzicht Wine Estate“ schaffte sie es, ihren Weinkeller im internationalen Ranking an die Spitze zu etablieren. Allerdings geht es zurzeit weniger um Gewinn, sondern vielmehr um reine Kostendeckung und  die Erhaltung eines jeden Arbeitsplatzes – oder anders ausgedrückt: Um das strikte Überleben.

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen bei „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Frau Yngvild Steytler, Geschäftsführerin von „Kaapzicht Wine Estate“, einem der populärsten Weingütern Südafrikas. Frau Steytler, Sie stammen ursprünglich aus Bremen und wanderten eines Tages nach Südafrika aus. Wie kam es zu diesem Schritt?

© Yngvild Steytler, Geschäftsführerin des Weingutes Kaapzicht Wine Estate.

© Yngvild Steytler, Geschäftsführerin des Weingutes Kaapzicht Wine Estate.

Antwort: Ich träumte davon um die Welt zu reisen und in unterentwickelten Ländern zu arbeiten, sparte mein Geld und nach meinem letzten Examen begann ich meine Reise in Namibia, wo ich einen Onkel besuchte. Bin dann ~ 14 Monate durch Namibia, Südafrika und Malawi gereist bzw habe hier und da gejobbt und dabei meinen späteren Mann kennengelernt. Ich arbeitete gerade in einem Lepra-Projekt in Malawi, hatte mein Ticket für den weiteren Flug nach Australien bereits in der Tasche, als dieser junge Südafrikaner mir hinterher geflogen kam und mich überredete lieber ihn zu heiraten, als weiterzureisen. So habe ich mein Ticket umgetauscht und wir sind gemeinsam nach Bremen geflogen, haben in meinem Elternhaus geheiratet und seit Januar 1980 bin ich Farmers Frau in Stellenbosch.

2010sdafrika-Redaktion: Wie viele Weingüter existieren zurzeit in Südafrika, wo sind diese angesiedelt und wie viele werden von deutschen Einwanderern betrieben?

Antwort: Es gibt insgesamt 585 Weinkeller – davon sind 58 Cooperative, 23 weinproduzierende Großhändler und 504 private Kellereien, von denen 46 % weniger als 100 Tonnen produzieren (micro wineries). Dazu gibt es 3839 reine Traubenproduzenten (ohne Weinkeller).

Ich weiss leider nicht wieviele von diesen Weingütern Deutschen gehören.

Angesiedelt sind sie fast ausschliesslich im Kapland (Western Cape) von Südafrika. Insgesamt 101.325 ha sind mit Weinstöcken bepflanzt und diese Fläche ist unterteilt in 80 verschiedene offizielle Appellationen. (Südafrika und Deutschland haben fast die gleiche / ähnlich grosse Fläche unter Weinstöcken.)

Unser Weingut umfasst 190 Hektar, davon sind 162 ha mit den Sorten Chenin Blanc, Sauvignon Blanc, Muscadel Alexandrie, Merlot, Shiraz, Pinotage, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Petit Verdot, Malbec und Cinsaut bepflanzt.

2010sdafrika-Redaktion: Seit 1984 verkaufen Sie mit dem guten Ruf Ihres Weingutes „Kaapzicht Wine Estate“ weltweit Ihre Produkte, mittlerweile unter anderem zehn Rotweine und drei Weißweine. Können Sie uns Angaben zu Absatz, Gewinn, Abnehmern und Anzahl Ihrer Arbeitskräfte in den letzten drei Jahren machen?

Antwort: Die Familie meines Mannes besitzt diese Weinfarm (wie wir es hier nennen) seit 1946. Sie haben wie 90 % aller anderen Weinfarmer ihre Trauben oder losen Weine an die Großkellereien geliefert. 1984 haben wir zum ersten Mal begonnen unsere Weine unter unserem Kaapzicht Etikett abzufüllen und direkt an die Öffentlichkeit zu verkaufen. Unser erster Export ging 1992 nach Holland. Unter der neuen Regierung und nach Aufhebung der Sanktionen gegen Südafrika begann dann seit 1994 das internationale Interesse an südafrikanischen Weinen zu wachsen und das löste aus, dass sich viele Traubenlieferanten entschlossen Weinkeller zu bauen und ihre Weine unter eigenem Namen auf den Markt zu bringen.

© Weingut „Kaapzicht Wine Estate“ – ein Betrieb der Steytler-Familie

Diese Entwicklung bedeutete für uns und auch für alle anderen, dass viel mehr Arbeitskräfte gebraucht werden als je zuvor: Früher wurden meistens nur Männer für die Landarbeit angestellt (wir hatten 18 Angestellte). Heutzutage haben wir zusätzlich ein Team im Weinkeller und eine Gruppe Frauen in der Lagerhalle zur Etikettierung und Verpackung der Flaschen plus 2 zusätzliche Personen im Büro. Unsere Anzahl permanenter Arbeitskräfte hat sich deshalb auf 49 Personen erhöht. (Sie leben fast alle in ihren Häuschen bei uns auf der Farm, insgesamt 120 Personen, wenn man alle Kinder und Großeltern mitzählt.)

Wir exportieren 85 % unserer abgefüllten Weine inzwischen in die meisten Länder Europas – unser wichtigster Markt ist Deutschland – nach Hong Kong, Malaysia, Singapur, Philippinen, Indonesien und nach Angola, Nigeria, Botswana und Namibia und auch in die USA. Unsere Abnehmer rund um die Welt sind alle passionierte Weinliebhaber, die irgendwie von uns gelesen oder gehört haben. Ich bin mit meinem deutschen Pass zuständig für unsere Exportmärkte und muss zugeben, dass die meisten Geschäftspartner uns gefunden haben und nicht ich sie. In all diesen Ländern rund um die Welt haben wir zu unseren Importeuren ein freundschaftliches Vertrauensverhältnis. Sie vertrauen darauf, dass wir unser Exklusiv-Abkommen mit ihnen halten und ihnen stets gute Qualitätsweine schicken und wir vertrauen darauf, dass sie uns irgendwann später bezahlen. Sicherheiten haben wir nicht. Weil wir gerne langfristig mit unseren Geschäftspartnern unsere Märkte aufbauen wollen, müssen wir auch alle guten und schlechten Zeiten zusammen mit ihnen durchmachen, d.h. wir ersetzen sie nicht sofort durch andere Partner, wenn Verkäufe zurückgehen oder Zahlungen spät kommen.

Aller Gewinn, der in den vergangenen Jahren erarbeitet worden ist, wurde immer wieder in die Farm hinein investiert: Mit dem wachsenden Markt, der wachsenden Nachfrage brauchten wir mehr Weintanks, deshalb musste der Weinkeller vergrößert werden, bessere und neue Maschinen (zum Beispiel Etikettiermaschinen), neue Lagerhallen für abgefüllte Flaschen, Infrastruktur (Lastwagen zur Weinablieferung), Weinprobierstube und ein aufgradiertes Büro (Computer). Gleichzeitig müssen alte Weinberge neu gepflanzt werden und sämtliche Fahrzeuge, Trecker, Gebäude, auch die Wohnhäuser unserer Leute in Stand gehalten werden. Außer dass ich zwecks Marketing jetzt sehr viel mehr international unterwegs bin, haben sich bei uns privat noch nicht viele Wohlstandssymbole eingestellt (noch immer das gleiche alte Auto).

2010sdafrika-Redaktion: Im letzten Jahr, also 2009, sind nach offiziellen Angaben infolge der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise knapp über 900.000 Arbeitsplätze allein in Südafrika abgebaut worden. Inwieweit hat diese Krise die Weinkeller im Lande und speziell Kaapzicht Wine Estate erreicht?

Antwort: Die auf unserer Farm lebenden Menschen sind hier geboren und aufgewachsen, die gesamte ältere Generation ist illiterat und kennt nichts anderes als die Landarbeit auf einer Weinfarm. Wir sind uns dessen bewusst, dass wir in einer Art Symbiose mit diesen Menschen leben, in der alle davon profitieren, wenn es allen gut geht, – einer braucht den anderen. Wir schaffen Aufgaben & Arbeit für sie, selbst wenn es in der Weinindustrie gerade still ist. Wir haben dieses Jahr unseren Banküberzug erhöht und allen unseren Angestellten wie jedes Jahr inflationsorientierte Gehaltserhöhungen gegeben. Es ist uns noch nie eingefallen jemanden zu entlassen, der sich nicht irgendeines schweren Deliktes schuldig gemacht hat. Außerdem gibt es strenge Arbeitsgesetze in Südafrika, nach denen man nicht so einfach “hire & fire”, also anheuern und entlassen kann. Allerdings haben wir von anderen größeren Weinkellereien gehört, dass sie wegen der ökonomischen Situation hoch bezahlte Kräfte, wie Kellermeister und Marketing-Personal abgedankt haben.

Finanzkrise: Ich habe in den neunziger Jahren unsere lokalen Preise in Euro / Dollar und GBP (= Britischer Pfund) Preislisten übersetzt und die haben sich in all den Jahren nur gering verändert. Sehr oft wurde der Wechselkurs von der politischen Situation Südafrikas, zum Teil als direkte Folge von einzelnen Reden und Ansprachen beeinflusst und so haben wir abhängend vom Wechselkurs mal eine Zeitlang gewonnen und zu anderen Zeiten wieder verloren.

Zurzeit ist die Lage für uns bzw. die Exporte Südafrikas besonders kritisch. Nicht nur weil die Weltkrise dazu geführt hat, dass unsere Partner und wir weniger Wein verkaufen, sondern vor allem weil der Euro und der Dollar schwächer geworden sind. Das bedeutet, dass sich die Lage für uns nur sehr viel langsamer, in Tandem mit der Wirtschaft Europas verbessern kann. Inzwischen ist unser südafrikanischer Rand stärker als seit Jahren und für jeden bezahlten Export müssen wir Verluste wegen des Wechselkurses abschreiben. Wir können uns aussuchen, ob wir so weitermachen wollen oder ob wir unsere Euro-Preise raufsetzen und dann dadurch unsere Kunden verlieren.

Letztes Jahr ist die Firma bankrott gegangen, die unsere und die Weine von ~ 15 – 20 anderen Weingütern national, also überall in Südafrika verbreitet und verkauft hat. Wir mussten ganz von vorne anfangen, eine andere Distributionsfirma finden, deren neues Verkaufspersonal uns und unsere Weine erst neu kennenlernen musste, bevor sie den Markt wieder aufbauen konnten. Ein Jahr später haben wir die gleiche Situation – wieder Liquidation der 2. Firma, Verlust von Geld, Weinvorrat und Markt. Liefert man den Wein nicht, wird man von den Restaurants entlistet. Liefert man den Wein doch, so wird er einem später nicht bezahlt. Ich bin allerdings nicht sicher wie direkt oder indirekt diese beiden Liquidationen mit der Weltwirtschaftskrise zusammenhingen.

Es ist nur finanziell recht hart für uns, wenn Weltwirtschaftskrise, ein schlechter Wechselkurs und der Konkurs von zwei der größten Kunden alle in einem Jahr zusammen fallen. Wie sagt man so schön – Ein Unglück kommt selten allein und es trifft auch nicht uns allein, sondern noch viele andere Weingüter ebenso, nur unterschiedlich schwer.

2010sdafrika-Redaktion: Die südafrikanische Regierung unter Jacob Zuma hatte in der Vergangenheit für die von der Krise betroffenen Unternehmen eine Art Rettungsschirm in Aussicht gestellt. Daher die Frage: Erhalten von der Insolvenz bedrohte Weinbauer eine Unterstützung seitens der nationalen oder provinziellen Regierung?

Antwort: Ich habe neulich zum ersten Mal davon gehört, dass Präsident Zuma so etwas gesagt haben soll. Da Weinfarmen allgemein für “weiß” und “reich” gehalten werden, kommt so etwas mit Sicherheit nicht für uns in Frage. Alle Förderungen gehen wegen der Anti-Apartheidspolitik, die ehemals benachteiligte Personen jetzt besonders bevorteilt, an schwarze Menschen bzw. Firmen die Schwarzen gehören. (Mit ein Grund, warum so viele Weiße emigrieren.)

Weinbauer bekommen auch keinerlei finanzielle Unterstützung um ihre Produkte auf Exportmärkten billiger anbieten zu können. Familienbetriebe wie wir arbeiten ganz ohne finanzielles Sicherheitsnetz.

2010sdafrika-Redaktion: Welche Herausforderungen müssen Sie, als Geschäftsführerin von Kaapzicht Wine Estate, demnächst meistern?

Antwort: Ich sehe unsere einzige Lösung in der Flucht nach vorne: Wir produzieren auf unserem eigenen Grund und Boden rund 4 mal soviel Wein wie wir zur Zeit abfüllen und in Flaschen verkaufen. Für diesen losen Wein, den wir an andere Weinkeller verkaufen, bekommen wir weniger als Produktionskosten bezahlt, nur mit dem Verkauf des selber abgefüllten Weines können wir Profit machen. Das heißt ein Viertel unserer Produktion (der Verkauf unseres Flaschenweines) trägt eigentlich die gesamte Farm. Ich muss mich also noch viel mehr anstrengen, um unsere Märkte wachsen zu lassen, um mehr Kaapzicht Weine zu verkaufen. Wenn wir 2-3 mal soviele Kisten Wein verkaufen könnten wie im Moment, dann würde es uns auch leichter fallen in die Lebensqualität unserer Farmgemeinschaft zu investieren.

© Weinhügel des Western Cape´s

2010sdafrika-Redaktion: Nach Jahrzehnten des Aufenthaltes in Südafrika, möchte ich Sie gerne fragen, welche persönlichen Träume Sie in Südafrika noch gerne verwirklichen möchten?

Antwort: Meine persönlichen Träume galten schon immer hilsbedürftigen Menschen. Als ehemalige Kinderkrankenschwester hatte ich gerade den Kindern in unterentwickelten Ländern beistehen wollen und fand mich dann mit dieser farbigen Arbeitergemeinschaft hier auf der Farm “verheiratet”. Ich arbeite daran unsere Farmkinder dazu zu kriegen, dass sie in die Schule gehen, dass sie die 12 Schuljahre fertig machen, eine anständige Weiterbildung erhalten und auf diese Weise später in besseren Umständen zu leben, auf ihre Gesundheit achten, kleinere Familien haben und einen höheren Lebensstandard geniessen können – mit anderen Worten, dass sie nicht wie ihre Eltern für uns arbeiten müssen.

Ich habe beobachtet, dass die meisten unserer weiblichen Teenager mit 15 Jahren schwanger werden und die Jungen verlassen die Schule um “zu arbeiten”, in der Stadt irgendwo Geld zu verdienen. Oft haben sie gesagt, ihre Eltern können sich die Schulgelder nicht leisten und deshalb haben wir im Jahre 2002 begonnen alle Schulgelder für alle Kinder unserer Angestellten zu bezahlen. Erst seit dem letztem Jahr ist Grundschulunterricht in Südafrika umsonst, die “high schools” kosten immer noch Geld. So haben von all unseren vielen Farmkindern insgesamt nur 6 Kinder den Schulabschluss nach der 12. Klasse gemacht und das seit 1946, dem Jahr in dem die Steytler Familie die Farm gekauft hat.

Wir haben auch seit 1987 einen Farm-Kindergarten, in dem zur Zeit 12 Kinder unter 6 Jahren von 2 jungen Frauen aus unserer Farmgemeinschaft betreut werden. Erst seit 2 Jahren haben wir einen angrenzenden After-School-Club, in den nachmittags unsere ~ 45 Schulkinder gehen, wo 2 von außen kommende Lehrerinnen ihnen bei den Hausaufgaben helfen, Dinge erklären, mit ihnen basteln und Theater spielen oder ihnen Sport und Spiele und “life skills” beibringen. “Life skills” heisst sie lernen wie man Schwangerschaften und Aids vermeidet, dass man nicht mit Drogen und Alkohol experimentiert, Entrepreneursfähigkeiten erlernt etc.

© Kaapzicht-Kindergarten

Ich kann sehen wie sehr die Jugendlichen diese Aktivitäten genießen und dass sich eine viel bessere Lernmoral verbreitet. Wir haben in diesem Jahr wieder einen Jungen, der seinen Schulabschluss machen möchte, das 7. Kind. Wie schön wäre es, wenn wir ihm auch eine Weiterbildung finanzieren könnten. Es ist immer wieder frustrierend, wie sehr einem die Hände gebunden sind es finanziellen Mitteln mangelt. Ich muss erst Wein verkaufen, bevor ich einen Unterschied im Leben dieser Menschen bewirken kann (z.B. Gehälter für Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen zahlen können).

Es liegt aber nicht nur daran, sondern die Einstellung der älteren Generation hält den Fortschritt sehr zurück. Sie sind selber nicht oder nur kurz in die Schule gegangen. Sie mussten den Haushalt für ihre Großmütter führen, deshalb sollen die Jugendlichen heute auch nichts anderes machen oder etwas Besseres werden. Nach Meinung der Eltern und Großeltern sollen sie buchstäblich lieber die Hausputzarbeit machen, als Hausaufgaben für die Schule.

Wenn ich träume, dann davon, dass alle Menschen auf unserer Farm einsehen wie wichtig “education” ist, dass alle Jugendlichen motiviert die Verantwortung für ihr Leben übernehmen (und wir ihre Ausbildungen bezahlen können) und auf diese Weise Selbstrespekt und Menschenwürde gewinnen. Nur darin liegt die Zukunft Südafrikas.

Website von Kaapzicht Wine Estate:

http://www.kaapzicht.co.za/