Schlagwort-Archive: Afrikanisches Kino

Filmfestival „Afrikamera“ ein voller Erfolg

Kairo, Timbuktu oder Johannesburg: Ein Kontinent zwischen Krisen und Chancen. Ein Veranstaltungsbericht

(Autor: Ghassan Abid)

Rund 2.500 Zuschauer, darunter der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler und seine Gattin, folgten vom 11. bis 16. November dem afrikanischen Kino, welches sich unter dem Namen „Afrikamera“ als feste Institution in der Berliner Kunstszene etablieren konnte. Mit Produktionen vom Norden bis hin zum Süden und vom Westen bis zum Osten Afrikas, stand Afrikamera für ein abwechslungsreiches und informatives Filmprogramm. Längst ist dieses Afrika-Filmfestival eine Veranstaltung für Jedermann und ein Things To Do Event in der Bundeshauptstadt.

Afrikamera

© Das afrikanische Filmfestival „Afrikamera“ lockte in diesem Jahr rund 2.500 Kinobesucher an. Produktionen aus den verschiedensten Winkeln Afrikas sind dem Berliner Publikum präsentiert worden. Das öffentliche Interesse am afrikanischen Kino war sehr groß. Denn das Kino Arsenal als Veranstaltungsort war überfüllt und die einzelnen Vorstellungen komplett ausgebucht [siehe Bild].

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Afrikanisches Kino

Gangsterfilm „Viva Riva“ schockt und fasziniert zugleich: „Geld ist wie Gift. Es bringt dich um.“

(Autoren: Doreen S., Ghassan Abid)

Seit März 2012 ist „Viva Riva“ nun auch in deutschen Kinos zu sehen. Ein Gangsterfilm aus einer multinationalen Produktion von 2010, an welchem auch Südafrikaner beteiligt sind. Er behandelt in narrativ-provokativer Weise und teilweise mit Klischees unterlegten Szenen die Geschichte von Riva (gespielt von Patsha Bay Mukuna), der den angolanischen Gangsterboss Cesar (Hoji Fortuna) um eine wertvolle Lkw-Ladung Benzin beraubt hat. In Kinshasa, der Hauptstadt der DR Kongo, begibt sich Riva auf die Suche nach einer gewinnbringenden Absatzmöglichkeit für das Benzin und entdeckt gleichzeitig im Nachtleben dieser Metropole seine große Liebe in Form der rothaarigen Nora (Manie Malone). Sie ist die unglückliche Frau eines Gangsters, die allein des Geldes wegen bei ihm geblieben ist. Riva packt die Schönheit Noras und beide erkennen, dass nichts so bleiben wird wie bisher und beide in große Gefahr sind.

© Die Rolle "Nora" im Film Viva Riva wird durch die in Frankreich lebende Newcomerin Manie Malone gespielt.

© Die Rolle „Nora“ im Film Viva Riva wird durch die in Frankreich lebende Newcomerin Manie Malone gespielt.

Macht, Geld und Sex werden in Viva Riva bewusst ins Zentrum des Spielfilms gerückt. An intensiven Sex- und Gewaltszenen mangelt es nicht. Drehbuchautor und Regisseur Djo Tunda wa Munga spricht mit soziokritischer Absicht die bestehenden Verhältnisse Kinshasa´s und wohl damit auch die anderer Städte Afrikas an. Willkür durch Staatsbedienstete, Bürgerkrieg, Diskriminierung von Homosexuellen, Gewalt, zerrüttete Familienstrukturen, Armut, Geldgier, Fremdenhass und der schnelle Sex werden in rascher Abfolge thematisiert und ermöglichen den Zuschauern einen Einblick in eine Welt, die für Europäer äußerst fremd erscheint. Untermalt wird der Film mit lebendiger kongolesischer Musik, vor allem die der skurrilen Band CongopunQ und unter gleichzeitiger Verwendung beeindruckender Bilder zwischen Perspektivlosigkeit und Hoffnung.

Trailer zu Viva Riva

Viva Riva ist ein hochwertig produzierter Film, der die bisherigen afrikanischen Filme größtenteils in den Hintergrund rücken wird. TAZ-Redakteur Lukas Förster bezeichnet den Film als „dynamischen Thriller„.  Seine Weltpremiere feierte Viva Riva 2010 auf dem Filmfestival in Toronto. Auch auf der Berlinale wurde dieser vorgeführt. In den südafrikanischen Kinos fiel der Film auf viel Zustimmung durch Presse und Publikum; teilweise ist dieser auf gleicher Höhe mit südafrikanischen Topfilmen wie District 9 gestellt worden. Im Juni 2010 gewann Viva Riva den MTV Award in der Kategorie bester afrikanischer Film. Ein absolut sehenswerter Spielfilm!

2010sdafrika-Artikel zur Südafrika-Doku „Gangster Project“:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2011/10/03/bonteheuwel-toten-oder-getotet-werden/

Filmregisseur Teboho Edkins im Interview

Deutsch-südafrikanischer Filmregisseur über das Ich und die Welt

(Autor: Ghassan Abid)

Teboho Edkins, 1980 in den USA geboren und in Lesotho, Deutschland, Südafrika sowie Frankreich aufgewachsen, ist Filmemacher und tritt somit in die Fußstapfen seines renommierten Vaters Don Edkins, einem der bekanntesten Filmproduzenten Südafrikas.

In Kapstadt studierte er Kunst und rundete dieses Studium mit Ausbildungen in Frankreich und Deutschland ab. Teboho Edkins zeichnet sich insbesondere durch sozialkritische Dokumentationen aus, für welche er mehrfach Auszeichnungen gewinnen konnte. Auch nahm er bereits an mehreren Filmfestivals teil, etwa beim FID Marseille, Festival panafricain du cinéma et de la télévision de Ouagadougou (FESPACO), International Filmfestival Innsbruck, Vision du Reel Nyon, Tampere Short Film Festival oder an der Berlinale.  Teboho Edkins erläuterte dem Südafrika-Portal seine beruflichen Visionen und dessen Südafrika-Dokumentationen.

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2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ den in Berlin lebenden Filmemacher Teboho Edkins. Sie konzentrieren sich in Ihrer Arbeit auf Dokumentationen mit sozialkritischer Ausrichtung, welche südafrikanische Themen aufgreifen. In Ihren Dokus „Ask me I´m positive“, „True Love“ oder „Looking Good“ konzentrieren Sie Ihre Produktionen auf HIV. Was veranlasst Sie diese Pandemie zu thematisieren?

Antwort: Die HIV-Pandemie in Lesotho war zum Zeitpunkt meines ersten produzierten Filmes „ Ask me I’m positive“ ein Monster, welches einfach nicht ignoriert werden konnte. Diese war weit verbreitet und zugleich unsichtbar – einfach nicht nachzuvollziehen. Gerade das Abbild von Lesotho von 2004 verdeutlicht, dass ungefähr 30 % der Bevölkerung mit HIV infiziert ist, aber der Zustand von nur einer handvoll von Menschen öffentlich wurde und drei von denen Protagonisten im Film waren. Dort herrschte (und es ist immer noch enorm) solche Verwirrung und Voreingenommenheit über die Erkrankung, sodass ich fühlte, dass es das einzige Thema war, worüber ich einen Film machen konnte.

Was die Entstehung des Filmes ermöglicht hat war der Umstand, dass es ein Stück einer wirklich hochinteressanten aus 35 Titeln bestehenden revolutionären Filmreihe zu HIV war – „STEPS for the future“ – welche im Jahr 2000 von Filmemachern aus dem südlichen Afrika herausgebracht worden ist.

In meinem anderen Film „True Love“, gehe ich nicht wirklich auf die HIV-Pandemie ein, aber auf eine Person in Lesotho mit dem HI-Virus, sodass es nicht um dessen HIV-positiv Dasein geht, sondern eher um einen Menschen der HIV-positiv durch Liebes- und Sex-Erfahrungen erlebt. (Der Status quo ist dessen HIV-Positivität. Ich versuche aufzuzeigen, wie jemand jenseits des Virus ein normales Leben führt – und ich denke dieses ist wirklich wichtig zu verstehen; insbesondere im Kontext zum Südlichen Afrika, wo viele Menschen infiziert sind).

2010sdafrika-Redaktion: In „Gangster Project 1“, greifen Sie ein neues Thema im Hinblick auf die Kriminalität in Südafrika auf. Wechseln Sie Ihren Fokus auf andere soziale Herausforderungen?

Antwort: Naja, ich bin wirklich kein politischer Analyst oder Aktivist, sodass ich Filme zu Themen mache, die ich relevant und interessant finde sowie filmisch erforschen möchte. Nach den HIV-Filmen beispielsweise, machte ich das „Gangster Project 1“, eine Art Dekonstruktion eines Gangster Rap-Videos mit realen Gangstern und im Anschluss „Kinshasa 2.0“, einen Kurzfilm über Demokratie und übers Internet genutzte Second Life, einer virtuellen Welt …

2010sdafrika-Redaktion: Ihr neuer Film behandelt auch auch die Kriminalität in Südafrika. Was ist der genaue Titel Ihrer neuesten Produktion, wann wird diese in Deutschland zu sehen sein und worum geht es?

Antwort: Der Titel meines letzten Filmes lautet „Gangster Project“ (es ist sozusagen eine Fortsetzung von „Gangster Project 1“). Kurz gesagt ist es ein Langspielfilm und Halbdoku-Gangsterfilm, gedreht in Kapstadt/ Südafrika. Die Story geht auf einen jungen weißen Menschen ein, der einen perfekten Gangsterfilm drehen möchte, jedoch nicht wirklich etwas über Gangsters weiß. Er trifft zahlreiche Ganoven, besetzt letztendlich diejenigen für seinen Film die er für die perfekten Gangsters hält, hängt mit Ihnen rum. Er findet ihr Leben ziemlich schnell wenig reizvoll und langweilig, ihre begangene Gewalt für belanglos und dreckig, sodass er selbst anfängt Handlungen der Gewalt anzuzetteln (alles im Geiste der Entstehung seines Gangsterfilmes). Paradoxerweise entwickelt er sich enger an sie und versteht diese als Menschen mit realen Ängsten; verängstigt um ihre Häuser zu verlassen …

© Teboho Edkins (dritter von links) mit Darstellern seines Films „Gangster Project“

Wir sind noch in der Postproduktionsphase des Films, sodass dieser erst sachgerecht fertiggestellt werden muss, wenn dieser das Color Grading, die Vertonung etc. durchläuft – zum Ende November. Wir werden diesen dann in Filmfestival-Kreisen herausbringen, inklusive der Festivals in Deutschland und vielleicht könnte dann eine Rundfunkanstalt diesen kaufen oder dieser wird in einem kleinen Kino hier und dort kurzzeitig vorgeführt … aber noch ist es zu früh, um hierbei etwas sagen zu können.

2010sdafrika-Redaktion: Wie würden Sie die aktuelle Kriminalitätslage in Südafrika beschreiben?

Antwort: Ich bin kein Experte auf dem Gebiet der Kriminalität in Südafrika, aber sämtliche Statistiken bekräftigen, dass es einer der gewaltigsten Länder weltweit ist, eine der höchsten Mord- und Vergewaltigungsraten aufweist etc.

Ich verstehe die Kriminalität als äußerst ungleiches Phänomen (Südafrika ist ja als Land der Gegensätze bekannt, oder?). Wenn man arm ist und in einem Township lebt, wird man eher getötet und vergewaltigt, sodass die Kriminalität als geopolitisch aufgefasst werden kann – innerhalb des Kontextes der politischen Apartheid in Südafrika. Das ist der Grund, warum in meinem Film der weiße Junge seine relative sichere Umgebung verlässt und dorthin geht, wo Gewalt herrscht und die Umgebung durch diese verzehrt ist …

2010sdafrika-Redaktion: Welche Erfahrungen konnten Sie bereits mit deutschen Partnern in punkto Verbreitung/Verleih sammeln? Ihre Dokumentationen thematisieren explizit südafrikanische Probleme, sodass sich die Frage stellt, ob Ihre Werke ein positives Feedback seitens der deutschen Kinos, Rundfunkanstalten und Zuschauer erhalten?

Antwort: Das ist eine interessante Frage. Ich studierte an einer Postgraduierten-Institution in Frankreich und an einer Filmschule in Berlin. Gerade als ich Filme im südlichen Afrika gemacht habe, tat ich es oft mittels europäischer Institutionen und Förderungen. Und ich würde denken wenn der Film ein guter Film ist, dann ist die Wahl des Standortes nicht so wichtig wie die Filmentstehung und dessen Produktionsprozess, welche jenseits des Standortes diesen interessant machen.

Genau genommen haben meine Filme den meisten Erfolg und beste Verbreitung bei europäischen Filmfestivals – wie das Oberhausen Short film festival, Visions Du Reel, Leipzig, Berlinale, Marseille etc. – als auch bei europäischen Fernsehsendern wie ARTE, YLE, TV2.

2010sdafrika-Redaktion: Können Sie sich vorstellen, eines Tages Filme des Genres Entertainment/ Science-Fiction zu drehen, so wie Ihr südafrikanischer Kollege Neill Blomkamp mit seinem Film „District 9“? Diese Filme sind in punkto Umsatz sehr erfolgreich, aber sie verlieren in vielen Fällen die Botschaft gegenüber dem Publikum. Stimmen Sie dieser Meinung zu?

Antwort: Es ist oft der Fall, dass je größer das Budget eines Filmes ist, desto stärker ist dieser unter dem Einfluss des Produzenten oder des Studios – jedoch immer weniger unter der Kontrolle des Regisseurs. Und ich denke nicht, dass ich jemals einen Film machen möchte, worüber ich keine Regelung habe; gerade (oder besonders) wenn es sich um eine Slasher-/ Zombie-Filmkulisse im Naturreservoir handelt.

2010sdafrika-Redaktion: Was sind Ihre nächsten kinematografischen Ideen und werden Sie einen Film mit Ihrem Vater Don Edkins drehen, einem der bekanntesten Filmproduzenten Südafrikas?

Antwort: Genau genommen arbeite ich zurzeit an meiner nächsten Idee (teilweise, weil ich in Südafrika war, als ich diesen schrieb), jedoch möchte ich hierzu für diesen Moment lieber wenig sagen, weil es noch unausgereift ist. Und ja, das Arbeiten mit meinem Vater Don Edkins, welcher meine ersten beiden Dokumentationen produzierte, war sehr bereichernd für mich (auch wenn es meine Mutter ein wenig irritierte, dass wir nur darüber sprechen wollten und somit den Stress zum Esstisch transportierten). Ich würde es lieben, verstärkt mit ihm beim Filmdreh zusammenzuarbeiten.

2010sdafrika-Redaktion: Teboho Edkins, vielen Dank für das Interview!