Schlagwort-Archive: Amerika

Berlin-Johannesburg-Kooperation

Im Interview mit Michael Müller, Senator für Stadtentwicklung und Umwelt des Landes Berlin

(Autor: Ghassan Abid)

© Michael Müller, Senator für Stadtentwicklung und Umwelt des Landes Berlin, hielt sich vor Kurzem in Johannesburg auf. Er nahm an der Metropolen-Konferenz teil und traf unter anderem auf den Johannesburger Bürgermeister Mpho Parks Tau. Im Interview mit "SÜDAFRIKA - Land der Kontraste" erläutert der SPD-Politiker den Ausgang seiner Arbeitsreise. (Quelle: SenStadtUm.Berlin)

© Michael Müller, Senator für Stadtentwicklung und Umwelt des Landes Berlin, hielt sich vor Kurzem in Johannesburg auf. Er nahm an der Metropolen-Konferenz teil und traf unter anderem auf den Johannesburger Bürgermeister Mpho Parks Tau. Im Interview mit „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ erläutert der SPD-Politiker den Ausgang seiner Arbeitsreise. (Quelle: SenStadtUm.Berlin)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ den Senator für Stadtentwicklung und Umwelt, Herrn Michael Müller. Vor Kurzem hielten Sie sich anlässlich der Metropolen-Konferenz unter dem Motto „Caring City“ zum ersten Mal in Südafrika auf. Wie erlebten Sie den Johannesburger Ballungsraum?

Antwort: Johannesburg ist eine lebendige Metropole. Die Stadt und der riesige Ballungsraum können mit einer starken wirtschaftlichen Entwicklung aufwarten und mit einer gut entwickelten Infrastruktur. Aber natürlich sieht man auch die sozialen Probleme, die eine Großstadt wie diese hat. Es waren spannende Tage hier, die aus stadtentwicklungspolitischer Sicht, aber auch für mich ganz persönlich sehr interessant waren.

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AFRICOM und sein Südafrika-Beziehungsnetz

Wie das US-Regionalkommando in Stuttgart schwerpunktmäßig auf Pretoria ausgerichtet ist

(Autor: Ghassan Abid)

Die Amerikaner sind als führende Machtnation stets bemüht, ihre nationalen Interessen weltweit durchzusetzen. Dass der afrikanische Kontinent in den nächsten Jahren weiter an Bedeutung für die US-Regierung zunehmend wird, würde kein Analyst mehr bestreiten: Erdölversorgung, Terrorismusbekämpfung und Handelsbeziehungen. Das Engagement der USA in Afrika werde ausgeweitet, so mehrere Kommentatoren. Die Konkurrenz zu China um die Gunst des aufstrebenden Kontinents verschärfe den Druck auf Washington.

© Die USA pflegen seit 2009 enge militärische Beziehungen mit Südafrika. Das Regionalkommando für Afrika, AFRICOM mit Hauptsitz in Stuttgart, nimmt in diesem Kontext eine Schlüsselrolle ein. Es koordiniert seit Jahren eine fortwährende Vertiefung der bilateralen Beziehungen zwischen Washington und Pretoria. Im März 2010 reiste der damalige Befehlshaber der US-Streitkräfte für Afrika, William B. Garrett III, nach Südafrika [im Bild zu sehen]. (Quelle: flickr/ US Army Africa)

© Die USA pflegen seit 2009 enge militärische Beziehungen mit Südafrika. Das Regionalkommando für Afrika, AFRICOM mit Hauptsitz in Stuttgart, nimmt in diesem Kontext eine Schlüsselrolle ein. Es koordiniert seit Jahren eine fortwährende Vertiefung der bilateralen Beziehungen zwischen Washington und Pretoria. Im März 2010 reiste der damalige Befehlshaber der US-Streitkräfte für Afrika, William B. Garrett III, nach Südafrika [im Bild zu sehen]. (Quelle: flickr/ US Army Africa)

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Kap-Kolumne: Weltkapitale des Vogelstrauß

Am Krankenbett: Seuche und Kommerz bedrohen die Existenz des südafrikanischen Lifestyle-Tieres

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger Westberliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Der Vogelstrauß dürfte eines der außergewöhnlichsten Exemplare der Tierwelt sein. Er ist ein Vogel, der nicht fliegen kann, aber eine Geschwindigkeit von bis zu 70 km/h zu Lande hinlegt. Der größte lebende Vogel unseres Planeten hat schöne große runde Augen und einen Fußtritt, der einen Löwen töten kann. Bei über hundert Kilogramm Lebendgewicht und bis zu 2,4 Meter Größe kein Wunder. Und weil sie ein Vogel ist, legt Frau Strauß natürlich Eier. Deren dicke Schale ist für die daraus schlüpfenden Küken der erste beinharte Überlebenstest ihres Vogeldaseins. Diese Geburtsarbeit spricht nicht nur für die Stärke des Straußenschnabels, sondern zeigt auch den zähen Lebenswillen dieses Federviehs.

© Der Strauß in Südafrika ist längst zu einem beliebten Lifyestyle-Produkt geworden: Schuhe, Jacken, Koffer oder die Ostrich-Mahlzeit - alle basieren auf Substanzen des größten lebenden Vogels der Erde. Doch seine Existenz ist bedroht. (Quelle: flickr/ amorimur)

© Der Strauß in Südafrika ist längst zu einem beliebten Lifyestyle-Produkt geworden: Schuhe, Jacken, Koffer oder die Ostrich-Mahlzeit – alle basieren auf Substanzen des größten lebenden Vogels der Erde. Doch seine Existenz ist bedroht. (Quelle: flickr/ amorimur)

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Kap-Kolumne: Auf den Hund gekommen

„Who let the dogs out?“

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger Westberliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

© Wie (un-)afrikanisch ist der Hund als Haustier? Kolumnist Detlev Reichel geht dieser Sommerloch-Schicksalsfrage nach. (Quelle: flickr/ animalrescueblog)

© Wie (un-)afrikanisch ist der Hund als Haustier? Kolumnist Detlev Reichel geht dieser Sommerloch-Schicksalsfrage nach. (Quelle: flickr/ animalrescueblog)

Über Langeweile können sich die Medien hierzulande nicht beklagen. Kaum war das politische Südafrika nach dem ANC-Wahlkongress in Mangaung dem Rest des Landes in den Sommerurlaub gefolgt, bellt es laut aus allen Blättern. Berufene Vor- und Nachdenker aller Couleur stellen die steil aufsteigende Schicksalsfrage: Wie (un-)afrikanisch ist der Hund als Haustier? Die Vorlage lieferte Staatspräsident Jacob Zuma höchstpersönlich (siehe auch die Ubuntu-Kolumne zum Thema) und half, das Sommerloch zu stopfen. City Press vom Sonntag (30.12.2012) titelte sinnig: „Zuma dogmatics in Nkandla“.

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“Ihr seid ja wohl verrückt.”

Eine deutsche Bloggerin über ihre mutige Hilfsaktion in Alexandra – ein Gastbeitrag aus Joburg.

(Autorin: Sine Thieme)

© Sine Thieme lebt seit 2010 mit ihrem Mann und vier Kindern in Johannesburg. Ihr Blog, Joburg Expat (www.joburgexpat.com) beschreibt ihre dortigen Abenteuer aber vor allem den südafrikanischen Alltag in all seinen schönen und manchmal auch lästigen Variationen.

© Sine Thieme lebt seit 2010 mit ihrem Mann und vier Kindern in Johannesburg. Ihr Blog, Joburg Expat (www.joburgexpat.com) beschreibt ihre dortigen Abenteuer, aber vor allem den südafrikanischen Alltag in all seinen schönen und manchmal auch lästigen Variationen.

Das war die häufigste Antwort, die uns Freunde und Familienangehörige gaben, als wir Ende 2009 unseren baldigen Umzug nach Johannesburg ankündigten. Überfallen werde man uns und ausrauben, aber das nur im besten Fall, denn ganz sicher würden wir im eigenen Bett umgebracht werden. Denn wer zieht schon in die „Hauptstadt des Verbrechens?

Trotz aller Warnungen, aber zugegebenermaßen doch ein wenig besorgt, kamen wir Anfang 2010 am OR Tambo International Airport an, unsere vier Kinder im Schlepptau. Als wir auf dem „Motorway“ unserem neuen Haus entgegenfuhren, zeigte der Fahrer auf ein vorbeihuschendes Ausfahrtsschild. „Dort ist Alexandra. Dort dürft ihr NIE alleine hingehen.“ Ich legte dies mental bei all den anderen Informationen zum Thema “Vorsicht in Johannesburg” ab. Wenn jemand davor warnt, der in Soweto lebt – ein weiterer Ort, den man als Weisser auch eher mit Gefahr assoziiert – dann sollte man Alexandra wohl tatsächlich um jeden Preis vermeiden.

Ungefähr neun Monate später befinde ich mich am Steuer meines – nach vielem bürokratischem Hin- und Her – neu erworbenen Autos auf dem Weg nach Alexandra. Neben mir sitzt Lucky, den ich gerade vor einer Stunde persönlich kennengelernt habe, und weist mir den Weg. Ich versuche nicht daran zu denken, was mich dort erwartet. Dass Johannesburg keine verrückte Entscheidung war, weiss ich inzwischen, doch bei Alexandra bin ich mir nicht so sicher. Aber alle meine Zweifel fallen bald beiseite, weil ich vollauf damit beschäftig bin, mich auf die Straße zu konzentrieren und nicht irgendwen oder –was anzufahren. Alexandra ist rund um die Uhr voller Leben. Tausende von Menschen drängen sich auf den Straßen und Gassen, um ihren verschiedenen Geschäften nachzugehen. Ziegen wandern besitzerlos umher. Kinder starren mich durch das Autofenster an, wahrscheinlich das einzige weisse Gesicht, dass sie den ganzen Tag zu sehen bekommen werden. Die Straßen werden zunehmend enger, je weiter wir vordringen, und sind mit Schlaglöchern übersät. Nach mehreren Kreuzungen habe ich schnell gelernt, dass nur drankommt wer mutig mittenhinein fährt.

© Alexandra als Ort, wo Weiße in der Regel nicht anzutreffen sind.

© Alexandra als Ort, wo Weiße in der Regel nicht anzutreffen sind.

Während wir von einer Seitenstraße zur nächsten kriechen, bemühe ich mich, nicht zu sehr von dem Schaubild um mich herum abgelenkt zu werden. Denn sowas bekomme ich in meinem wohlgeordneten und eher langweiligen Dasein im Security Estate nie zu sehen: Der Typ, der mitten auf dem Gehweg seine uralte Nähmaschine bedient. Die Kinder, die einen alten Fussball die Straße hinunterkicken. Die Frau mit der unförmigen Tasche, die sie mit stocksteifem Rücken auf dem Kopf balanciert. Die klapprige Bude, wo alles von Kleidern bis zu SIM-Karten verkauft wird (und etwas, was wie Ziegenköpfe aussieht, aber so genau schaue ich nicht hin). Ja, die typischen Anzeichen der Armut sind überall zu sehen, die halb-fertiggebauten Häuser, die verfallenen Mauern, die aus Blech und Pappe zusammengestückelten und mit Steinen beschwerten Dächer, die barfüssigen Kinder, die Abwesenheit von jeglichem Grünzeug weil jeder neue Spross zerquetscht wird von tausenden Füßen und Minibustaxis, die sich um den Verkehr herum neue Wege bahnen. Aber der übergreifende Eindruck all derjeniger, die zum ersten Mal nach Alex kommen – so wird es liebevoll von den Einheimischen genannt – ist der einer pulsierenden Gemeinschaft voller Lebensfreude und Energie.

© Fläche zum Spielen von Baseball in Alexandra.

© Fläche zum Spielen von Baseball in Alexandra.

Seitdem habe ich Alexandra noch oft besucht, und es ist jedesmal ein neues Abenteuer. Der Grund warum ich allen Warnungen zum Trotz immer wieder zurückkehre, und deswegen oft ungläubiges Kopfschütteln meiner südafrikanischen Freunde aus dem wohlhabenden Vorort ernte, ist simpel: Es gibt Leute in Alexandra, die meine Hilfe brauchen, und ich bin diejenige mit dem Auto. Ich hatte mich damals mit Lucky getroffen um zu besprechen, wie ich am besten gebrauchtes Baseballzubehör aus Amerika besorgen könnte, um die von ihm gegründete Township-Mannschaft zu unterstützen. Bei meinem ersten Besuch zeigte er mir das Feld, auf dem die Spieler trainieren, wo es hinten und vorne an dem Zubehör fehlte, was man von amerikanischen Gemeindefeldern gewohnt ist. Ich startete eine Hilfskampagne über meinen Blog, und einige Monate später, als die Schläger, Helme und Handschuhe nach und nach eintrafen, drehte ich viele Runden, um alles auszuliefern. Wie sonst hätte es nach Alexandra gelangen sollen, wenn nicht mit meinem Auto? Lucky ist seitdem verschwunden, wie es nicht selten in dieser Kultur vorkommt, die doch oftmals sehr befremdlich scheint, aber ich arbeite seither eng mit den anderen Trainern und Managern – ein etwas großspuriges Wort – zusammen, damit möglichst viele unterprivilegierte Kinder durchs Baseballspiel den vielen Problemen des Townshiplebens zumindest zeitweise entgehen können.

© Die Bewohner von Alexandra entdecken das Baseball und somit ein Stück Zusammengehörigkeitsgefühl.

© Die Bewohner von Alexandra entdecken das Baseball und somit ein Stück Zusammengehörigkeitsgefühl.

Ich bin froh, Alexandra und einige seiner Bewohner kennengelernt und damit mein Leben auf so viele Arten bereichert zu haben.

Mehr Details über Alexandra Baseball können hier nachgelesen werden: Mzansi Africa Baseball Originals.

Priester Stefan Hippler im Interview

Im Kampf gegen HIV/ AIDS und für die Rettung eines jeden einzelnen Menschenlebens

(Autor: Ghassan Abid)

© Stefan Hippler, Priester der Erzdiözese Kapstadt und Vorsitzender von HOPE Cape Town Trust

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ den in Kapstadt lebenden Priester Stefan Hippler. Herr Hippler, wenn man Ihren Namen hört, dann denkt man sofort an Ihr Engagement zur Bekämpfung von HIV/AIDS. Wann und in welcher Situation verspürten Sie das Bedürfnis, diesem irdischen Elend entgegenzutreten?

Antwort: Als ich in Südafrika ankam, war mir das Elend im HIV/AIDS-Bereich gar nicht so deutlich. Erst als ich im Jahre 1999 im Rahmen eines Telemedizin-Projektes meines Rotary Clubs Signal Hill zum ersten Mal das Tygerberg Kinderkrankenhaus betrat, wurde mir das Ausmaß klar. Und von da an gab es eigentlich kein zurück, obwohl mir von Anfang an klar war, das dieses Thema nicht unbedingt das „beste“ sein konnte für einen katholischen Geistlichen.

2010sdafrika-Redaktion: Soweit wir informiert sind, gehören Sie dem katholischen Glauben an. Wie bewerten Sie das strikte Kondom-Verbot des Vatikans. Zwar lockerte Papst Benedikt XVI. Ende 2010 dieses, doch stellt sich die Frage, ob nicht die katholische Kirche eine Mitschuld an der HIV/ AIDS-Situation in Südafrika trägt?

Antwort: Auch wenn es nach außen nach einem strikten Kondomverbot aussieht: In Fragen HIV und AIDS, also in Fragen des Schutzes vor einer Ansteckung gibt es keine offizille Lehrmeinung der Kirche. Das Kondomverbot wird einfach – sehr oft auch innerkirchlich aber auch populistisch abgeleitet von dem Verbot der künstlichen Verhütung, die Papst Paul VI in der Enzyklika „Humanae Vitae“ gegen den Rat seiner Experten ausgesprochen hat. Das Thema damals war die Weitergabe des Lebens – heute ist es die Frage des Lebensschutzes. Die ist noch nicht beantwortet, auch wenn Benedikt XVI in dem bekannten Interviewbuch vom Anfang der Moralität spricht, wenn ein homosexueller Escort einen Kondom benutzt.
Was die Mitschuld angeht, da bin ich immer sehr vorsichtig – ich denke, die katholische Kirche als eine der größten Glaubensgemeinschaften der Welt sollte zeitnah Antworten geben, die den Menschen helfen und das Leben schützen.

2010sdafrika-Redaktion: Über 5,7 Mio. Menschen der 50,49 Mio. umfassenden Bevölkerung Südafrikas sind, so der Stand vom Dezember 2010, mit dem HI-Virus infiziert; in absoluten Zahlen somit mehr als in jedem anderen Staat der gesamten Welt. 310.000 Südafrikaner starben nach offiziellen Angaben allein 2009 an dieser Immunschwächekrankheit.
Wo schöpfen Sie Ihre Kraft für diese Mammutaufgabe? Verspürten Sie nie ein Gefühl der absoluten Ohnmacht und falls ja, wie gingen Sie vor, um dem zu entkommen?

Antwort: Da gibt es manchmal schon das Gefühl von Ohnmacht, wenn man das pure Zahlenmaterial sieht – aber sobald ich diesen Zahlen ein Gesicht geben kann – sobald ich die Mutter sehe, die dank der Behandlung ihre Kinder aufwachsen sieht, wenn ich sehe, wie Kinder groß werden und studieren – trotz der Infektion – dann gibt das mir die Kraft, weiterzumachen. Ich weiß, alles, was ich tun kann, ist nur den ein oder anderen Tropfen zu ändern im Ozean des AIDS-Dramas – aber jeder Tropfen, jede Zahl, jede Statistik hat ein Gesicht, ist ein Mensch. „Rette einen Menschen und du rettest die ganze Welt“ , dieser jüdische Spruch ist Hilfe und Zuspruch zugleich.

2010sdafrika-Redaktion: Laut Angaben der britischen NGO „Avert“ leben zurzeit 1,9 Mio. Waisenkinder in Südafrika, bei denen ein oder beide Elternteile durch HIV verstorben sind. 70 Prozent dieser Waisen wachsen demnach ohne ihre Mutter auf. Wie bewerten Sie die diesbezüglichen Gegenmaßnahmen der südafrikanischen Regierung?

Antwort: Die südafrikansiche Regierung kommt erst langsam in Bewegung, was dieses Problem angeht. Das Kinderschutzalter wurde in bestimmten Bereichen gesenkt, um den Realitäten angemessen zu sein. Ich denke, da gibt es noch viel zu tun, aber da wir es hier oft mit Großfamilien zu tun haben ,mit vielen Vätern und Müttern – sprich Onkel und Tanten, die sich die Erziehung teilen, bin ich optimistisch, dass das Problem der Waisenkinder in den Griff zu bekommen ist. Aber es belastet natürlich eine Familie mit geringen Einkommen, wenn die Kinder der Schwester oder des Bruders noch mit am Tisch sitzen. Da müsste noch mehr getan werden.

2010sdafrika-Redaktion: Im Mai 2009 beendete die Deutsche Bischofskonferenz den Vertrag mit Ihnen als Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Kapstadt. Sie sollen mit umstrittenen AIDS-Aussagen für Aufsehen gesorgt haben. Um welche Aussagen handelt es sich und wie reagieren Sie mittlerweile auf die Entscheidung Ihres alten Dienstherren?

Antwort: Nicht jeder in der Kirche mag es, wenn man Wahrheiten ausspricht – und das Kleine Stückchen Gummi scheint für so manche Würdenträger ein Stein des Anstoßes zu sein. Ich habe immer das gesagt, was ich in der erlebten Situation als verantwortlich gesehen habe. Das mag in bestimmten Kreisen für Aufsehen gesorgt – die Welt sieht von einem Schreibtisch oder einem Bischofssitz natürlich anders aus, als wenn man in den Townships direkt mit den Menschen arbeitet. Die Entscheidung, meinen Vertrag nicht zu verlängern, habe ich damals wie heute als „vorauseilenden Gehorsam“ gesehen – aber Gott schreibt Gott-sei-Dank auch auf den krummen Wegen gerade Linien – und ich trage es meinem alten Dienstherrn nicht nach. Angst ist halt ein schlechter Berater – und zu Kadavergehorsam bin ich einfach nicht geboren. Aber wir haben heute wieder ein gutes Verhältnis – der Augenblick zählt und ist gestaltbar  ist – sowieso nur die Zukunft – und aus dem Vergangen haben hoffentlich alle gelernt.

2010sdafrika-Redaktion: Sie betreiben das gemeinnützige Projekt „HOPE Cape Town“. Was sind die Ziele Ihrer Organisation und welche weitere Unterstützung könnten Sie noch brauchen?

© Stefan Hippler auf einer Graduierungsfeier von Sangomas

© Partnerschaft mit dem Freistaat Bayern

Antwort: HOPE Cape Town ist ein gemeinnütziger Verein und eine Stiftung. Wir arbeiten in den verschiedensten Bereichen: Vorbeugung, Aufklärung, Behandlung, Arbeit mit Sangomas, wir unterstützen mit unseren 24 HOPE Community Health Workers Township-Kliniken und Grass Root-Projekte, sind aber auch wissenschaftlich tätig im Bereich Pharmacology (Muti und ART Therapy), arbeiten mit Unis zusammen: Hochschule Niederrhein in Fragen Ernährung und HIV, TU München in Sport und HIV, Universität Stellenbosch in den Themen Community Outreach und Training. Wir sind Teil der Partnerschaftsarbeit zwischen Bayern und dem Westkap.

Momentan schauen wir uns den Bereich des E-learnings an, zusammen mit dem missionsärztlichen Institut in Würzburg – mit der Katholischen Stiftungsfachhochschule München und der Hochschule Neu-Ulm sind wir im Gespräch. D.h. vom Gemüsegarten bis zur akademischen Forschung finden sie alle Bereiche vertreten. Am besten ist ein Blick auf unsere Webseite www.hopecapetown.com – wir haben 28 MitarbeiterInnen und sehen ca. 300.000 Patienten im Jahr.

Wir versuchen, HIV und AIDS holistisch anzugehen – und zwar hier im Westkap – immer auch in Verbindung mit der Regierung des Bundeslandes. Und wir versuchen, unsere Arbeit und die Situation der Menschen vor Ort denen deutlich zu machen, die in Europa oder Amerika wohnen. Wir sind da wie eine Brücke, wo Welten sich begegenen können. Auf Youtube hat HOPE Cape Town Trust auch einen eigenen Kanal, wo man sich unsere Arbeit bildlich ansehen kann, auf Facebook eine „cause“ Support Seite. Social Media werden ja immer wichtiger.

Unterstützung können wir immer gebrauchen – wir sind rein privat und durch Spenden / Sponsorship von Einzelpersonen und Firmen finanziert. Zurzeit bauen wir die Stiftung HOPE Cape Town Trust auf – so das wir unsere Zukunft auch finanziell sichern können. Zustiftungen, die sowohl in Deutschland als auch in Südafrika steuerabzugsfähig sind, sind da immer willkommen – eine Investition für die Ewigkeit sozusagen.

2010sdafrika-Redaktion: Welcher Moment in Südafrika war der einprägsamste überhaupt?

Antwort: 2004 hatte ich die Gelegenheit, Nelson Mandela zu begegnen und kurz mit ihm zu reden – das war sehr einprägsam. Aber auch die Begegnungen mit Bischof Tutu und der Besuch der Bundeskanzlerin Angela Merkel waren Highlights. Für mich persönlich aber war und ist die Begegnung mit einem Jungen, ich nenne ihn in meinem Buch, das ich zusammen mit Bartholomäus Grill geschrieben habe, Farid, dessen Geburtstag wir – außerhalb der Reihe, nur um ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen – Tage bevor er starb – im Krankenhaus feierten, das einprägsamste Erlebnis gewesen. Dieses Gesicht, diese Augen, diese glücklichen Momente für ihn bevor er starb, werde ich nie vergessen.

© Bundeskanzlerin Angela Merkel und Stefan Hippler in Kapstadt

© Bei Nelson Mandela - ein unbeschreiblicher Moment!

2010sdafrika-Redaktion: Haben Sie noch Träume, die Sie verwirklichen wollen?

Antwort: Ja, die habe ich wie jeder Mensch. Ein „Centre of Healing“ für Priester und Ordensleute, die in Krisensituationen stecken – hier in Südafrika, oder in Afrika. Ein Ort, wo unter anderem auch Priester und Ordensleute, die HIV-positiv sind, ihr Stigma in einen Segen für andere umwandeln können. Wir haben im Februar das erste Treffen mit dem Erzbischof von Kapstadt bezüglich eines solchen Ortes – das würde ich gerne noch auf dem Weg sehen.

2010sdafrika-Redaktion: Stefan Hippler, Priester der Erzdiözese Kapstadt, alles Gute für Ihr weiteres Engagement und möge Sie Gott auf Ihrem Lebensweg weiter begleiten.

Antwort: Herzlichen Dank – ich erwidere Ihre Wünsche.