Schlagwort-Archive: Architekturbüro

Deutsches Architekturprojekt in Südafrika

Im Interview mit Bernadette Heiermann, Architektin und RWTH-Mitarbeiterin

(Autor: Ghassan Abid)

© Bernadette Heiermann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Gebäudelehre und Grundlagen des Entwerfens an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen.

© Bernadette Heiermann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Gebäudelehre und Grundlagen des Entwerfens an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen.

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Frau Bernadette Heiermann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Gebäudelehre und Grundlagen des Entwerfens an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Aachen. Welche Aufgaben hat die Baukunst zu erfüllen?

Antwort: Behutsamen Umgang mit dem Ort, seiner Geschichte und Identität, mit dem Raumprogramm und seinen Anforderungen, Konstruktion und Materialisierung, Schönheit und Poesie.

Im Zusammenhang mit unseren Gebäuden in Südafrika bedeutet dies, dass wir im Rahmen unserer Möglichkeiten Konstruktionen und Materialien verwenden, die lokal und nachhaltig sind. Wir beziehen Nutzer und Anwohner in Planung und Realisierung mit ein. Wir schaffen Räume, die möglichst mehrere Nutzungen erlauben und durch ihre Schönheit die Nutzer glücklich machen.

© Isometrie des von der RWTH Aachen gebauten Kindergartens „Hamlet Crèche“ in Südafrika. (Quelle: RWTH Aachen)

© Isometrie des von der RWTH Aachen gebauten Kindergartens „Hamlet Crèche“ in Südafrika. (Quelle: RWTH Aachen)

Weiterlesen

Werbeanzeigen

Nach der WM-Euphorie droht die Presseregulierung

Im Interview mit Silke Sandkoetter, Journalistin und Bloggerin

(Autor: Ghassan Abid)

© Silke Sandkoetter, Journalistin und Bloggerin

© Silke Sandkoetter, Journalistin und Bloggerin

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen bei „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Frau Silke Sandkoetter, Journalistin, Bloggerin und Web 2.0-Interessierte aus Leidenschaft. Vor Kurzem hielten Sie sich in Kapstadt auf um der Frage nachzugehen, was von der Fußball-WM in Südafrika eigentlich übrig geblieben ist. Am 05. Dezember 2010 erschien ein von Ihnen verfasster Artikel in der Wochenpost, der verschiedene Gespräche mit Südafrikanern zum Inhalt hatte.

Frau Sandkoetter, ist die einstige Euphorie im Gastland knapp 6 Monate nach dem Ende der WM überhaupt noch spürbar gewesen?

Antwort: Die Euphorie war meines Erachtens nicht mehr spürbar. Der Stolz und die Begeisterung der Südafrikaner, eines der größten Sportereignisse der Welt ausgerichtet zu haben, waren jedoch allgegenwärtig.

2010sdafrika-Redaktion: Südafrika verfügt nun über gewaltige Stadien, die für viel Geld und viele Fans gebaut wurden. In Kapstadt steht das Green Point Stadium, welches für 70.000 WM-Begeisterte vom Hamburger Architekturbüro gmp konzipiert wurde und rund 180 Mio. Euro an Kosten veranschlagt hat. Macht sich das „White Elephant“, wie das Stadium von den Kapstädtern auch gerne bezeichnet wird, nun nach einer fehlenden Kapazitätsauslastung nicht selber überflüssig? Denn in Südkorea wurde beispielsweise eine WM-Arena aufgrund mangelnder Nutzungsauslastung bereits abgerissen.

Antwort: Südafrika verfügt meines Erachtens heute über mehrere „weiße Elefanten“, wie die leerstehenden Stadien genannt werden. Die FIFA hat in Südafrika die Größe dieser Stadien diktiert. Ob eine Stadt sich das Stadion leisten kann und was damit nach der WM passiert, wurde dabei nicht berücksichtigt. Die Stadien sind für Fußballspiele der Premier Soccer League völlig überdimensioniert. Wir haben das in der Redaktion einmal ausgerechnet: Ajax Cape Town hat beispielsweise in vier Spielen durchschnittlich 12.400 Zuschauer angelockt. Die gehen natürlich in so einem Stadion verloren. Ich weiß nicht, ob es alternative Konzepte für die Nutzung dieser Stadien gibt. Fakt ist, dass die Instandhaltung sicher Unsummen verschlingen wird. Geld, das in Südafrika sicher besser eingesetzt werden könnte.

© Innenansicht des Green Point Stadions, 70.000 Zuschauerplätze (Quelle: Rodger Bosch/ MediaClubSouthAfrica.com)

2010sdafrika-Redaktion: Imagegewinne kommen vor allem dem südafrikanischen Tourismussektor zugute, welches im Großen und Ganzen unbestritten ist und Sie in Ihrem Artikel ebenfalls zutreffend festgehalten haben. Allerdings ist der tatsächliche fiskalische Sieger des weltweit größten Events ausschließlich die FIFA, bedingt durch die ungleichen Vertragsbedingungen zwischen dem Weltfußballverband und dem Austragungsland Südafrika. Finden Sie auch nicht, dass hinsichtlich der Vergabe und Durchführung einer Weltmeisterschaft eine grundlegende Strukturreform der FIFA unter Joseph S. Blatter als notwendig und überfällig erscheint?

Antwort: Die jüngsten FIFA-Skandale zeigen, dass eine Strukturreform mehr als notwendig ist. Die FIFA ist der mächtigste Verband der Welt und die Verträge sind knallhart, das ist hinlänglich bekannt. Ein kleines Beispiel: Ich habe mit einigen Straßenverkäufern in Kapstadt gesprochen. Die durften ihre Produkte während der WM ein paar hundert Meter rund um das Stadion nicht verkaufen. Dort waren nur offizielle FIFA-Produkte zugelassen. Und das wurde auch kontrolliert. Straßenverkäufer, die versucht haben, Speisen vor dem Stadion zu verkaufen, wurden von der Polizei vertrieben, weil es Verträge mit großen Sponsoren gibt. Das ist – in meinen Augen – ein Unding. Südafrika dürfte finanziell kaum von den Einnahmen der WM profitiert haben. Die FIFA hingegen hat dank der Verträge ein fettes Plus gemacht.

Unbestritten ist natürlich auf der anderen Seite der Imagegewinn für Südafrika, der in Geld kaum aufzuwiegen ist. Nichtsdestotrotz, um auf die Frage zurückzukommen, ist eine Strukturreform der FIFA meines Erachtens überfällig. Und ich bin der Meinung, es werden nach den jüngsten Skandalen auch immer mehr Stimmen laut, die das fordern.

2010sdafrika-Redaktion: 2006 fand die WM in Deutschland und 2010 bekanntlich in Südafrika statt. Wo sehen Sie persönlich Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei beiden Völkern hinsichtlich der Wahrnehmung der WM als nationale Errungenschaft?

Antwort: Ich glaube, das Gefühl der Zusammengehörigkeit war in beiden Ländern während der WM riesig. In Südafrika haben mir die Menschen immer wieder erzählt, wie sie diese „neue“ Gemeinsamkeit in ihrem Land erlebt haben. Viele Menschen empfanden den Umgang zwischen schwarzen und weißen Südafrikanern während der WM als selbstverständlicher. Gemeinsam wurde die „Bafana, Bafana“ angefeuert.

Dieses „Gemeinsamkeitsgefühl“ gab es – ähnlich – während der WM auch in Deutschland. Davon ist, in Fußballzeiten, vielleicht sogar durch Public Viewing etwas übrig geblieben. Ich glaube, sowohl die Südafrikaner als auch die Deutschen waren stolz, dass die WM in ihrem Land eine so gigantische und positive Party war.

2010sdafrika-Redaktion: Südafrika ist im Hinblick auf den afrikanischen Kontinent ein wirklich außergewöhnliches Land und zugleich die Wirtschaftslokomotive des südlichen Afrikas. Welche Eigenschaften verbinden Sie nach Ihrem Aufenthalt im Kapland mit Südafrika und wird es Sie demnächst erneut nach Südafrika verschlagen?

Antwort: Eine Eigenschaft, die mir besonders aufgefallen ist, ist der unglaubliche Stolz der Südafrikaner auf ihr Land. Egal, mit wem man spricht, die Menschen berichten voller Stolz über ihr Land. Abgesehen davon ist die Freundlichkeit der Menschen eine Eigenschaft, die mir sehr positiv aufgefallen ist. Südafrika und seine Menschen haben mich wirklich fasziniert. Das Land ist voller Kontraste und ohne Frage sechs Monate nach der WM wieder auf dem harten Boden der Wirklichkeit gelandet: Korruption, Massenarmut und Kriminalität sind Alltag. Dennoch sind viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, von ihrem Land überzeugt und glauben an eine positive Zukunft. Diese Aufbruchstimmung ist meines Erachtens überall spürbar. Ich werde auf jeden Fall in Kürze wieder hinreisen.

2010sdafrika-Redaktion: In Blogger- und Journalistenkreisen, ob in Deutschland oder in Südafrika, werden Aspekte wie Meinungs- und Pressefreiheit heiß diskutiert – unter anderem bedingt durch die brisanten WikiLeaks-Veröffentlichungen in diesen Wochen. Sehen Sie grundsätzlich die Gefahr, dass der Informationsfluss in der digitalen Welt in naher Zukunft durch staatliche Institutionen „reguliert“ werden könnte?

Antwort: Eine sehr komplexe Frage, die sich nicht in ein zwei Sätzen beantworten lässt. Fakt ist, Pressefreiheit ist eine der wichtigsten Grundlagen der Demokratie. Ich denke, dass es gut und wichtig ist, dass Themen wie Wikileaks für Diskussionen über diese Pressefreiheit sorgen. Es gibt – auch in Deutschland – immer wieder Versuche, im Internet etwas zu „regulieren“. Das sorgt sofort für viele Auseinandersetzungen. Als Journalistin bin ich überzeugt, dass die Meinungsfreiheit immer wieder verteidigt werden muss und man wachsam mit diesem Thema umgehen muss. In Deutschland ist die Pressefreiheit meines Erachtens weniger durch den Staat bedroht, das ist durch unsere Gesetze klar geregelt. Aus diesem Grund habe ich auch keine Sorgen, dass der Informationsfluss hier in naher Zukunft durch staatliche Institutionen reguliert werden könnte. Ich habe eher das Gefühl, dass wir in Deutschland momentan eine neue Meinungs- und Diskussionsfreiheit entwickeln. Stuttgart 21, Castortransporte usw. bringen etliche tausend Menschen auf die Straße und sorgen – auch in Internet-Foren – für eine neue Streitkultur.

Mit Blick auf Südafrika stimmt mich das Thema Medienregulierung allerdings ziemlich nachdenklich. Präsident Zuma hat kurz nach der WM verkündet, dass Medien reguliert werden müssen. Die ANC-Regierung möchte ein Medientribunal, das direkt dem Parlament unterstellt ist, um die Presse zu kontrollieren. Das ist das Ende einer jeden Demokratie. Es gibt, wie ich gelesen habe, allerdings viel Widerstand gegen dieses Gesetz. Zivilgesellschaft und Medien haben eine Diskussion darüber entfacht, die öffentlich ausgetragen wird. Das ist gut so. Die Diskussion über die Regulierung der Pressefreiheit ist leider völlig kontraproduktiv für den positiven WM-Imagegewinn Südafrikas.

2010sdafrika-Redaktion: Silke Sandkoetter, Journalistin und Bloggerin aus dem Ruhrgebiet. Vielen Dank für das Interview!


2010sdafrika-Interview mit Elena Beis, u.a. Freie Südafrika-Korrespondentin der TAZ, zur Pressefreiheit in Südafrika:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2010/12/08/freie-sudafrika-korrespondentin-u-a-fur-taz-im-gesprach/

2010sdafrika-Artikel zur Pressefreiheit in Südafrika:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2010/09/02/pressefreiheit-in-gefahr-freedom-of-press-in-danger/