Schlagwort-Archive: Arzt

Buch in Südafrika sorgt für Aufregung

Ex-Arzt beschreibt in Biografie die unwürdigen letzten Jahre seines Patienten Nelson Mandela

(2010sdafrika-Redaktion)

Die Wellen schlugen hoch, als der Inhalt des Buches „Mandela´s Last Years“ bekannt wurde. Denn der Autor Vejay Ramlakan beschuldigt die Familie Mandelas, die letzten Jahre des Anti-Apartheid-Kämpfers nicht unbedingt erträglich gemacht zu haben. Prompt erfolgte ein unüberhörbarer Aufschrei. Die Kritik an den ehemaligen Militär-Chefarzt und persönlichen Arzt Madibas ist so groß geworden, dass sich der US-amerikanische Verlag „Penguin Random House“ in der Notwendigkeit sah, nur wenige Tage nach der Veröffentlichung das Buch wieder vom Markt zu nehmen. Ebenso sind die Autorenangaben auf der Webseite des Verlags gelöscht worden. Der Schaden ist gewaltig.

© Nelson Mandela ein Opfer seiner eigenen Familie? So deutet es sich zumindest im Buch „Mandela´s Last Years“ an, welches sein Arzt Vejay Ramlakan verfasste. Auf Druck der Familie Madibas hat der in New York ansässige Verlag das Buch nur wenige Tage nach der Veröffentlichung vom Markt genommen. (Quelle: flickr/ mrgarethm)

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Kap-Kolumne: Gnädiger Rechtsstaat

Eugene de Kock alias „Prime Evil“, Chef der Apartheid-Folterzentrale Vlakplaas, wird aus Haft entlassen

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger Westberliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

In diesen Tagen kommen verwirrende Nachrichten aus dem Bereich der „Dritten Gewalt“ in Südafrika. Da wird einerseits der ehemalige Chef der Apartheid-Folterzentrale Vlakplaas, Eugene de Kock alias „Prime Evil“, auf Bewährung aus der Haft entlassen. Gleichzeitig wird der Antrag auf Haftverschonung aus Gesundheitsgründen des verurteilten Mörders von Chris Hani, Clive Derby-Lewis, abgelehnt. Und derweil führt der Chef-Giftmischer des Apartheidregimes, der Arzt Wouter Basson („Dr. Death“), seit Jahren mit Hilfe seiner Anwälte die Ärztekammer an der Nase herum und darf nach wie vor seinen Beruf ausüben. Mal abgesehen davon, dass die Schreibtischtäter der Apartheid allesamt davongekommen sind.

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© Eugene de Kock alias „Prime Evil“, der Chef der Apartheid-Folterzentrale Vlakplaas, darf nach 20 Jahren die Haftanstalt auf Bewährung verlassen. Seine Entlassung wird kontrovers diskutiert. Denn De Kock ist für die Folterung und Ermordung vieler Anti-Apartheid-Aktivisten verantwortlich. Begründet wurde dieser Schritt nach Angaben des Justizministeriums mit dem Versöhnungsgedanken. (Quelle: flickr/ scrolleditorial)

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Quarantäne in Durban

Gesundheitsbehörden registrieren Rotavirus-Ausbruch. Die Lage sei „unter Kontrolle“, heißt es offiziell

(Autor: Ghassan Abid)

© Der Rotavirus ist in Durban in der Provinz KwaZulu-Natal ausgebrochen. 1.000 Menschen sollen bereits an Diarrhöe-Erkrankungen leiden und die Hälfte der Patienten den Virus in sich tragen. Immer mehr Menschen erkranken. Die Gesundheitsbehörden behaupten, sie hätten die "Lage unter Kontrolle". (flickr/ AJ Cann)

© Der Rotavirus ist in Durban in der Provinz KwaZulu-Natal ausgebrochen. 1.000 Menschen sollen bereits an Diarrhöe-Erkrankungen leiden und die Hälfte der Patienten den Virus in sich tragen. Immer mehr Menschen erkranken. Die Gesundheitsbehörden behaupten, sie hätten die „Lage unter Kontrolle“. (flickr/ AJ Cann)

Die eThekwini-Kommune im Osten Südafrikas steht zurzeit im Fokus der Gesundheitsbehörden von Bund, Provinz und Gemeinden. Steigende Fälle von Diarrhöe-Erkrankungen sind zu verzeichnen. Bei jeder zweiten Erkrankung konnte der Rotavirus diagnostiziert werden. Eine Expertengruppe befinde sich bereits seit einer Woche in der Region und untersuche einige Patienten. Mittlerweile seien rund 1.000 Menschen bereits erkrankt. Alarm wollen die Behörden dennoch nicht schlagen.

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Izikhokho Show – Comic aus Südafrika

Folge: „Jesus is a Shangaan“. Liegt eine Bantu-Diskriminierung und Blasphemie vor?

(Autoren: 2010sdafrika-Redaktion, Ghassan Abid)

Bei der „Izikhokho Show“ handelt es sich um eine südafrikanische Zeichentrick-Kollektion, die wöchentlich durch die Johannesburger Firma Mdu Comics produziert wird. Diese zeichnet sich durch die bewusste Einbindung lokaler Sprachen & Traditionen aus, welche in provokativer Art und Weise bestimmte Sachverhalte thematisiert.

© Ein schwarzer Jesus ist geschockt, nachdem ihm ein Arzt bescheinigt, dass er DNA der Bantu-Ethnie Shangaan besitze. Liegt hier eine Diskriminierung der Volksgruppe Shangaan und Blasphemie vor? (Quelle: YouTube/ Mdc Comics)

© Ein schwarzer Jesus ist geschockt, nachdem ihm ein Arzt bescheinigt, dass er DNA der Bantu-Ethnie Shangaan besitze. Liegt hier eine Diskriminierung der Volksgruppe Shangaan und Blasphemie vor? (Quelle: YouTube/ Mdc Comics)

Die Hauptrolle im Comic „In Heaven“ (zu Deutsch: Im Himmel) spielt ein schwarzer Jesus, der der Regierungspartei ANC angehört. In der aktuellsten Folge „Jesus is a Shangaan“ wird dem Sohn Gottes durch einen Arzt seine Zugehörigkeit zur Ethnie Shangaan bescheinigt. Die Shangaan stellen eine Bantu-Ethnie im südlichen Afrika dar, welche im heutigen Mosambik, Simbabwe und im nördlichen Südafrika beheimatet ist. Skurrill im Clip ist die Reaktion Jesus, der mit großem Entsetzen auf diese ethnische Bestimmung reagiert, niedergeschlagen ist und sich dann abschrubbt, als müsste er einen Schandfleck beseitigen. Zu guter Letzt ist Jesus sogar bereit, sein Leben durch einen Suizid zu beenden. Seine Selbstmordabsicht wird Gott mittels eines von Jesus verfassten Briefes kundgetan; im christlichen Südafrika ein äußerst kritischer Zeichentrick.

Izikhokho Show: „Jesus is a Shangaan“

Im Untergrund zählt nur die Disziplin

Eine Rezension zum Dokumentarfilm „Memories of Rain“. Der Kampf für Ideale fordert seinen Tribut.

(Autor: Ghassan Abid)

Wir schreiben das Jahr 1976. In Soweto bricht der sogenannte Schüleraufstand aus. Mehrere Kinder demonstrieren gegen die rassistische Bildungspolitik des Apartheidregimes, welcher blutig niedergeschlagen wird. Die Dominanz von Afrikaans als Unterrichtssprache in den Schulen Südafrikas erwies sich als Ventil einer generationsübergreifenden Frustration der entmündigten schwarzen Mehrheitsgesellschaft. Hector Pieterson wird als erstes Todesopfer in die Geschichtsbücher eingehen.

© "Memories of Rain" ist in zehnjähriger Produktion durch die Regisseurinnen Gisela Albrecht und Angela Mai erstellt worden. 2004 ist dieser Dokumentarfilm auf der Berlinale präsentiert worden. 2005 wurde "Memories of Rain" mit dem durch das Land NRW vergebenen Eine-Welt-Filmpreis honoriert.

© „Memories of Rain“ ist in zehnjähriger Produktion durch die Regisseurinnen Gisela Albrecht und Angela Mai erstellt worden. 2004 ist dieser Dokumentarfilm auf der Berlinale präsentiert worden. 2005 wurde „Memories of Rain“ mit dem durch das Land NRW vergebenen Eine-Welt-Filmpreis honoriert.

Soweto veränderte alles
Mittendrin im Chaos befindet sich die in Stettin geborene Journalistin Gisela Albrecht, die die dramatischen Ereignisse vor Ort begleitete und diese gemeinsam mit der Südafrikanerin Angela Mai im Dokumentarfilm „Memories of Rain: Szenen aus dem Untergrund“ künstlerisch verarbeitete. Soweto stellte den Wendepunkt des Untergrundkampfes gegen die Apartheid dar, hält Albrecht zutreffend fest. Der Afrikanische Nationalkongress agierte vom In- und Ausland gegen die rassistischen Machthaber in Pretoria. Albrecht ist mit mehreren Personen des Untergrundkampfes während und nach der Apartheid in Kontakt getreten, führte Interviews, skizzierte Werdegänge und hob deren Träume & Ängste hervor. Ihr ist ein eindrucksvoller und vor allem persönlicher Film gelungen, der den Zuschauern Einblicke in eine völlig fremde Welt gewährt.

© Jenny Cargill studierte Wirtschaftswissenschaften in Durban und arbeitete im Anschluss als Wirtschaftsjournalistin. Die Ungerechtigkeiten der Apartheid konnte sie nicht ertragen, so entschloss sie sich für den Untergrundkampf gegen das Regime. Mit einer Militärausbildung durch die Stasi in Ost-Berlin fungierte sie als wichtige Person für den ANC. Ihr oblagen neben der Observation von Militäreinrichtungen, auch die Rekrutierung von neuen Untergrundkämpfern.

© Jenny Cargill studierte Wirtschaftswissenschaften in Durban und arbeitete im Anschluss als Wirtschaftsjournalistin. Die Ungerechtigkeiten der Apartheid konnte sie nicht ertragen. So entschloss sie sich für den Untergrundkampf gegen das Regime. Mit einer Militärausbildung durch die Stasi in Ost-Berlin fungierte sie als wichtige Person für den ANC. Ihr oblagen neben der Observation von Militäreinrichtungen, auch die Rekrutierung von neuen Untergrundkämpfern. (Quelle: YouTube)

Jenny Cargill und Kevin Qhobosheane: Bereit zu sterben
Im Mittelpunkt der Doku stehen die Protagonisten Jenny Cargill und Kevin Qhobosheane. Sie aus der weißen Mittelschicht, er aus einem den Schwarzen vorbestimmten Townships. Beide waren im Nachrichtendienst des bewaffneten Flügels des ANC aktiv. Die studierte Ökonomin Jenny arbeitete als Wirtschaftsjournalistin, verspürte allerdings zusammen mit ihrem damaligen Ehemann Howard Barrell das Verlangen, sich gegen die staatlich verordneten Ungerechtigkeiten einzusetzen. Sie suchte von sich aus den Kontakt zum ANC und bot ihre Unterstützung an. Anfänglich sammelte sie Informationen über Militäreinrichtungen. Sie observierte das Armeeareal Eastgate und beobachtete Armeeangehörige. Später absolvierte sie eine halbjährige Militärausbildung bei der Stasi in Ost-Berlin. Kevin hingegen zog es nach Angola, wo er ebenfalls an militärischen Ausbildungen teilnahm und vom Ausland aus gegen die Apartheid agierte.

Als Untergrundkämpfer lebt man länger als 6 Monate
Wer in Südafrika als ANC-Mann enttarnt wurde, musste genauso wie der Gewerkschaftsführer Sam Pholoto mit Folter rechnen; oder gar sein Leben geben. Nach der Section 29 hatte die Regierung sämtliche Bürgerrechte im juristischen Verfahren abgeschafft: kein Anwalt, kein faires Gehör und keinen Kontakt zur Außenwelt. Dr. Zweli Mkhize, ein im Dokumentarfilm interviewter Arzt, ist als Untergrundkämpfer enttarnt worden und musste ins Exil flüchten.  Andernfalls wäre er wohl nicht am Leben geblieben. Es galt der Grundsatz, dass ein Untergrundkämpfer eine Lebenserwartung von maximal 6 Monaten habe.
Die Polizei setzte alles, um ihren Widersachern entgegenzutreten. Beispielsweise kooperierte sie mit sogenannten A-Teams, eine Art Terrormiliz in den Townships, die für Unruhe sorgte und ANC-Mitglieder tötete. Einige dieser Kollaborateure leben heute noch unbestraft mit den Angehörigen ihrer Opfer Tür an Tür.

Disziplin geht immer vor!

© Kevin Qhobosheane stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Aufgewachsen in einem Township, ohne Schulbildung und konfrontiert mit der ständigen Frustration durch die weiße Minderheitsregierung. In Angola agierte er für den ANC. Er absolvierte Militärausbildungen im Ausland und kehrte nach der Verbotsaufhebung nach Südafrika zurück. Mit Jenny Cargill schmuggelte er Waffen in die Townships.

© Kevin Qhobosheane stammt aus ärmlichen Verhältnissen. Aufgewachsen in einem Township, ohne Schulbildung und konfrontiert mit der ständigen Frustration durch die weiße Minderheitsregierung. In Angola agierte er für den ANC. Er absolvierte Militärausbildungen im Ausland und kehrte nach der Verbotsaufhebung des ANC nach Südafrika zurück. Mit Jenny Cargill schmuggelte er Waffen in die Townships. (Quelle: YouTube)

Der ANC stand  unter gewaltigem Druck. Die Untergrundkämpfer hatten immer wieder das Gefühl, dass jederzeit ihr Dasein beendet werden könne. Eine ständige Angst wurde zur Begleitung des eigenen Alltags.  Infiltrierungen durch Nachrichtendienste, Folter in den Polizeigefängnissen oder Terror durch apartheidstreue Milizen drohten den Untergrundkämpfern.

Doch die genauen Folgen des Widerstandes bleiben bisweilen unbekannt. Welche psychotraumatischen Konsequenzen hat der Kampf gefordert, wie viele Ehen sind zerbrochen und wie hoch ist die Anzahl jener Menschen, die für ihre Ideale ihr Leben lassen mussten. Auch Jenny erläuterte ihren Frust, dass ein von ihr gewollter Austritt aus dem ANC nicht möglich war. Sie teilte der ANC-Führung mit, dass sie aufgrund eines Burnouts nicht mehr am Kampf teilnehmen könne. Doch ihre Emotionen und ihr persönlicher Zustand interessieren den ANC nicht. Sie musste ihren Kampf fortsetzen.

ANC-Folter gegen mögliche Verräter
Der Afrikanische Nationalkongress akzeptierte keine persönlichen Befindlichkeiten. Vielmehr forderte er seinen Mitgliedern absolute Disziplin ab, um der größten Herausforderung des Untergrundes wirksam begegnen zu können: Die Aufrechterhaltung der Kommunikation zwischen internen und externen ANC-Kräften, also zwischen In- und Ausland. Problematisch ist die Herangehensweise der Mandela-Bewegung mit möglichen Spitzeln gewesen. Folter wurde angewandt. So ist von einem Fall bekannt, bei dem ein junger Mann aus einem Township durch den ANC zu Tode gefoltert wurde. Ihm wurde eine Komplizenschaft mit dem südafrikanischen Nachrichtendienst nachgerufen. Seine Verhaltensauffälligkeiten infolge eines Nervenzusammenbruchs wurde allerdings nicht erkannt – ein Unschuldiger starb. Ferner bemängelt Jenny, dass der Untergrundkampf keine Antworten für die Zeit nach dem Widerstand anbot. Ein normales Leben ist für viele Kämpfer nicht möglich gewesen. Wie zur Tagesordnung übergehen, wenn diese vorher nie existierte.

Terror der Inkatha
Als das Verbot des ANC im Jahr 1990 aufgehoben wurde, befand sich diese in einer großen Legitimationskrise. Jacob Zuma machte deutlich, dass der Afrikanische Nationalkongress den Widerstand innerhalb Südafrikas aufbauen müsse. Der Terror durch die Inkatha-Bewegung, welche viele Tote in den Townships hervorrief, brachte den ANC in große Bedrängnis. Die heutige Regierungspartei hatte in der Übergangsphase 1990 bis 1994 keine Strategie parat. Jenny und Kevin agierten trotz dieser destabilen Lage auch in dieser Zeit weiterhin für den ANC im Untergrund und schmuggelten Waffen in die Townships.

Ausschnitt aus „Memories of Rain“

Gisela Albrecht im Gespräch
Die Co-Regisseurin und Journalistin Gisela Albrecht erläuterte im Anschluss zum Dokumentarfilm ihre Sichtweisen zur heutigen Politik Südafrikas und zur Entstehungsgeschichte des Films. Albrecht bemängelt die zweite Generation innerhalb der ANC-Führung, die die „Mehrheit der Südafrikaner heute zurückgelassen“ hat. Macht, Habgier und Eigennutz sind ein Problem, die der Gesellschaft letztendlich schadet. Auch Vizepräsident Kgalema Motlanthe kritisierte kürzlich diese ANC-interne Entwicklung. Ebenso hält Albrecht fest, dass „das Erbe der Apartheid“ weiterhin nachwirke. Es wird ihrer Meinung nach noch eine Generation dauern, um diesen Prozess abzuschließen. Beim Film machte die Filmemacherin auf den Kontrast zwischen Jenny und Kevin deutlich – sie hochausgebildet mit Universitätsabschluss und er ohne Schulabschluss aus ärmlichen Verhältnissen. Und dennoch fanden sich beide in derselben Organisation mit denselben Idealen wieder. Letztendlich hat Gisela Albrecht den Film auf den Wunsch von Jenny Cargill produziert, an welchem sie rund 10 Jahre saß. Beide Frauen verfolgten den Anspruch, die Wahrheit zu zeigen. Finanziert wurde diese Produktion nicht durch die staatliche Filmförderung, sondern vielmehr mit kirchlichen Geldern. Im Jahr 2004 ist „Memories of Rain“ dem deutschen Publikum auf der Berlinale präsentiert worden. Ein Jahr später gewann dieser den Eine-Welt-Filmpreis. Ein Anschauen dieses Dokumentarfilmes lohnt sich!

Es begann mit Mohamed Bouazizi

Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte

(Autor: Ghassan Abid)

### Sonderberichterstattung ###

´Tunesien-Woche für Demokratie´

Tunesien verfügt über eine hohe Arbeitslosigkeit. Insbesondere bei Akademikern ist die Arbeitslosenquote signifikant hoch. Es wird geschätzt, dass rund 30 bis 40 Prozent der Jugendlichen keiner Erwerbstätigkeit nachgehen; trotz guter Ausbildung, hohem Bildungsstand und ausgeprägter Motivation zur Integration in den ersten Arbeitsmarkt. Es ist daher kein Zufall, dass Ingenieure, Ärzte oder Juristen in Hotels als Animateure für Touristen auftreten.

© Mohamed Bouazizi ist Tunesiens neuer Nationalheld (Quelle: cjb22/ Creative Commons by-sa 3.0 de/ Wikimedia)

Mohamed Bouazizi ist ein 26-jähriger Hochschulabsolvent aus der nordtunesischen Stadt Sidi Bouzid. Er zählte genauso wie viele andere zu den Verlierern der Nation.  Eine Absage nach der anderen folgte auf die Bewerbungsbemühungen des jungen Mannes. Schließlich entschloss sich Bouazizi seinen Lebensunterhalt als einfachen Gemüsehändler zu bestreiten – ohne Gewerbeschein.

Kommunalbedienstete und Polizeibeamte hingegen behinderten seine Arbeit – so die tunesische Presse – mit teils willkürlichen Auflagen. Dieser permanenten Demütigung auf dem Arbeitsmarkt einerseits und der Ohnmacht gegenüber den Staatsdienern andererseits, waren eines Tages einfach nicht mehr zu ertragen. Schließlich zündete sich Mohamed Bouazizi aus der Verzweiflung heraus am 17. Dezember 2010 selbst an. Tunesiens Präsident Zine El Abidine Ben Ali besuchte am 28. Dezember 2010 das Unfallklinikum in Ben Arous bei Tunis, in welchem Bouazizi stationär behandelt wurde. Am 04. Januar 2011 erlag er seinen schweren Verbrennungen.

Sein Tod war es, der den angestauten Zorn des tunesischen Volkes auf die Regierung auslöste. Der Protest ist als „Jasminrevolte/ -revolution“ in die Geschichtsbücher eingegangen. Mohamed Bouazizi´s Name ist national und international weiterhin im Munde. Viele Tunesier werden den jungen Mann aus Sidi Bouzid als Märtyrer in Erinnerung behalten, der aus seinem Frust heraus eine Tür der Hoffnung für andere eröffnete.

Al Jazeera Channel (English) berichtet über Mohamed Bouazizi

Beiträge der 2010sdafrika-Redaktion zur ´Tunesien-Woche der Demokratie´:

https://2010sdafrika.wordpress.com/?s=Tunesien-Woche+für+Demokratie&x=19&y=16

Township-Tour

Ein Reisebericht zu Kapstadt – Teil 3

(Autorin: Annemarie Köster)

Auch Kapstadt hat seine Townships zur Seite. Man sieht sie schon am Weg vom Flughafen in die Stadt.

Im November 2001 besuchten wir Crossroads, nachdem wir Langa und Gugulethu durchfahren hatten. Die Tour wurde von der Sprachenschule organisiert und dauerte ca. 4 Stunden.

Patrick Poni, unser Tourguide, ein Absolvent der Universität Cape Town in Sozialwissenschaften war damals bei Satour als Reiseleiter tätig.

Wir lernten während einer Zusammenkunft mit Einwohnern in einem Shebeen, einer Art Ausschank mit Sitzgelegenheit, Rolf kennen, einen Schweizer, der in Crossroads ein Musikprojekt betreut. Die erste CD des IMBACA PRIMARY CROSSROADS CHOIR konnten wir bei Rolf für eine Spende erhalten.

Wir besuchten eine Einwohnerin, die uns mit Kaffee, Tee und selbstgebackenem Kuchen bewirtete. (Es melden sich immer andere Familien und bekommen das natürlich bezahlt). Wir kamen wie zu einer guten Nachbarin. Leider habe ich ihren Namen nicht behalten, aber ein hübsches gemeinsames Foto klebt in meinem Album. Was mich anfangs am meisten überrascht hat, war die Einrichtung mit Schrankwand mit Fernseher und Couchgarnitur, nicht nur bei unserer Gastgeberin sondern auch überall, wo wir im Vorbeifahren oder -gehen in offene Häuser schauen konnten. Also nicht unbedingt das, was man sich so unter „afrikanisch“ vorstellt. Township-Bewohner sind eben ganz „normale“ Leute wie du und ich. Wir sahen neben den Steinhäusern aber auch Shacks – Wellblechhütten mit etwa nur einer Liegestatt.

© Großmutter mit Kindern

Fotografieren ist gar kein Problem – man sollte es nur nicht aus dem Bus heraus tun. Kaum waren wir ausgestiegen, umringten uns Kinder, die sich in Positur warfen, sobald sie einen Fotoapparat sahen. (Das habe ich in Südafrika überall erlebt) Wenn ich gerade nicht am Fotografieren war, habe ich den Apparat aber vorsichtshalber in der Tasche gelassen. Keine Ahnung, ob das notwendig war. Ich habe es mir in Südafrika einfach angewöhnt. Mir hätte man auch nicht – wie es jungen Deutschen in Langa passierte – mehrere hundert Euro oder die Schlüssel meiner Wohnung in Deutschland stehlen können. Euro liegen am sichersten auf dem deutschen Konto und werden bei Bedarf in Form von Rand am Geldautomaten geholt. Die Schlüssel werden bei Verwandten in Deutschland hinterlegt.

Bei einem anderen Projekt, in dem Frauen Textilien herstellen, waren wir leider zur Unzeit. Die Masse der Ware war auf dem Markt, so daß wir nichts kauften. Bei unserem zweiten Besuch war die Auswahl bemalter Textilien (Schürzen, Topflappen usw.) schon größer.

In einem Carport wurden Campingstühle aufgestellt und eine Kindergruppe führte Sketchdance vor. Kleine Spielszenen („Beim Zahnarzt“, „In der Schule“), die zu Tonbandmusik getanzt und gesungen wurden. Patrick versicherte uns, daß alle diese Kinder zur Schule gehen und sie nur in ihrer Freizeit üben und auftreten.

Alles in allem muß man eine Township-Tour mitgemacht haben. Sensationen gibt es keine dabei, aber normalerweise auch keine Sicherheitsprobleme. Es gehört einfach dazu und es ist gut zu sehen, daß nicht alle so leben können wie die Gastfamilien der Sprachschulbesucher, wo die Studenten Einzelzimmer, zum Teil sogar mit eigenem Bad haben, ganz zu schweigen vom Pool im Garten.

© Fleischverkauf in der Markthalle

Auf der zweiten Township-Tour im November 2004 war Vuyisile Ngesi unser Begleiter. Zunächst ging es wieder nach Gugulethu, wo wir diesmal auch ausgestiegen sind. Es gab dort eine riesige Markthalle zu sehen, die an einer Längsseite offen war. Entlang der Rückwand waren kleine Lädchen und Werkstätten. Für diese Kioske zahlen die Betreiber Miete und führen auch Steuern ab. Für die Verkaufstische im Vordergrund ist das nicht der Fall. Sie werden den Händlern kostenlos zur Verfügung gestellt. Im Wesentlichen werden Obst, Gemüse und Fleisch verkauft. An den Obst- und Gemüseständen könnte sich mancher deutsche Supermarkt orientieren. Nur beste Ware. Nichts angefault oder verwelkt. Fleisch wird frisch verkauft und wenn man unserem Tourguide glauben darf – warum sollte man das eigentlich nicht? – dann kann das nur vertragen, wer damit aufgewachsen ist. Das rohe Fleisch liegt offen auf großen Tischen. Ab und zu werden die Fliegen weggejagt. Eine Frau hat mit einer Art Lötlampe Schafsköpfe abgebrannt, die dann von einem jungen Mann in einem alten Faß mit Wasser abgewaschen wurden, weil sie vom Ruß der Lampe ganz schwarz waren. Danach wurden sie halbiert und verkauft. Wirklich gewöhnungsbedürftig aber nach Aussagen der Käufer eine Delikatesse.

In der Umgebung wurden gerade größere Gebäude errichtet aber es waren auch noch genügend Shacks (Hüttchen aus den unterschiedlichsten Materialen „zusammengeschustert“ von Holz über Blech bis hin zu Pappe und Plastik) zu sehen.

Das Musikprojekt von Rolf hatte inzwischen in Crossroads eigene Räume bezogen, denen aber noch die Schallisolierung fehlte. Bei jedem Flugzeug, das darüber flog mußten die Aufnahmen unterbrochen werden. An Aufnahmetechnik fehlte auch noch einiges – aber den Jugendlichen machte es Spaß und sie waren weg von der Straße. Es gab eine zweite CD („Bayasilandela“ der Tokozani Brothers), die leider wegen rechtlicher Probleme nicht verkauft werden durfte. So ist das Projekt weiter auf Spenden angewiesen.

Leider gab es bei unserem zweiten Besuch weniger Kontakt zu den Bewohnern. Selbst im Shebeen saß unsere Gruppe allein bei Cola und Limonade.

© Der Sangoma

Neu war der Besuch bei einem Sangoma, einem traditionellen Heiler. Sangoma wird man nicht durch Ausbildung. Das wird jemand, der von einem Sangoma von schwerer Krankheit geheilt wurde, die zuvor kein Arzt heilen konnte.

In einem kleineren Township soll es ein Projekt geben, in dem die Bewohner lernen Häuser zu bauen, was sie dann auch für ihre eigenen Häuser anwenden oder beruflich verwerten können.

Inzwischen kann man nicht nur mehrtägige Townshiptouren buchen sondern auch einfach mal in einem B&B in einem Township übernachten. Ohne Begleitung eines Bewohners oder Reiseleiters sollte man Townships jedoch besser meiden.

Es gibt immer wieder Diskussionen, ob man Township-Touren überhaupt unternehmen sollte. Die Bewohner würden einem doch wie im Zoo vorgeführt. Das könne einem nur peinlich sein. (Ist es diesen Leuten auch peinlich, sich das Zimmer im Luxushotel von Township-Bewohnern putzen zu lassen?) Wem es peinlich ist, besser situiert zu sein als andere (natürlich ohne daß er es auf Kosten anderer ist), der sollte besser gar nicht in Länder reisen, wo es Gegenden wie Townships gibt. Der sollte sein Reisegeld besser nehmen und es in Deutschland den ausreichend vorhandenen Bedürftigen zukommen lassen. Aber über die schaut er vielleicht auch nur hinweg, weil es ihm „peinlich“ ist, daß es sie gibt.

Ich meine, wenn man keine andere Möglichkeit hat, sich über das Leben in den Townships zu informieren, sind die angebotenen Touren immer noch das Beste. Schließlich profitieren auch die Bewohner davon. Die Townships gehören nun mal zum südafrikanischen Leben und werden das auch noch lange Zeit tun. Ich habe leider bisher auf den Touren nicht so viel Kontakt zu Bewohnern gehabt wie ich mir gewünscht hätte.

Weitere Reiseberichte von Annemarie Köster hier abrufbar.