Schlagwort-Archive: BBC

FIFA-Korruptionsskandal

Südafrikas Sportministerium verzichtet auf Untersuchung zum Bestechungsvorwurf bei WM 2010

(2010sdafrika-Redaktion)

Der Weltfußballverband FIFA hatte schon seit längerer Zeit den Ruf, nicht immer ganz aufrichtig und transparent zu sein. Der aktuelle FIFA-Korruptionsskandal hat nun die endgültige Gewissheit geliefert, dass es in der instutionalisierten Fußballwelt durchaus dubios zugeht. Die WM 2006 und 2010 stehen im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Den Austragungen sollen jeweils Bestechungsgelder vorausgegangen sein. Dennoch verzichtet Südafrikas Sportministerium auf eine interne Untersuchung. Man sei von einer ordnungsgemäßen Abwicklung des Mega-Events überzeugt.

Blatter Zuma

© Südafrikas Sportministerium lehnt die Einleitung einer internen Untersuchung zum Bestechungsvorwurf bei der WM 2010 ab, heißt es aus parlamentarischen Kreisen auf Anfrage der Redaktion von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste. Stattdessen setzt die Regierung in Pretoria auf den Informationsaustausch mit den USA. (Quelle: flickr/ GovernmentZA)

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„Pädophilie ist keine Straftat“

Kardinal Wilfrid Fox Napier im Kreuzfeuer. Katholische Kirche in Südafrika distanziert sich

(Autor: Ghassan Abid)

Im Vorfeld der Wahl eines neuen Papstes im Vatikan trat ein Mann im englischsprachigen Raum besonders hervor. Wilfrid Fox Napier, der unstrittig einflussreichste Vertreter der Katholischen Kirche in Südafrika, verhielt sich in einem Interview mit dem US-Sender ABC eher zurückhaltend. Doch gegenüber „Vatican Insider“ bekräftigte der Erzbischof von Durban, ein bekennender Twitter-Nutzer, dass der Heilige Stuhl einen dynamischeren Papst bräuchte – also einen jüngeren Summus Pontifex zwischen 60 bis 67 Jahren, der bestenfalls aus Asien, Lateinamerika oder Afrika stammen solle.

© Gegenüber einem Radiosender der britischen Rundfunkgruppe BBC soll Südafrikas einflussreichster Kardinal Wilfrid Fox Napier gesagt haben, dass Pädophilie keine Straftat, sondern vielmehr eine Krankheit sei. Die Bischofskonferenz am Kap distanzierte sich umgehend vom Erzbischof von Durban. (Quelle: YouTube)

© Gegenüber einem Radiosender der britischen Rundfunkgruppe BBC soll Südafrikas einflussreichster Kardinal Wilfrid Fox Napier gesagt haben, dass Pädophilie keine Straftat, sondern vielmehr eine Krankheit sei. Die Bischofskonferenz am Kap distanzierte sich umgehend vom Erzbischof von Durban. (Quelle: YouTube)

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Regisseur Michael Hammon im Interview

„Die Arbeit an diesem Film hat mich mehr sensibel gemacht“

(Autor: Ghassan Abid)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ den Potsdamer Kameramann, Regisseur  und HFF-Filmdozenten Michael Hammon. Sie waren schon während der Apartheid in Südafrika für die BBC und für CBS tätig. In den 90er Jahren kehrten Sie zurück und übernahmen mit Jacqueline Görgen die Regie des Dokumentarfilms „Hillbrow Kids“. Inwieweit hat dieser beeindruckende Film Ihre Sicht der Dinge über die Welt und über sich selbst verändert?

© Michael Hammon - Kameramann,  Regisseur und Dozent an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) sowie Preisträger des Bayerischen Filmpreises

© Michael Hammon – Kameramann, Regisseur und Dozent an der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) sowie Preisträger des Bayerischen Filmpreises

© Cover von „Hillbrow Kids“

Antwort: Die Arbeit an dem Film hat zunächst meinen Optimismus über die damalige neue Regierung geraubt. Die Zustände der Kinder, der Umgang mit den Strassenkindern seitens der Behörde, die fehlenden staatlichen Organisationen, die sich  damit auseinandersetzen, und wenn, in welcher Weise. Das hat mich alles sehr enttäuscht. Ich habe mich auch immer mehr gefragt, was ist meine Funktion in dieser Arbeit. Das wollten die Kinder auch wissen: Was wär für sie drin. Oder waren wir nur die medialen Ausbeuter des Schicksals der Kinder? Doch wir waren überzeugt, dass wir mit diesem Film in die Art wie wir es gemacht haben, einen Sprachrohr für diese verzweifelte Kinder sein können. Das hat mich wiederum gestärkt, in der Richtigkeit unseres Unternehmens. Die Arbeit an diesem Film hat mich mehr sensibel gemacht, über die Lage vernachlässigter und unterpriviligierter Kinder weltweit.

2010sdafrika-Redaktion: Mit welchen Schwierigkeiten mussten Sie sich beim Dreh auseinandersetzen und wie konnten Sie diese bewältigen?

Antwort: Zuerst war die Kommunikation ein Problem. Viele Kinder auf der Strasse sprechen wenig Englisch oder Afrikaans, und wenn sie die einheimischen Sprachen sprechen, ist dies meist eine Mischung von den vielen ethnischen Sprachen. Dafür mußten wir jemanden finden der nicht nur den Kinder sympathisch entgegentrat, sondern auch ihre Sprache übersetzen könnte und gleichzeitig die Gespräche auf eine Art führte, die für den Film wichtig waren. Nach ein paar Anläufen hatten wir die richtige Mischung gefunden. Die zweite Schwierigkeit bestand darin das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Viele sind sehr verwahrlost, sind sehr drogenabhängig, werden unberechenbar durch das Schnüffeln von Klebstoff und finden sowieso jeden Weissen suspekt. Wir haben Wochen vor Drehbeginn mit Sozialarbeitern aus der Gegend die Runden gemacht, mit auf protable Suppenküchen für die Obdachlosen gearbeitet, kranke Strassenkinder zum Krankenhaus gebracht oder einfach Medikamente mitgebracht. Wir haben durch verschiedene Shelters verschiedene Kinder kennengelernt und durch solche Aktionen ihr Vertrauen gewonnen. Das dritte Problem war die Kriminalität in der Stadt. Ich und Jacqueline mit unserem Equipment waren ein gefundenes Fressen für einige Desperadoes. Wir mußten am Ende doch einen Bodyguard anstellen da wir öfters in sehr verwegene Gegenden drehen mußten.

2010sdafrika-Redaktion: Wie kam er vor allem beim deutschen Publikum an?

Antwort: Der Film hat hier einige Reaktionen hervorgerufen. Durch das Internet und einige Vorführungen wollten viele Zuschauer etwas unternehmen. Es kamen Fragen wie man sich sinnvoll in Südafrika für die Kinder einsetzen könnte. Andere wollten nur spenden. Die Frage war wohin und für was?? Leider haben wir nie einen Verleih gefunden und unser Vertrieb hat sich nur um Verkäufe ins Ausland gekümmert. Nach der Ausstrahlung im ZDF haben wir eine Flut von E-Mails bekommen. Die Spendenanfragen haben wir an das Archiv für Strassenkinder weitergeleitet und das gesammelte Geld (immerhin DM 40.000,00) wurde an die Organisationen die wir kennen verteilt.

2010sdafrika-Redaktion: Welche Resonanz entfaltete „Hillbrow Kids“ in Südafrika?

Antwort: In Südafrika hat es eine Premiere gegeben, die wir organisiert haben, der sehr gut besucht war. Eine Presseaufmerksamkeit führte dazu, dass das Leid der Strassenkinder für ein paar Wochen sehr thematisiert wurde. Das südafrikanische Fernsehen, Mnet, hat die Rechte dann gekauft und inzwischen ein paar Mal ausgestrahlt. Wir hatten durch diese Ausstrahlungen auch sehr viel Resonanz und Angebote, den Kinder zu helfen. Allerdings öfters auf der Adoptionsschiene, was wir nicht unterstützen und auch nicht befürworten.

2010sdafrika-Redaktion: Planen Sie in Zukunft eine weitere Dokumenation über und in Südafrika, eventuell mit Jacqueline Görgen?

Antwort: Wir haben danach einen Film zusammengemacht, der über eine andere Gruppe handelte, die wir während der Arbeit kennengelernt haben. Der Film hiess „Schlangen im Feuer“ und lief auf 3Sat. Andere Projekte sind leider nicht zustande gekommen.

2010sdafrika-Redaktion: Verfolgen Sie weiterhin die soziogesellschaftliche Entwicklung in Johannesburg?

Antwort: Ja, natürlich.

2010sdafrika-Redaktion: Wie bewerten Sie die Ausrichtung der WM in einem gefährlichen Land wie Südafrika, zumal sich Experten hierüber uneinig sind?

Antwort: Naja, ich glaube dass die WM einem Land schon eine Menge ökonomischen Impetus geben kann. Nur wer profitiert davon?? Ich glaube nicht die Leute, die es brauchen. Es werden sicherlich ein paar Reiche reicher gemacht und der Rest wird sich wundern, was mit diesen wahnsinnigen Sportpalästen nach der WM passieren wird. Aber immerhin, besonders während der Vorbereitungsphase der WM, haben sicherlich sehr viel mehr Menschen Arbeit gehabt und konnten, wenn auch nur für eine kurze Zeit, ihren Lebensstandard  erhöhen.

Was die Gefährlichkeit anbetrifft, naja, es hat sich ja gezeigt: Viele Stadien waren leer. Karten mußten ganz billig an Einheimische weiterverkauft werden, damit die Stadien nicht so leer aussahen. Ich glaube der Ruf das Landes hat schon einigenpotentielle Zuschauer aus dem Ausland abgeturnt.

2010sdafrika-Redaktion: Wir bedanken uns bei Michael Hammon – Kameramann, Regisseur  und Filmdozent aus Potsdam – für dieses interessante Interview.

Simbabwer in Südafrika

Flüchtlinge im Dreieck zwischen Illegalität, Ablehnung und Hoffnung

(Autor: Martin Hiebsch)

Von dem Land am Kap geht aufgrund seiner Fortschrittlichkeit eine besondere Anziehungskraft aus. Die Menschen jener afrikanischen Länder, die von autoritären Systemen, Armut und Rückständigkeit geprägt sind, möchten einen Anteil am vermeintlichen Wohlstand haben. Die Anziehungskraft führte zu einer massiven Einwanderungswelle nach Südafrika, die wiederum Probleme und Ablehnung im Land mit sich brachte. Heute leben geschätzte fünf Millionen ausländische Afrikaner in Südafrika, davon allein ca. drei Millionen aus dem Nachbarland Simbabwe.

© Südafrika, die Heimat von 5 Millionen afrikanischen Flüchtlingen (Quelle: Bongani Nkosi, MediaClubSouthAfrica.com)

Vor allem nach den Wahlen in Simbabwe im Jahr 2008, kam zu einer erneuten Flüchtlingswelle verzweifelter Menschen die im Nachbarland Südafrika Schutz vor der politischen Verfolgung im eigenen Land suchten. Der Human Rights Watch-Mitarbeiter Gerry Simpson schätzte die Lage damals so ein: „Wir trafen Menschen, die vor einem Albtraum geflohen waren und in Südafrika auf Ablehnung stießen, Simbabwer bekamen weder Arbeitserlaubnis noch Unterkunft. Viele waren HIV-positiv, hatten aber keinen Zugang zu medizinischer Versorgung. Sie lebten unter erschütternden Bedingungen.

Die Flüchtlinge aus Simbabwe sahen sich in den Folgemonaten nicht nur derart desaströsen Lebensbedingungen, sondern ebenso einer zunehmenden Fremdenfeindlichkeit im Land am Kap ausgesetzt. In Südafrika gibt es vor allem zwei Gründe für die Fremdenfeindlichkeit gegenüber „schwarzer“ nicht-Südafrikaner. Zum Ersten verbreiten viele Ministerien, Parlamentarier und Mitglieder der Polizei die Meinung, dass Südafrika durch eine Welle illegaler Einwanderer überflutet wird. Ihrer Meinung nach gefährdet diese die Stabilität des Landes und die der Entwicklungsprogramme der Regierung. Statistiken belegen die Vorwürfe jedoch nicht. Zum Zweiten hält sich in Südafrika der Diskurs über den eigenen Sonderweg, welcher bereits zu Zeiten der Apartheid konstruiert wurde. Die Idee, nach der das Land zwar in Afrika liegt, aber eine Sonderrolle spielt, wird auch vom ANC vertreten. Anders als die übrigen Länder auf dem „schwarzen“ Kontinent, sieht sich die regierende Elite als industrialisiert, demokratisch und fortgeschritten. Der ANC hat es versäumt einen Nationalismus zu konstruieren, der seine Wurzeln wieder in Afrika hat. Der ehemalige Innenminister Buthelezi vertrat 1998 öffentlich folgende Meinung: „Wenn wir Südafrikaner mit Millionen Fremder, die Südafrika überschwemmen, in Konkurrenz um knappe Ressourcen kommen, dann können wir unserem Aufbau- und Entwicklungsprogramm Lebewohl sagen.“ Eine Studie von 2006 belegt, dass zwei Drittel der befragten Südafrikaner die Auffassung vertreten, dass Ausländer Ressourcen wie Wasser, Strom und Gesundheitsdienstleistungen verbrauchen, die eigentlich für sie gedacht seien. Ebenfalls zwei Drittel waren davon überzeugt, Ausländer seien kriminell, und etwa die Hälfte (49 Prozent) glaubte, Ausländer brächten Krankheiten wie HIV nach Südafrika.

Die staatlichen Institutionen haben die Gewalt gegenüber „Fremden“ zwar nie angeordnet und verurteilen sie auch immer wieder, dennoch wurde durch die Politik der Beschuldigung und des Wegsehens eine Umgebung geschaffen, in der fremdenfeindliche Gewalt als staatlich legitimiert angesehen wird.

© Südafrikanische Polizei (SAPS), für Simbabwer Risiko und Sicherheit zugleich (Quelle: Bongani Nkosi, MediaClubSouthAfrica.com)

Ausländerfeindliche Übergriffe in Südafrika sind kein neues Phänomen. Bereits Mitte der neunziger Jahre war es in verschiedenen Landesteilen zu schweren Angriffen auf Ausländer gekommen. In der Nacht zum 12. Mai 2008 fanden sie ihren bisherigen Höhepunkt. In Alexandra, einem der ältesten Townships von Johannesburg, begann eine bis dahin kaum vorstellbare Welle der Gewalt. Aus anfänglich harmlosen Versammlungen in denen über Kriminalität und einen zunehmenden Ausländeranteil debattiert wurden, entstand ein wütender Mob von Männern und Frauen, welcher im Folgenden auf der Suche nach Ausländern durch Alexandra zog.

Die Gewalt schwappte daraufhin auf andere Stadtteile von Johannesburg und später auf viele weitere südafrikanische Städte über. Mehr als 60 Menschen starben, Hunderte wurden verletzt und Tausende begannen eine verzweifelte Flucht auf Polizeireviere und staatliche Institutionen. Ziel der Angriffe waren überwiegend Simbabwer, die vor der politischen Gewalt und dem wirtschaftlichen Zusammenbruch in ihrer Heimat ins Nachbarland geflohen waren. Zwar gab es Ausschreitungen gegen Ausländer schon vorher, in dieser Form waren sie jedoch noch nicht bekannt. Ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen sagte, die Gewalt war extrem. Einige Opfer seien in Brand gesteckt, andere mit Stöcken und Knüppeln totgeschlagen worden Einer der Beteiligten sagte zu Journalisten: „Wir warten seit 1994 darauf, dass die Regierung ihre Versprechen hält. Ich lebe immer noch in einer Wellblechhütte, stattdessen bekommen die Ausländer die Sozialwohnungen. Jetzt sagen wir der Regierung mit dieser Botschaft: Es reicht.“ Für die meisten der nicht-nationalen Südafrikaner bedeuteten diese Ereignisse eine kaum vorstellbare Rückkehr in die Normalität und ein Leben in Angst.

Die südafrikanische Regierung ist aufgrund ihrer Haltung und Politik gegenüber von Flüchtlingen aus seinen Nachbarländern von vielen Seiten kritisiert wurden. Aufgrund eines Berichts von Human Rights Watch und dem ausgeübten Druck des UN-Hochkommissars für Flüchtlinge (UNHCR) kündigte die südafrikanische Regierung im April 2009 an, sie werde Sondergenehmigungen ausgeben, die simbabwischen Flüchtlingen erlauben, sechs bis zwölf Monate legal in Südafrika zu bleiben. Damit wurden bis zu 1,5 Millionen Menschen, wenn auch nur vorübergehend, von der Angst vor Gewalt, Verhaftung und Abschiebung befreit. Flüchtlinge können mit der neuen Regelung legal arbeiten, ihre Kinder zur Schule schicken und haben Anspruch auf grundlegende medizinische Versorgung.

Ob eine kurzfristige Regelung den Menschen aus Simbabwe langfristig helfen kann ist mehr als fraglich. Zwar kann der „illegale Status“ für einige beseitigt werden, für viele der Flüchtlinge ist das jedoch nur eine vorübergehende Lösung ohne Perspektive und mit einer späteren unweigerlichen Rückkehr in Heimatland verbunden. Langfristig kann die südafrikanische Regierung diesen Menschen nur helfen, wenn sie ihren Druck auf das Regime von Mugabe in Simbabwe erhöht und so für eine allgemein bessere Lage dort sorgen kann.

Julius Malema – Alb(Traum) für Südafrika?!

„Do you know who I am? Do you know what I can do?“

(Autor: Ghassan Abid)

Die US-Depeschen zu Südafrika beschäftigten sich ausführlich mit den ANC-Spitzenpolitikern Thabo Mbeki und Jacob Zuma, letzterer aktueller Präsident der Republik Südafrika (2010sdafrika-Redaktion berichtete hierzu am 15. Dezember 2010). Nun ist bekannt geworden, dass Julius Malema – aktueller Präsident der Jugend-Regierungspartei ANCYL – ebenfalls im Fokus der US-Diplomatie stand und steht.

Julius Malema konnte in vielerlei Hinsicht meist negativ von sich Reden machen. Nicht nur das öffentliche Vortragen von einstigen Anti-Apartheids-Lieder wie „Kill the Boer“ (zu Deutsch: Tötet die (holländischstämmigen/ weißen) Buren) sorgte für viel Unruhe in der Regenbogennation, sondern auch der filmreife Rauswurf eines BBC-Journalisten aus einer Johannesburger ANC-Pressekonferenz verbunden mit den Beschimpfungen „bloody agent“ und „bastard“ (siehe Video), die frauenverachtenden Slogans, der überzogene Lebensstil ungeachtet der immensen Armut im Lande, die Zustimmung für die desaströse Landenteignungspolitik des simbabwischen Präsidenten Robert Mugabe´s oder der Ruf nach einer Verstaatlichung der südafrikanischen Bergwerkindustrie.


© Logo von WikiLeaks

All dies sind im Großen und Ganzen Erkenntnisse, die mehr Unbehagen als Freude auslösen dürften. Womöglich insbesondere dieser verbalen und radikalen Bekenntnisse zählt Julius Malema seit Längerem zu den Who´s Who der südafrikanischen Politik. Dies weiß auch die US-Botschaft Pretoria, ersichtlich aus einer von WikiLeaks veröffentlichten Depesche vom 5. November 2009. Demnach besteht ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis zwischen Jacob Zuma und Julius Malema. Einerseits machte sich Malema für Zuma als vierten Präsidenten der Post-Südafrika-Ära stark, andererseits unterstützt Zuma den in der Provinz Limpopo geborenen Malema als Präsidenten des ANCYL: „… however, it is becoming clearer that President Jacob Zuma respects Malema and his place within the movement“.

Vor allem die mediale Berichterstattung um Malema verfolgte die US-Botschaft mit großer Aufmerksamkeit. Neben seinen Hassreden und juristischen Konfrontationen, fanden auch die ihm nachgesagten Alkohol- und Sexparties im Norden Johannesburgs eine protokollarische Beachtung. Höhepunkt seiner verbalen Entgleisung dürfte seine Aussage aus dem Jahr 2006 sein, wonach das vermeintliche Vergewaltigungsopfer von Jacob Zuma, so Malema, während des sexuellen Missbrauchs eine „schöne Zeit gehabt hatte“:

„He has also been in the news for doing questionable things such as hosting wild parties in northern Johannesburg that reportedly rage late into the evening and are fueled by alcohol and sex. Moreover, Malema has been involved in several court cases in front of the Equality Court. Most recently, a judge on November 2 delayed a case in the Court in which Malema is accused of hate speech. Malema earlier this year told an election rally that the woman who accused Zuma of rape in 2006 „had a nice time.“

Überraschend sind jedoch die Umstände hinsichtlich des Vorfalls an der University of the Free State von 2007, wonach vier weiße Studenten in Mahlzeiten uriniert und diese dann schwarzen Angestellten der Bildungseinrichtung zum Verspeisen überreicht hatten. Diese skandalösen Begebenheiten wurden auf Video festgehalten und lösten in der Öffentlichkeit erheblichen Protest aus. Als der Kanzler der Hochschule, Jonathan Jansen, alle vier Studenten trotz der Rassismusanschuldigungen den Wiedereintritt in den Hochschulbetrieb ermöglichen wollte, forderte die ANCYL inklusive Malema die sofortige Entlassung des Kanzlers sowie die grundsätzliche Möglichkeit einer Hinrichtung all jener Personen, die sämtliche Formen von Rassismus in Südafrika dulden bzw. verzeihen würden. Nach einem Treffen zwischen dem ANCYL-Präsidenten und dem Kanzler der University of the Free State nahm Malema seine Forderung nach einer Bestrafung zurück. Ganz im Gegenteil – der Jungpolitiker des ANC gab Jansen volle Rückendeckung. Er „ist einer uns uns“ und ein „Symbol der Transformation“, begründete Malema seinen Sinneswandel. Bis zum heutigen Tage bleiben die genauen Hintergründe des Gespräches unklar.

Darüberhinaus ist das arrogante und größenwahnsinnige Verhalten Malema´s im Straßenverkehr oder bei der Abhaltung von Parties durch die US-Botschaft aufgegriffen worden. Als der Jungpolitiker infolge einer Raserei durch Verkehrspolizisten gestoppt worden ist, leitete Malema über offizielle und inoffizielle Kanäle eine Disziplinarmaßnahme gegen die beteiligten Beamten ein:

„On October 14, Malema was reportedly stopped for speeding on the road between Polokwane and Seshego. When his vehicle was pulled over, the ANC Youth League President is said to have berated traffic officials and asked, „Do you know who I am?“ Malema then called numerous senior ANC and government officials and instructed them to discipline the traffic officers. A general manager for traffic was ultimately called to the scene and the following day he asked traffic officials to write letters describing how „they mistreated the youth leader.“

Klar ist, dass Julius Malema unbestritten zu einer politischen Größe in der südafrikanischen Politik geworden ist und sich einer sehr großen öffentlichen Popularität bedienen kann. Unklar bleibt allerdings, wie stark die Unterstützung Jacob Zuma´s für die „Bulldogge des ANC“, wie Malema zynischerweise auch genannt wird, tatsächlich ist. In fast allen Vorfällen des ANCYL-Präsidenten, so die US-Botschaft Pretoria, äußerte sich der Präsident keines Wortes:

„Clearly, Malema is a force in South African politics … Zuma’s only comment regarding these issues may have been when he declared publicly on October 26 that Malema is a „good leader worthy of inheriting the ANC.“


2010sdafrika-Artikel über US-Depeschen zu Thabo Mbeki und Jacob Zuma:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2010/12/15/wikileaks-veroffentlicht-berichte-sudafrikanischer-us-vertretungen/

„The Guardian“ über Julius Malema:

http://www.guardian.co.uk/world/2010/dec/08/wikileaks-cables-julius-malema-ancyl?intcmp=239

WikiLeaks: US-Depesche über Julius Malema vom 5. November 2009:

http://213.251.145.96/cable/2009/11/09PRETORIA2263.html

Südafrika als ethnisches Pulverfass?

Weiße (Ultranationalisten) mobilisieren zunehmend gegen das Südafrika à la ANC

(Autor: Ghassan Abid)

Südafrika soll sich zu einer Regenbogennation entwickeln, so die Wunschvorstellung des anglikanischen Erzbischofes und Friedensnobelpreisträgers Demond Tutu. Dieses Projekt erweist sich vom heutigen Standpunkt aus in Anbetracht der bisherigen gesellschaftspolitischen Erfolge weiterhin als vorstellbar: Bürgerliche Freiheits- und Grundrechte für Jedermann, Einbindung damaliger benachteiligter Bevökerungsgruppen zu Apartheidzeiten im Politischen System des demokratischen Südafrikas, langsam fortschreitender Wohlstand und andere Errungenschaften.

Jedoch blieb ein wichtiger Aspekt zum „Nation-Building“ bisweilen aus – der unmittelbare Dialog miteinander und nicht wie bisher übereinander. Damit gemeint ist die Gesprächbereitschaft von Weiß mit Schwarz, Coloured mit Indern oder als Post-Apartheid-Novum, der Kontakt von Schwarzen mit jenen Schwarzen, die als Arbeitsmigranten aus Nachbarstaaten wie Mosambik, Simbabwe oder Lesotho nach Südafrika kamen. Unvergessen sind ebenso die innersüdafrikanischen Kämpfe zwischen Mitgliedern der Regierungspartei ANC und der Inkatha Freedom Party, welche bei den Parlamentswahlen im Jahre 2009 im Osten des Landes erneut aufflammten. Es soll zum Ausdruck gebracht werden, dass neben den „big challenges“ wie HIV/AIDS, Mord, Vergewaltigung, Korruption und extreme Armut, auch die Herausforderung des Nation-Buildungs – dem Heranwachsen einer gemeinsamen Identität aller südafrikanischer Ethnien – nicht wie gegenwärtig aus den Augen verloren werden darf.

Konsequenz dieser verschlafenen Dialogförderung konnte jüngst über die Osterfeiertage beobachtet werden, als der Führer der rechtsextremen Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB), Eugène Terre’Blanche, auf seiner Farm in Ventersdorp von zwei seiner schwarzen Angestellten wegen ausbleibender Lohnzahlungen erschlagen worden ist. Die Mitglieder der AWB weisen die Schuld für diese Straftat unmittelbar dem ANC zu. Tatsächlich ist es in der Vergangenheit laut Erkenntnissen der BBC seit 1994 zu über 3.000 Morden an weißen Farmer gekommen. Auch hat der Präsident der Jugendorganisation ANC Youth League, Julius Malema, eine Rüge vorm Obersten Gericht des Landes erhalten, wonach er nicht mehr das Lied „Kill the Boer“ (sinngemäß übersetzt: Tötet die holländischstämmigen Farmer) in der Öffentlichkeit vorzutragen hat.

© Presidency erkennt gefährliche Lage

Ungeachtet der besonnenen Reaktionen auf der politischen Ebene, bedarf es in Südafrika einem umfassenden politischen Dialog aller Ethnien, welcher „miteinander“ zu erfolgen hat. Denn immer mehr weiße Südafrikaner nähern sich radikalen Vorstellungen an oder kehren ihrer Heimat den Rücken (Phänomen auch als „brain drain“ bezeichnet). Allein bei Facebook, dem größten globalen Social Network, ist zu entnehmen, dass die Mitgliedschaft in rassistischen Gruppen rapide im Anstieg  und seit dem Mord an den AWB-Führer teilweise sogar sprunghaft explodiert ist.  Allein in der Gruppe „In Memory of our leader Eugene Terre’Blanche“ (zu Deutsch: In Gedenken an unseren Führer Eugene Terre´Blanche) fanden sich bereits innerhalb weniger Tage schon fast 3.000 User zusammen, in welcher Stimmung gegen den ANC gemacht, der Rassist Terre´Blanche mit Jesus Christus gleichgesetzt und Ideologien aus der Apartheid vertreten werden.

Eine Institution, wie die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) in Deutschland, könnte auch in Südafrika als richtungsweisendes Organ zum Dialog gegründet werden und diesbezügliche Informationen zur Implementierung einer Regenbogennation für Schulen und Gesellschaft kostenfrei zur Verfügung stellen. Denn die politische Bildung  in der jungen afrikanischen Demokratie erweist sich in punkto Versöhnung notwendiger denn je. Andernfalls wird die vergangene Apartheid als ideologisches Unrecht zunehmend seinen Platz in der Gegenwart wiederfinden.

Präsident Jacob Zuma verurteilt Mord an AWB-Führer:

http://www.thepresidency.gov.za/show.asp?include=president/pr/2010/pr04031258.htm&ID=2050&type=pr

Präsident Jacob Zuma betont Besonnenheit und Zusammengehörigkeitsgefühl:

http://www.thepresidency.gov.za/show.asp?include=president/pr/2010/pr04041456.htm&ID=2051&type=pr

BBC-Artikel zu Julius Malema:

http://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/8603048.stm

Terre´Blanche-Profilanalyse des Al Jazeera Channels:

http://english.aljazeera.net/news/africa/2010/04/201044125732809976.html

Facebook-Gruppe zum Gedenken an den AWB-Führer:

http://www.facebook.com/home.php#!/group.php?gid=111635918856368&v=wall&ref=search

Frauentag in Südafrika als Fass ohne Boden

Sexismus, Missbrauch und Gewalt dominieren den Alltag vieler Frauen

(Autor: Ghassan Abid)

Südafrika ist ein naturreiches und gastfreundliches Land. Dieses Bild bietet sich Touristen aus aller Welt an, sofern man sich nicht jenseits der wundervollen Kulissen begibt und bereit ist, die Schattenseiten der jungen Demokratie im südlichen Afrika zur Kenntnis zu nehmen.

Dieser Spiegel der Trauer, Angst und Aggressivität ergreift in seiner vollen Kraft insbesondere Frauen mit schwarzer Hautfarbe. Infolge der Apartheidspolitik und der damit verbundenen Exklusion der dunkelhäutigen Mehrheitsgesellschaft vom nationalen Bildungssystem, dominieren inhumane Wertvorstellungen und soziale Missstände den Alltag von Millionen Südafrikanerinnen. In den Townships ist diese missliche Lage besonders stark zu beobachten.

Anlässlich des Weltfrauentages am 08. März 2010 ist festzuhalten, dass das schwächere Geschlecht noch einen langen Weg hinsichtlich von Gleichstellung und Gleichberechtigung beschreiten muss. Zahlreiche Frauen müssen sich alleinerziehend um den Haushalt kümmern – besser gesagt die Existenz der gesamten Familie gewährleisten. Bei 613.900 Toten in Südafrika, allein für das Jahr 2009 wohlgemerkt, stirbt die Mehrheit der Männer an der Immunschwächekrankheit HIV/AIDS, an Morden und Verkehrsunfällen. Neben dieser immensen Verantwortung für sich und die eigenen Kinder besteht stets die Gefahr eines sexuellen Missbrauchs und einer häuslichen Gewalt. Die Statistik beziffert Grauenhaftes:

– Alle zehn Minuten wird eine Frau in Südafrika vergewaltigt

– Pro Tag fallen 150 Menschen (v.a. Frauen) einer Vergewaltigung zum Opfer

– 50 Prozent der Frauen werden im Verlauf ihres Lebens zum Opfer

– 30 Prozent der Jugendlichen hatten ihren ersten Sex mittels Vergewaltigung

– Pro Jahr werden offiziell 55.000 solcher Sexualdelikte registriert, nach anderen Angaben tendiert die Dunkelziffer sogar zwischen 1 bis 2 Millionen

– 16 Prozent der Männer glauben, dass Frauen ihre Vergewaltigung genießen

– von 25 gefassten Vergewaltigern kommen 24 wieder frei

Es kann festgehalten werden, dass der erzwungene Sex in Südafrika gegenüber einer Frau gesellschaftlich normiert und akzeptiert ist. Ferner befördert der Aberglaube hinsichtlich einer HIV-Heilung infolge eines Geschlechtsverkehrs mit einer Jungfrau, welche in weiten Teilen das Landes existent ist, diesen Prozess (siehe 2010sdafrika-Artikel auf politlounge mit Titel „Medizinmänner und Aberglaube in Südafrika„).

Auch der derzeitige Präsident Jacob Zuma konnte in der Vergangenheit als Vergewaltiger einer AIDS-Aktivistin von sich reden machen, der hiervon freigesprochen wurde. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von nur 43 Jahren kann das kurze Leben dieser Frauen einer Hölle auf Erden gleichkommen. Insbesondere ist die Gefahr einer Infektion beim gewaltsamen Akt mit HIV vor allem in Südafrika mit einer hohen Wahrscheinlichkeit verknüpft. Ein Leben im Jenseits kommt bei dieser geringen Lebenserwartung – wenn man es so zynisch formulieren darf – einem Segen, wenn nicht gar einer Erlösung gleich.

Gegenwärtig ist keine positive Entwicklung auf der politischen Ebene zu erkennen, jedoch bedienen sich immer mehr Frauen der „Lebensdroge“ Selbstbewusstsein, um für sich und für ihre Kinder einstehen und jeden Tag aufs Neue  durchsetzen zu können. Immer mehr Frauen suchen die Möglichkeit hinsichtlich einer Partizipation in einer Bürgerbewegung oder NGO auf, um dieses durch Männer verursachte frauenfeindliche Phänomen gegenzusteuern. „To hope the best and to plan the worst„, ein Grundsatz der in Südafrika aktueller ist denn je.

© Frauen in Südafrika zwischen Pessimismus und Hoffnung

Bericht der NGO ActionAid zur Vergewaltigungslage in Südafrika:

http://www.actionaid.org/docs/correctiveraperep_final.pdf

BBC-Artikel zu Sexualdelikten:

http://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/492669.stm

DER SPIEGEL-Artikel zu Missbrauchsstatistiken in Südafrika:

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,632612,00.html