Schlagwort-Archive: Elena Beis

Tag der internationalen Pressefreiheit

Südafrikas Demokratie bröckelt: Ein Gesetz bedroht den investigativen Journalismus

(Autor: Ghassan Abid)

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte zum heutigen Tag der internationalen Pressefreiheit mehr Schutz von Journalisten bei der Ausübung ihrer Berichterstattung. Einschüchterungen, juristische Maßnahmen und sogar Ermordungen sind nach wie vor in vielen Regionen der Welt allgegenwärtig. Südafrikas Regierung steht in den jüngsten Jahren unter der scharfen Kritik nationaler und internationaler Journalisten, die Pressefreiheit aushöhlen zu wollen. Die Zuma-Regierung sucht die Konfrontation mit der kritischen Presse.

© Die Pressefreiheit in Südafrika ist gefährdet. "Reporter ohne Grenzen" stufte Südafrika bereits um 10 Plätze auf den 52. Rang ab. Das Gesetz "Protection of Information Bill" steht kurz vor seiner Inkraftsetzung. Die Regierung versucht, so die Kritiker aus Medien, Opposition und Zivilgesellschaft, die Aufdeckung weiterer Korruptionsskandale zu erschweren. (Quelle: flickr/ Zanthia)

© Die Pressefreiheit in Südafrika ist gefährdet. „Reporter ohne Grenzen“ stufte Südafrika bereits um 10 Plätze auf den 52. Rang ab. Das Gesetz „Protection of Information Bill“ steht kurz vor seiner Inkraftsetzung. Die Regierung versucht, so die Kritiker aus Medien, Opposition und Zivilgesellschaft, die Aufdeckung weiterer Korruptionsskandale zu erschweren. (Quelle: flickr/ Zanthia)

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Buchkritik Elena Beis: Südafrika 151

Südafrika als Land der Widersprüche, Faszination und außergewöhnlichen Erlebnisse

(Autor: Ghassan Abid)

Jeder der mal in Südafrika war, ist vom Land entweder positiv oder negativ angetan. Die Einen verlieben sich auf der Stelle in Land und Leute, während die Anderen das Kapland mit einer negativen Wahrnehmung verknüpfen. Die in Köln geborene Dauerreisende Elena Beis, die seit 2005 freiberuflich für mehrere Medien zum Land Südafrika schreibt, geht in ihrem aktuellsten Buch „Südafrika 151“ diesem Paradoxon auf den Grund. Als Resultat dessen entstand ein Lesestoff mit 151 Momentaufnahmen.

© Buchcover von "Südafrika 151 - Portrait einer sich wandelnden Nation in 151 Momentaufnahmen".

© Buchcover von „Südafrika 151 – Portrait einer sich wandelnden Nation in 151 Momentaufnahmen“.

Im Portrait „Der Traum“ wird ein Mädchen beschrieben, welches die Bewegungen einer Libelle mit großer Neugierde beobachtet. Das Insekt, das als „Wesen des Himmels“ umschrieben wird, animiert das Mädchen zu eigenen flugartigen Bewegungen. Nicht nur am Einfangen der Libelle scheitert das Kind, sondern auch am Hinaufsteigen in die Höhe. Im Abbild „Widersprüchlichkeit“ eröffnet die Autorin bei Erläuterung der europäischen Seeweghistorie zum Kap die beiden konträren Gesichter Kapstadts. Während das „Kap des Untergangs“ von Elendsvierteln östlich der Stadt geprägt ist, dominiert beim „Kap der Hoffnung“ die Schönheit der Sommerabende. Der Tafelberg, mit dem diese Metropole in Verbindung gebracht wird, legt sich wie eine schützende und warme Hand über seine Bewohner. Hingegen werden im Portrait „Nelson Mandela“ die verschiedenen Lebensabschnitte dieses Idols – Königssohn, Hirte, Freiheitskämpfer, Häftling, Präsident, Anti-AIDS-Aktivist und Tata (Vater der Nation) – präzise gekennzeichnet.

Südafrika ist tatsächlich kein klassisches afrikanisches Land, falls eine solche Beschaffenheit überhaupt vorhanden ist. Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Regenbogennation ließen und lassen deutliche Gegensätze erkennen. Sofern man sich der exemplarischen Tatsache bewusst wird, dass neben der modernen Medizin des Westens auch die der traditionellen Medizinmänner, die der Sangomas, als parallel existierende Gesundheitssysteme von Patienten aufgesucht werden, dann versteht man die gesellschaftliche Sonderbarkeit dieser Region.

Elena Beis gelingt die Mammutaufgabe, Südafrika aus verschiedenen Perspektiven heraus zu beleuchten und vorzustellen. Eindrucksstarke Bilder, unterhaltsame Anekdoten und interessante Einblicke in die einzelnen Bevölkerungsgruppen machen Südafrika 151 zu einer absolut lesenswerten Lektüre! Jedes der 151 Momentaufnahmen entführt den Leser peu à peu in eine Welt, die zwischen Leidenschaft und Ernüchterung pendelt. Wer das Buch nicht liest, der verpasst was.

Elena Beis: Südafrika 151 – Portrait einer sich wandelnden Nation in 151 Momentaufnahmen. Conbook Verlag, Meerbusch 2012, ca. 300 Seiten, 14,95 Euro, erscheint 10/2012.

Journalisten zum Abschuss freigegeben

ANC schafft ein großes Stück Demokratie ab

(Autor: Ghassan Abid)

In dieser Woche hat das südafrikanische Parlament dem sog. „Protection of State Information Bill“ zugestimmt. Mit den Stimmen der Abgeordneten von der Regierungspartei ANC kann die Veröffentlichung von als vertraulich eingestuften Dokumenten grundsätzlich unter Strafe gestellt werden. 229 Abgeordnete stimmten dem Einschnitt der Pressefreiheit zu, während sich 107 Parlamentarier dem nicht anschlossen. 35 weitere Volksvertreter erschienen erst gar nicht zur Sitzung. Insgesamt gehören der National Assembly rund 400 Mitglieder an.

© Regierung in Pretoria baut Demokratie ab; Journalisten im Visier des ANC

Dies bedeutet, dass sich Journalisten beim Publizieren von Geheimakten nach Kapitel 11 des Gesetzes strafbar machen, auch wenn diese Fälle wie Korruption, Misswirtschaft oder Steuerverschwendung aufdecken würden. Allein für den Empfang von Dokumenten mit der Geheimhaltungsstufe „Streng Geheim“ drohen beispielsweise nach Kapitel 11 Absatz 37 des Protection Bill bis zu 25 Jahre Haft.

Die größte Oppositionspartei, die Democratic Alliance (DA) unter der Parteivorsitzenden Helen Zille, hält den Tag der Abstimmung vom 22. November 2011 als einen „schwarzen Tag“ fest, welcher historisch betrachtet eines Tages als negativer Wendepunkt in die Geschichte des Landes eingehen wird. Nach Ansicht der DA liegt eine Zensurpolitik vor, welche zuletzt zu Apartheidszeiten existierte. Vor allem Journalistenverbände und große Teile der Zivilgesellschaft sehen sich in ihren Freiheitsrechten verletzt. Die Chefredakteure der größten Medien des Landes sprachen sich bereits in der Vergangenheit mit einem Offenen Brief gegen die Pläne der Regierung aus.

Zwar ist der Gesetzesentwurf seit dem März 2010 mehrfach geändert worden, doch bleibt der Wesensgehalt im Grunde genommen unverändert. Human Rights Watch (HRW) zeigt sich darüber enttäuscht, dass die Regierung von Jacob Zuma die Bedenken der Bevölkerung nicht ausreichend berücksichtigt hat. Denn dieser müsste noch umfangreich geändert werden, so HRW. Auch die Konrad-Adenauer-Stiftung hält in ihrem Länderbericht vom 23.11.2011 fest, dass die Pressefreiheit auf diesem Wege massiv eingeschränkt wird.

Nun muss noch die Länderkammer Südafrikas, der National Council of Provinces (NCOP) dem Protection of State Information Bill zustimmen, doch dessen positive Entscheidung wird von politischen Analysten nicht bezweifelt, da diese Kammer ebenfalls vom ANC dominiert ist. Journalistenverbände und Gewerkschaften befürchten nun einen Rückschritt in der Demokratisierung Südafrikas.

„SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ widmete sich bereits in der Vergangenheit dieser Materie und besprach diese Policy mit Pro- und Kontra-Anhängern. Die freie Südafrika-Redakteurin der taz, Elena Beis, bewertet die Lage als „sehr beunruhigend„. „Schon die Idee, in einer Demokratie, ein Gesetz vorzuschlagen, das vorsieht, dass Journalisten, die „sensible Informationen“ veröffentlichen (wobei Politiker willkürlich selbst festlegen können, was „sensibel“ ist), mit bis zu 25 Jahren Haft bestraft werden, finde ich absurd – geschweige denn, tatsächlich darüber im Parlament zu beraten.„, so die Journalistin und Buchautorin. ANC-Funktionär Theunisen Andrews hingegen bewertet das Gesetz als positiv, da die Medien bewusst falsche Informationen veröffentlicht hätten, um den African National Congress in Misskredit zu bringen.

Fakt ist, dass dem investigativem Journalismus nun harte Zeiten bevorstehen. Der für den Geheimdienst Secret Service Agency (SSA) zuständige Minister, Siyabonga Cwele, hat das Gesetz bereits begrüßt.

Nach der WM-Euphorie droht die Presseregulierung

Im Interview mit Silke Sandkoetter, Journalistin und Bloggerin

(Autor: Ghassan Abid)

© Silke Sandkoetter, Journalistin und Bloggerin

© Silke Sandkoetter, Journalistin und Bloggerin

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen bei „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Frau Silke Sandkoetter, Journalistin, Bloggerin und Web 2.0-Interessierte aus Leidenschaft. Vor Kurzem hielten Sie sich in Kapstadt auf um der Frage nachzugehen, was von der Fußball-WM in Südafrika eigentlich übrig geblieben ist. Am 05. Dezember 2010 erschien ein von Ihnen verfasster Artikel in der Wochenpost, der verschiedene Gespräche mit Südafrikanern zum Inhalt hatte.

Frau Sandkoetter, ist die einstige Euphorie im Gastland knapp 6 Monate nach dem Ende der WM überhaupt noch spürbar gewesen?

Antwort: Die Euphorie war meines Erachtens nicht mehr spürbar. Der Stolz und die Begeisterung der Südafrikaner, eines der größten Sportereignisse der Welt ausgerichtet zu haben, waren jedoch allgegenwärtig.

2010sdafrika-Redaktion: Südafrika verfügt nun über gewaltige Stadien, die für viel Geld und viele Fans gebaut wurden. In Kapstadt steht das Green Point Stadium, welches für 70.000 WM-Begeisterte vom Hamburger Architekturbüro gmp konzipiert wurde und rund 180 Mio. Euro an Kosten veranschlagt hat. Macht sich das „White Elephant“, wie das Stadium von den Kapstädtern auch gerne bezeichnet wird, nun nach einer fehlenden Kapazitätsauslastung nicht selber überflüssig? Denn in Südkorea wurde beispielsweise eine WM-Arena aufgrund mangelnder Nutzungsauslastung bereits abgerissen.

Antwort: Südafrika verfügt meines Erachtens heute über mehrere „weiße Elefanten“, wie die leerstehenden Stadien genannt werden. Die FIFA hat in Südafrika die Größe dieser Stadien diktiert. Ob eine Stadt sich das Stadion leisten kann und was damit nach der WM passiert, wurde dabei nicht berücksichtigt. Die Stadien sind für Fußballspiele der Premier Soccer League völlig überdimensioniert. Wir haben das in der Redaktion einmal ausgerechnet: Ajax Cape Town hat beispielsweise in vier Spielen durchschnittlich 12.400 Zuschauer angelockt. Die gehen natürlich in so einem Stadion verloren. Ich weiß nicht, ob es alternative Konzepte für die Nutzung dieser Stadien gibt. Fakt ist, dass die Instandhaltung sicher Unsummen verschlingen wird. Geld, das in Südafrika sicher besser eingesetzt werden könnte.

© Innenansicht des Green Point Stadions, 70.000 Zuschauerplätze (Quelle: Rodger Bosch/ MediaClubSouthAfrica.com)

2010sdafrika-Redaktion: Imagegewinne kommen vor allem dem südafrikanischen Tourismussektor zugute, welches im Großen und Ganzen unbestritten ist und Sie in Ihrem Artikel ebenfalls zutreffend festgehalten haben. Allerdings ist der tatsächliche fiskalische Sieger des weltweit größten Events ausschließlich die FIFA, bedingt durch die ungleichen Vertragsbedingungen zwischen dem Weltfußballverband und dem Austragungsland Südafrika. Finden Sie auch nicht, dass hinsichtlich der Vergabe und Durchführung einer Weltmeisterschaft eine grundlegende Strukturreform der FIFA unter Joseph S. Blatter als notwendig und überfällig erscheint?

Antwort: Die jüngsten FIFA-Skandale zeigen, dass eine Strukturreform mehr als notwendig ist. Die FIFA ist der mächtigste Verband der Welt und die Verträge sind knallhart, das ist hinlänglich bekannt. Ein kleines Beispiel: Ich habe mit einigen Straßenverkäufern in Kapstadt gesprochen. Die durften ihre Produkte während der WM ein paar hundert Meter rund um das Stadion nicht verkaufen. Dort waren nur offizielle FIFA-Produkte zugelassen. Und das wurde auch kontrolliert. Straßenverkäufer, die versucht haben, Speisen vor dem Stadion zu verkaufen, wurden von der Polizei vertrieben, weil es Verträge mit großen Sponsoren gibt. Das ist – in meinen Augen – ein Unding. Südafrika dürfte finanziell kaum von den Einnahmen der WM profitiert haben. Die FIFA hingegen hat dank der Verträge ein fettes Plus gemacht.

Unbestritten ist natürlich auf der anderen Seite der Imagegewinn für Südafrika, der in Geld kaum aufzuwiegen ist. Nichtsdestotrotz, um auf die Frage zurückzukommen, ist eine Strukturreform der FIFA meines Erachtens überfällig. Und ich bin der Meinung, es werden nach den jüngsten Skandalen auch immer mehr Stimmen laut, die das fordern.

2010sdafrika-Redaktion: 2006 fand die WM in Deutschland und 2010 bekanntlich in Südafrika statt. Wo sehen Sie persönlich Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei beiden Völkern hinsichtlich der Wahrnehmung der WM als nationale Errungenschaft?

Antwort: Ich glaube, das Gefühl der Zusammengehörigkeit war in beiden Ländern während der WM riesig. In Südafrika haben mir die Menschen immer wieder erzählt, wie sie diese „neue“ Gemeinsamkeit in ihrem Land erlebt haben. Viele Menschen empfanden den Umgang zwischen schwarzen und weißen Südafrikanern während der WM als selbstverständlicher. Gemeinsam wurde die „Bafana, Bafana“ angefeuert.

Dieses „Gemeinsamkeitsgefühl“ gab es – ähnlich – während der WM auch in Deutschland. Davon ist, in Fußballzeiten, vielleicht sogar durch Public Viewing etwas übrig geblieben. Ich glaube, sowohl die Südafrikaner als auch die Deutschen waren stolz, dass die WM in ihrem Land eine so gigantische und positive Party war.

2010sdafrika-Redaktion: Südafrika ist im Hinblick auf den afrikanischen Kontinent ein wirklich außergewöhnliches Land und zugleich die Wirtschaftslokomotive des südlichen Afrikas. Welche Eigenschaften verbinden Sie nach Ihrem Aufenthalt im Kapland mit Südafrika und wird es Sie demnächst erneut nach Südafrika verschlagen?

Antwort: Eine Eigenschaft, die mir besonders aufgefallen ist, ist der unglaubliche Stolz der Südafrikaner auf ihr Land. Egal, mit wem man spricht, die Menschen berichten voller Stolz über ihr Land. Abgesehen davon ist die Freundlichkeit der Menschen eine Eigenschaft, die mir sehr positiv aufgefallen ist. Südafrika und seine Menschen haben mich wirklich fasziniert. Das Land ist voller Kontraste und ohne Frage sechs Monate nach der WM wieder auf dem harten Boden der Wirklichkeit gelandet: Korruption, Massenarmut und Kriminalität sind Alltag. Dennoch sind viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, von ihrem Land überzeugt und glauben an eine positive Zukunft. Diese Aufbruchstimmung ist meines Erachtens überall spürbar. Ich werde auf jeden Fall in Kürze wieder hinreisen.

2010sdafrika-Redaktion: In Blogger- und Journalistenkreisen, ob in Deutschland oder in Südafrika, werden Aspekte wie Meinungs- und Pressefreiheit heiß diskutiert – unter anderem bedingt durch die brisanten WikiLeaks-Veröffentlichungen in diesen Wochen. Sehen Sie grundsätzlich die Gefahr, dass der Informationsfluss in der digitalen Welt in naher Zukunft durch staatliche Institutionen „reguliert“ werden könnte?

Antwort: Eine sehr komplexe Frage, die sich nicht in ein zwei Sätzen beantworten lässt. Fakt ist, Pressefreiheit ist eine der wichtigsten Grundlagen der Demokratie. Ich denke, dass es gut und wichtig ist, dass Themen wie Wikileaks für Diskussionen über diese Pressefreiheit sorgen. Es gibt – auch in Deutschland – immer wieder Versuche, im Internet etwas zu „regulieren“. Das sorgt sofort für viele Auseinandersetzungen. Als Journalistin bin ich überzeugt, dass die Meinungsfreiheit immer wieder verteidigt werden muss und man wachsam mit diesem Thema umgehen muss. In Deutschland ist die Pressefreiheit meines Erachtens weniger durch den Staat bedroht, das ist durch unsere Gesetze klar geregelt. Aus diesem Grund habe ich auch keine Sorgen, dass der Informationsfluss hier in naher Zukunft durch staatliche Institutionen reguliert werden könnte. Ich habe eher das Gefühl, dass wir in Deutschland momentan eine neue Meinungs- und Diskussionsfreiheit entwickeln. Stuttgart 21, Castortransporte usw. bringen etliche tausend Menschen auf die Straße und sorgen – auch in Internet-Foren – für eine neue Streitkultur.

Mit Blick auf Südafrika stimmt mich das Thema Medienregulierung allerdings ziemlich nachdenklich. Präsident Zuma hat kurz nach der WM verkündet, dass Medien reguliert werden müssen. Die ANC-Regierung möchte ein Medientribunal, das direkt dem Parlament unterstellt ist, um die Presse zu kontrollieren. Das ist das Ende einer jeden Demokratie. Es gibt, wie ich gelesen habe, allerdings viel Widerstand gegen dieses Gesetz. Zivilgesellschaft und Medien haben eine Diskussion darüber entfacht, die öffentlich ausgetragen wird. Das ist gut so. Die Diskussion über die Regulierung der Pressefreiheit ist leider völlig kontraproduktiv für den positiven WM-Imagegewinn Südafrikas.

2010sdafrika-Redaktion: Silke Sandkoetter, Journalistin und Bloggerin aus dem Ruhrgebiet. Vielen Dank für das Interview!


2010sdafrika-Interview mit Elena Beis, u.a. Freie Südafrika-Korrespondentin der TAZ, zur Pressefreiheit in Südafrika:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2010/12/08/freie-sudafrika-korrespondentin-u-a-fur-taz-im-gesprach/

2010sdafrika-Artikel zur Pressefreiheit in Südafrika:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2010/09/02/pressefreiheit-in-gefahr-freedom-of-press-in-danger/

Freie Südafrika-Korrespondentin im Gespräch

Elena Beis zur Notwendigkeit der Pressefreiheit für eine junge Demokratie

(Autor: Ghassan Abid)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen bei „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Elena Beis – Buchautorin, Journalistin und Südafrika-Kennerin. Frau Beis, schon 1997 waren Sie das erste Mal in Südafrika und gegenwärtig leben Sie in Kapstadt. Was unterscheidet das Südafrika von 2010 mit dem von 1997?

© Elena Beis (Quelle: Louis Vorster)

Antwort: Ich habe 1997 ein sehr gespaltenes Land kennengelernt. Ich erinnere mich, dass an einem Strand in Kapstadt ausschließlich Weiße und an einem anderen ausschließlich Schwarze gebadet haben – und das drei Jahre nach Abschaffung der Apartheid. Schwarze Arbeiter haben ihre weißen Arbeitgeber nicht in die Augen geschaut. Mir kamen viele schwarze Südafrikaner unglaublich eingeschüchtert vor. Generell habe ich den Umgang zwischen den unterschiedlichen kulturellen Gruppen des Landes als extrem gezwungen und unentspannt empfunden.

Unter weißen Südafrikaner herrschte damals sehr, sehr große Angst und Unsicherheit, was aus dem Land werden würde. Das hat sich mittlerweile verändert – der Umgang zwischen weiß und schwarz ist sehr viel selbstverständlicher geworden, vor allem in den Städten. Die große Angst und Unsicherheit hat sich gelegt. Südafrika hat mit vielen Problemen zu kämpfen, und einige weiße Südafrikaner befürchten immer noch, dass das Land von korrupten Politikern in simbabwische Verhältnisse heruntergewirtschaftet werden könnte, aber die Mehrheit der Südafrikaner sieht das Potential des Landes, steht hinter dem Land und seiner Buntheit und ist bereit, Südafrika weiter aufzubauen.

Wenn man 1997 durch die Straßen gegangen ist, hatte man das Gefühl, die Menschen wissen noch nicht so recht, was sie mit ihrer neugewonnenen Freiheit anfangen können. Diese zurückhaltende, unsichere – teils beklemmende – Atmosphäre der Mitt-Neunziger ist einer intensiven Lebendigkeit gewichen. Das ganze Land ist sehr viel selbstbewusster geworden.

2010sdafrika-Redaktion: Sie schreiben für verschiedene Medien aus Deutschland und Südafrika. Für die TAZ haben Sie im August dieses Jahres einen Artikel zur Pressefreiheit in Südafrika verfasst, wonach die ANC-Regierung mit dem „Protection of Information Bill“ – auch Secrecy Bill genannt – die Berichterstattung im Lande grundlegend regulieren möchte (siehe 2010sdafrika-Artikel vom 02. September 2010).  Wie bewerten Sie die aktuelle Entwicklung und das mögliche Inkrafttreten des Gesetzes im Hinblick auf Ihre journalistische Arbeit?

Antwort: Ich finde die Diskussion um die „Protection of Information Bill“ und das „Media Appeals Tribunal“ – die zwei vom ANC, der südafrikanischen Regierungspartei, anvisierten Gesetzesvorschläge, die Medieninhalte und Journalisten in Südafrika stark reglementieren und einschränken würden –  sehr beunruhigend. Schon die Idee, in einer Demokratie, ein Gesetz vorzuschlagen, das vorsieht, dass Journalisten, die „sensible Informationen“ veröffentlichen (wobei Politiker willkürlich selbst festlegen können, was „sensibel“ ist), mit bis zu 25 Jahren Haft bestraft werden, finde ich absurd – geschweige denn, tatsächlich darüber im Parlament zu beraten.

Man muss allerdings auch erwähnen, dass es in dem ganzen Prozess ein paar positive Überraschungen gab. Einige hochrangige ANC-Politiker wie der Vizepräsident des Landes, Kgalema Motlanthe, haben sich gegen die Gesetze ausgesprochen – es scheint also auch verantwortungsbewusste Regierungspolitiker zu geben, die nicht auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, sondern die Gefahren erkennen, die mit einer Einschränkung der Pressefreiheit einhergehen. Außerdem sind die rege Diskussion und der starke Widerstand gegen diese Gesetze in Südafrika bereits ein positives Zeichen für das Land und das junge Demokratiebewusstsein hier.

Im Augenblick sehe ich meine Arbeit durch die „Protection of Information Bill“ und das „Media Appeals Tribunal“ weder gefährdet, noch eingeschränkt. Sollten diese Gesetze tatsächlich vom Parlament verabschiedet werden, wären vor allem die südafrikanischen Enthüllungsjournalisten davon betroffen, die jede Woche neue Korruptionsskandale ans Licht bringen.

2010sdafrika-Redaktion: Im Western Cape, in welcher auch Kapstadt liegt, ist der ANC relativ schwach aufgestellt. Das Western Cape ist die einzige von neun Provinzen, in welcher der ANC nicht in Regierungsverantwortung ist und die Oppositionspartei Democratic Alliance (DA) die Macht über diese Provinz ( = Bundesland) übernehmen konnte.  Wie erklären Sie sich diese starke Stellung der DA unter Helen Zille in dieser Provinz?

Antwort: Südafrika ist eine junge Demokratie mit einer Geschichte, die von Machtkämpfen, Kriegen und der forcierten Abgrenzung der ethnischen Gruppen voneinander geprägt ist. Die Wähler tendieren daher dazu, entlang ethnischer Linien zu wählen. Schwarze Südafrikaner wählen vornehmlich den ANC und weiße die Oppositionspartei Democratic Alliance, die die deutschstämmige Helen Zille leitet – und die aufgrund ihrer mehrheitlich weißen Mitglieder bisher als „Weißenpartei“ wahrgenommen wurde.

Farbige Südafrikaner – die sogenannten Coloureds gemischter Abstammung, die in der Provinz Western Cape die Mehrheit bilden – haben früher mehrheitlich für den ANC gewählt. Aufgrund unerlöster Wahlversprechen und dem Eindruck, dass der ANC sie ihren schwarzen Mitbürgern gegenüber benachteiligt, wenden sie sich zunehmend der Democratic Alliance zu.  Helen Zille hat ihre Macht vor allem ihrer wachsenden Popularität bei den farbigen Wählern zu verdanken. 2009 konnte ihre Partei die absolute Mehrheit im Western Cape erringen – das wäre noch vor fünf Jahren unvorstellbar gewesen. Dieses Jahr (2010) hat die DA sogar im Township Gugulethu die Lokalwahlen gewonnen, wo ausschließlich Schwarze leben, was zeigt, das auch die schwarzen Wähler anfangen, den übermächtigen ANC angesichts grassierender Korruption und schlechter Staatsleistungen für die Armen abzustrafen. Schwarze Südafrikaner fühlen sich dem ANC traditionell sehr verbunden und verpflichtet –  schließlich war es die Befreiungspartei, die sie aus der Apartheid und Unterdrückung herausgeführt hat.

Die Provinz Western Cape ist übrigens die einzige südafrikanische Provinz, in der Farbige und nicht Schwarze die Mehrheit bilden. Da nur 8% aller Südafrikaner weiß sind, beeinflussen ihre Präferenzen die Wahlergebnisse eher wenig.

© Buchcover von "Fettnäpfchenführer Südafrika"

© Buchcover von „Fettnäpfchenführer Südafrika“

2010sdafrika-Redaktion: Ebenfalls sind Sie Buchautorin. In Ihrem Buch „Fettnäpfchenführer Südafrika: My name is not sisi. Kulturkollision x 11“ (das Buch wird demnächst bei uns rezensiert) klären Sie Ihre Leser anhand eines fiktiven deutschen Paares, welches Südafrika bereist, über dortige „GOs“ und „NO GOs“ auf. Können Sie uns jeweils ein GO- und NO GO-Beispiel benennen?

Antwort: Man sollte immer einen freundlichen und höflichen Umgangston wahren,  auch wenn man genervt ist. Eine forsch-direkte Art, wie sie bei uns in Deutschland durchaus akzeptabel ist, wirkt auf Südafrikaner oftmals offensiv. Ein No GO wäre einen südafrikanischen Braai (Grill) als „barbeque“ zu bezeichnen, ein Rugby-Spiel als American Football, oder einen Afrikaaner (Buren) gar als Holländer.

2010sdafrika-Redaktion: Man geht bei deutschen Behörden davon aus, dass sich ca. 100.000 Deutsche in Südafrika befinden sowie 1 Million Deutschstämmige. Inwieweit spielen Deutsche sowie Deutschstämmige eine Rolle im Alltagsleben des kosmopolitischen Kapstadts?

Antwort: Deutsche sind sehr präsent im Kapstädter Alltag. Nach Englisch und den unterschiedlichen afrikanischen Sprachen, die hier gesprochen werden, ist deutsch die meistgehörte Sprache. Es gibt deutsche Bäckereien, eine Biergarten mit deutschem Bier und einen deutsche Metzger, was dem Heimweh hier ein bisschen entgegenwirkt.  Zu den offiziell ca. 25.000 einheimischen Deutschen in Kapstadt, kommen jedes Jahr mindestens weitere 25.000 deutsche Touristen zu Besuch.

Es gibt auch unheimlich viele deutschstämmige bzw. halb-deutschstämmige Südafrikaner. Die meisten davon sprechen allerdings gar nicht, oder nur sehr wenig Deutsch – sie sind in der Regel hier geboren und aufgewachsen und sehen sich in erster Linie als Südafrikaner.

2010sdafrika-Redaktion: Welche persönlichen Träume würden Sie noch gerne verwirklichen?

Antwort: Ich möchte noch sehr viel mehr von Afrika sehen, sehr viel mehr unterschiedliche Realitäten und Perspektiven kennenlernen – und sehr viel mehr darüber schreiben.

2010sdafrika-Redaktion: Elena Beis, Korrespondentin der taz in Südafrika und Buchautorin, vielen Dank für das wirklich sehr interessante Interview!

taz-Blog von Elena Beis:

http://blogs.taz.de/sa-clash/