Schlagwort-Archive: Erziehung

Schönste Frau der Welt kommt aus Südafrika

22-jährige Medizinstudentin Rolene Strauss gewinnt Miss World-Wahlen: Ich bin Nelson Mandela dankbar

(Autor: Ghassan Abid)

Die diesjährige schönste Frau der Welt studiert Medizin, ist 22 Jahre alt und kommt aus Südafrika. Rolene Strauss, die die Bedeutung der Familie für den Einzelnen hervorhebt, setzte sich heute Abend beim Miss World-Contest in London gegen 120 Kontrahentinnen durch. Auf den zweiten und dritten Plätzen landeten Edina Kulcsar aus Ungarn und Elizabeth Safrit aus den USA.

Rolene Strauss

© Rolene Strauss ist die schönste Frau der Welt. Die 22-jährige Medizinstudentin und ist nun die dritte Vertreterin aus Südafrika, die die Miss World-Wahlen gewonnen hat. (Quelle: Facebook/ Miss World – South Africa)

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Long Live Nelson Mandela!

Ein Gastbeitrag von Dieter W. Haller, deutscher Botschafter in der Republik Südafrika von 2007-2011

(Ein Exklusiv-Artikel des Diplomaten Dieter W. Haller)

– MANDELA-Spezial –

© Dieter W. Haller befindet sich zurzeit in Johannesburg und nahm als Privatperson an den Trauerfeierlichkeiten von Nelson Mandela teil. Der Diplomat war von 2007 bis 2011 Deutschlands Botschafter in der Republik Südafrika. Für die Redaktion von "SÜDAFRIKA - Land der Kontraste" verfasste Haller einen Exklusiv-Gastbeitrag zu Madiba. (Quelle: Auswärtiges Amt)

© Dieter W. Haller befindet sich zurzeit in Johannesburg und nahm als Privatperson an den Trauerfeierlichkeiten von Nelson Mandela teil. Der Diplomat war von 2007 bis 2011 Deutschlands Botschafter in der Republik Südafrika. Für die Redaktion von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ verfasste Haller einen Exklusiv-Gastbeitrag zu Madiba. (Quelle: Auswärtiges Amt)

Südafrika trauert und die ganze Welt trauert mit. Wir alle spüren: Hier geht ein einmaliger Mensch, ein ganz „Großer“ des 20. und 21. Jahrhunderts.

Überwältigende Beischeidenheit, feste Hartnäckigkeit, visonärer Pragmatismus, vor allem aber sein unbändiger Sinn für Gerechtigkeit und Versöhnung werden unauslöschlich mit Mandela verbunden bleiben. Mit dieser Haltung hat er dem so lange gespaltenen und zerrissenen Land am Kap Einheit und Freiheit gebracht. Er hat damit auch den Weg für eine gedeihliche Entwicklung auf dem ganzen afrikanischen Kontinent geebnet.

Mandelas Humanismus werden für immer Vermächtnis und Auftrag an die Nachgeborenen bleiben.

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Ethnologin Dr. Rita Schäfer im Interview

„Die sexualisierte Gewalt ist Teil der Gewaltstrukturen in der südafrikanischen Gesellschaft.“

(Autor: Ghassan Abid)

© Dr. Rita Schäfer, Ethnologin und Buchautorin (Quelle: Stephan Röhl/ Heinrich-Böll-Stiftung)

© Dr. Rita Schäfer, Ethnologin und Buchautorin (Quelle: Stephan Röhl/ Heinrich-Böll-Stiftung)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ die Ethnologin und Buchautorin Dr. Rita Schäfer. Frau Dr. Schäfer, Südafrika hat die höchste Vergewaltigungsrate weltweit. Wie kommt es zu dieser traurigen Entwicklung und welche Faktoren sind hierfür maßgeblich?

Antwort: Die sexualisierte Gewalt ist Teil der Gewaltstrukturen in der südafrikanischen Gesellschaft. Geschlechtsspezifische Gewalt spiegelt und manifestiert männliche Dominanzen im privaten und öffentlichen Leben. Sie äußert sich gegen Frauen und Mädchen, aber auch gegen Jungen und Männer. Zudem sind homosexuelle Menschen Zielgruppe der Gewaltakteure, die Homosexualität als Angriff auf ihre martialischen und besitzergreifenden Männlichkeitsbilder interpretieren. Die Täter bestätigen ihre maskuline Übermacht – gelegentlich geschieht dies kollektiv durch Gruppenvergewaltigungen, die das männliche Zusammengehörigkeitsgefühl verstärken sollen. Etliche Täter kompensieren Verunsicherungen ihrer männlichen Rollen- und Selbstbilder durch die Demütigung ihrer Opfer.

Insgesamt gilt Gewalt als Mittel der Interessendurchsetzung und als Machtbeweis, das betrifft keineswegs nur die geschlechtsspezifische Gewalt. Diese Gewaltakzeptanz wurde aus der Apartheid und der Kolonialzeit übernommen. Die männlichen Machthaber und deren Handlanger in der Siedlerkolonie und im Apartheidstaat setzten massiv sexualisierte, andere körperliche und strukturelle Gewalt zur Eroberung, Herrschaftsabsicherung, Demütigung und Einschüchterung ein.

2010sdafrika-Redaktion: Gibt es Unterschiede bei der Anwendung von Gewalt an Frauen im Hinblick auf die Perioden Südafrikas während und nach der Apartheid?

Antwort: Geschlechtsspezifische und andere Gewaltmuster ziehen sich durch die südafrikanische (Kolonial)Geschichte. Sie wurden während der Apartheid intensiviert und zum politischen Unterdrückungs- und Demütigungsinstrument, etwa bei Folterungen von Frauen und Männern in Untersuchungshaft. Die Gewaltmuster reichen aber viel weiter zurück. So müssen die rassistischen und sexistischen Strukturen in der Siedlerkolonie und in der Sklavenhaltergesellschaft sowie das besitzergreifende und gewaltbereite Verhalten vieler weißer Farmer (und deren Söhne) berücksichtigt werden. Neben Vergewaltigungen und sexuellem Missbrauch von Sklavinnen und Farmarbeiterinnen, Hausangestellten und Kindermädchen sind Auspeitschungen männlicher Sklaven, Farmarbeiter und schwarzer bzw. „Coloured“-Angestellter zu nennen.

Geschlechtsspezifische Gewalt gegen diese männlichen Untergebenen ist in Relation zur „black peril“ zu sehen, zur paranoiden Angst zahlloser Weißer, die männlichen schwarzen Angestellten könnten ihre Frauen oder Töchter verführen. Faktisch kam das kaum vor, weil weiße Frauen mehrheitlich auch rassistisch eingestellt waren und die schwarzen Untergebenen oft demütigend behandelten. Dies betraf keineswegs nur die „poor whites“ im 20. Jahrhundert. Die südafrikanische Geschichtswissenschaft hat anhand zahlreicher Quellen, die Gewaltstrukturen und rassistische Umgangsformen dokumentieren, diese Zusammenhänge im Detail für einzelne Jahrhunderte und Zeitphasen analysiert. Kritische südafrikanische Kriminologen zeigten schon während der Apartheid auf, dass Gewalt auch in weißen Familien verbreitet war. Das betraf Gewalt gegen Ehefrauen und Kindesmissbrauch. Frauen- und Familienmorde wurden vor allem dann von Männern verübt, wenn ihre Ehefrauen sie verlassen oder sich scheiden lassen wollten. Geschlechtsspezifische Gewaltmuster und martialische Männlichkeitsvorstellungen in der weißen Gesellschaft wurden während der Apartheid auch in Schulen, in der Armee und in anderen Institutionen eingeübt, so war die Gewalt in der Privatsphäre der Weißen Bestandteil und Ausdruck der Militarisierung der gesamten Gesellschaft.

Familiäre Gewalt in anderen gesellschaftlichen Gruppen ist während der Apartheid bzw. in der Kolonialzeit kaum dokumentiert, da die Betroffenen nicht zur Polizei gingen. Sie erhielten dort mehrheitlich keine Unterstützung und fürchteten, erneut gedemütigt zu werden. Sie wollten auch nicht den Kampf gegen die Apartheid verraten – so lautete eine verbreitete Einstellung, wenn sie die sozialen Probleme in der schwarzen Gesellschaft publik gemacht hätten. Noch heute werden schwarze Frauen von ANC-Hardlinern angefeindet, die auf die historischen Hintergründe der gegenwärtigen Gewaltstrukturen hinweisen. Dies betrifft vor allem das Problem, dass schwarze Wanderarbeiter häusliche Gewalt einsetzten, um ihre eigenen Demütigungen als Männer zu kompensieren. Für viele war die Verfügung über die Ehefrauen und Kinder das einzige männliche Machtrefugium, das ihnen der Apartheidstaat bzw. dessen Vertreter noch überließ. Familiäre Gewalt rechtfertigten sie dann mit sehr einseitigen und eigenwilligen Interpretationen von Kultur und Tradition. Frauen- und Kinderorganisationen z.B. in Townships, die heute dagegen vorgehen, haben in der Gesellschaft einen schweren Stand, weil arbeits- und perspektivlose Männer, die unreflektiert gewaltsame Rollenmuster verinnerlicht haben, um ihre Machtdomänen fürchten und die Organisationen mit Argwohn betrachten.

© Männliche Rollen- und Selbstbilder, die vor allem gegen Frauen und Homosexuelle gerichtet sind, stellen ein Problem im Lande dar. (Quelle: Hannelie Coetzee/ MediaClubSouthAfrica.com)

© Männliche Rollen- und Selbstbilder, die vor allem gegen Frauen und Homosexuelle gerichtet sind, stellen ein Problem im Lande dar. (Quelle: Hannelie Coetzee/ MediaClubSouthAfrica.com)

2010sdafrika-Redaktion: Die südafrikanische Sektion der US-amerikanischen NGO CIET Trust befragte 2008 insgesamt 269.705 Schüler zwischen 10 bis 19 Jahren an 1191 Schulen im Lande. Jeweils 28 Prozent der Schüler wurden nach eigenen Angaben von fremden Erwachsenen, 28 Prozent von Mitschülern und 18 Prozent von Familienangehörigen missbraucht. Hinzu kommt, dass 20 Prozent der Schüler von den eigenen Lehrern zu Sexualakten genötigt wurden.

Ist der sexuelle Missbrauch von Kindern – vor allem von Mädchen – in Südafrika salonfähig geworden? Und wo besteht Ihrer Meinung nach Handlungsbedarf auf der Seite des Staates?

© Vor allem Mädchen werden zur fraglosen Autoritätshörigkeit gegenüber Männern erzogen. Konsequenz dieser Wertvorstellung sind Schwangerschaften, HIV-Infektionen und eine Bagatellisierung von sexueller Gewalt. (Graeme Williams/ MediaClubSouthAfrica.com)

Antwort: Sexualisierte Gewalt gegen Kinder, insbesondere gegen Mädchen, gibt es nicht erst seit 1994. Vielmehr war diese Gewaltform Teil der besitzergreifenden Männlichkeitsvorstellungen, die lange vor der Apartheid etabliert wurden. Für viele Männer sind diese Strukturen normativ, wie Studien ganz unterschiedlicher südafrikanischer Forschungseinrichtungen belegen. Der bagatellisierende Umgang mit sexuellem Missbrauch durch Lehrer spiegelt verbreitete Einstellungen in Gesellschaft und Politik gegenüber Kindern, (besitzergreifender) Sexualität und Gewalt. Männer in Autoritätspositionen sollten nicht kritisiert werden. Vor allem Mädchen werden zur fraglosen Autoritätshörigkeit gegenüber Männern erzogen; eine fatale Norm, wenn man and die Ausbreitung von HIV und die zahlreichen ungewollten Teenagerschwangerschaften denkt. Auch die negative Vorbildfunktion der Lehrer für männliche Schüler ist zu beachten. Jungen übernehmen das besitzergreifende Sexualverhalten ihrer Lehrer, vor allem wenn die keine Strafverfolgung – höchstens Versetzungen – fürchten müssen. Hier müssten die staatlichen Institutionen auf jeden Fall mehr tun. Einzelne Lehrergewerkschaften haben sich inzwischen gegen die Gewalt ausgesprochen. Zu hoffen ist, das ihre Mitglieder sich daran halten. Auch zivilgesellschaftliche Organisationen, die Opfern helfen und präventiv arbeiten, bräuchten mehr und kontinuierlichere Unterstützung.

2010sdafrika-Redaktion: Von April 2000 bis Oktober 2003 arbeiteten Sie an einem Forschungsprojekt an der Freien Universität Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Ute Luig mit. Die Analyse von Frauenrechtsorganisationen in Südafrika stand im Mittelpunkt dieses Vorhabens. Zu welchen Resultaten sind Sie hierbei gekommen?

Antwort: Die Resultate können Interessierte im Buch: Im Schatten der Apartheid, Lit-Verlag, Münster, 2. Auflage 2008 im Detail nachlesen.

2010sdafrika-Redaktion: Die im südafrikanischen Durban ansässige NGO Bobbi Bear bemängelt, dass männliche Zulu-Anhänger [Hinweis der 2010sdafrika-Redaktion: Zulus stellen eine eigene Ethnie im südlichen Afrika dar] die Aufdeckung von Missbrauchsfällen (un-)bewusst behindern. Inwieweit sind die Frauenrechtsorganisationen miteinander vernetzt und aufeinander abgestimmt?

Antwort: Ob und seit wann die Zulu eine Ethnie sind und wer Zulu-sprechende Menschen zu einer Ethnie „gemacht“ hat, darüber gibt es große Meinungsverschiedenheiten in der (südafrikanischen) Sozialanthropologie, Geschichte und in anderen Wissenschaften. Die Bedeutung von martialischer und besitzergreifender Männlichkeit in der Zulu-Gesellschaft muss historisiert werden; das betrifft auch die Gewaltakzeptanz. Dazu sind etliche Studien südafrikanischer Historiker erschienen. Frauen- und Kinderorganisationen, die Opfern helfen und präventiv arbeiten, sind soweit vernetzt, wie ihre finanziellen und personellen Mittel das erlauben. Staatliche Gelder und finanzielle Unterstützung durch internationale und andere Geberorganisationen sind gering, werden nur kurzfristig bereit gestellt und an enggefasste Verwendungszwecke gebunden. Die Geber übersehen oft die Bedeutung von Vernetzung.

2010sdafrika-Redaktion: Wie kam es dazu, dass Sie sich mit Frauenrechtsorganisationen in Südafrika befassten?

Antwort: Mich haben die Beiträge der Organisationen zur Verwirklichung der neuen Verfassung und der innovativen Rechts- und Gesetzesgrundlagen interessiert.

2010sdafrika-Redaktion: Was verstehen Sie unter dem Begriff „Feminismus“ und welche Differenzierung machen Sie, wenn Sie von einem „Afrikanischen Feminismus“ sprechen?

Antwort: Es gibt eine differenzierte Debatte in der südafrikanischen und afrikanischen Geschlechterforschung über den Feminismusbegriff, die in der Fachliteratur nachgelesen werden kann. Deutlich ist, dass viele südafrikanische Autoren/innen die historisch geprägten Unterschiede zwischen Frauen auf der Grundlage von Hautfarbe, Herkunft, Beruf und Bildung stärker berücksichtigen als anderswo. Gleichzeitig historisieren sie die heutigen geschlechtsspezifischen Gewaltmuster und verlangen die Überwindung gewaltgeprägter Männlichkeit – auch zum Wohle der Männer, der ganzen Familien und der Gesellschaft. Etliche schließen – soweit die Mittel das erlauben – Allianzen mit pro-feministischen HIV/AIDS-, Kinderrechts-, Männer- und Menschenrechtsorganisationen, die oft ähnlich wie sie von ideologischen Fanatikern unterschiedlicher Herkunft als „unafrikanisch“ angefeindet werden. Sie wehren sich dagegen, afrikanischen Feminismus als Import aus den USA oder Europa zu sehen.

2010sdafrika-Redaktion: Welche persönlichen Träume und wissenschaftlichen Vorhaben würden Sie gerne realisieren, vor allem im Hinblick auf Südafrika?

Antwort: Mir war und ist der Dialog mit südafrikanischen Kollegen/innen ein Anliegen. Wünschenswert wäre es, wenn die Forschungsergebnisse, die südafrikanische Kollegen/innen publiziert haben, stärker in der hiesigen Auseinandersetzung mit Südafrika wahrgenommen würden. Das betrifft nicht nur die Wissenschaft, z.B. Universitätsbibliotheken oder Institute, sondern auch politische Berater und Entwicklungsorganisationen. Zudem sollten die Organisationen, die gegen die geschlechtsspezifische Gewalt in Südafrika vorgehen, mehr Beachtung und Unterstützung erfahren. Das wäre insbesondere für Organisationen wünschenswert, die präventiv arbeiten und gewaltgeprägte Männlichkeitsvorstellungen ändern. Dadurch sorgen sie für mehr Lebensqualität von Männern, die bekanntlich auch in großer Zahl durch AIDS oder Morde sterben, und für eine gerechtere und friedlichere Gesellschaft. Vorbildlich ist beispielsweise das Sonke Gender Justice Network.

2010sdafrika-Redaktion: Dr. Rita Schäfer, Ethnologin, vielen Dank für das sehr interessante Interview.

Kap-Kolumne: Wann sagt die Jugend – Es reicht!

Schüler zwischen Aufstand gegen die Apartheid und Bildungsnotstand im Neuen Südafrika.

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Am 16. Juni, am heutigen Tage, gedenkt Südafrika des Schüleraufstandes in Soweto 1976. Erinnern wir uns: Das Diktat des weißen Apartheid-Regimes, Afrikaans als Unterrichts- und Prüfungssprache an allen schwarzen Schulen einzuführen, war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Der Apartheidstaat verschärfte damit die so genannte Bantu-Erziehung („Bantu Education“), deren erklärtes Ziel es war, die schwarze Mehrheit in Südafrika auf ewig als Knechte und Mägde der weißen Herren(rasse) zu erhalten. Einer der Architekten des Apartheid-Systems, Hendrik Frensch Verwoerd, stellte in den fünfziger Jahren zynisch fest, den Schwarzen könne nur so viel Wissen zugemutet werden, wie sie „als Holzsammler und Wasserträger“ benötigten.

© Der landesweite Bildungsnotstand stellt ein großes Problem für die Entwicklung des Landes dar. Die Jugend im Neuen Südafrika könnte infolge der Perspektivlosigkeit den Aufstand gegen die Regierung proben. Es ist allgemeines Wissen, dass Schüler die Grundschulen verlassen, ohne wirklich lesen, schreiben oder rechnen zu können. Die Bildungsmisere verursacht verherrende Gefahren für die Demokratie am Kap: Armut, Arbeitslosigkeit oder Kriminalität.

© Der landesweite Bildungsnotstand stellt ein großes Problem für die Entwicklung des Landes dar. Die Jugend im Neuen Südafrika könnte infolge der Perspektivlosigkeit den Aufstand gegen die Regierung proben. Es ist allgemeines Wissen, dass Schüler die Grundschulen verlassen, ohne wirklich lesen, schreiben oder rechnen zu können. Die Bildungsmisere verursacht verherrende Gefahren für die Demokratie am Kap: Armut, Arbeitslosigkeit oder Kriminalität.

Vor sechsunddreißig Jahren also sagte die Jugend Südafrikas: Es reicht! Und der Apartheidstaat erklärte dieser Jugend den Krieg. Das erste Opfer, Hector Petersen, ging in die Annalen der Weltgeschichte ein. Abertausende Tote, Verletzte, Gefolterte folgten ihm. Die Protagonisten des Apartheidsystems verloren am Ende ihre politische Macht. Südafrika ist heute eine konstitutionelle Demokratie, frei vom staatlich verordneten Rassismus, alle Bürger und Bürgerinnen sind vor dem Gesetz gleich.

Hat damit die schwarze Jugend ihren Kampf um Freiheit, um eine gleiche und bessere Bildung gewonnen? Diese Frage darf gestellt werden, angesichts der täglichen Misere an den Schulen. Diese Misere zeigt sich in vielerlei Symptomen. Nehmen wir Beispiele aus der Provinz Limpopo, wo ich als Freiwilliger in einem Kinderprojekt tätig bin. In Limpopo blieben die meisten Schulen bis sechs Monate nach Beginn des Schuljahres 2012 ohne Schulbücher, wegen Unfähigkeit der Schulbehörden. Dieser Skandal beschäftigt die nationalen Medien und nun auch die Gerichte. Lehrkräfte sind schlecht ausgebildet, kommen häufig nicht zur Arbeit. Ich höre die Klagen von Schülerinnen und Schülern, dass sie „heute mal wieder ein paar Schulstunden ohne Lehrer“ in der Klasse verbracht haben. Es ist allgemeines Wissen, dass die Schüler und Schülerinnen die Grundschulen verlassen, ohne wirklich lesen, schreiben oder rechnen zu können. Und das setzt sich munter in der Oberschule fort. Jeder Pädagoge weiß, wenn die Grundlagen nicht gelegt sind, kann der Unterricht noch so gut sein, das Ergebnis wird im besten Falle mager ausfallen. Die Liste der Mängel ist lang.

Das in Limpopo erlebte ist leider ein landesweiter Zustand, um nicht zu sagen ein nationaler Bildungsnotstand. An zu geringen staatlichen Mitteln für die Bildung liegt das nicht. Und doch ist es keine Seltenheit, dass Angestellte des Staates wie Lehrer, Polizisten, Sozialarbeiter, höhere Beamte Nebengeschäften nachgehen. Frei nach dem Motto: Die unternehmerische Initiative ergreifen, beispielsweise bei staatlichen Ausschreibungen mitmischen. „Tenderpreneurship“ heißt das hier. Der Traum vom großen Geld ohne Maloche von „8 to 6“ ist eben eine starke Versuchung.

Soweto-Schüleraufstand von 1976 in Bildern

Die Misere im Bildungswesen Südafrikas steht im krassen Widerspruch zu den hehren Zielen der Befreiungsbewegung und auch zur Verfassung. Kein geringerer als Nelson Mandela hat der Jugend immer wieder eingehämmert, Bildung ist der Schlüssel zur Freiheit, zur Teilhabe am Aufbau einer neuen Gesellschaft. Doch irgendwo bei den Mühen der Ebene ist diese Geisteshaltung am Wegesrand liegengeblieben. Ich denke, einen wesentlichen Anteil an diesem Verlust hat der fast religiöse Glaube an den freien Markt, die Orientierung der Gesellschaft auf den individuellen ökonomischen Erfolg. „Reich sein ist geil“ ist auch in Südafrika der Wahlspruch der Eliten, die, übrigens, ihren Kindern auf teuren Privatschulen eine bessere Bildung zukommen lassen können. Wer wirtschaftlich erfolgreich ist, ist „gesegnet“. Auf wessen Kosten? Diesen unbequemen Gedanken überläßt man, so er denn überhaupt gehegt wird, gern den „Sozialheinis“ und „Weltverbessern“.

Die herrschenden Eliten in Südafrika haben nicht mehr viel Zeit, einen neuen Aufstand der Jugend unter anderen Vorzeichen zu vermeiden. Sie müssen nur die Schrift an der Wand lesen: „Come back to the people“.

Deutsche Schule in Kapstadt

Im Interview mit Schulleiter Hermann Battenberg über die DSK und ihren 720 Schülern

(Autor: Ghassan Abid)

© Hermann Battenberg, Schulleiter der Deutschen Internationalen Schule Kapstadt

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Herrn Hermann Battenberg, Schulleiter der Deutschen Internationalen Schule Kapstadt (DSK).

Grundschule, Mittelschule und Oberschule sind an einem Ort konzentriert. Wieviele Schüler sind an Ihrer Schule derzeit angemeldet und wie setzt sich die Schülerschaft im Hinblick auf Nationalität bzw. Ethnie zusammen?

Antwort: Wir haben zu Beginn des Schuljahres 2012 ca. 720 Schüler. Zwei muttersprachlich deutsche Züge (und eine Grundschulfiliale in Tygerberg im Norden Kapstadts) gehen von der Grundschule bis zur 12. Klasse, zwei weitere Züge beginnen mit der 5. Klasse und sind für nicht-deutschsprachige Schüler gedacht, die in der 12. Klasse das Deutsche Sprachdiplom II ablegen. Einer dieser Züge befindet sich gerade im Aufbau. Auf diese Weise ermöglichen wir allen Deutschsprachigen und allen Südafrikanern – auch ohne Deutschkenntnisse – den Zugang zu unserer Schule. Wir haben zurzeit 412 Schüler mit deutscher, schweizer oder österreichischer Staatsangehörigkeit und 310 Schüler mit südafrikanischer, wobei viele beide Pässe haben. Ethnisch sind unsere Klassen, besonders die nicht-deutschsprachigen, sehr gemischt zusammengesetzt, es sind echte „Rainbow“-Klassen.

© Panoramablick auf die Deutsche Schule Kapstadt

2010sdafrika-Redaktion: Mit innovativen Projekten zeichnet sich die Deutsche Internationale Schule Kapstadt aus, etwa der Abhaltung einer Fashion Show. Welche Ziele verbinden Sie mit einem eigenständigem Engagement der Schüler?

Antwort: Unser erklärtes Schulziel ist es, unsere Schülerinnen und Schüler zu selbstständig und kritisch denkenden Menschen zu erziehen, die es frühzeitig gewohnt sind, Verantwortung zu übernehmen. Die Fashion Show ist als Fundraising Projekt für die Finanzierung des Valedictory Balls (Abschlussballs) der Abschlussklassen nur ein Beispiel unserer vielen Projekte. So gibt es einen Rotary Interact Club (K.I.D.S.), der u.a. jährlich ein Sportfest am Strand für über 1000 Kinder aus Heimen organisiert. Wir kooperieren mit der Siemens Stiftung im Projekt „experimento“, das es der DSK und lokalen Partnerschulen erlaubt, Fortbildungen und Sachmittel für modernen und handlungsorientierten naturwissenschaftlichen Unterricht von der Grundschule an zu fördern und zu finanzieren. Beim „Debating“ messen sich unsere Schüler mit anderen Schulen, ebenso wie in verschiedenen Wettbewerben auf akademischem, sportlichem und musikalischem Gebiet.

© Der jährliche K.I.D.S.-Tag am Blouberg Strand

2010sdafrika-Redaktion: Als Privatschule unterhält die Deutsche Internationale Schule Kapstadt einen guten Ruf. Inwieweit können Kinder aus sozial schwachen Familien bei einem jährlichen Schulgeld von rund 3.240 Euro am Schulbetrieb teilnehmen? Existieren Förderprogramme für diese Zielgruppe?

Antwort: Das Schulgeld ist im Vergleich zu anderen Top-Privatschulen in Kapstadt recht günstig, da wir vom deutschen Staat unterstützt werden. Die Schule hilft bei finanziellen Engpässen durch Nachlässe auf das Schulgeld je nach individueller Lage. Für die Schüler aus wirtschaftlich schwachen Familien gibt es sowohl von der deutschen Regierung finanzierte Stipendien als auch solche von Privatspendern (hierfür wurde eigens eine Stiftung aufgebaut) oder dem deutschsprachigen Rotary Club am Kap.

2010sdafrika-Redaktion: Schulen in Deutschland unterliegen leider allzu oft dem politischen Experimentieren der Länder. Der UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Bildung, Vernor Muñoz, kritisierte bereits mehrfach die föderalen Schulstrukturen und die mangelnde Inklusion von Minderheiten wie Migranten. Wie bewerten Sie diese Angelegenheit aus dem Blickwinkel eines Auslandsschulwesen-Beteiligten heraus?

Antwort: Die Mehrzahl der Familien, die ihre Kinder an die Deutschen Schulen in Südafrika schicken, sind oder waren Migranten. Viele Schüler kommen aus gemischtsprachigen Elternhäusern, und zwar nicht nur deutsch-englischen.  Minderheiten – so etwas wären in Kapstadt ja z.B. die deutschsprachige Gemeinschaft oder die Menschen mit weißer Hautfarbe – werden an den deutschen Begegnungsschulen nicht als solche wahrgenommen. Die Integration ist kein „Thema“ in unseren Schulen, sondern die selbstverständliche Grundlage ihrer Daseinsberechtigung. Die Begegnung unterschiedlicher Kulturen, Hautfarben, Religionen etc. wird als Bereicherung gesehen, und es wird bewusst daran gearbeitet, dass alle Schülerinnen und Schüler, gleich wo sie geografisch, sozial oder kulturell herkommen, miteinander auskommen und sich an der Schule wohl fühlen. Dies ist einer der wichtigsten Pluspunkte der Deutschen Auslandsschulen: Schüler aus diesen Schulen haben sehr geringe Probleme mit Integration, wo immer sie auch später wohnen und arbeiten werden. Für Deutschland sind dies die idealen Immigranten.

2010sdafrika-Redaktion: Kapstadt bezeichneten Sie mal gegenüber Spiegel Online als „europäisch“. Was hat Sie persönlich bewogen, über die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) die Position des Schulleiters zu übernehmen, zumal Sie vorher im asiatischen Raum als Lehrer tätig waren?

Antwort: An Kapstadt fasziniert mich die besondere Mischung: Das Klima ist eher ein Mittelmeerklima, die Landschaft sieht nicht wirklich afrikanisch aus, sondern erinnert häufig an Europa, die Flora ist eine ganz eigene mit unwahrscheinlicher Vielfalt, und die Menschen sind nicht weniger vielfältig. Es gibt alle Tönungen der Hautfarbe, riesige Unterschiede beim Einkommen, eine große deutsche Gemeinschaft und durch die vielen Einwanderer und Touristen eine sehr internationale Atmosphäre. Ähnliches hatte ich in Hong Kong erlebt, so dass es mir nicht schwer fiel, mich in Kapstadt einzuleben. Allerdings waren die Schulen in Asien keine Begegnungsschulen, sondern eher Service-Einrichtungen für deutsche Experten, die in diese Länder geschickt wurden. In Südafrika handelt es sich dagegen um Schulen, die gleichzeitig südafrikanische wie deutsche Schulen sind und neben dem Service-Angebot für deutsche Familien in erster Linie lokale Schulen sind, die einen wichtigen Beitrag zur Erziehung in Südafrika leisten.

2010sdafrika-Redaktion: Inwieweit tauscht sich die DSK mit den anderen Deutschen Schulen in Durban, Johannesburg, Pretoria und Hermannsburg aus?

Antwort: Die Deutschen Schulen in Kapstadt, Johannesburg, Pretoria, Hermannsburg und Windhoek werden von Deutschland in gleicher Weise gefördert und arbeiten eng zusammen. Ab 2014 werden sie sogar ein gemeinsames Regionalabitur mit den gleichen Aufgabenstellungen absolvieren. Die Schulleiter und Vorstände treffen sich regelmäßig um die Zusammenarbeit noch enger zu gestalten. Vom 12. bis 16. März dieses Jahres findet als gemeinsame Veranstaltung dieser fünf Schulen die Sportolympiade im zweijährigen Rhythmus – diesmal in Kapstadt – statt. Ca. 300 Schüler und Lehrer treffen sich zu einem Höhepunkt jeder sportlichen Schülerlaufbahn.

© Bei der Einweihung neuer Laborräume an der DSK nehmen neben Schulleiter Hermann Battenberg auch folgende Personen teil (von links nach rechts): Dieter Haller (zum damaligen Zeitpunkt deutscher Botschafter in Südafrika), Helen Zille (Vorsitzende der Democratic Alliance und Premierministerin der Westkap-Provinz) und Wido Schnabel (Vorsitz DSK-Schulverein)

2010sdafrika-Redaktion: Die Deutsche Internationale Schule Kapstadt wird finanziell und personell über die ZfA unterstützt. In welchen Bereichen können Sie Ihre Arbeit als Schulleiter unabhängig und flexibel ausgestalten; und in welchen nicht?

Antwort: Meine Selbstständigkeit als Schulleiter ist an einer Auslandsschule viel umfangreicher als an einer Schule in Deutschland, denn der Schulleiter ist der CEO der Schule. Er erarbeitet mit dem Vorstand zusammen die Strategie, die er dann in eigener Verantwortung umsetzen muss. Dabei kümmert er sich um die Finanzen, Marketing, bauliche Erhaltung ebenso wie um Pädagogik, Schulentwicklung, Personalentwicklung und unzählige andere Bereiche. Es gibt eigentlich keine gute Idee, die man an einer Auslandsschule nicht umsetzen könnte, wenn man es versteht, die schulischen Gremien davon zu überzeugen. In Deutschland liegen in der Regel immer noch die wichtigsten Entwicklungsbereiche der Schule, wie Finanz- und Personalhoheit, nicht bei der einzelnen Schule, sondern bei den Schulbehörden.

2010sdafrika-Redaktion: Wie würden Sie Südafrika in drei Schlagwörtern charakterisieren und wie Kapstadt?

Antwort: Südafrika: Vielfalt, ungeheures Potenzial des Landes und der Menschen, große Probleme in der Politik!

Kapstadt: gewaltige Landschaft, Vielfalt der Menschen, schönste Deutsche Schule der Welt!

2010sdafrika-Redaktion: Hermann Battenberg, Schulleiter der Deutschen Internationalen Schule Kapstadt, vielen Dank für das Interview!

Priester Stefan Hippler im Interview

Im Kampf gegen HIV/ AIDS und für die Rettung eines jeden einzelnen Menschenlebens

(Autor: Ghassan Abid)

© Stefan Hippler, Priester der Erzdiözese Kapstadt und Vorsitzender von HOPE Cape Town Trust

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ den in Kapstadt lebenden Priester Stefan Hippler. Herr Hippler, wenn man Ihren Namen hört, dann denkt man sofort an Ihr Engagement zur Bekämpfung von HIV/AIDS. Wann und in welcher Situation verspürten Sie das Bedürfnis, diesem irdischen Elend entgegenzutreten?

Antwort: Als ich in Südafrika ankam, war mir das Elend im HIV/AIDS-Bereich gar nicht so deutlich. Erst als ich im Jahre 1999 im Rahmen eines Telemedizin-Projektes meines Rotary Clubs Signal Hill zum ersten Mal das Tygerberg Kinderkrankenhaus betrat, wurde mir das Ausmaß klar. Und von da an gab es eigentlich kein zurück, obwohl mir von Anfang an klar war, das dieses Thema nicht unbedingt das „beste“ sein konnte für einen katholischen Geistlichen.

2010sdafrika-Redaktion: Soweit wir informiert sind, gehören Sie dem katholischen Glauben an. Wie bewerten Sie das strikte Kondom-Verbot des Vatikans. Zwar lockerte Papst Benedikt XVI. Ende 2010 dieses, doch stellt sich die Frage, ob nicht die katholische Kirche eine Mitschuld an der HIV/ AIDS-Situation in Südafrika trägt?

Antwort: Auch wenn es nach außen nach einem strikten Kondomverbot aussieht: In Fragen HIV und AIDS, also in Fragen des Schutzes vor einer Ansteckung gibt es keine offizille Lehrmeinung der Kirche. Das Kondomverbot wird einfach – sehr oft auch innerkirchlich aber auch populistisch abgeleitet von dem Verbot der künstlichen Verhütung, die Papst Paul VI in der Enzyklika „Humanae Vitae“ gegen den Rat seiner Experten ausgesprochen hat. Das Thema damals war die Weitergabe des Lebens – heute ist es die Frage des Lebensschutzes. Die ist noch nicht beantwortet, auch wenn Benedikt XVI in dem bekannten Interviewbuch vom Anfang der Moralität spricht, wenn ein homosexueller Escort einen Kondom benutzt.
Was die Mitschuld angeht, da bin ich immer sehr vorsichtig – ich denke, die katholische Kirche als eine der größten Glaubensgemeinschaften der Welt sollte zeitnah Antworten geben, die den Menschen helfen und das Leben schützen.

2010sdafrika-Redaktion: Über 5,7 Mio. Menschen der 50,49 Mio. umfassenden Bevölkerung Südafrikas sind, so der Stand vom Dezember 2010, mit dem HI-Virus infiziert; in absoluten Zahlen somit mehr als in jedem anderen Staat der gesamten Welt. 310.000 Südafrikaner starben nach offiziellen Angaben allein 2009 an dieser Immunschwächekrankheit.
Wo schöpfen Sie Ihre Kraft für diese Mammutaufgabe? Verspürten Sie nie ein Gefühl der absoluten Ohnmacht und falls ja, wie gingen Sie vor, um dem zu entkommen?

Antwort: Da gibt es manchmal schon das Gefühl von Ohnmacht, wenn man das pure Zahlenmaterial sieht – aber sobald ich diesen Zahlen ein Gesicht geben kann – sobald ich die Mutter sehe, die dank der Behandlung ihre Kinder aufwachsen sieht, wenn ich sehe, wie Kinder groß werden und studieren – trotz der Infektion – dann gibt das mir die Kraft, weiterzumachen. Ich weiß, alles, was ich tun kann, ist nur den ein oder anderen Tropfen zu ändern im Ozean des AIDS-Dramas – aber jeder Tropfen, jede Zahl, jede Statistik hat ein Gesicht, ist ein Mensch. „Rette einen Menschen und du rettest die ganze Welt“ , dieser jüdische Spruch ist Hilfe und Zuspruch zugleich.

2010sdafrika-Redaktion: Laut Angaben der britischen NGO „Avert“ leben zurzeit 1,9 Mio. Waisenkinder in Südafrika, bei denen ein oder beide Elternteile durch HIV verstorben sind. 70 Prozent dieser Waisen wachsen demnach ohne ihre Mutter auf. Wie bewerten Sie die diesbezüglichen Gegenmaßnahmen der südafrikanischen Regierung?

Antwort: Die südafrikansiche Regierung kommt erst langsam in Bewegung, was dieses Problem angeht. Das Kinderschutzalter wurde in bestimmten Bereichen gesenkt, um den Realitäten angemessen zu sein. Ich denke, da gibt es noch viel zu tun, aber da wir es hier oft mit Großfamilien zu tun haben ,mit vielen Vätern und Müttern – sprich Onkel und Tanten, die sich die Erziehung teilen, bin ich optimistisch, dass das Problem der Waisenkinder in den Griff zu bekommen ist. Aber es belastet natürlich eine Familie mit geringen Einkommen, wenn die Kinder der Schwester oder des Bruders noch mit am Tisch sitzen. Da müsste noch mehr getan werden.

2010sdafrika-Redaktion: Im Mai 2009 beendete die Deutsche Bischofskonferenz den Vertrag mit Ihnen als Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Kapstadt. Sie sollen mit umstrittenen AIDS-Aussagen für Aufsehen gesorgt haben. Um welche Aussagen handelt es sich und wie reagieren Sie mittlerweile auf die Entscheidung Ihres alten Dienstherren?

Antwort: Nicht jeder in der Kirche mag es, wenn man Wahrheiten ausspricht – und das Kleine Stückchen Gummi scheint für so manche Würdenträger ein Stein des Anstoßes zu sein. Ich habe immer das gesagt, was ich in der erlebten Situation als verantwortlich gesehen habe. Das mag in bestimmten Kreisen für Aufsehen gesorgt – die Welt sieht von einem Schreibtisch oder einem Bischofssitz natürlich anders aus, als wenn man in den Townships direkt mit den Menschen arbeitet. Die Entscheidung, meinen Vertrag nicht zu verlängern, habe ich damals wie heute als „vorauseilenden Gehorsam“ gesehen – aber Gott schreibt Gott-sei-Dank auch auf den krummen Wegen gerade Linien – und ich trage es meinem alten Dienstherrn nicht nach. Angst ist halt ein schlechter Berater – und zu Kadavergehorsam bin ich einfach nicht geboren. Aber wir haben heute wieder ein gutes Verhältnis – der Augenblick zählt und ist gestaltbar  ist – sowieso nur die Zukunft – und aus dem Vergangen haben hoffentlich alle gelernt.

2010sdafrika-Redaktion: Sie betreiben das gemeinnützige Projekt „HOPE Cape Town“. Was sind die Ziele Ihrer Organisation und welche weitere Unterstützung könnten Sie noch brauchen?

© Stefan Hippler auf einer Graduierungsfeier von Sangomas

© Partnerschaft mit dem Freistaat Bayern

Antwort: HOPE Cape Town ist ein gemeinnütziger Verein und eine Stiftung. Wir arbeiten in den verschiedensten Bereichen: Vorbeugung, Aufklärung, Behandlung, Arbeit mit Sangomas, wir unterstützen mit unseren 24 HOPE Community Health Workers Township-Kliniken und Grass Root-Projekte, sind aber auch wissenschaftlich tätig im Bereich Pharmacology (Muti und ART Therapy), arbeiten mit Unis zusammen: Hochschule Niederrhein in Fragen Ernährung und HIV, TU München in Sport und HIV, Universität Stellenbosch in den Themen Community Outreach und Training. Wir sind Teil der Partnerschaftsarbeit zwischen Bayern und dem Westkap.

Momentan schauen wir uns den Bereich des E-learnings an, zusammen mit dem missionsärztlichen Institut in Würzburg – mit der Katholischen Stiftungsfachhochschule München und der Hochschule Neu-Ulm sind wir im Gespräch. D.h. vom Gemüsegarten bis zur akademischen Forschung finden sie alle Bereiche vertreten. Am besten ist ein Blick auf unsere Webseite www.hopecapetown.com – wir haben 28 MitarbeiterInnen und sehen ca. 300.000 Patienten im Jahr.

Wir versuchen, HIV und AIDS holistisch anzugehen – und zwar hier im Westkap – immer auch in Verbindung mit der Regierung des Bundeslandes. Und wir versuchen, unsere Arbeit und die Situation der Menschen vor Ort denen deutlich zu machen, die in Europa oder Amerika wohnen. Wir sind da wie eine Brücke, wo Welten sich begegenen können. Auf Youtube hat HOPE Cape Town Trust auch einen eigenen Kanal, wo man sich unsere Arbeit bildlich ansehen kann, auf Facebook eine „cause“ Support Seite. Social Media werden ja immer wichtiger.

Unterstützung können wir immer gebrauchen – wir sind rein privat und durch Spenden / Sponsorship von Einzelpersonen und Firmen finanziert. Zurzeit bauen wir die Stiftung HOPE Cape Town Trust auf – so das wir unsere Zukunft auch finanziell sichern können. Zustiftungen, die sowohl in Deutschland als auch in Südafrika steuerabzugsfähig sind, sind da immer willkommen – eine Investition für die Ewigkeit sozusagen.

2010sdafrika-Redaktion: Welcher Moment in Südafrika war der einprägsamste überhaupt?

Antwort: 2004 hatte ich die Gelegenheit, Nelson Mandela zu begegnen und kurz mit ihm zu reden – das war sehr einprägsam. Aber auch die Begegnungen mit Bischof Tutu und der Besuch der Bundeskanzlerin Angela Merkel waren Highlights. Für mich persönlich aber war und ist die Begegnung mit einem Jungen, ich nenne ihn in meinem Buch, das ich zusammen mit Bartholomäus Grill geschrieben habe, Farid, dessen Geburtstag wir – außerhalb der Reihe, nur um ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen – Tage bevor er starb – im Krankenhaus feierten, das einprägsamste Erlebnis gewesen. Dieses Gesicht, diese Augen, diese glücklichen Momente für ihn bevor er starb, werde ich nie vergessen.

© Bundeskanzlerin Angela Merkel und Stefan Hippler in Kapstadt

© Bei Nelson Mandela - ein unbeschreiblicher Moment!

2010sdafrika-Redaktion: Haben Sie noch Träume, die Sie verwirklichen wollen?

Antwort: Ja, die habe ich wie jeder Mensch. Ein „Centre of Healing“ für Priester und Ordensleute, die in Krisensituationen stecken – hier in Südafrika, oder in Afrika. Ein Ort, wo unter anderem auch Priester und Ordensleute, die HIV-positiv sind, ihr Stigma in einen Segen für andere umwandeln können. Wir haben im Februar das erste Treffen mit dem Erzbischof von Kapstadt bezüglich eines solchen Ortes – das würde ich gerne noch auf dem Weg sehen.

2010sdafrika-Redaktion: Stefan Hippler, Priester der Erzdiözese Kapstadt, alles Gute für Ihr weiteres Engagement und möge Sie Gott auf Ihrem Lebensweg weiter begleiten.

Antwort: Herzlichen Dank – ich erwidere Ihre Wünsche.

Schriftsteller Lesego Rampolokeng im Interview

Ein Poet, der unaufhaltsam kämpft- für “eine Welt in der alle Menschen atmen können“

(Autorin: Annalisa Wellhäuser)

Ein außergewöhnlicher und kritisch denkender Dichter, der in seiner Poesie kein Blatt vor den Mund nimmt wenn es um Politik und Gesellschaft, insbesondere um die Erniedrigung der menschlichen Würde geht. Lesego Rampolokeng wurde am 27. Juli 1965 in Orlando West, Soweto/ Johannesburg in Südafrika geboren. Dem System der Apartheid ausgesetzt und von einer katholischen Familie erzogen, bildete er sich seine ganz eigene Meinung über die politischen und sozialen Probleme in Südafrika. Er studierte Jura an der Universität des Nordens in der Limpopo Provinz; verfolgte diesen Weg jedoch nicht weiter. Hingegen konzentrierte er sich auf seine Poesie und schrieb Gedichte, Novellen und Theaterstücke. Er bereist die Welt um seine Werke vorzutragen und arbeitete bis jetzt schon mit vielen Künstlern wie Günther Sommer, Julian Bahula, Louis Mhlanga und Souleman Toure zusammen. [Eine Liste seiner Werke befindet sich am Ende des Interviews]

© Poet und Dichter Lesego Rampolokeng

English: Bei dem nachstehenden Interview handelt es sich um eine sinngemäße Übersetzung aus dem Englischen ins Deutsche. Das Originalinterview ist hier abrufbar: https://2010sdafrika.wordpress.com/2011/02/07/interview-with-lesego-rampolokeng/.

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen bei „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Lesego Rampolokeng, kritisch-literarischer Zeitgeist im modernen Südafrika. Sie haben in Ihrem Leben verschiedene Arten von Texten verfasst und diese auf unterschiedliche Art und Weise vorgetragen: Gedichte, Novellen, politischer Rap und Theaterstücke. Wie würde Sie selber Ihre heutige Kunst beschreiben?

Antwort: Ich sehe mich nicht als Performer, denn dies impliziert eine Erweiterung oder Entfremdung von mir selbst. Es gibt schließlich keine Grenze zwischen mir und meiner Kunst; ich bin meine Kunst. Ich habe selber nie  poltischen Rap oder Rap als Genre gemacht. Rap ist der Austausch von Gedankengut und Kommunikation zwischen Individuen. Man fügt hier noch einen Beat dazu und dann ist es Rap. Ich bin ein soziales Wesen, eine Kreatur der Welt, die wie jeder andere Mensch ganz normal geboren ist. Um meine Realität zu definieren, muss ich mich mit der Realität meiner Gesellschaft befassen. Jedoch gibt es gewisse Dinge ,welche zwischen mir und des Zelebrierens meiner selbst, meiner Menschlichkeit stehen – wie Entmenschlichung, Unterdrückung sowie soziale und ökomische Faktoren. Mit diesen muss ich mich auseinandersetzen. All diese Faktoren machen mich zu einem bestimmten, individuellen Wesen. Ich habe meinen eigenen Platz in der Welt und diesen kann man nicht wirklich definieren außer an Hand von Kriterien, die für einen selbst einen Sinn ergeben. Diese sind zum Beispiel politische Kriterien. Alleine die Geburt und der Tod sind politisch. Jeder einzige meiner Atemzüge unterliegt politischen Bedingungen.

Ich möchte auf das politische Wahlsystem eingehen. Ich denke, dass das Wählen nie jemals etwas in der Geschichte geändert hat. Ich meine damit nicht, dass Politik an sich, also politische Bewegungen keinen Sinn hätten, sondern nur die Art wie diese zwischen den Menschen kommuniziert wird, das Kommen und Gehen von Menschen, sprich Politikern.

2010sdafrika-Redaktion: Herr Rampolokeng, Sie wurden in der Zeit der Apartheid geboren und sind in dieser aufgewachsen. Ist die Unterdrückung durch dieses rassistische System ein Hauptthema Ihrer Poesie?

Antwort: Auf jeden Fall, denn ich befasse mich in meiner Poesie mit den Themen der Apartheid. Infolge meiner Geburt in einer bestimmten Konstellation von Umständen, ist mein Leben durch die bereits erwähnten Faktoren bestimmt gewesen. Und die Apartheid ist immer noch Realität ; man kann es anders nennen, aber der einzige Unterschied zwischen Rassismus in Südafrika und irgendwo anders in der Welt ist, dass dieser in Südafrika gesetzlich geregelt sprich legal gewesen ist. Und dies nur weil ein paar Menschen entschlossen hatten, sie seien anderen Menschen gegenüber überlegen, weil ihnen eine unbestimmte Menge an Melanin fehlt. Somit ist es zur Errichtung einer systematischen Entwertung und Entmenschlichung der Leute gekommen, die nicht „weiß“ waren. So hat die Apartheid schon seit dem Moment meiner Zeugung auf mich gewirkt, auf mein Wesen, meine Sinne. Ich sehe diesen Rassismus sowie die katholische Erziehung durch mein Elternhaus als Grund für meine häufigen Nervenzusammenbrüche. Mein Schreiben ist somit durch diese, mich beeinflussenden Faktoren bestimmt. Es ist gar nicht anders möglich. Zudem bin ich immer noch auf der Suche nach mir selbst. Mein Ziel sei es nicht, mich anderen durch meine Poesie zu erklären. Vielmehr ist es ein Versuch, eine sprachliche Verbindung herzustellen zwischen meiner Welt und mir selbst und somit meine Person, meine Schwächen und meine eigenen Vorurteile zu verstehen. Denn ich habe definitiv Vorurteile gegenüber bestimmten Menschen. Wie und was ich schreibe hat sich jedoch auch verändert, so ist es heute anders als damals.

Ich möchte gerne auf die Definition von „schwarz“ eingehen. Während der Apartheid hat es eine Pufferzone zwischen den Menschen, die „weiß“ waren und denen, die es nicht waren, gegeben. Ich würde diese aber nicht unbedingt als „schwarz“ bezeichnen, da „schwarz“ für mich mit einer politischen Definition verbunden ist. Ich möchte Mafika Pascal Gwala zitieren, welchen im übertragenden Sinne mein Vater ist: „Schwarz ist die energetische Befreiung von den Fesseln von Kaffer, Bantu, Nicht-weiß.“ Auch möchte ich Lemn Sissay Worte wiedergeben: „Schwarz ist nicht, was Weiß nicht ist – Schwarz ist Schwarz.„Ich sehe mich nicht aus dem Grund als „schwarz“, weil Sie nicht „schwarz“ sind. Die Tatsache, dass Sie „weiß“ sind, macht mich nicht „schwarz“. Ich habe mich schließlich zuvor als „schwarz“ definiert. Ich führe ein weiteres Zitat an, diesmal von Steve Biko: „Die Tatsache, dass wir alle nicht weiß sind, bedeutet nicht zwingend, dass wir alle schwarz sind.“ Die Menschen, welche während der Apartheid unterdrückt worden sind, haben  vielleicht ähnlich ausgesehen und sie haben alle eine unbestimmte Menge an Melanin besessen; deshalb waren sie aber nicht alle „schwarz“; „Schwarz“ sind diejenigen, die sich damit definieren. Es geht einfach um den Versuch, sich bewusst zu werden, wo man steht und wo man hin möchte.

2010sdafrika-Redaktion: „Apartheid ist immer noch Realität.“ Was meinen Sie damit?

Antwort: Apartheid ist ein Afrikaans Konzept, welches es legalisierte, die Gesellschaft in verschiedene Sektoren zu spalten. Die Tatsache, dass 1994 die Gesetzbücher zerstört worden sind und sich die Verfassung geändert hat, bedeutet allerdings keineswegs das Ende der Apartheid. Ebenso wenig wie die Einführung von Nelson Mandela als Symbol dieses vermeintlichen Neuanfangs. Dass dann selbst die ehemaligen Machtinhaber des Apartheidregimes, welche ihn zu vor gedemütigt und ins Gefängnis gesteckt hatten, ihn feierten –all dies betrachte ich als eine einzige Heuchelei und als Betrug. Denn an der Situation in Südafrika hat sich nichts verändert.

Es existieren heute mehr Elendsviertel und eine größere menschliche Misere als vor 1994. Und es gibt Leute, die meinen, man müsse sich wünschen, zur Apartheid zurückzukehren. Ich protestiere dagegen, ich könnte mir niemals meine eigene Entmenschlichung wünschen. Die Leute versuchen, mich mit diesen Aussagen schwach zu halten, genauso wie die Bibel es versucht. Die Macht ist immer noch in den Händen von denen, die sie zuvor gehabt haben. Diese haben das Konzept der schwarzen Wirtschaftsförderung ( „Black Economic Empowerment“) kreiert, welches den während der Apartheid benachteiligten Menschen angeblich Zugang zum Land verschaffe. Dies sei aber eine große Lüge, aufgetischt von multinationalen Konzernen, großem „weißen“ Kapital, die sich damit aus der Affäre ziehen wollten. Die Menschen, die an dieses Konzept geglaubt und es wahrgenommen haben, sind die Millionäre von heute und auch ein Teil des regierenden Systems. Ich betrachte beide dieser Parteien als kritisch. Das heutige System der Apartheid ist obszöner als früher; schließlich ist damals – im Gegensatz zu heute – mit offenen Karten gespielt worden.

2010sdafrika-Redaktion: Warum sind Sie ein Dichter und kein Anwalt geworden?

Antwort: Ich bin immer ein Dichter gewesen, denn ich habe mich niemals dafür entschieden, ein Poet zu werden. Entweder man ist einer oder nicht. Man kann keinem beibringen, wie man schreibt. Dennoch wünsche ich mir manchmal, nicht diesen Weg gegangen zu sein, da ich sehr einsam war und mir mehr Feinde gemacht habe als er wenn ich ein Anwalt geworden wäre. Ich habe mein Abschlussexamen in Jura in der Zeit geschrieben, als Südafrika schon im Ausnahmezustand war und ich selber immer häufiger durch mein politisches Mitwirken festgenommen wurde. Mein Jura-Studium sowie den Beruf des Anwalts betrachte ich kritisch. Meiner Meinung nach bereichert sich ein Anwalt an Missständen anderer. Während im Gericht dem herrschenden Gesetz entsprechende Entscheidungen gefällt werden, erfährt man Gerechtigkeit nur „auf der Straße“. Es geht im Gericht nicht um die Wahrheit, Gerechtigkeit; doch diese definieren mich als Menschen. Deshalb wollte ich kein Anwalt werden . Durch meine Poesie kann ich hingegen Menschen berühren und ihnen etwas geben, was sie für ein Leben lang behalten werden. Dass es richtig war, mich für die Poesie zu entscheiden, wurde mir außerdem durch folgendes Erlebnis bewusst: Innerhalb des Programmes eines Festival in Holland, habe ich bei der südafrikanischen Botschaft vorgelesen. Ich habe heraus gefunden, dass die damalige Botschafterin Priscilla Jana mich nicht empfangen wollte. Sie hat sich den ersten Teil meiner Lesung angehört und ist dann davon gelaufen. Das Schlimmste daran war: Sie ist in der Zeit der Apartheid die führende Menschenrechts-Anwältin gewesen.

So bin ich lieber ein Dichter, der nur wenig Geld verdient als ein Anwalt. Wenigstens habe ich ein gutes Gewissen. Glücklich bin ich aber erst dann, wenn alle Dinge, gegen die ich ankämpfe, aus der Welt verschwunden sind. Anstatt der Sonne oder die Liebe, die morgens als Motivation zum Aufstehen dienen, werde ich metaphorisch gesprochen von „Dämonen“ geweckt. Erst wenn dem nicht mehr so ist, kann ich sagen, dass ich glücklich bin.

2010sdafrika-Redaktion: Während meiner Recherchen über Sie habe ich auf der Internetseite „www.culturebase.net“ ein Zitat gefunden, welches aus einem Interview mit der Schweizer Wochenpost von 2002 stammen soll: „Politischer Hip-Hop ist nicht mehr wichtig für junge Südafrikaner.“ Interessieren sich junge Südafrikaner wirklich nicht mehr für politischen Rap?

Antwort: Ich bestreite vehement, solch eine Aussage jemals von mir gegeben zu haben. Ich, als Vater der MCs-Untergrund-Generation, würde und könnte nie sagen, dass junge Südafrikaner nicht am politischem Rap interessiert seien. Es hat alles ganz simpel angefangen: Junge Leute, die sich getroffen haben, um Partymusik zu machen und Spaß zu haben; ohne dabei irgendein politisches Programm zu verfolgen. Später hat es dann die vermeintlich politischen Musiker gegeben wie Poor Righteous Teachers , Public Enemy, Boogie Down Production und KRS1. Diese haben sich mit Themen wie Unterdrückung, Ökonomie und Politik befasst. Hip-Hop ist einfach nicht homogen, es gibt so viele verschiedene Arten von Hip Hop. Menschen, die ihre Menschlichkeit zelebrieren, dies alles ist sehr politisch. Von den Ghetto-Jungs, welche unter anderem zu meinen Favoriten zählen, bis zu Girly HipHop. Dieses Zitat ist sehr irreführend. Es sei denn, die Person, die dies geschrieben hat, meint, dass ich gesagt habe, dass heute sich mehr Menschen für Künstler wie 50cent, Eminem, LilWayne, Jay-Z oder Lady Gaga interessieren würden als zum Beispiel für Poor Righteous Teachers oder Jaco Pastorius, meinem Lieblingsbassisten. Dies entspricht nämlich absolut der Wahrheit. Allerdings habe ich nicht das Recht, dazu darüber zu urteilen, noch will ich selbst beurteilt werden. Jeder hat nun einmal einen anderen Geschmack.

2010sdafrika-Redaktion: Wie sehen Sie die derzeitige politische Situation in Südafrika. Was ist Ihre Meinung über Jacob Zuma?

Antwort: Ich habe weder eine positive Meinung über den aktuellen Präsidenten Jacob Zuma oder Julius Malema, dem Präsidenten der ANC–Jugendliga, noch über den früheren Präsidenten des Landes, Thabo Mbeki. Ich entschuldige mich, bestimmte Personen depersonalisieren zu müssen, wenn ich über die Situation in Südafrika spreche, aber die Realität lässt sich nicht anders beschreiben. Metaphorisch gesprochen braucht Zuma nur Musik und Frauen, und er tanzt. Das ist es,was er tut. Vor allem halte ich Zuma für sehr problematisch, denn er verfügt über eine dunkle Vergangenheit mit sehr vielen Intrigen. Ebenfalls empfinde ich Thabo Mbekis damaliges Dasein als Präsidenten für eine Demütigung. Ich habe keinen Respekt für ihn, aber Mbeki ist meiner Meinung nach noch intelligenter als Zuma. Desweiteren möchte ich auf das Gefahrenpotential von Julius Malema hinweisen. Es ist die gleiche Geschichte wie mit dem ugandischen Diktator Idi Amin. Diesen hat man auch nicht ernst genommen; er ist belächelt worden. Nachdem Sterben hunderttausender von Menschen , hat dann keiner mehr gelacht. Dies ist das Südafrika von heute.

2010sdafrika-Redaktion: Herr Rampolokeng, Sie  waren bereits des öfteren in Deutschland. 1998 verbrachten Sie sogar mehrere Monate im Solitude Schloss in Stuttgart. Was zieht Sie immer wieder hierher und haben diese Erfahrungen, welche Sie in unserem Land machen, einen Einfluss auf Ihre Arbeit?

Antwort: Jeder Moment meines Lebens, jede Begegnung mit einem Individuum, beeinflusst mich und meine Sichtweise. Deshalb reise ich durch die Welt, um mich mit was auch immer mir widerfährt, auseinanderzusetzen, und es als Erfahrung mitzunehmen und mit den Menschen in meiner Heimat zu teilen, die ich liebe. Gemeinsam tauschen wir die Erfahrungen aus und zusammen profitieren wir davon, etwas für das Leben zu lernen. Ein weiterer Grund für meine Besuche in Deutschland sind neben Einladungen zu Auftritten, wie vor Kurzem an der Humboldt-Universität Berlin, die Auswahl an Literatur, die es hier gibt. Es existieren eben kaum Buchläden in Südafrika und wenn, dann nicht solche, die meinem Literaturgeschmack entsprechen .Diese Läden haben noch nicht einmal den italienischen Dichter Pasolini im Sortiment. Als weiteren Grund für meine Besuche möchte ich anführen, dass so sehr Südafrika auch wirtschaftlich entwickelt sein möge, jeder Künstler doch eher zuerst nach Deutschland kommt, um zu performen als zum Beispiel in Südafrika aufzutreten. 1998 bin ich auf Grund einer Veranstaltung für Autoren habe ich mehrere Monate auf dem Solitude Schloss in Stuttgart verbracht. Ich habe daran teilgenommen, weil ich Zeit und Platz zum Schreiben brauchte. Diese Erfahrung hat mir allerdings gezeigt, dass ich bei absoluter Ruhe und Einsamkeit nicht produktiv sein kann. Ich brauche unbedingt eine Geräuschkulisse.

2010sdafrika-Redaktion: Sie haben die Welt bereist und mit vielen Künstlern gearbeitet wie Julian Bahula, Soulemane Toure, Louis Mhlanga und Günther Sommer. Haben Sie sich diesen Erfolg je erträumen können und was sind Ihre Ziele für die Zukunft?

Antwort: Ich zitiere Bob Dylan, in dem er sagt, dass eine Person dann erfolgreich ist, wenn sie morgens aufwachen und abends einschlafen kann und dazwischen das tun, was sie will. Erfolg hat rein gar nichts mit Geld zu tun oder damit, für tausende von Kameras auffallend zu posieren.

Ich würde mich an dem Tag als erfolgreich bezeichnen, an welchem die Entmenschlichung, Unterdrückung, Hungersnot, Kindesmisshandlung, Oberflächlichkeiten und Ignoranz sowie die Diskriminierung von Menschen bezüglich ihrer Sexualität und Religion ein Ende finden. Dazu beizutragen, eine Welt zu erschaffen, in der alle Menschen atmen können; wenn ich das geschafft habe, bin ich erfolgreich.

2010sdafrika-Redaktion: „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“  bedankt sich für dieses Interview bei Lesego Rampolokeng, einem der größten soziokritischen Dichter aus Südafrika; Ihnen alles Gute und viel Erfolg für die Zukunft!


List of writings/Liste der Werke of/von Lesego Rampolokeng

– Horns for Hondo (COSAW, 1990)

  • Talking Rain (COSAW, 1993)
  • End Beginnings (Shifty CD with the Kalahari Surfers, 1993)
  • Writing for the play:„ Faustus in Africa„(1995)
  • Rap Master Supreme – Word Bomber in the Extreme (1997)
  • End Beginnings (German Translations) (Marino, 1998)
  • Blue V’s (German Translations with CD) (Edition Solitude, 1998)
  • The Bavino Sermons (Gecko Poetry, 1999)
  • Fanons children in 2001
  • The h.a.l.f. ranthology (CD with various musicians, 2002)
  • Blackheart (Pine Slopes Publications, 2004)
  • Whiteheart (deep south publishing, 2005)
  • Participation in the documentary „Giant Steps„ about revoloutionary poets ,
  • directed by Geoff Mphakati and Aryan Kaganof (2005)

Quellen/Sources:

Interview mit/with Lesego Rampolokeng 09.11.2010

http://www.culturebase.net/artist.php?279

http://en.wikipedia.org/wiki/Lesego_Rampolokeng