Schlagwort-Archive: Ethnien

Mandela im Kampf gegen die Apartheid

Mit Gewalt die Gewalt bekämpfen. Der Widerstand und seine Folgen

(Autorin: Nadja Krupke)

– MANDELA-Spezial –

Nelson Mandelas jahrelanger Kampf gegen das autoritär-rassistische Regime der Apartheid war sein Leben. Sein Glaube an eine andere, an eine bessere Zukunft für Südafrika, resultierte in einer 27-jährigen Inhaftierung auf der Gefängnisinsel Robben Island vor der Küste Kapstadts. Trotzdem verlor Nelson Rolihlahla Mandela nie den Mut und die Hoffnung, dass Südafrika eines Tages ein Land der Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Medien- und Pressefreiheit, Meinungsfreiheit und des Zusammenlebens unterschiedlicher Ethnien werden würde. Nicht nur er fand durch seine Vision Halt, sondern durch sie verlieh er seinen Anhängern und Befürwortern die nötige Kraft, unter den menschenunwürdigen Bedingungen der Apartheid zu leben.

© Nelson Mandela widmete sein Leben dem Kampf gegen das autoritär-rassistische Regime der Apartheid. Der Freiheitskämpfer verbüßte für seinen Widerstand ganze 27 Jahre im Gefängnis. (Quelle: flickr/ decafinata)

© Nelson Mandela widmete sein Leben dem Kampf gegen das autoritär-rassistische Regime der Apartheid. Der Freiheitskämpfer verbüßte für seinen Widerstand ganze 27 Jahre im Gefängnis. (Quelle: flickr/ decafinata)

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Berlinale 2013 – Filmkritik „Layla Fourie“

Vertraue niemandem, außer dir selbst. Südafrika als Paranoia-Gesellschaft

(2010sdafrika-Redaktion)

© Sequenz aus dem Film "Layla Fourie". (Quelle: Berlinale/ Pandora Film)

© Sequenz aus dem Film „Layla Fourie“. (Quelle: Berlinale/ Pandora Film)

Offizielle Handlung:

Layla ist eine alleinerziehende Mutter, die in Johannesburg mit ihrem Sohn von Gelegenheitsjobs lebt. Sie lässt sich zur Polygraphistin ausbilden und erkämpft sich einen Job in einer Sicherheitsfirma, die auf Lügendetektoren spezialisiert ist. Auf dem Weg zum neuen Arbeitsplatz wird sie in einen Unfall verwickelt, der ihr Leben radikal verändert. Layla verstrickt sich in einem Netz aus Lügen und Täuschungen. Die Wahrheit könnte die Trennung von Mutter und Sohn bedeuten.

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Veranstaltungsbericht zu „Thierse trifft … EXTRA“

Makhenkesi A. Stofile, Botschafter von Südafrika, in der Retrospektive: Mit 10 Jahren beim ANC aktiv.

(Autor: Ghassan Abid)

Am 23. Mai 2012 lud die Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin den Botschafter Südafrikas in Deutschland im Rahmen der Veranstaltungsreihe Solidaritäten über Grenzen: 100 Jahre ANC“ zum Interview-GesprächThierse trifft … EXTRAein. In chronologischer Reihenfolge sind die verschiedenen Lebensabschnitte des Botschafters zu Zeiten der Apartheid, der Demokratisierung von 1994 bis hin zur Post-WM-Ära beleuchtet worden. Makhenkesi A. Stofile hatte hierbei stets den Afrikanischen Nationalkongress, welcher im Januar dieses Jahres seinen hundertsten Geburtstag zelebrierte und somit die älteste Bewegung des gesamten afrikanischen Kontinents darstellt, in den Blick genommen. Moderiert wurde die deutsch-südafrikanische Begegnung von Wolfgang Thierse, Bundestagsvizepräsident und SPD-Politiker.

© Makhenkesi A. Stofile, Botschafter von Südafrika in Deutschland, im Gespräch mit Wolfgang Thierse, Bundestagsvizepräsident und SPD-Politiker. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA - Land der Kontraste)

© Makhenkesi A. Stofile, Botschafter von Südafrika in Deutschland, im Gespräch mit Wolfgang Thierse, Bundestagsvizepräsident und SPD-Politiker. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA – Land der Kontraste)

Aufgewachsen auf einer Farm, mit dem Segen von Gott und der Leidenschaft für Sport
Stofile wuchs auf einer kleinen südafrikanischen Farm in der Provinz KwaZulu-Natal auf. Seine Familie brachte ihm schon früh die christliche Religion nahe. Er spricht isiXhosa, eine Sprache mit Klicklauten, welche von heute rund 6,7 Millionen Südafrikanern gesprochen wird und die zweitgrößte Sprachgruppe ausmacht. Genauso ist er ein großer Fan und Mannschaftssportarten und praktizierte Fußball, Cricket, Rugby und gar Tennis. Er erinnert sich an die Schwierigkeiten beim Schulbesuch – keine Stühle in den Klassenräumen, lange Wege zu den Schulen und äußerst enge Räume. Das beim Sport notwendige Durchhaltevermögen hat er unter anderem den schwierigen Umständen während der Schulzeit zu verdanken. „Wir konnten sogar die Decken anfassen“, führte Stofile an. Nach dem Bestehen des Abiturs ging er gleich arbeiten. In einer Weberei in Port Elizabeth erwirtschaftete er bei einer belgischen Familie ein wenig Geld, welches er für ein angefangenes Medizinstudium an der Universität Fort Hare am Ostkap dringend brauchte. Fort Hare, eine in Südafrika äußerst bekannte Einrichtung, auf welche viele südafrikanische Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur gingen. Zudem begab er sich regelmäßig auf Sponsorensuche, um die Kosten der Hochschulausbildung abdecken zu können.

Hochschulen nach Ethnien untergliedert
Der heutige Botschafter erinnert sich noch gut an die ungerechten Zustände von damals, als die Hochschulen für Schwarze weitgehend verschlossen blieben. Allerdings gab es einige wenige „liberale Universitäten“, die auf Basis von Quoten einigen schwarzen oder farbigen Studenten eine Ausbildung gewährten. Die renommierte Witwatersrand-Universität (Wits) in Johannesburg, an welcher Nelson Mandela sein Jurastudium aufnahm, war einer dieser Einrichtungen. Genauso gab es Hochschulen, die ausschließlich den Schwarzen oder anderen Ethnien vorbestimmt waren. Die Universität Fort Hare, welche Stofile zum Medizinstudium besuchte, war bis in die 1960er Jahre die „einzige und erste Hochschule für Schwarze. Dann folgten landesweit weitere solcher Institutionen“.
Schließlich entschied sich Stofile dann zur Aufnahme eines weiteren Studiengangs im Bereich der Theologie, nachdem er sein Geschichtsstudium aufgrund von Lerninhaltskonflikten mit einem Universitätsprofessor abbrechen musste. Er bedauert nach wie vor diesen Schritt.

© Im jungen Alter von 10 Jahren engagierte sich Makhenkesi A. Stofile beim Afrikanischen Nationalkongress gegen die Apartheid. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA - Land der Kontraste)© Im jungen Alter von 10 Jahren engagierte sich Makhenkesi A. Stofile beim Afrikanischen Nationalkongress gegen die Apartheid. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA - Land der Kontraste)

© Im jungen Alter von 10 Jahren engagierte sich Makhenkesi A. Stofile beim Afrikanischen Nationalkongress gegen die Apartheid. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA – Land der Kontraste)

Alle Eltern waren Aktivisten des ANC
Als Antwort auf die Frage von Thierse, wann Stofile zum Afrikanischen Nationalkongress beitrat, erwiderte er: „Alle Eltern waren Aktivisten … das war normal“. Dementsprechend fand er bereits 1954 seine erste politische Betätigung im ANC. Im Alter von 10 Jahren wohlgemerkt! Die Widerstandsbewegung wandte sich zum damaligen Zeitpunkt den Familien zu, welche mit der Verhaftung von Familienmitgliedern konfrontiert waren. Auf diese Weise konnte der ANC stetig seine Gefolgschaft vergrößern. Doch erst als Student begab sich der heutige Botschafter in den sogenannten Untergrund. Er traf mehrere Persönlichkeiten, etwa Thabo Mbeki – der zweite Präsident des demokratischen Südafrikas – oder die „Mutter der Nation“ Winnie Madikizela-Mandela –damalige Ehefrau von Nelson Mandela.

Verhaftung und Anklage wegen Terrorismus und Verrat
So wie unzählige ANC-Aktivisten war auch Stofile von Verhaftungen durch die Polizei nicht verschont geblieben.“Ich weiß nicht, wie oft ich verhaftet wurde“, beklagte der Botschafter das Leben in der Apartheid. Ausgangssperren für Schwarze dienten oft als diesbezügliche Rechtfertigung. „Die Polizei hat uns vor der Weberei aufgelauert. Nach 10 Uhr galt nämlich eine Ausgangssperre. Da einige Arbeiter doch einige Minuten später die Weberei verließen und auf den Bus warteten, wurden wir verhaftet“, so der ANC-Aktivist. Schließlich ist er eines Tages von der Staatsanwaltschaft angeklagt worden. Ihm wurden Terrorismus und Verrat vorgeworfen. „Mir hat man eine Verschwörung vorgeworfen“, sagte Stofile mit lauter Stimme. Das Gericht verurteilte ihn dann zu einer Haftstrafe von 12 ½ Jahren, wovon er 4 Jahre abgesessen hatte.

Die Deutschen waren sehr gute Freunde der Apartheid
Stofile hielt fest, dass die Bundesrepublik sehr gute Beziehungen zum Apartheidsregime pflegte. Sogar der „Vater der Apartheid“, Hendrik Frensch Verwoerd, stattete Deutschland einen Besuch ab. Während die DDR, die Sowjetunion und die Staaten Osteuropas den ANC umfassend beim Widerstand unterstützten, waren die Westdeutschen weniger für die Probleme der schwarzen Mehrheitsbevölkerung sensibilisiert. „Wir sind [im Westen] als Agenten des Kommunismus betitelt worden… In [Ost]Deutschland hatten wir hingegen viele Freunde und 1975 hielt ich mich in Berlin auf“. Der Botschafter untermauerte die damaligen Bestrebungen des ANC, dass die Westdeutschen auf Produkte aus dem Apartheids-Südafrika verzichten sollten, da die Wirtschaft das Rückgrat des Regimes darstellte. „Es war schwer, hier gehört zu werden“, erinnert er sich. Umso entschlossener setzte der ANC seinen Widerstand fort. Sämtliche Entscheidungen der Bewegung sind durch Nelson Mandela abgesegnet gewesen, der auch aus dem Gefängnis heraus einen enormen Einfluss auf die Bewegung – ob im In- oder im Ausland – entfaltete.

Der Apartheids-Geheimdienstchef als Parlamentskollege
Als Nelson Mandela 1990 vom Apartheidsregime und der ihr vorstehenden National Party (NP) aus der Haftanstalt entlassen wurde, schickte der erste schwarze Präsident Südafrikas zwei Männer zu Stofile, die ihn für eine Tätigkeit im Parlament gewannen: „Sie haben mir 2 Jahre angeboten. Dann sagten sie mir, dass ich länger bleiben kann.“. Als besonderen Umstand empfand der gewählte Parlamentarier die Zusammenarbeit mit Abgeordneten, die während der Apartheid hohe Ämter inne hatten und am Unrechtssystem beteiligt waren. Vor allem die Zusammenarbeit mit dem Geheimdienstchef, der bis 1999 Mitglied der Nationalversammlung war und heute als Geschäftsmann tätig ist, sorge bei ihm bisweilen für besondere Eindrücke.

Vom  Ministerpräsidentenamt des Ostkaps ins Sportministerium
Nachdem Raymond Mhlaba mit dem Amt des Ministerpräsidenten am Ostkap – bedingt durch die 35 jährige Haftzeit auf Robben Islands – überfordert war, wurde Makhenkesi A. Stofile zum neuen Regierungschef der Provinz ernannt. Gleichzeitig ist er auch nach erfolgter Abstimmung mit Mandela in die ANC-Spitze gewählt worden. Da Stofile ein großer Sportfan ist und auch selber regelmäßig sportlich aktiv war, erhielt er kurz vor der WM 2010 das Angebot, der nächste Sportminister Südafrikas zu werden. „Nach der WM war ich so erschöpft“, untermauert er die  immense Arbeit der Südafrikaner im Hinblick auf die Durchführung der ersten Fußball-Weltmeisterschaft in Afrika. Mit lächelndem Blick in Richtung Thierse unterstrich der Botschafter seine Freude über den Sieg gegen Frankreich: „Wir haben das erste Tor der WM überhaupt geschossen und dazu Frankreich besiegt!“.

© Botschafter Stofile erinnert sich an die großen Anstrengungen im Hinblick auf die Vorbereitung der ersten Fußball-WM in Afrika.  „Nach der WM war ich so erschöpft“, sagte er. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA - Land der Kontraste)

© Botschafter Stofile erinnert sich an die großen Anstrengungen im Hinblick auf die Vorbereitung der ersten Fußball-WM in Afrika. „Nach der WM war ich so erschöpft“, sagte er. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA – Land der Kontraste)

Der Islam gehört ganz klar zu Südafrika
Nach dem sportlichen Großspektakel ist Stofile ein Botschaftsposten in Finnland angeboten wurden, welches er gerne angenommen hätte. Doch die Entscheidung ist von den zuständigen Personen revidiert worden und Berlin wurde ihm nun vorgeschlagen. Seit 2011 ist er nun der höchste Repräsentant Südafrikas in Deutschland. Thierse fragte nach den Unterschieden von Südafrikanern und Deutschen. Der Botschafter machte deutlich, dass in Südafrika die Einwanderung ein großes Thema darstelle, während hierzulande über die Einwanderung UND Religion debattiert werde. „Der Islam gehört ganz klar zu Südafrika.“ Stofile spielt die kontrovers geführte Auseinandersetzung im Hinblick auf den Umgang mit Muslimen und dem Islam in Deutschland an.

© Südafrikas höchster Repräsentant in Deutschland sprach die deutsche Islamdebatte an. Mit ein wenig Verwunderung erläuterte Botschafter Stofile den Standpunkt seines Landes, dass der Umgang mit dem Islam und den Muslimen am Kap völlig normal ist und keineswegs kontroverse Debatten auslöst. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA – Land der Kontraste)

© Südafrikas höchster Repräsentant in Deutschland sprach die deutsche Islamdebatte an. Mit ein wenig Verwunderung erläuterte Botschafter Stofile den Standpunkt seines Landes, dass der Umgang mit dem Islam und den Muslimen am Kap völlig normal ist und keineswegs kontroverse Debatten auslöst. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA – Land der Kontraste)

Ich wünsche mir …
Botschafter Stofile hielt zum Ende der Veranstaltung fest, dass er sich einen Ausbau des Zugangs der Bevölkerung zu Wasser und Strom wünsche. Vor allem die „rural areas“, die ländlichen Gegenden Südafrikas, weisen weiterhin große Entwicklungsdefizite auf – gesteht er ein. „Alles außerhalb von Kapstadt braucht weitere Unterstützung. Südafrika ist ein armes Land.“ Aus diesem Grund verfolgt der Botschafter das Bestreben, dass die südafrikanischen Minister für ländliche Entwicklung nach Deutschland kommen. Außerdem bewertet Stofile den Landwirtschaftssektor, welcher im Vergleich zu anderen Sektoren wie den Minen an ökonomischer Bedeutung abgenommen hat, als wichtig. Die Landwirtschaft trägt zur Wohlstandsentwicklung der Nation bei. Diese schaffe viele Arbeitsplätze und produziere Nahrungsmittel, lautet seine Begründung. „Beides brauchen wir“, so Stofile. Ferner muss das Land noch große Anstrengungen im Bildungsbereich und beim Klima- bzw. Umweltschutz unternehmen. Die gegenwärtigen Machtkämpfe innerhalb des ANC bewertet das langjährige Parteimitglied als „sehr, sehr, sehr traurig“.

Freie Südafrika-Korrespondentin im Gespräch

Elena Beis zur Notwendigkeit der Pressefreiheit für eine junge Demokratie

(Autor: Ghassan Abid)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen bei „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Elena Beis – Buchautorin, Journalistin und Südafrika-Kennerin. Frau Beis, schon 1997 waren Sie das erste Mal in Südafrika und gegenwärtig leben Sie in Kapstadt. Was unterscheidet das Südafrika von 2010 mit dem von 1997?

© Elena Beis (Quelle: Louis Vorster)

Antwort: Ich habe 1997 ein sehr gespaltenes Land kennengelernt. Ich erinnere mich, dass an einem Strand in Kapstadt ausschließlich Weiße und an einem anderen ausschließlich Schwarze gebadet haben – und das drei Jahre nach Abschaffung der Apartheid. Schwarze Arbeiter haben ihre weißen Arbeitgeber nicht in die Augen geschaut. Mir kamen viele schwarze Südafrikaner unglaublich eingeschüchtert vor. Generell habe ich den Umgang zwischen den unterschiedlichen kulturellen Gruppen des Landes als extrem gezwungen und unentspannt empfunden.

Unter weißen Südafrikaner herrschte damals sehr, sehr große Angst und Unsicherheit, was aus dem Land werden würde. Das hat sich mittlerweile verändert – der Umgang zwischen weiß und schwarz ist sehr viel selbstverständlicher geworden, vor allem in den Städten. Die große Angst und Unsicherheit hat sich gelegt. Südafrika hat mit vielen Problemen zu kämpfen, und einige weiße Südafrikaner befürchten immer noch, dass das Land von korrupten Politikern in simbabwische Verhältnisse heruntergewirtschaftet werden könnte, aber die Mehrheit der Südafrikaner sieht das Potential des Landes, steht hinter dem Land und seiner Buntheit und ist bereit, Südafrika weiter aufzubauen.

Wenn man 1997 durch die Straßen gegangen ist, hatte man das Gefühl, die Menschen wissen noch nicht so recht, was sie mit ihrer neugewonnenen Freiheit anfangen können. Diese zurückhaltende, unsichere – teils beklemmende – Atmosphäre der Mitt-Neunziger ist einer intensiven Lebendigkeit gewichen. Das ganze Land ist sehr viel selbstbewusster geworden.

2010sdafrika-Redaktion: Sie schreiben für verschiedene Medien aus Deutschland und Südafrika. Für die TAZ haben Sie im August dieses Jahres einen Artikel zur Pressefreiheit in Südafrika verfasst, wonach die ANC-Regierung mit dem „Protection of Information Bill“ – auch Secrecy Bill genannt – die Berichterstattung im Lande grundlegend regulieren möchte (siehe 2010sdafrika-Artikel vom 02. September 2010).  Wie bewerten Sie die aktuelle Entwicklung und das mögliche Inkrafttreten des Gesetzes im Hinblick auf Ihre journalistische Arbeit?

Antwort: Ich finde die Diskussion um die „Protection of Information Bill“ und das „Media Appeals Tribunal“ – die zwei vom ANC, der südafrikanischen Regierungspartei, anvisierten Gesetzesvorschläge, die Medieninhalte und Journalisten in Südafrika stark reglementieren und einschränken würden –  sehr beunruhigend. Schon die Idee, in einer Demokratie, ein Gesetz vorzuschlagen, das vorsieht, dass Journalisten, die „sensible Informationen“ veröffentlichen (wobei Politiker willkürlich selbst festlegen können, was „sensibel“ ist), mit bis zu 25 Jahren Haft bestraft werden, finde ich absurd – geschweige denn, tatsächlich darüber im Parlament zu beraten.

Man muss allerdings auch erwähnen, dass es in dem ganzen Prozess ein paar positive Überraschungen gab. Einige hochrangige ANC-Politiker wie der Vizepräsident des Landes, Kgalema Motlanthe, haben sich gegen die Gesetze ausgesprochen – es scheint also auch verantwortungsbewusste Regierungspolitiker zu geben, die nicht auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, sondern die Gefahren erkennen, die mit einer Einschränkung der Pressefreiheit einhergehen. Außerdem sind die rege Diskussion und der starke Widerstand gegen diese Gesetze in Südafrika bereits ein positives Zeichen für das Land und das junge Demokratiebewusstsein hier.

Im Augenblick sehe ich meine Arbeit durch die „Protection of Information Bill“ und das „Media Appeals Tribunal“ weder gefährdet, noch eingeschränkt. Sollten diese Gesetze tatsächlich vom Parlament verabschiedet werden, wären vor allem die südafrikanischen Enthüllungsjournalisten davon betroffen, die jede Woche neue Korruptionsskandale ans Licht bringen.

2010sdafrika-Redaktion: Im Western Cape, in welcher auch Kapstadt liegt, ist der ANC relativ schwach aufgestellt. Das Western Cape ist die einzige von neun Provinzen, in welcher der ANC nicht in Regierungsverantwortung ist und die Oppositionspartei Democratic Alliance (DA) die Macht über diese Provinz ( = Bundesland) übernehmen konnte.  Wie erklären Sie sich diese starke Stellung der DA unter Helen Zille in dieser Provinz?

Antwort: Südafrika ist eine junge Demokratie mit einer Geschichte, die von Machtkämpfen, Kriegen und der forcierten Abgrenzung der ethnischen Gruppen voneinander geprägt ist. Die Wähler tendieren daher dazu, entlang ethnischer Linien zu wählen. Schwarze Südafrikaner wählen vornehmlich den ANC und weiße die Oppositionspartei Democratic Alliance, die die deutschstämmige Helen Zille leitet – und die aufgrund ihrer mehrheitlich weißen Mitglieder bisher als „Weißenpartei“ wahrgenommen wurde.

Farbige Südafrikaner – die sogenannten Coloureds gemischter Abstammung, die in der Provinz Western Cape die Mehrheit bilden – haben früher mehrheitlich für den ANC gewählt. Aufgrund unerlöster Wahlversprechen und dem Eindruck, dass der ANC sie ihren schwarzen Mitbürgern gegenüber benachteiligt, wenden sie sich zunehmend der Democratic Alliance zu.  Helen Zille hat ihre Macht vor allem ihrer wachsenden Popularität bei den farbigen Wählern zu verdanken. 2009 konnte ihre Partei die absolute Mehrheit im Western Cape erringen – das wäre noch vor fünf Jahren unvorstellbar gewesen. Dieses Jahr (2010) hat die DA sogar im Township Gugulethu die Lokalwahlen gewonnen, wo ausschließlich Schwarze leben, was zeigt, das auch die schwarzen Wähler anfangen, den übermächtigen ANC angesichts grassierender Korruption und schlechter Staatsleistungen für die Armen abzustrafen. Schwarze Südafrikaner fühlen sich dem ANC traditionell sehr verbunden und verpflichtet –  schließlich war es die Befreiungspartei, die sie aus der Apartheid und Unterdrückung herausgeführt hat.

Die Provinz Western Cape ist übrigens die einzige südafrikanische Provinz, in der Farbige und nicht Schwarze die Mehrheit bilden. Da nur 8% aller Südafrikaner weiß sind, beeinflussen ihre Präferenzen die Wahlergebnisse eher wenig.

© Buchcover von "Fettnäpfchenführer Südafrika"

© Buchcover von „Fettnäpfchenführer Südafrika“

2010sdafrika-Redaktion: Ebenfalls sind Sie Buchautorin. In Ihrem Buch „Fettnäpfchenführer Südafrika: My name is not sisi. Kulturkollision x 11“ (das Buch wird demnächst bei uns rezensiert) klären Sie Ihre Leser anhand eines fiktiven deutschen Paares, welches Südafrika bereist, über dortige „GOs“ und „NO GOs“ auf. Können Sie uns jeweils ein GO- und NO GO-Beispiel benennen?

Antwort: Man sollte immer einen freundlichen und höflichen Umgangston wahren,  auch wenn man genervt ist. Eine forsch-direkte Art, wie sie bei uns in Deutschland durchaus akzeptabel ist, wirkt auf Südafrikaner oftmals offensiv. Ein No GO wäre einen südafrikanischen Braai (Grill) als „barbeque“ zu bezeichnen, ein Rugby-Spiel als American Football, oder einen Afrikaaner (Buren) gar als Holländer.

2010sdafrika-Redaktion: Man geht bei deutschen Behörden davon aus, dass sich ca. 100.000 Deutsche in Südafrika befinden sowie 1 Million Deutschstämmige. Inwieweit spielen Deutsche sowie Deutschstämmige eine Rolle im Alltagsleben des kosmopolitischen Kapstadts?

Antwort: Deutsche sind sehr präsent im Kapstädter Alltag. Nach Englisch und den unterschiedlichen afrikanischen Sprachen, die hier gesprochen werden, ist deutsch die meistgehörte Sprache. Es gibt deutsche Bäckereien, eine Biergarten mit deutschem Bier und einen deutsche Metzger, was dem Heimweh hier ein bisschen entgegenwirkt.  Zu den offiziell ca. 25.000 einheimischen Deutschen in Kapstadt, kommen jedes Jahr mindestens weitere 25.000 deutsche Touristen zu Besuch.

Es gibt auch unheimlich viele deutschstämmige bzw. halb-deutschstämmige Südafrikaner. Die meisten davon sprechen allerdings gar nicht, oder nur sehr wenig Deutsch – sie sind in der Regel hier geboren und aufgewachsen und sehen sich in erster Linie als Südafrikaner.

2010sdafrika-Redaktion: Welche persönlichen Träume würden Sie noch gerne verwirklichen?

Antwort: Ich möchte noch sehr viel mehr von Afrika sehen, sehr viel mehr unterschiedliche Realitäten und Perspektiven kennenlernen – und sehr viel mehr darüber schreiben.

2010sdafrika-Redaktion: Elena Beis, Korrespondentin der taz in Südafrika und Buchautorin, vielen Dank für das wirklich sehr interessante Interview!

taz-Blog von Elena Beis:

http://blogs.taz.de/sa-clash/