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Tickende Zeitbombe „Afrophobia“

Neue fremdenfeindliche Ausschreitungen in Südafrika stehen „definitiv“ bevor

(Autor: Ghassan Abid)

Mit rund 5 Millionen afrikanischen Flüchtlingen stellt Südafrika auch die (gezwungene) Heimat von vielen Nationalitäten dar. Vor allem Menschen aus Simbabwe befinden sich in mehreren südafrikanischen Städten mit ungewissem Aufenthaltsstatus. Flüchtlingsorganisationen erwarten in naher Zukunft die nächsten gewalttätigen Ausschreitungen gegen die ungewollten Immigranten. Ein Zeitbombe, die mit jedem weiteren Tag zunehmend schneller tickt. Am 12. Mai 2012, dem vierten Jahrestag zum Beginn der Gewaltwelle gegenüber afrikanischen Einwanderern im Johannesburger Stadtteil Alexandra, bekräftigte die Regierung ihren fortwährenden Standpunkt zur Xenophobie – nämlich mit reiner Ignoranz.

© Südafrika erwarten in naher Zukunft weitere fremdenfeindliche Ausschreitungen gegenüber afrikanischen Immigranten. Zu dieser Einschätzung kommt unter anderem die NGO PASSOP. Die Regierung ignoriert diese tickende Zeitbombe und unterlässt groß angelegte Maßnahmen zur Bewältigung von Rassismus bei Polizei und Einwanderungsbehörden. Fakt ist, dass die afrikanischen Flüchtlinge in vielen Fällen Opfer von staatlicher Gewalt wurden. Strafrechtliche Ermittlungsverfahren oder Disziplinarmaßnahmen gegen Staatsbedienstete blieben oft aus. (Quelle: Bongani Nkosi/ MediaClubSouthAfrica.com)

© Südafrika erwarten in naher Zukunft weitere fremdenfeindliche Ausschreitungen gegenüber afrikanischen Immigranten. Zu dieser Einschätzung kommt unter anderem die NGO PASSOP. Die Regierung ignoriert diese tickende Zeitbombe und unterlässt groß angelegte Maßnahmen zur Bewältigung von Rassismus bei Polizei und Einwanderungsbehörden. Fakt ist, dass die afrikanischen Flüchtlinge in vielen Fällen Opfer von staatlicher Gewalt wurden. Strafrechtliche Ermittlungsverfahren oder Disziplinarmaßnahmen gegen Staatsbedienstete blieben oft aus. (Quelle: Bongani Nkosi/ MediaClubSouthAfrica.com)

Simbabwe´s Innenpolitik ist Südafrika´s Verhängnis

Viele der Flüchtlinge aus Simbabwe müssen weiterhin ihr Heimatland über die Grenze der nordsüdafrikanischen Provinz Limpopo verlassen, um ganz einfach überleben zu können. Trotz der ersten Entspannungsanzeichen der simbabwischen Volkswirtschaft, hat die seit 2008 bestehende Koalition der nationalen Einheit aus der Mugabe-Partei ZANU-PF und der größten Oppositionsbewegung MDC wenig zur Stabilisierung des Landes bewirkt. Eine Arbeitslosenquote von rund 85 Prozent legt sich wie ein lahmender Schleier über die gesamte Nation. Dementsprechend bleibt Südafrika für viele Simbabwer der letzte Ausweg in eine ungewisse Zukunft.

Zwischen Illegalität und Hoffnung

Immigranten haben es in Südafrika sehr schwer gültige Ausweispapiere zu bekommen. Nur Personen mit gefragten Hochschulabschlüssen erhalten relativ einfach eine Arbeitsgenehmigung. Alle anderen ausländischen Arbeitswillige, etwa Lehrer oder Krankenschweser, kriegen in der Regel nur sehr erschwert Papiere zu einem Aufenthalt in der Regenbogennation. Dementsprechend sehen sich viele Einwanderer gezwungen ihren Rechtsstatus im Rahmen eines Asylverfahrens abzusichern. Dennoch werden viele Asylanträge durch das südafrikanische Innenministerium abgelehnt. Eine Abschiebung droht in vielen Fällen. Vor 2009 – der Möglichkeit der Erteilung von Sondergenehmigung zum legalen kurzfristigen Aufenthalt von sechs bis zwölf Monaten – sind laut Angaben der Nichtregierungsorganisation PASSOP rund eine Viertelmillion Simbabwer pro Jahr abgeschoben worden.

Nächster Gewaltausbruch steht „definitiv“ bevor

Braam Hanekom, Gründer und Direktor von PASSOP, geht gegenüber „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ von nächsten fremdenfeindlichen Attacken in naher Zukunft aus. Die xenophoben Ausschreitungen in Alexandra  Du Noon, Imizamo Yethu von 2008, in De Doorns, Masiphumelele von 2009 und Mbekweni von 2010 sind erst der Auftakt einer Gewaltwelle. Keine Frage – solange Armut, Arbeitslosigkeit und mangelnde Bildungskapazitäten in Südafrika bestehen bleiben, wird der Hass gegenüber den afrikanischen Fremden weiterhin zunehmen dürfen. In diesem Zusammenhang spricht Hanekom von der sogenannten „Afrophobia“ [ein Interview mit dem PASSOP-Direktor Hanekom wird am 17. Mai 2012 hier exklusiv veröffentlicht].

© Die afrikanischen Flüchtlinge fühlen sich durch die Politik Südafrikas im Stich gelassen. Sie fürchten neue Gewaltwellen. Arme greifen Arme an; Schwarze die Schwarzen. Hinzu kommen Rassismusströmungen innerhalb der südafrikanischen Behörden. Viele illegale Flüchtlinge sehen sich mittlerweile selber als Menschen zweiter Klasse. (Source: flickr/PASSOP)

© Afrikanische Flüchtlinge fühlen sich durch die Politik Südafrikas im Stich gelassen. Sie fürchten neue Gewaltwellen. Arme greifen Arme an; Schwarze die Schwarzen. Hinzu kommen Rassismusströmungen innerhalb der südafrikanischen Behörden. Viele illegale Flüchtlinge sehen sich mittlerweile selber als Menschen zweiter Klasse. (Source: flickr/PASSOP)

Polizei und Einwanderungsbehörden vom Rassismus infiziert

Vor allem Polizeibeamte erwiesen wiederholt für rassistische Verhaltensweisen als anfällig. Menschenrechtsgruppen werfen den südafrikanischen Behörden vor, insbesondere den Mitarbeitern der Einwanderungsbehörde und der Polizei, bewusst neben der seelischen Belastung auch körperliche Gewalt gegen illegale Flüchtlinge anzuwenden. Auch von Vergewaltigungsfällen ist die Rede. Im Amnesty Report zu Südafrika von 2009 wird exemplarisch folgender Vorfall geschildert: „Drei simbabwische Asylsuchende wurden von Polizeibeamten in einer Hafteinrichtung für Migranten in Musina misshandelt. Ihnen wurden Handschellen angelegt und man zwang sie, in Urin herumzurollen, während sie mit Gartenschläuchen geschlagen und getreten wurden. Als sie Entschädigung forderten, klagte man sie der mutwilligen Beschädigung von Eigentum an.

Illegale ohne Grundrechte

Man erhofft sich durch die alltägliche Diskriminierung eine freiwillige Ausreise. In einigen Fällen sind Beschäftigte des Innenressorts aus dem Dienst suspendiert bzw. fristlos entlassen worden. Doch Disziplinarmaßnahmen oder strafrechtliche Ermittlungsverfahren sind eher die Ausnahme als die Regel. Die politische Elite, so der NGO-Vertreter Hanekom, wisse über diese massiven Defizite Bescheid, unternehme jedoch kaum etwas. Die Leidtragenden sind die Flüchtlinge, die ihre Grundrechte nicht geltend machen können. Die nächsten xenophoben Ausschreitungen stehen bevor und die Regierung schaut weiterhin weg.

SABC-TV-Beitrag vom 10.04.2012 über das Chaos vor einer Einwanderungsbehörde und die Gewaltanwendung von Staatsdienern gegenüber Immigranten

Kindesmissbrauch und Gewalt an Frauen

Experten ziehen im Filmmuseum Potsdam eine Status quo-Bilanz

(Autoren: Ghassan Abid, Doreen S., Danilo Bretschneider)

Im November 2010 fanden sich anlässlich des Filmfestivals „Ueber Mut“ und der 7. Brandenburger Entwicklungspolitische Informations- und Bildungstage im Filmmuseum Potsdam verschiedene Vertreter der Zivilgesellschaft zusammen, um den sexuellen Missbrauch von Kindern und die Gewalt an Frauen in Südafrika und insbesondere in Deutschland zu erörtern. Angestoßen wurde die Veranstaltung mit dem soziokritischen Dokumentarfilm „Rough Aunties“, welcher den traditionsbedingten Missbrauch von Kindern in Südafrika und die schwierige Arbeit der ehrenamtlichen Frauen –  der  „Tanten“ – von „Bobbi Bear“ thematisiert.

© Podium im Filmmuseum Potsdam; von links: Ghassan Abid, Rosemarie Priet, Lydia Sandrock, Kilian Kindelberger (Quelle: www.dbretschneider.de/)

© Podium im Filmmuseum Potsdam; von links: Ghassan Abid, Rosemarie Priet, Lydia Sandrock, Kilian Kindelberger (Quelle: http://www.dbretschneider.de/)

Ghassan Abid – Politikwissenschaftler mit dem Forschungsschwerpunkt deutsch-südafrikanische Beziehungen, Initiator von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ und Moderator der Veranstaltung – eröffnete das Podium mit zwei Studien der in New York hauptansässigen Nichtregierungsorganisation (NGO)  CIET Trust. 2008 befragte die südafrikanische Sektion dieser NGO insgesamt 269.705 Schüler zwischen 10 bis 19 Jahren an 1191 Schulen im Lande. Jeweils 28 Prozent der Schüler wurden nach eigenen Angaben von fremden Erwachsenen, 28 Prozent von Mitschülern und 18 Prozent von Familienangehörigen missbraucht. Hinzu kommt, dass 20 Prozent der Schüler von den eigenen Lehrern zu Sexualakten genötigt wurden. Bereits ein Jahr zuvor sorgte CIET Trust mit einer Studie zu Vergewaltigungsfällen an südafrikanischen Frauen für ein ähnliches Entsetzen. Von 4000 befragten Frauen gab jede Dritte an, dass sie im Laufe ihres Lebens einer Vergewaltigung zum Opfer gefallen ist. Auch 1500 Männer wurden in der selben Studie von 2007 befragt, wonach ein Drittel die Ausübung einer Vergewaltigung als „lustig“ und „spaßig“ empfand.

© Lydia Sandrock, Autonomes Frauenzentrum Potsdam (Quelle: http://www.dbretschneider.de/)

Lydia Sandrock, vom Autonomen Frauenzentrum Potsdam e.V., erläuterte die schwierige Lage von Opfern sich gegen ihre Peiniger zur Wehr zu setzen. Denn bei missbrauchten Kindern und Frauen macht sich eine Art Angstzustand breit sowie ein Gefühl der Rechtlosigkeit. Der Missbrauch ereignet sich in vielen Fällen über Jahre, sodass bei den Opfern in vielen Fällen Alpträume, Misstrauen und Konzentrationsschwierigkeiten eintreten. Das Perfide an der gesamten Debatte ist die Tatsache, dass die Täter oft nahe Verwandte sind. Dieses bestätigt sich in einer Hellfeld-Analyse der Universität Magdeburg von 2008, wonach bei 42 Prozent der untersuchten Täter-Opfer-Beziehungen der Missbrauch von Kindern von den eigenen Vätern (leiblich/ Stiefvater), Großvätern und Onkeln ausging. In lediglich 20 Prozent der Fälle gingen die Sexualdelikte an Kindern von Fremden aus. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass den Kindern bei einer Offenbarung erst nur nach mehreren Vorfällen geglaubt wird – eine Erkenntnis, die vielen Menschen als unvorstellbar und unbequem erscheint.

Kilian Kindelberger, von VENROB e.V. und der Berlin-Brandenburgischen Auslandsgesellschaft e.V., bekräftigt das Engagement seiner Institution, insbesondere Frauen zum Handeln zu ermutigen, sei es in Städte- oder in Fußballpartnerschaften. Denn die Wandlung einer Gesellschaft erfordert demnach eine aktive Partizipation von Frauen, um soziale Missstände wirksam begegnen zu können. Gesetze erweisen sich demnach vielerorts nicht als alleinige Lösung sozialer Probleme. Hinsichtlich der Fragestellung, inwieweit das TV-Reality Format „Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder“ zur Sensibilisierung einer Debatte um den Kindesmissbrauch hilfreich sein könne, begründet Kindelberger die grundsätzliche Positivwirkung, dass ´darüber gesprochen wird´, jedoch dienen solche Produktionen von auf Kommerz ausgerichteten Sendern keiner wirklichen und ernsthaften Sensibilierung gesellschaftlicher Probleme. Der Abbau von Vorurteilen, die Aufklärung zu fair gehandelten Produkten und die interkulturelle Verständigung werden von VENROB weiterhin im Rahmen der Lobbyarbeit verfolgt, so Kindelberger weiter.

Rosemarie Priet, von der Opferhilfe e.V., untermauerte den unglaublichen Ehrgeiz von Frauen zur Bekämpfung sozialer Missstände. Die im südafrikanischen Durban ansässige NGO „Bobbi Bear“ engagiert sich zum Beispiel seit Jahren trotz zahlreicher privater und beruflicher Rückschläge weiterhin mit ihrer ganzen Kraft für die Rechte von Kindern und gegen den gesellschaftlich akzeptierten Missbrauch von Kindern durch Männer der Ethnie der Zulus. Die „Tanten“ dieser Organisation, welche in den meisten Fällen selbst Opfer von sexueller Gewalt wurden, seien umso entschlossener, solche Entwicklungen in die falsche Richtung entgegenzuwirken. Mit der Opferhilfe e.V. verfolgt Priet mit ihren Kolleginnen und Kollegen sämtliche Aktivitäten, den Opfern den ´Platz in der Gesellschaft´ zu ermöglichen. Physische und psychische Folgen, Entwicklungsstörungen, Leistungsdefizite und Spannungen werden dank der Unterstützung der Opferhilfe e.V. Schritt für Schritt „therapiert“. Doch neben der Opferhilfe, sei insbesonde der Opferschutz ein wichtiger Pfeiler ihrer Arbeit. Es geht hierbei nicht nur um die Zeugenbetreuung oder um die Aufklärung zu den Rechten im Strafverfahren, sondern auch um die Beratung von Angehörigen, die oft überfordert sind. Problematisch ist allerdings das Manko, dass die Opfer viel zu lange auf einen Therapieplatz warten müssen und in so einigen Fällen der Antrag auf eine solche therapeutische Hilfe von den Opfern  zurückgezogen wird.  Der Missbrauch von Jungen, betont Priet, sei nach wie vor ein großes Tabuthema, welches ´nicht zum gesellschaftlichen Männerbild passt´ und demnach kaum erörtert wird. Zu guter Letzt ist der Gesetzgeber zum weiteren Handeln geboten, wie zum Beispiel hinsichtlich einer Verlängerung der Verjährungsfrist von Schadensersatzforderungen.