Schlagwort-Archive: General Motors

Stillstand bei BMW in Südafrika

Nach Ausschreitungen warnen Automobilbauer vor ernsten Folgen für Wirtschaftsstandort

(Autor: Ghassan Abid)

Nachdem der fünfmonatige Streik in den Platinminen Südafrikas beigelegt werden konnte, streiken nun die 220.000 Arbeiter der Metallindustrie. Sie fordern unter anderem eine 12-prozentige Lohnsteigerung und ein Verbot von Arbeitsvermittlern im Automobilsektor. Nach Informationen der Detroit News haben General Motors und BMW ihre Produktion am Kap stoppen müssen, da die Lieferkette unterbrochen ist. In der Branche macht sich Wut breit.

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© BMW kann seit dem 1. Juli keine Autos mehr in Südafrika produzieren. Infolge eines Streiks steht die Produktion im Rosslyn-Werk still. Auch General Motors musste bereits die Arbeiten in seinem Werk in Port Elizabeth stoppen, berichtet Detroit News. (Quelle: BMW South Africa)

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Besänftigungsversuch der Automobilbauer

Handelsminister Rob Davies will nach BMW-Investitionsstopp den Branchen-Dominoeffekt verhindern

(2010sdafrika-Redaktion)

Als Dominoeffekt bezeichnet man eine Abfolge von Ereignissen, von denen jedes einzelne zugleich Ursache des folgenden ist und die alle auf ein einzelnes Anfangsereignis zurückgehen – heißt es auf Wikipedia. Genau diese Abfolge wird vom südafrikanischen Handelsministerium DTI befürchtet, nachdem BMW einen geplanten Ausbau seines Rosslyn-Werkes vorerst auf Eis gelegt hat. Rob Davies ist zurzeit bemüht, dass weitere Automobilbauer wie Renault oder Nissan dem Vorbild des Münchener Unternehmens nicht folgen und keine Konsequenzen aus dem Streik ziehen.

© Südafrikas Handelsminister Rob Davies versucht nach dem Investitionsstopp des Münchener Automobilbauers BMW einen branchenübergreifenden Dominoeffekt zu verhindern. Aus dem Automobilsektor sind wiederholt Stimmen zu hören, die infolge der wochenlangen Streiks ein Abwandern von Produktionsstätten nach Nigeria androhen. (Quelle: flickr/ GovernmentZA)

© Südafrikas Handelsminister Rob Davies versucht nach dem Investitionsstopp des Münchener Automobilbauers BMW einen branchenübergreifenden Dominoeffekt zu verhindern. Aus dem Automobilsektor sind wiederholt Stimmen zu hören, die infolge der wochenlangen Streiks ein Abwandern von Produktionsstätten nach Nigeria androhen. (Quelle: flickr/ GovernmentZA)

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Deutsche HighTech-Forscher am Kap

Adaption natürlicher Vorbilder: Auf der Suche nach Kunden, Ideen und Talenten in Südafrika

(Autor: Ghassan Abid)

Esslingen am Neckar ist mit seinen rund 90.000 Einwohnern eine kleine Stadt bei Stuttgart. Klein, beschaulich und im Vergleich zu den Großstädten ziemlich unbedeutend. Wäre da nicht das Unternehmen FESTO, welches seinen Hauptsitz in dieser Kommune unterhält und den Standort somit weltberühmt macht.

© AquaJelly des Unternehmens FESTO. Deutsche Forscher entwickelten künstliche autonome Quallen mit elektrischem Antrieb. Sie verfügen über kollektives Verhalten. Mit dieser Erfindung lassen sich Erkenntnisse für die Industrie ableiten. FESTO sucht in Südafrika nach Kunden und jungen Talenten. (Quelle: FESTO)

© AquaJelly des Unternehmens FESTO. Deutsche Forscher entwickelten künstliche autonome Quallen mit elektrischem Antrieb. Sie verfügen über kollektives Verhalten. Mit dieser Erfindung lassen sich Erkenntnisse für die Industrie ableiten. FESTO sucht in Südafrika nach Kunden und jungen Talenten. (Quelle: FESTO)

FESTO ist ein HighTech-Unternehmen aus dem Bereich der Steuerungs- und Automatisierungstechnik, welches sich die Grundlagenforschung auf die Fahnen geschrieben hat. Die forschenden Mitarbeiter verfolgen im Rahmen von „Bionec Learning Network“, einem Netzwerk zur Erlangung von Erkenntnissen für die pneumatische und elektrische Antriebstechnik, eine „Adaption natürlicher Vorbilder“. Dies bedeutet im Klartext, ein für technische Vorhaben nützliches Wissen von der Natur abzuleiten.

Ein Beispiel hierfür ist der SmartBird, ein „ultraleichtes, aber leistungsstarkes Flugmodell mit einer hervorragenden Aerodynamik und maximaler Agilität“, heißt in den FESTO-Publikationen. Den Forschern ist nach eigener Darstellung mit dieser Innovation die Entschlüsselung des Vogelfluges gelungen. Andere Erfindungen – etwa die Konzipierung des wasserhydraulisch betriebenen Aqua_ray (angelehnt an Mantarochen), die selbstständig navigierenden und mit 3D-Sonar ausgestatteten AquaPenguine (angelehnt an Pinguine) oder der AquaJelly (angelehnt an Quallen) – verschafften FESTO eine internationale Reputation und auf diesem Wege den Ausbau seiner nationalen Marktpräsenzen.

Bessere Ventile, Greifer, Antriebe, Sensoren, Vakuumtechniken und Steuerungsmodule ermöglichen als Ergebnisse dieser natur- und tierbezogenen Erfindungen bedeutende prozessuale Fortschritte im Industriesektor. Zusätzlich erhoffen sich die Kunden deutliche Kosteneinsparungen. Die Stadt Esslingen am Neckar berichtet von 150 deutschen Patentanmeldungen durch FESTO pro Jahr, um diese technischen Kreationen für maximal 20 Jahre dem Schutz- und Verbietungsrecht des Deutschen Patent- und Markenamtes (DPMA) in München zu unterwerfen.

SmartBird – Aerodynamisches Flugmodell

 

Aqua_ray – Wasserhydraulisch betriebener Mantarochen

 

AquaPenguin – Selbstständig navigierend und mit 3D-Sonar ausgestattet

AquaJelly – Selbststeuerndes System mit kollektivem Verhalten

Mittlerweile verfügt der Konzern über 59 Landesgesellschaften und 250 Niederlassungen weltweit. In Südafrika ist das deutsche Unternehmen auch längst an mehreren Standorten vertreten. In Isando, gelegen zwischen Johannesburg und dem internationalen Flughafen O.R. Tambo, sind laut einem ehemaligen Angestellten weit über 100 Mitarbeiter – zumeist Südafrikaner – beschäftigt. Aufgrund des strengen FESTO-Betriebsgeheimnisses wird auf seinen Namen verzichtet. Dieser erklärt, dass die Führung sehr offen auf die Mitarbeiter zugeht sowie zwischen Geschäftsfühung und Belegschaft ein auf das Dutzen basierendes Klima gepflegt wird. Die Südafrika-Repräsentanz von FESTO verfolgt zum Einen die Entdeckung von südafrikanischen Talenten aus den Fachrichtungen Maschinenbau, Mechatronik und Elektronik. Mit rund acht Universitäten soll FESTO, so der ehemalige Mitarbeiter, offizielle und inoffzielle Kooperationen unterhalten.

Die Nelson Mandela Metropolitan University (NMMU) in Port Elizabeth spielt in diesem Kontext eine Schlüsselrolle. Die Hochschule hat ein Multimillionen teures Mechatronik-Labor in Empfang genommen. Finanziert wurde diese komplexe Einrichtung – die für Forscher und Studenten aus den Bereichen der Luft- und Raumfahrt, des Automobilsektors und der Chemiebranche gedacht ist – durch den deutschen maritimen Rüstungskonzern Thyssen-Krupp Marine Systems, den US-Autokonzern General Motors und durch FESTO. Somit können Talente entdeckt und gezielt gefördert werden. Hinzu kommt eine Zusammenarbeit mit mehreren südafrikanischen „Further Education and Training (FET) Colleges“, die Mechatroniker ausbilden – etwa das Buffalo City College in East London, Capricorn College in Polokwane, Sedibeng College in Vereeniging, PE College in Port Elizabeth und False Bay College in Kapstadt.

Zum Andern erweist sich die am Kap ansässige Automobilindustrie als fester Kundenstamm von FESTO. Die Kontrolle des Produktionsprozesses beim britischen Automobilhersteller Jaguar Land Rover, die Lieferung von MQB-Modellkomponenten an Volkswagen, die passgenaue Gestaltung von Sitzrahmen für den Fahrzeugsitzhersteller Keiper und der technische Service im Auftrag des Airbag-Herstellers TRW Systems, machen die Baden-Württemberger zu einem der führenden Unternehmen im Bereich der Automatisierungstechnik im südlichen Afrika.

Als zweites wichtiges Standbein dient der Lebensmittel- und Getränkebereich. Die Sicherstellung von hygienischen und kosteneinsparenden Verfahrensabläufen zur Produktion von Lebensmitteln steht im Mittelpunkt von FESTO. Weitere Projekte im Bereich der industriellen Diagnostik, Logistik und Erneuerbaren Energien im Hinblick auf die Solarindustrie & Wasseraufbereitung werden darüber hinaus umgesetzt.

FESTO hat sich mittlerweile zu einem der bedeutendsten HighTech-Unternehmen in Südafrika katapultiert, die viel Geld in die Nachwuchssuche und -förderung stecken. Die Kooperationen mit den Hochschulen ermöglichen den Deutschen den Zugang zum südafrikanischen Hochschulwesen. Bemerkenswert ist, dass FESTO bisweilen den öffentlichen Ausstausch mit der südafrikanischen Regierung gemieden hat; im Gegensatz zur deutschen Automobilindustrie vor Ort, die den unmittelbaren und mittelbaren Dialog zur Politik sucht.

Südafrikas freie Wahlen als Glücksgefühl

Im Interview mit Ingeborg Wick, damalige Geschäftsführerin der Anti-Apartheid-Bewegung (AAB)

(Autor: Detlev Reichel)

© Als Geschäftsführerin und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Anti-Apartheid-Bewegung - kurz: AAB - engagierte sie sich für die Befreiung Süafrikas von der rassistischen Minderheitsregierung. Darunter zählte auch der Kampf gegen die politische, wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit zwischen Bonn und Pretoria.

© Als Geschäftsführerin und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Anti-Apartheid-Bewegung – kurz: AAB – engagierte sie sich für die Befreiung Süafrikas von der rassistischen Minderheitsregierung. Darunter zählte auch der Kampf gegen die politische, wirtschaftliche und militärische Zusammenarbeit zwischen Bonn und Pretoria.

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ die westdeutsche Anti-Apartheid-Aktivistin Ingeborg Wick. Die Befreiung Süafrikas von der Geissel der Apartheid war auch ein Erfolg der Anti-Apartheid-Bewegung in Ländern außerhalb Südafrikas. Du hast als Geschäftsführerin und geschäftsführendes Vorstandsmitglied der AAB in der Bundesrepublik Deutschland daran wesentlich mitgewirkt. Und das in einer Zeit, als es weder schick noch opportun war, die unmenschliche Politik des bedeutenden Wirtschaftspartners Südafrika anzugreifen. Was ist das für ein Gefühl, bei diesem Erfolg teilhaben zu können?

Antwort: Noch heute empfinde ich ein großes Glücksgefühl, wenn ich an die ersten demokratischen Wahlen in Südafrika im Jahr 1994 zurückdenke, die ich als internationale Wahlbeobachterin begleitet habe. In dieses Glücksgefühl mischen sich Befriedigung, Stolz, Staunen und Dankbarkeit. Es befriedigt mich, einen Beitrag zur Befreiung von einem unmenschlichen Herrschaftssystem geleistet zu haben. Ich bin stolz, diesen Beitrag gegen erhebliche politische Widerstände durchgehalten zu haben. Mit Staunen erfüllt mich immer noch, dass eine historische Epoche zu einem Ende kam, die lange als unüberwindlich galt. Und dankbar bin ich für die vielen wertvollen menschlichen Begegnungen und Einsichten, die meine Zeit in der AAB prägten.

Gleichzeit bin ich mir bewusst, dass die Solidarität und die Boykottaktionen der weltweiten Bewegung gegen die Apartheid nur einen begrenzten Einfluss auf das Ende des Apartheidsystems hatten. Dieses wurde vor allem durch den legalen und illegalen Widerstand in Südafrika und im Exil bewirkt. Begünstigend kamen ökonomische Umstrukturierungen in Südafrika sowie das Ende der globalen Blockkonfrontation hinzu.

2010sdafrika-Redaktion: Südafrika besitzt heute eine demokratische Verfassung, die als eine der fortschrittlichsten in der Welt bezeichnet wird. Ist damit „alles in Butter“, und können wir uns zufrieden zurücklehnen – mission accomplished?

Antwort: Die Einmaligkeit im Völkerrecht, die der gesetzlich verankerte Rassismus in Südafrika bis 1994 darstellte, ist zwar verschwunden. Geblieben ist jedoch das schwere Erbe der Apartheid – politisch, ökonomisch, sozial und psychisch – dessen Überwindung eine Herausforderung für Jahrzehnte sein wird. Ein Beispiel: das Problem der Landreform. In der Apartheid-Ära waren 2,5 Mio. Schwarze zwangsumsiedelt worden. Nach 1994 beschloss die Regierung, dass bis 2014 insgesamt 30% der Agrarfläche an die Enteigneten zurückgegeben werden sollte. Bis heute wurde dieses Ziel jedoch nur zu einem Bruchteil erreicht.

Eng verknüpft mit dem Problem dieser Erblast ist die alltägliche Auseinandersetzung mit den sozialen Spaltungen, der Verarmung und Ausbeutung, wie sie die auch in Südafrika vorherrschende neoliberale Wirtschaftsordnung mit sich bringt. Zu nennen wäre hier z.B. die landesweite Kampagne gegen die Privatisierung der Wasserversorgung in den 1990er Jahren.

2010sdafrika-Redaktion: Ein Bundesbezirksgericht in New York hat im April 2009 eine Sammelklage von Opfern des Apartheidregimes zugelassen. Unter den Unternehmen, die das rassistische Regime gestützt haben, auch die deutsche Rheinmetall und der Daimler-Konzern. Kannst du uns mehr über diesen Prozess sagen?

© Der Daimler-Konzern steht bis zum heutigen Tage in der Kritik für seine Geschäfte mit dem Apartheidregime.

© Der Daimler-Konzern steht bis zum heutigen Tage in der Kritik für seine Geschäfte mit dem Apartheidregime.

Antwort: Stellvertretend für 65.000 Apartheidopfer hat die südafrikanische Menschenrechtsorganisation Khulumani 2002 in den USA eine Entschädigungsklage gegen mehrere international tätige Unternehmen eingereicht. Diesen wird vorgeworfen, durch ihre Geschäfte während der Apartheidzeit Beihilfe zu schweren Menschenrechtsverletzungen geleistet zu haben. Zu diesen Unternehmen zählen Daimler und Rheinmetall. Daimler hatte Fahrzeuge und Maschinen an die Polizei und das Militär des Apartheidregimes verkauft. Rheinmetall hatte eine komplette Munitionsabfüllanlage nach Südafrika geliefert.

Mit einer endgültigen Entscheidung des Verfahrens wird im Frühjahr 2013 gerechnet. Einen Teilerfolg hat Khulumani jedoch vor kurzem erreicht: Ende Februar 2012 bestätigte ein US-Gericht, dass das beklagte US-Unternehmen General Motors in einem Vergleich zugesagt hat, die südafrikanischen Apartheidopfer mit einer Summe von 1,5 Mio. US $ zu entschädigen. Ob dies ein Präzedenzfall für die restlichen beklagten Unternehmen – neben Daimler und Rheinmetall die US-Firmen IBM und Ford – sein wird, ist dahin gestellt.

2010sdafrika-Redaktion: Wie schätzt du das Bild Südafrikas in den deutschen Medien ein?

Antwort: Nach meiner Beobachtung klang die Medien-Euphorie mit dem Ende der Präsidentschaft Nelson Mandelas 1999 und der Veröffentlichung des Abschlussberichts der Wahrheits- und Versöhnungskommission unter Leitung von Erzbischof Tutu im Jahr 1998 deutlich ab. Schlagzeilen machten jedoch immer wieder die dramatische HIV-/Aidspandemie in Südafrika sowie die fatale Aidspolitik des südafrikanischen Präsidenten Mbeki, die erst unter der Präsidentschaft von Zuma beendet wurde. Rund um die Fußball-WM 2010 in Südafrika berichteten zahlreiche deutsche Medien positiv über die Spiele und durchaus differenziert über die sozialen Verwerfungen der südafrikanischen Gesellschaft. Anlässlich der ANC-Hundertjahres-Feiern am 8. Januar 2012 hoben deutsche Medien vor allem die Versäumnisse der ANC-Regierungen und eklatante Korruptionsfälle im Regierungslager hervor. Insgesamt nimmt Südafrika heute einen eher geringen Stellenwert in der deutschen Medienberichterstattung ein.

2010sdafrika-Redaktion: Wie siehst du die wirtschaftlichen und politischen Beziehungen zwischen dem neuen Südafrika und Deutschland?

Antwort: Deutschland ist eines der wichtigsten Partnerländer Südafrikas – auf politischer, ökonomischer und militärischer Ebene. Eine offizielle Aufarbeitung der engen Kollaboration der Bundesrepublik Deutschland mit dem Apartheidregime hat es bisher kaum gegeben – im Gegenteil: Gegen die Khulumani-Klage in den USA haben die südafrikanische Mbeki-Regierung und die deutsche Regierung sowie betroffene Firmen Proteste eingelegt. Nach seinem Amtsantritt widerrief Präsident Zuma allerdings diese Haltung und erklärte die Unterstützung Südafrikas für das Klageverfahren. Die Kritik der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission an der Rolle multinationaler Unternehmen bei der Unterstützung des Rassistenregimes griffen bisher in beiden Ländern nur zivilgesellschaftliche Gruppen auf.

Deutsche Militärexporte nach Südafrika sind nach dem Abschluss eines Rüstungsgeschäfts mit EU-Firmen von 1999 über umgerechnet 7 Mrd. € drastisch gestiegen. Es beinhaltete u.a. die mit Hermeskrediten abgesicherte Lieferung von vier Fregatten und drei U-Booten aus deutscher Produktion. Zu Recht rief dieses Geschäft nicht nur in Südafrika eine Welle der Empörung hervor, die bis heute nicht abgeebbt ist, zumal der Deal von Bestechungen südafrikanischer Politiker durch Firmenvertreter begleitet gewesen sein soll. Abgesehen hiervon ist der Kostenumfang des Geschäfts geradezu skandalös angesichts der erforderlichen Mittel für eine verbesserte soziale Versorgung der Bevölkerung und die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit, die auf mehr als 50% geschätzt wird.

2010sdafrika-Redaktion: Welche Rolle kann und sollte Deutschland beim Aufbau einer nicht-rassisch orientierten, demokratischen Gesellschaft in Südafrika spielen? Und wird die BRD, deiner Meinung nach, dieser Rolle gerecht?

Antwort: Die Rolle der Bundesrepublik bei der Unterstützung des Apartheidregimes sollte umfassend aufgearbeitet und weitere, über die Khulumani-Klage hinausgehende Entschädigungszahlungen geprüft werden. Die Bestechungsvorwürfe gegen deutsche Firmenvertreter im Fall des Rüstungsdeals von 1999 sollten untersucht werden. Deutsche Rüstungslieferungen an Südafrika sollten eingestellt werden. Die Wirtschaftsbeziehungen beider Länder sollten nicht am Ziel des Freihandels ausgerichtet werden, wie dies im EU-Freihandelsabkommen mit Südafrika zum Ausdruck kommt, sondern an den Forderungen des 1994 für das unabhängige Südafrika erarbeiteten „Reconstruction and Development Programme“, das sich an der notwendigen Versorgung der Schwarzen mit Wohnraum, Zugang zu Wasser und Elektrizität u.ä. orientierte. Unterstützung verdient die Kampagne zum People’s Budget des südafrikanischen Gewerkschaftsbundes COSATU, des Südafrikanischen Kirchenrates SACC und des NRO-Netzwerks SANGOCO, mit der seit 2005 eine Debatte über die Wirtschafts- und Sozialpolitik der Regierung sowie die Armutsbekämpfung angeregt wurde.

2010sdafrika-Redaktion: Zu guter Letzt: Womit beschäftigst du dich heute?

Antwort: Seit Beginn meines Ruhestands im Juni 2011 genieße ich meine freie Zeit, engagiere mich aber auch weiterhin im Fachbereich „Frauen und Weltwirtschaft“, den ich im SÜDWIND-Institut für Ökonomie und Ökumene 20 Jahre lang geleitet habe. Ebenso bin ich im „Forum Arbeitswelten China-Deutschland“ aktiv, das sich für den Austausch von gewerkschaftlichen Basiskontakten zwischen beiden Ländern einsetzt.

2010sdafrika-Redaktion: Ingeborg Wick, westdeutsche Anti-Apartheid-Aktivistin, vielen Dank für das Interview!