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Kap-Kolumne: Wann sagt die Jugend – Es reicht!

Schüler zwischen Aufstand gegen die Apartheid und Bildungsnotstand im Neuen Südafrika.

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Am 16. Juni, am heutigen Tage, gedenkt Südafrika des Schüleraufstandes in Soweto 1976. Erinnern wir uns: Das Diktat des weißen Apartheid-Regimes, Afrikaans als Unterrichts- und Prüfungssprache an allen schwarzen Schulen einzuführen, war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Der Apartheidstaat verschärfte damit die so genannte Bantu-Erziehung („Bantu Education“), deren erklärtes Ziel es war, die schwarze Mehrheit in Südafrika auf ewig als Knechte und Mägde der weißen Herren(rasse) zu erhalten. Einer der Architekten des Apartheid-Systems, Hendrik Frensch Verwoerd, stellte in den fünfziger Jahren zynisch fest, den Schwarzen könne nur so viel Wissen zugemutet werden, wie sie „als Holzsammler und Wasserträger“ benötigten.

© Der landesweite Bildungsnotstand stellt ein großes Problem für die Entwicklung des Landes dar. Die Jugend im Neuen Südafrika könnte infolge der Perspektivlosigkeit den Aufstand gegen die Regierung proben. Es ist allgemeines Wissen, dass Schüler die Grundschulen verlassen, ohne wirklich lesen, schreiben oder rechnen zu können. Die Bildungsmisere verursacht verherrende Gefahren für die Demokratie am Kap: Armut, Arbeitslosigkeit oder Kriminalität.

© Der landesweite Bildungsnotstand stellt ein großes Problem für die Entwicklung des Landes dar. Die Jugend im Neuen Südafrika könnte infolge der Perspektivlosigkeit den Aufstand gegen die Regierung proben. Es ist allgemeines Wissen, dass Schüler die Grundschulen verlassen, ohne wirklich lesen, schreiben oder rechnen zu können. Die Bildungsmisere verursacht verherrende Gefahren für die Demokratie am Kap: Armut, Arbeitslosigkeit oder Kriminalität.

Vor sechsunddreißig Jahren also sagte die Jugend Südafrikas: Es reicht! Und der Apartheidstaat erklärte dieser Jugend den Krieg. Das erste Opfer, Hector Petersen, ging in die Annalen der Weltgeschichte ein. Abertausende Tote, Verletzte, Gefolterte folgten ihm. Die Protagonisten des Apartheidsystems verloren am Ende ihre politische Macht. Südafrika ist heute eine konstitutionelle Demokratie, frei vom staatlich verordneten Rassismus, alle Bürger und Bürgerinnen sind vor dem Gesetz gleich.

Hat damit die schwarze Jugend ihren Kampf um Freiheit, um eine gleiche und bessere Bildung gewonnen? Diese Frage darf gestellt werden, angesichts der täglichen Misere an den Schulen. Diese Misere zeigt sich in vielerlei Symptomen. Nehmen wir Beispiele aus der Provinz Limpopo, wo ich als Freiwilliger in einem Kinderprojekt tätig bin. In Limpopo blieben die meisten Schulen bis sechs Monate nach Beginn des Schuljahres 2012 ohne Schulbücher, wegen Unfähigkeit der Schulbehörden. Dieser Skandal beschäftigt die nationalen Medien und nun auch die Gerichte. Lehrkräfte sind schlecht ausgebildet, kommen häufig nicht zur Arbeit. Ich höre die Klagen von Schülerinnen und Schülern, dass sie „heute mal wieder ein paar Schulstunden ohne Lehrer“ in der Klasse verbracht haben. Es ist allgemeines Wissen, dass die Schüler und Schülerinnen die Grundschulen verlassen, ohne wirklich lesen, schreiben oder rechnen zu können. Und das setzt sich munter in der Oberschule fort. Jeder Pädagoge weiß, wenn die Grundlagen nicht gelegt sind, kann der Unterricht noch so gut sein, das Ergebnis wird im besten Falle mager ausfallen. Die Liste der Mängel ist lang.

Das in Limpopo erlebte ist leider ein landesweiter Zustand, um nicht zu sagen ein nationaler Bildungsnotstand. An zu geringen staatlichen Mitteln für die Bildung liegt das nicht. Und doch ist es keine Seltenheit, dass Angestellte des Staates wie Lehrer, Polizisten, Sozialarbeiter, höhere Beamte Nebengeschäften nachgehen. Frei nach dem Motto: Die unternehmerische Initiative ergreifen, beispielsweise bei staatlichen Ausschreibungen mitmischen. „Tenderpreneurship“ heißt das hier. Der Traum vom großen Geld ohne Maloche von „8 to 6“ ist eben eine starke Versuchung.

Soweto-Schüleraufstand von 1976 in Bildern

Die Misere im Bildungswesen Südafrikas steht im krassen Widerspruch zu den hehren Zielen der Befreiungsbewegung und auch zur Verfassung. Kein geringerer als Nelson Mandela hat der Jugend immer wieder eingehämmert, Bildung ist der Schlüssel zur Freiheit, zur Teilhabe am Aufbau einer neuen Gesellschaft. Doch irgendwo bei den Mühen der Ebene ist diese Geisteshaltung am Wegesrand liegengeblieben. Ich denke, einen wesentlichen Anteil an diesem Verlust hat der fast religiöse Glaube an den freien Markt, die Orientierung der Gesellschaft auf den individuellen ökonomischen Erfolg. „Reich sein ist geil“ ist auch in Südafrika der Wahlspruch der Eliten, die, übrigens, ihren Kindern auf teuren Privatschulen eine bessere Bildung zukommen lassen können. Wer wirtschaftlich erfolgreich ist, ist „gesegnet“. Auf wessen Kosten? Diesen unbequemen Gedanken überläßt man, so er denn überhaupt gehegt wird, gern den „Sozialheinis“ und „Weltverbessern“.

Die herrschenden Eliten in Südafrika haben nicht mehr viel Zeit, einen neuen Aufstand der Jugend unter anderen Vorzeichen zu vermeiden. Sie müssen nur die Schrift an der Wand lesen: „Come back to the people“.

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Gewalt in Südafrika vor, während und nach der WM

Neue fremdenfeindliche Gewaltwelle kann jederzeit ausbrechen

(Autor: Ghassan Abid)

Vor dem Beginn der Weltmeisterschaft 2010 musste sich das Land Südafrika auf erhebliche Kritik aus dem In- sowie Ausland einstellen. Die Gewalt und Kriminalität im Lande erlaube keinen einwandfreien Vollzug eines Großspektakels wie die Fußball-WM 2010, so die einstige Hauptaussage aus den Reihen der Kritikern zum Ausrichterland. Bereits einige Tage vor dem Eröffnungsspiel am 11. Juni 2010 mussten mehrere Journalisten vor Ort die Schattenseiten Südafrikas am eigenen Leib erleben müssen.

© Polizei zeigte zur WM deutliche Präsenz (Quelle: Bongani Nkosi, MediaClubSouthAfrica.com)

Drei chinesische Journalisten wurden mit einer Pistole bedroht und um sämtliche Wertgegenstände beraubt. Auch portugiesische und spanische Pressevertreter gerieten in einen Überfall sowie der Südafrika-Korrespondent von „Zeit Online“ und ein anderer Deutscher. Dem Schweizer Reporter Matthias Hüppi sind gar sämtliche Klamotten entwendet worden, abgesehen von Vorfällen mit Journalisten von Tele Züri, der Basler Zeitung und des Tages-Anzeigers, so eine Erklärung des Pressevereins der Schweiz. Die Austragung der WM in Südafrika ist im Vorfeld als „etwas überfrüht und nicht vollkommen bedenkenlos“ eingestuft worden. Doch die Regierung unter Jacob Zuma konnte den Kritikern einen Riegel vorschieben und beweisen, dass das Land für dieses Spektakel gewappnet war und größtenteils ohne Schwierigkeiten umsetzen konnte.

Insgesamt haben 3,2 Millionen Zuschauer, vor allem aus Südafrika, die Spielbegegnungen in den neun WM-Ausrichterstädten miterlebt. Allerdings reisten deutlich weniger Fußball-Fans aus Übersee an, unter anderem infolge der labilen Sicherheitslage im Lande. Dennoch kann festgehalten werden, dass keine größeren Zwischenfälle zu angereisten Fußball-Fans bekannt wurden; abgesehen vom Tod zweier Deutscher im Rahmen eines Verkehrsunfalls, wie es dem Südafrika-Portal zugetragen worden ist.

Südafrika konnte seinen Gästen auf jeden Fall eine relativ sichere WM anbieten. 41.000 zusätzliche Polizisten bestellte die Regierung für die Sicherheit ab. 88 Millionen US-Dollar an Kosten veranschlagte die Regierung für diese Maßnahme. Die Zusammenarbeit der nationalen Polizei SAPS mit 25  Interpol-Mitgliedsländern und die Einrichtung von „Special Courts“ (Gerichts-Schnellverfahren) rundeten diese präventive Sicherheitstaktik der Behörden ab. In den Ausrichterstädten zeigten südafrikanische Sicherheitsbeamte stets Präsenz und unternahmen zahlreiche Hausdurchsuchungen, Razzien und Patrouillen. Unterdessen lobte und honorierte die FIFA Südafrika für dessen organisatorischen Ausrichter-Fähigkeiten  mit 9 von 10 möglichen Punkten, im Vergleich zu 7,5 Punkten zum Confederations Cup 2009.

Abgesehen von diesen Verdiensten sickerte zur zweiten Hälfte der Weltmeisterschaft die drohende Gefahr von fremdenfeindlichen Übergriffen gegenüber afrikanischen Einwanderern durch. Präsident Jacob Zuma bekräftigte am 15. Juli 2010 den Willen der Regierung, jegliche Xenophobie mit vollster Kraft zu bekämpfen. Dennoch sind die Befürchtungen der Immigranten aus den Nachbarstaaten Südafrikas nachvollziehbar, wenn man sich die gewaltsamen Ausschreitungen mit 62 Toten von 2008 vor Augen hält. Deutsche Entwicklungshelfer in den Townships der Provinzen Gauteng und Western Cape haben dem Südafrika-Portal auf Nachfrage grundsätzlich bestätigen können, dass eine Vielzahl der Einwanderer vielerorts mit dem Tode bedroht wurde. Eine Konsequenz haben einige für sich bereits treffen müssen; nämlich die Ausreise aus Südafrika.

Es bleibt nach wie vor in Südafrika gefährlich und die Lage kann jederzeit wie ein Flächenbrand eskalieren. Solange Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit den Alltag vieler Südafrikaner in den Townships dominieren, wird die Xenophobie nicht nachhaltig gelöst werden können. Die positive Sicherheitsbilanz zur WM 2010 lässt jedoch Hoffnung aufkommen.

Presseverein der Schweiz zu Raubüberfallen an Journalisten:

http://www.presseverein.ch/2010/06/ausgeraubte-journalisten-in-sudafrika/

Chronologie zur Fremdenfeindlichkeit in Südafrika der Heinrich-Böll-Stiftung:

http://www.migration-boell.de/downloads/migration/Vincent_Williams_Xenophobie_RSA_deutsch.pdf