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Nach der WM-Euphorie droht die Presseregulierung

Im Interview mit Silke Sandkoetter, Journalistin und Bloggerin

(Autor: Ghassan Abid)

© Silke Sandkoetter, Journalistin und Bloggerin

© Silke Sandkoetter, Journalistin und Bloggerin

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen bei „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Frau Silke Sandkoetter, Journalistin, Bloggerin und Web 2.0-Interessierte aus Leidenschaft. Vor Kurzem hielten Sie sich in Kapstadt auf um der Frage nachzugehen, was von der Fußball-WM in Südafrika eigentlich übrig geblieben ist. Am 05. Dezember 2010 erschien ein von Ihnen verfasster Artikel in der Wochenpost, der verschiedene Gespräche mit Südafrikanern zum Inhalt hatte.

Frau Sandkoetter, ist die einstige Euphorie im Gastland knapp 6 Monate nach dem Ende der WM überhaupt noch spürbar gewesen?

Antwort: Die Euphorie war meines Erachtens nicht mehr spürbar. Der Stolz und die Begeisterung der Südafrikaner, eines der größten Sportereignisse der Welt ausgerichtet zu haben, waren jedoch allgegenwärtig.

2010sdafrika-Redaktion: Südafrika verfügt nun über gewaltige Stadien, die für viel Geld und viele Fans gebaut wurden. In Kapstadt steht das Green Point Stadium, welches für 70.000 WM-Begeisterte vom Hamburger Architekturbüro gmp konzipiert wurde und rund 180 Mio. Euro an Kosten veranschlagt hat. Macht sich das „White Elephant“, wie das Stadium von den Kapstädtern auch gerne bezeichnet wird, nun nach einer fehlenden Kapazitätsauslastung nicht selber überflüssig? Denn in Südkorea wurde beispielsweise eine WM-Arena aufgrund mangelnder Nutzungsauslastung bereits abgerissen.

Antwort: Südafrika verfügt meines Erachtens heute über mehrere „weiße Elefanten“, wie die leerstehenden Stadien genannt werden. Die FIFA hat in Südafrika die Größe dieser Stadien diktiert. Ob eine Stadt sich das Stadion leisten kann und was damit nach der WM passiert, wurde dabei nicht berücksichtigt. Die Stadien sind für Fußballspiele der Premier Soccer League völlig überdimensioniert. Wir haben das in der Redaktion einmal ausgerechnet: Ajax Cape Town hat beispielsweise in vier Spielen durchschnittlich 12.400 Zuschauer angelockt. Die gehen natürlich in so einem Stadion verloren. Ich weiß nicht, ob es alternative Konzepte für die Nutzung dieser Stadien gibt. Fakt ist, dass die Instandhaltung sicher Unsummen verschlingen wird. Geld, das in Südafrika sicher besser eingesetzt werden könnte.

© Innenansicht des Green Point Stadions, 70.000 Zuschauerplätze (Quelle: Rodger Bosch/ MediaClubSouthAfrica.com)

2010sdafrika-Redaktion: Imagegewinne kommen vor allem dem südafrikanischen Tourismussektor zugute, welches im Großen und Ganzen unbestritten ist und Sie in Ihrem Artikel ebenfalls zutreffend festgehalten haben. Allerdings ist der tatsächliche fiskalische Sieger des weltweit größten Events ausschließlich die FIFA, bedingt durch die ungleichen Vertragsbedingungen zwischen dem Weltfußballverband und dem Austragungsland Südafrika. Finden Sie auch nicht, dass hinsichtlich der Vergabe und Durchführung einer Weltmeisterschaft eine grundlegende Strukturreform der FIFA unter Joseph S. Blatter als notwendig und überfällig erscheint?

Antwort: Die jüngsten FIFA-Skandale zeigen, dass eine Strukturreform mehr als notwendig ist. Die FIFA ist der mächtigste Verband der Welt und die Verträge sind knallhart, das ist hinlänglich bekannt. Ein kleines Beispiel: Ich habe mit einigen Straßenverkäufern in Kapstadt gesprochen. Die durften ihre Produkte während der WM ein paar hundert Meter rund um das Stadion nicht verkaufen. Dort waren nur offizielle FIFA-Produkte zugelassen. Und das wurde auch kontrolliert. Straßenverkäufer, die versucht haben, Speisen vor dem Stadion zu verkaufen, wurden von der Polizei vertrieben, weil es Verträge mit großen Sponsoren gibt. Das ist – in meinen Augen – ein Unding. Südafrika dürfte finanziell kaum von den Einnahmen der WM profitiert haben. Die FIFA hingegen hat dank der Verträge ein fettes Plus gemacht.

Unbestritten ist natürlich auf der anderen Seite der Imagegewinn für Südafrika, der in Geld kaum aufzuwiegen ist. Nichtsdestotrotz, um auf die Frage zurückzukommen, ist eine Strukturreform der FIFA meines Erachtens überfällig. Und ich bin der Meinung, es werden nach den jüngsten Skandalen auch immer mehr Stimmen laut, die das fordern.

2010sdafrika-Redaktion: 2006 fand die WM in Deutschland und 2010 bekanntlich in Südafrika statt. Wo sehen Sie persönlich Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei beiden Völkern hinsichtlich der Wahrnehmung der WM als nationale Errungenschaft?

Antwort: Ich glaube, das Gefühl der Zusammengehörigkeit war in beiden Ländern während der WM riesig. In Südafrika haben mir die Menschen immer wieder erzählt, wie sie diese „neue“ Gemeinsamkeit in ihrem Land erlebt haben. Viele Menschen empfanden den Umgang zwischen schwarzen und weißen Südafrikanern während der WM als selbstverständlicher. Gemeinsam wurde die „Bafana, Bafana“ angefeuert.

Dieses „Gemeinsamkeitsgefühl“ gab es – ähnlich – während der WM auch in Deutschland. Davon ist, in Fußballzeiten, vielleicht sogar durch Public Viewing etwas übrig geblieben. Ich glaube, sowohl die Südafrikaner als auch die Deutschen waren stolz, dass die WM in ihrem Land eine so gigantische und positive Party war.

2010sdafrika-Redaktion: Südafrika ist im Hinblick auf den afrikanischen Kontinent ein wirklich außergewöhnliches Land und zugleich die Wirtschaftslokomotive des südlichen Afrikas. Welche Eigenschaften verbinden Sie nach Ihrem Aufenthalt im Kapland mit Südafrika und wird es Sie demnächst erneut nach Südafrika verschlagen?

Antwort: Eine Eigenschaft, die mir besonders aufgefallen ist, ist der unglaubliche Stolz der Südafrikaner auf ihr Land. Egal, mit wem man spricht, die Menschen berichten voller Stolz über ihr Land. Abgesehen davon ist die Freundlichkeit der Menschen eine Eigenschaft, die mir sehr positiv aufgefallen ist. Südafrika und seine Menschen haben mich wirklich fasziniert. Das Land ist voller Kontraste und ohne Frage sechs Monate nach der WM wieder auf dem harten Boden der Wirklichkeit gelandet: Korruption, Massenarmut und Kriminalität sind Alltag. Dennoch sind viele Menschen, mit denen ich gesprochen habe, von ihrem Land überzeugt und glauben an eine positive Zukunft. Diese Aufbruchstimmung ist meines Erachtens überall spürbar. Ich werde auf jeden Fall in Kürze wieder hinreisen.

2010sdafrika-Redaktion: In Blogger- und Journalistenkreisen, ob in Deutschland oder in Südafrika, werden Aspekte wie Meinungs- und Pressefreiheit heiß diskutiert – unter anderem bedingt durch die brisanten WikiLeaks-Veröffentlichungen in diesen Wochen. Sehen Sie grundsätzlich die Gefahr, dass der Informationsfluss in der digitalen Welt in naher Zukunft durch staatliche Institutionen „reguliert“ werden könnte?

Antwort: Eine sehr komplexe Frage, die sich nicht in ein zwei Sätzen beantworten lässt. Fakt ist, Pressefreiheit ist eine der wichtigsten Grundlagen der Demokratie. Ich denke, dass es gut und wichtig ist, dass Themen wie Wikileaks für Diskussionen über diese Pressefreiheit sorgen. Es gibt – auch in Deutschland – immer wieder Versuche, im Internet etwas zu „regulieren“. Das sorgt sofort für viele Auseinandersetzungen. Als Journalistin bin ich überzeugt, dass die Meinungsfreiheit immer wieder verteidigt werden muss und man wachsam mit diesem Thema umgehen muss. In Deutschland ist die Pressefreiheit meines Erachtens weniger durch den Staat bedroht, das ist durch unsere Gesetze klar geregelt. Aus diesem Grund habe ich auch keine Sorgen, dass der Informationsfluss hier in naher Zukunft durch staatliche Institutionen reguliert werden könnte. Ich habe eher das Gefühl, dass wir in Deutschland momentan eine neue Meinungs- und Diskussionsfreiheit entwickeln. Stuttgart 21, Castortransporte usw. bringen etliche tausend Menschen auf die Straße und sorgen – auch in Internet-Foren – für eine neue Streitkultur.

Mit Blick auf Südafrika stimmt mich das Thema Medienregulierung allerdings ziemlich nachdenklich. Präsident Zuma hat kurz nach der WM verkündet, dass Medien reguliert werden müssen. Die ANC-Regierung möchte ein Medientribunal, das direkt dem Parlament unterstellt ist, um die Presse zu kontrollieren. Das ist das Ende einer jeden Demokratie. Es gibt, wie ich gelesen habe, allerdings viel Widerstand gegen dieses Gesetz. Zivilgesellschaft und Medien haben eine Diskussion darüber entfacht, die öffentlich ausgetragen wird. Das ist gut so. Die Diskussion über die Regulierung der Pressefreiheit ist leider völlig kontraproduktiv für den positiven WM-Imagegewinn Südafrikas.

2010sdafrika-Redaktion: Silke Sandkoetter, Journalistin und Bloggerin aus dem Ruhrgebiet. Vielen Dank für das Interview!


2010sdafrika-Interview mit Elena Beis, u.a. Freie Südafrika-Korrespondentin der TAZ, zur Pressefreiheit in Südafrika:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2010/12/08/freie-sudafrika-korrespondentin-u-a-fur-taz-im-gesprach/

2010sdafrika-Artikel zur Pressefreiheit in Südafrika:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2010/09/02/pressefreiheit-in-gefahr-freedom-of-press-in-danger/

WM 2010 – ein dickes Geschäft für Deutschlands Unternehmen

WM 2010 – ein Big Deal der Extraklasse für Deutschlands Geschäftsleute

(Autor: Ghassan Abid)

Am 11. Juni 2010 ist es dann endlich soweit, wenn die erste Begegnung der Fußball- Weltmeisterschaft 2010 im Soccer City-Stadion in Soweto/Johannesburg vor 94.700 Zuschauern angepfiffen wird. Der Gastgeber „Bafana Bafana“ tritt dann gegen die mexikanische Nationalmannschaft an. Schwierig ist es, den genauen Ausgang dieser Partie zu prognostizieren, jedoch kann man die Deutschen schon als Sieger des afrikanischen Ereignisses zählen. Denn die Geschäftsbücher der deutschen Wirtschaft sind bereits jetzt mit vielen schwarzen Zahlen gefüllt.

Das Ziel der südafrikanischen Regierung ist ehrgeizig und gigantisch zugleich. Der Präsident Jacob Zuma hat sich zum Ziel gesetzt, das Sportereignis zum „the best World Cup ever“ zu etablieren. Dieser Wille setzte massive Investitionen in Verkehr und Transport, Umwelt und Tourismus, Kultur, Energie, Sicherheit und Kommunikation voraus. Der Botschafter der Republik Südafrika in Deutschland, S.E. Sonwabo Eddie Funde, bezifferte in einer Stellungnahme vom 05.12.2009 die Investitionen seines Staates in die Infrastruktur des Verkehrs- und Transportwesens, der Energiegewinnung und Telekommunikation, sowie im Stadienbau mit über 5 Milliarden Euro. Zusätzlich investiere die Privatwirtschaft weitere 2,5 Milliarden Euro in die touristische Infrastruktur des Gastgebers. An diesem großen Kuchen schneiden sich vor allem deutsche Firmen ein großes Stück ab.

Ein Erfolgsbeispiel hierfür stellt das Hamburger Architekturbüro Gerkan, Mang und Partner (gmp) dar, welches gemeinsam mit südafrikanischenPartnern den Zuschlag für gleich drei der insgesamt zehn WM-Stadien einholen konnte.

© Green Point Stadium in Kapstadt – Februar 2009

Im November 2005 gewann gmp den Auftrag zum Bau des Nelson Mandela Bay-Stadiums in Port Elizabeth, welches nach FIFA-Angaben Platz für 48.000 Zuschauer bereitstellt und ein Kostenvolumen von 55-60 Mio. Euro einnimmt. Schließlich knüpte am ersten Erfolg im Juni 2006 das Moses Mabhida Stadium in Durban an, welches 70.000 Sitzplätze vorsieht und über 177 Mio. Euro kosten wird. Zu guter Letzt folgte im selben Jahr die Vergabe des Green Point Stadiums, welches für 70.000 WM-Begeisterte in Kapstadt konzipiert wurde und rund 180 Mio. Euro teuer war. Geleitet wurden die Baumaßnahmen durch das extra hierfür eingerichtete gmp-Büro am Kap. Alle drei Stadien sahen bis 2009 ihren Abschluss vor, da jedoch durch Streiks der Arbeiter und Protestaktionen von Umweltaktivisten die Bauarbeiten unterbrochen wurden, steht der Abschluss des Stadions in Port Elizabeth noch aus, während Durban und Kapstadt die WM-Fangruppen bereits gastfreundlich empfangen können.

Die Siemens AG konnte ebenfalls kräftig absahnen und Aufträge in Höhe von einer Milliarde Euro an Land ziehen. Der Großteil dieses Auftragsvolumens entfällt auf Projekte im Energiebereich, im Verkehrsmanagement und in der medizinischen Versorgung. Ferner rüstet die Siemens-Tochter Osram acht von zehn Stadien mit deutscher Lichttechnik aus. Hingegen stattet die ZF Friedrichshafen AG über 700 Busse, die für die Fußball-Weltmeisterschaft zum Einsatz kommen werden, mit Getrieben vom Typ Ecomat und AS Tronic aus. Denn das effektive sowie umweltfreundliche Transportkonzept aus Friedrichshafen hat die südafrikansichen Auftraggeber überzeugt.

Auch die Münchener MAN Nutzfahrzeuge AG konnten ihren Marktanteil im Partnerland ausbauen und einen Deal mit der staatlichen PRASA (Public Rail Agency of South Africa) unter Dach und Fach bringen. Über 110 Überlandbusse des Typs MAN Lion’s Explorer werden an Südafrika verkauft, die den Transport von Fußballfans zu den WM-Spielen in das Soccer City-Stadion gewährleisten sollen. In Südafrika ist MAN mit einem Marktanteil von rund 30 Prozent seit Jahren Marktführer im Busbereich.

Für den Erfolg zahlreicher deutscher Unternehmen im Partnerland, spielen mehrere Grundvoraussetzungen bei der Auftragsvergabe eine überaus wichtige Rolle, wie bei den ausgewählten Unternehmen eindeutig zu erkennen war. Langjährige Kontakte nach Südafrika sichern den Unternehmen immer Up to Date zu sein und somit gleichzeitig die Transaktionskosten senken zu können. Ebenfalls gilt der Einschluss südafrikanischer Partner bei öffentlichen Ausschreibungsverfahren als Bonus für einen Zuschlag, zumal der Broad Based Black Economic Empowerment Act (BBBEE) der südafrikanischen Regierung unter bestimmten Voraussetzungen die Einstellung von schwarzen Mitarbeitern bzw. die Einbindung von lokalen (schwarzen) Partnern wie Zulieferer vorsieht. Des Weiteren erweist sich die Expertise deutscher Firmen, das German Know-how, insbesondere bei Infrastrukturmaßnahmen als unerlässlich. Deshalb konnte gmp infolge seiner Erfahrungen im Stadion(um)bau, etwa beim Berliner Olympiastadion, hierbei einen Vorsprung erzielen. Doch ein einzigartiger Aspekt hebt die Deutschen im Wettbewerb zu den konkurrierenden ausländischen Unternehmen insgesamt hervor, nämlich das Qualitätsimage des „Made in Germany“.  So ist es nicht verwunderlich, dass gegenwärtig über 650 deutsche Firmen in Südafrika tätig sind und mehr als 90.000 Menschen unmittelbar beschäftigen. Die Weltmeisterschaft hat Deutschland schon gewonnen.

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2010sdafrika-Artikel auf Business-On veröffentlicht:

http://www.business-on.de/jacob-zuma-sonwabo-eddie-funde-fussball-wm-_id20804.html