Schlagwort-Archive: Gott

Schwulsein im Islam – geht das?

Für den Imam Muhsin Hendricks aus Südafrika ist Homosexualität keine Sünde und keineswegs haram 

(Autor: Ghassan Abid)

Homosexualität ist in vielen Teilen dieser Welt geächtet und strafbar. Vor allem in islamischen Staaten stellt eine homosexuelle Identität ein Tabu dar, begründet durch das islamische Recht. Sexuelle Handlungen mit Gleichgeschlechtlichen sind ähnlich wie der Ehebruch, Alkoholismus oder Austritt aus dem Islam eine schwerwiegende Sünde, so mehrere Überlieferungen – den Hadithen. Doch aus Südafrika kommt Widerstand. Imam Muhsin Hendricks, der selbst schwul ist, hält Homosexualität mit dem Islam für vereinbar. Mit seiner Queer-Position stellt er sich ins Abseits. Eine intrareligiöse Debatte ist von den meisten Würdenträgern nicht erwünscht.

Muhsin Hendricks

© Muhsin Hendricks ist einer der wenigen schwulen Imame weltweit. Der Kapstädter setzt sich dafür ein, dass die Homosexualität im Islam nicht mehr als Sünde angesehen wird. Seiner Meinung nach toleriere der Koran das Schwulsein. Doch die Mehrheit der islamischen Gelehrten widerspricht dieser Auffassung. Einige renommierte Geistliche fordern weiterhin die Todesstrafe für Schwule. (Quelle: Privat)

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67 Südafrikaner sterben in Nigeria

Einsturz eines Gotteshauses in Lagos soll durch ein Kleinflugzeug ausgelöst worden sein

(2010sdafrika-Redaktion)

Viele Menschen aus dem In- und Ausland reisten am vergangenen Freitag an, um dem populären und gleichzeitig umstrittenen Prediger T.B. Joshua in der „Synagogue Church of All Nations“ im nigerianischen Lagos zuzuhören. Nachdem ein Kleinflugzeug mehrfach die Kirche überflog, stürzte das Gotteshaus ein. Ein entsprechendes Überwachungsvideo kursiert zurzeit im Netz. Nun hat Präsident Jacob Zuma bestätigt, dass sich unter den Toten 67 Südafrikaner befinden.

T.B. Joshua

© Der Nigerianer T.B. Joshua gilt auf dem afrikanischen Kontinent bei vielen Christen als vertrauenswürdiger Prediger, der im Namen Jesus Christus Menschen angeblich heilen kann. Jedoch wird er in der westlichen Kirchenwelt als Scharlatan bezeichnet. Nun steht der „Mann Gottes“ in der Kritik, an dem kürzlichen Einsturz seines Gotteshauses in Lagos eine Mitschuld zu tragen. Mindestens 67 Südafrikaner starben.

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„Tebartz-van Elst ist auf den SPIEGEL reingefallen“

Im Interview mit Paul Badde, Journalist und Mitherausgeber der Zeitschrift „VATICAN magazin“

(Autor: Ghassan Abid)

© Paul Badde ist Sachbuchautor, Journalist und Mitherausgeber der Zeitschrift „VATICAN magazin“. Er interviewte kürzlich den Limburger Bischof Tebartz-van Elst exklusiv in Rom. Der renommierte Redakteur mit Fokus auf die katholische Kirche übt scharfe Kritik an die deutsche Presse für die Berichterstattung über das Bistum Limburg und speziell an den SPIEGEL-Redakteur Peter Wensierski. Zudem hält Badde fest, dass Tebartz-van Elst zum Selbstmord aufgefordert worden ist.

© Paul Badde ist Sachbuchautor, Journalist und Mitherausgeber der Zeitschrift „VATICAN magazin“. Er interviewte kürzlich den Limburger Bischof Tebartz-van Elst exklusiv in Rom. Der renommierte Redakteur mit Fokus auf die katholische Kirche übt scharfe Kritik an die deutsche Presse für die Berichterstattung über das Bistum Limburg und speziell an den SPIEGEL-Redakteur Peter Wensierski. Zudem hält Badde fest, dass Tebartz-van Elst zum Selbstmord aufgefordert worden ist.

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Herrn Paul Badde – Sachbuchautor, Journalist und Mitherausgeber der Zeitschrift „VATICAN magazin“. Sie zählen unumstritten zu den bekanntesten deutschen Redakteuren mit Fokus auf die katholische Kirche. Wofür steht die heutige Kirche in Deutschland?

Antwort: Auch in Deutschland ist die katholische Kirche eine „römisch-katholische Kirche“. Das heißt, sie ist angebunden an die zwölf Apostel, von denen mindestens fünf ihr Grab in Rom gefunden haben – außer den „Apostelfürsten“ Petrus und Paulus – auch noch Bartholomäus, Judas Thaddäus und Simon.

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Scientology-Expansion in Südafrika

„Castle Kyalami“ als Ort der „perfekten Gehirnwäsche“, so europäischer Sektenkritiker

(2010sdafrika-Redaktion)

Yasmine M. ist etwa 35 Jahre alt und mit Jean Marc M. glücklich verheiratet, einem Mitarbeiter einer Johannesburger TV-Produktionsfirma. Beide zählen zum schwarzen Mittelstand Südafrikas. Gebildet, gut verdienend und selbstbewusst. Zudem glauben beide an Gott. So entschlossen sie sich, die „Scientology-Kirche“ zu kontaktieren. Puneet Dhamija, ein Inder der für die Liebe zu einer Südafrikanerin ans Kap zog, ist Direktor von Scientology in Johannesburg. Yasmine und Jean Marc M. erhielten von Dhamija eine Einladung, sich das von Scientology betriebene „Castle Kyalami“ anzuschauen. Sie taten es auch, ohne sich den Gefahren der Beeinflussung und Abhängigkeit bewusst gewesen zu sein.

© Mit dem „Castle Kyalami“ kaufte die Scientology-Organisation in Südafrika ein protziges Schloss, dass die Expansion der Sekte in Afrika beschleunigen soll. Bekannt ist diese Einrichtung als beliebter Tagungsort, der vor allem die Mittelschicht anzieht. (Quelle: flickr/ Liann Lin)

© Mit dem „Castle Kyalami“ kaufte die Scientology-Organisation in Südafrika ein protziges Schloss, dass die Expansion der Sekte in Afrika beschleunigen soll. Bekannt ist diese Einrichtung als beliebter Tagungsort, der vor allem die Mittelschicht anzieht. (Quelle: flickr/ Liann Lin)

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„Millionen von Menschen leiden Not“

Im Interview mit Barbara Stamm, Präsidentin des Bayerischen Landtags

(Autor: Ghassan Abid)

© Barbara Stamm, Präsidentin des Bayerischen Landtags (Quelle:  Bildarchiv Bayerischer Landtag)

© Barbara Stamm, Präsidentin des Bayerischen Landtags (Quelle: Bildarchiv Bayerischer Landtag)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Frau Barbara Stamm, Präsidentin des Bayerischen Landtags. Vor wenigen Wochen kamen Sie mit dem Präsidium des Landtags von einem Arbeitsbesuch aus Südafrika zurück. Welchen Eindruck konnten Sie von Land und Leute sammeln?

Antwort: Ich bin mit gemischten Gefühlen nach Bayern zurückgeflogen. Auf der einen Seite hat unsere Delegation ein Land erlebt, das vom Klima verwöhnt und reich ist an Bodenschätzen. Da diese nur ausgebeutet, aber nicht im Land veredelt werden, profitieren die Menschen davon nicht. Die Kluft zwischen Arm und Reich ist riesig. Millionen von Menschen leiden Not. Mich treibt die Frage um, wie die Verantwortlichen in Südafrika die vielen Aufgaben bewältigen wollen, an der Spitze die Arbeitslosigkeit, vor allem die Jugendarbeitslosigkeit. Wir haben auf unserer Reise viel von der gefährlichen Mischung aus Perspektivlosigkeit, Drogen und Kriminalität erfahren.

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Onkel Ali und die Nizamiye Moschee

Größtes islamisches Gotteshaus in der südlichen Hemisphäre für 24 Millionen Euro erbaut.

(Autor: Ghassan Abid)

Zwischen Pretoria und Johannesburg gelegen, in Midrand, erstrahlt seit Kurzem ein prachtvolles Gotteshaus. Die Nizamiye Moschee mit ihren 55 Meter hohen Minaretten zählt bereits jetzt schon zu den sehenswerten Gebäuden in der größten südafrikanischen Metropole. Für 250 Millionen Rand, also umgerechnet 24 Millionen Euro, ist mit der Moschee der Grundstein für die größte islamische Einrichtung in der südlichen Hemisphäre gelegt worden.

© Nizamiye Moschee in Johannesburg. Die Baukosten betrugen 24 Millionen Euro. (Quelle: flickr/ markStraw)

© Nizamiye Moschee in Johannesburg. Die Baukosten betrugen 24 Millionen Euro. (Quelle: flickr/ markStraw)

Tausende Touristen besuchen jede Woche die Nizamiye Moschee. Inspiriert von türkischem Design – vom Teppich bis hin zu den Fenstern – und handgemachten Wandfliesen mit Blumenmustern, erlebt Südafrika eine architektonische Neuheit. Allein der Türeingang besteht aus 23,9 Karat Gold und ist somit ein Blickfang. Der Style entspricht türkischen Motiven des 16. Jahrhunderts, welche durch Mimar Sinan geprägt sind.

© Die Minarette sind 55 Meter hoch. (Quelle: flickr/ markStraw)

© Die Minarette sind 55 Meter hoch. Insgesamt wurden 4 solcher Türme aufgestellt. (Quelle: flickr/ markStraw)

Im Oktober 2009 begannen die Arbeiten an der Moschee. Ali Katircioglu, ein 65-jähriger Geschäftsmann aus der Türkei, finanzierte zu einem erheblichen Teil den Bau. Für dieses Vorhaben flog der reiche Türke regelmäßig zwischen Südafrika und der Türkei. Sein Anliegen war es, dass auch am Kap ein islamisches Gotteshaus den Betenden und den Gästen zur Verfügung gestellt werden sollte. Ahmed Shabbir Bham, ein muslimischer Architekt aus Südafrika, verwirklichte den Traum von “Onkel Ali”, wie der Türke in Johannesburg auch gerne genannt wird.

Es wird geschätzt, dass in Südafrika rund 656.000 Muslime leben, was 1,4 Prozent an der Gesamtbevölkerung ausmacht. Vor allem die Anzahl junger Männer, die zum Islam konvertieren, steige stetig.

eNCA-TV-Beitrag zur Nizamiye Mosque

Um die Moschee herum finden sich bislang noch Baustellen. Geplant sind ein Shopping Center, eine Grundschule, eine Klinik und eine Muslimische Universität. Im September 2012 werden diese, abgesehen von der Hochschule, eingeweiht. Präsident Jacob Zuma soll der Eröffnung dieser muslimischen Einrichtungen beiwohnen, heißt es aus muslimischen Kreisen.

Die meisten Muslime leben in den Provinzen Gauteng, am Westkap und in KwaZulu-Natal. Seit 1658 ist der Islam mit der Einwanderung von Muslimen aus Malaysia am Kap präsent.  Sie sollten als Zwangsangestellte, besser bekannt als „Mardyckers“, den Besitz und Eigentum holländischer Kolonialisten schützen. Die Religionsausübung war diesen Sklaven jedoch verboten worden. Sogar die Todesstrafe soll nach historischen Überlieferungen angewandt worden sein. Mit Gelehrten wie Scheich Yusuf und Tuan Guru errang die südafrikanische Muslimgemeinde internationale Beachtung.

© Die Moschee besteht hauptsächlich aus Materialen aus der Türkei. "Onkel Ali" finanzierte das Vorhaben größtenteils. (Quelle: flickr/ markStraw)

© Die Moschee besteht hauptsächlich aus Materialen aus der Türkei. „Onkel Ali“ finanzierte das Vorhaben größtenteils. (Quelle: flickr/ markStraw)

Erst ab 1798 wurden die ersten Moscheen in Südafrika legalisiert, beginnend in Kapstadt. Im 19. Jahrhundert konnte durch die Tolerierung der britischen Herrschaft eine ganze muslimische Gemeinschaft am Kap aufgebaut werden. Während der Apartheid verließen die Muslime ihre Passivität und schlossen sich weitgehend dem politischen Widerstand an.

© Arabische Schriften und Blumenmuster zieren den Innenraum des Gotteshaues. (Quelle: flickr/ markStraw)

© Arabische Schriften und Blumenmuster zieren den Innenraum des Gotteshaues. (Quelle: flickr/ markStraw)

Obwohl die Muslime eine Minderheit in Südafrika stellen, ist ihr Einfluss umso beachtlicher. Mehrere Parlamentarier und Minister fühlen sich dem Islam zugehörig. Kerstin von Bremen von der Konrad-Adenauer Stiftung kommt unter anderem zum Ergebnis, dass in Kapstadt, Durban und Johannesburg die einflussreichsten muslimischen Südafrikaner leben. Sie pflegen bisweilen beste Kontakte zu Politik, Medien und Wirtschaft einerseits und zu anderen muslimischen Gemeinschaften im Ausland andererseits. Der populärste Muslim ist Ebrahim Rasool, ehemaliger ANC-Vorsitzender sowie Premierminister des Westkaps. Gegenwärtig ist er Botschafter von Südafrika in den USA. Islamophobie taucht nur in vereinzelten Fällen auf.

Veranstaltungsbericht zu „Thierse trifft … EXTRA“

Makhenkesi A. Stofile, Botschafter von Südafrika, in der Retrospektive: Mit 10 Jahren beim ANC aktiv.

(Autor: Ghassan Abid)

Am 23. Mai 2012 lud die Friedrich-Ebert-Stiftung in Berlin den Botschafter Südafrikas in Deutschland im Rahmen der Veranstaltungsreihe Solidaritäten über Grenzen: 100 Jahre ANC“ zum Interview-GesprächThierse trifft … EXTRAein. In chronologischer Reihenfolge sind die verschiedenen Lebensabschnitte des Botschafters zu Zeiten der Apartheid, der Demokratisierung von 1994 bis hin zur Post-WM-Ära beleuchtet worden. Makhenkesi A. Stofile hatte hierbei stets den Afrikanischen Nationalkongress, welcher im Januar dieses Jahres seinen hundertsten Geburtstag zelebrierte und somit die älteste Bewegung des gesamten afrikanischen Kontinents darstellt, in den Blick genommen. Moderiert wurde die deutsch-südafrikanische Begegnung von Wolfgang Thierse, Bundestagsvizepräsident und SPD-Politiker.

© Makhenkesi A. Stofile, Botschafter von Südafrika in Deutschland, im Gespräch mit Wolfgang Thierse, Bundestagsvizepräsident und SPD-Politiker. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA - Land der Kontraste)

© Makhenkesi A. Stofile, Botschafter von Südafrika in Deutschland, im Gespräch mit Wolfgang Thierse, Bundestagsvizepräsident und SPD-Politiker. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA – Land der Kontraste)

Aufgewachsen auf einer Farm, mit dem Segen von Gott und der Leidenschaft für Sport
Stofile wuchs auf einer kleinen südafrikanischen Farm in der Provinz KwaZulu-Natal auf. Seine Familie brachte ihm schon früh die christliche Religion nahe. Er spricht isiXhosa, eine Sprache mit Klicklauten, welche von heute rund 6,7 Millionen Südafrikanern gesprochen wird und die zweitgrößte Sprachgruppe ausmacht. Genauso ist er ein großer Fan und Mannschaftssportarten und praktizierte Fußball, Cricket, Rugby und gar Tennis. Er erinnert sich an die Schwierigkeiten beim Schulbesuch – keine Stühle in den Klassenräumen, lange Wege zu den Schulen und äußerst enge Räume. Das beim Sport notwendige Durchhaltevermögen hat er unter anderem den schwierigen Umständen während der Schulzeit zu verdanken. „Wir konnten sogar die Decken anfassen“, führte Stofile an. Nach dem Bestehen des Abiturs ging er gleich arbeiten. In einer Weberei in Port Elizabeth erwirtschaftete er bei einer belgischen Familie ein wenig Geld, welches er für ein angefangenes Medizinstudium an der Universität Fort Hare am Ostkap dringend brauchte. Fort Hare, eine in Südafrika äußerst bekannte Einrichtung, auf welche viele südafrikanische Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Kultur gingen. Zudem begab er sich regelmäßig auf Sponsorensuche, um die Kosten der Hochschulausbildung abdecken zu können.

Hochschulen nach Ethnien untergliedert
Der heutige Botschafter erinnert sich noch gut an die ungerechten Zustände von damals, als die Hochschulen für Schwarze weitgehend verschlossen blieben. Allerdings gab es einige wenige „liberale Universitäten“, die auf Basis von Quoten einigen schwarzen oder farbigen Studenten eine Ausbildung gewährten. Die renommierte Witwatersrand-Universität (Wits) in Johannesburg, an welcher Nelson Mandela sein Jurastudium aufnahm, war einer dieser Einrichtungen. Genauso gab es Hochschulen, die ausschließlich den Schwarzen oder anderen Ethnien vorbestimmt waren. Die Universität Fort Hare, welche Stofile zum Medizinstudium besuchte, war bis in die 1960er Jahre die „einzige und erste Hochschule für Schwarze. Dann folgten landesweit weitere solcher Institutionen“.
Schließlich entschied sich Stofile dann zur Aufnahme eines weiteren Studiengangs im Bereich der Theologie, nachdem er sein Geschichtsstudium aufgrund von Lerninhaltskonflikten mit einem Universitätsprofessor abbrechen musste. Er bedauert nach wie vor diesen Schritt.

© Im jungen Alter von 10 Jahren engagierte sich Makhenkesi A. Stofile beim Afrikanischen Nationalkongress gegen die Apartheid. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA - Land der Kontraste)© Im jungen Alter von 10 Jahren engagierte sich Makhenkesi A. Stofile beim Afrikanischen Nationalkongress gegen die Apartheid. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA - Land der Kontraste)

© Im jungen Alter von 10 Jahren engagierte sich Makhenkesi A. Stofile beim Afrikanischen Nationalkongress gegen die Apartheid. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA – Land der Kontraste)

Alle Eltern waren Aktivisten des ANC
Als Antwort auf die Frage von Thierse, wann Stofile zum Afrikanischen Nationalkongress beitrat, erwiderte er: „Alle Eltern waren Aktivisten … das war normal“. Dementsprechend fand er bereits 1954 seine erste politische Betätigung im ANC. Im Alter von 10 Jahren wohlgemerkt! Die Widerstandsbewegung wandte sich zum damaligen Zeitpunkt den Familien zu, welche mit der Verhaftung von Familienmitgliedern konfrontiert waren. Auf diese Weise konnte der ANC stetig seine Gefolgschaft vergrößern. Doch erst als Student begab sich der heutige Botschafter in den sogenannten Untergrund. Er traf mehrere Persönlichkeiten, etwa Thabo Mbeki – der zweite Präsident des demokratischen Südafrikas – oder die „Mutter der Nation“ Winnie Madikizela-Mandela –damalige Ehefrau von Nelson Mandela.

Verhaftung und Anklage wegen Terrorismus und Verrat
So wie unzählige ANC-Aktivisten war auch Stofile von Verhaftungen durch die Polizei nicht verschont geblieben.“Ich weiß nicht, wie oft ich verhaftet wurde“, beklagte der Botschafter das Leben in der Apartheid. Ausgangssperren für Schwarze dienten oft als diesbezügliche Rechtfertigung. „Die Polizei hat uns vor der Weberei aufgelauert. Nach 10 Uhr galt nämlich eine Ausgangssperre. Da einige Arbeiter doch einige Minuten später die Weberei verließen und auf den Bus warteten, wurden wir verhaftet“, so der ANC-Aktivist. Schließlich ist er eines Tages von der Staatsanwaltschaft angeklagt worden. Ihm wurden Terrorismus und Verrat vorgeworfen. „Mir hat man eine Verschwörung vorgeworfen“, sagte Stofile mit lauter Stimme. Das Gericht verurteilte ihn dann zu einer Haftstrafe von 12 ½ Jahren, wovon er 4 Jahre abgesessen hatte.

Die Deutschen waren sehr gute Freunde der Apartheid
Stofile hielt fest, dass die Bundesrepublik sehr gute Beziehungen zum Apartheidsregime pflegte. Sogar der „Vater der Apartheid“, Hendrik Frensch Verwoerd, stattete Deutschland einen Besuch ab. Während die DDR, die Sowjetunion und die Staaten Osteuropas den ANC umfassend beim Widerstand unterstützten, waren die Westdeutschen weniger für die Probleme der schwarzen Mehrheitsbevölkerung sensibilisiert. „Wir sind [im Westen] als Agenten des Kommunismus betitelt worden… In [Ost]Deutschland hatten wir hingegen viele Freunde und 1975 hielt ich mich in Berlin auf“. Der Botschafter untermauerte die damaligen Bestrebungen des ANC, dass die Westdeutschen auf Produkte aus dem Apartheids-Südafrika verzichten sollten, da die Wirtschaft das Rückgrat des Regimes darstellte. „Es war schwer, hier gehört zu werden“, erinnert er sich. Umso entschlossener setzte der ANC seinen Widerstand fort. Sämtliche Entscheidungen der Bewegung sind durch Nelson Mandela abgesegnet gewesen, der auch aus dem Gefängnis heraus einen enormen Einfluss auf die Bewegung – ob im In- oder im Ausland – entfaltete.

Der Apartheids-Geheimdienstchef als Parlamentskollege
Als Nelson Mandela 1990 vom Apartheidsregime und der ihr vorstehenden National Party (NP) aus der Haftanstalt entlassen wurde, schickte der erste schwarze Präsident Südafrikas zwei Männer zu Stofile, die ihn für eine Tätigkeit im Parlament gewannen: „Sie haben mir 2 Jahre angeboten. Dann sagten sie mir, dass ich länger bleiben kann.“. Als besonderen Umstand empfand der gewählte Parlamentarier die Zusammenarbeit mit Abgeordneten, die während der Apartheid hohe Ämter inne hatten und am Unrechtssystem beteiligt waren. Vor allem die Zusammenarbeit mit dem Geheimdienstchef, der bis 1999 Mitglied der Nationalversammlung war und heute als Geschäftsmann tätig ist, sorge bei ihm bisweilen für besondere Eindrücke.

Vom  Ministerpräsidentenamt des Ostkaps ins Sportministerium
Nachdem Raymond Mhlaba mit dem Amt des Ministerpräsidenten am Ostkap – bedingt durch die 35 jährige Haftzeit auf Robben Islands – überfordert war, wurde Makhenkesi A. Stofile zum neuen Regierungschef der Provinz ernannt. Gleichzeitig ist er auch nach erfolgter Abstimmung mit Mandela in die ANC-Spitze gewählt worden. Da Stofile ein großer Sportfan ist und auch selber regelmäßig sportlich aktiv war, erhielt er kurz vor der WM 2010 das Angebot, der nächste Sportminister Südafrikas zu werden. „Nach der WM war ich so erschöpft“, untermauert er die  immense Arbeit der Südafrikaner im Hinblick auf die Durchführung der ersten Fußball-Weltmeisterschaft in Afrika. Mit lächelndem Blick in Richtung Thierse unterstrich der Botschafter seine Freude über den Sieg gegen Frankreich: „Wir haben das erste Tor der WM überhaupt geschossen und dazu Frankreich besiegt!“.

© Botschafter Stofile erinnert sich an die großen Anstrengungen im Hinblick auf die Vorbereitung der ersten Fußball-WM in Afrika.  „Nach der WM war ich so erschöpft“, sagte er. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA - Land der Kontraste)

© Botschafter Stofile erinnert sich an die großen Anstrengungen im Hinblick auf die Vorbereitung der ersten Fußball-WM in Afrika. „Nach der WM war ich so erschöpft“, sagte er. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA – Land der Kontraste)

Der Islam gehört ganz klar zu Südafrika
Nach dem sportlichen Großspektakel ist Stofile ein Botschaftsposten in Finnland angeboten wurden, welches er gerne angenommen hätte. Doch die Entscheidung ist von den zuständigen Personen revidiert worden und Berlin wurde ihm nun vorgeschlagen. Seit 2011 ist er nun der höchste Repräsentant Südafrikas in Deutschland. Thierse fragte nach den Unterschieden von Südafrikanern und Deutschen. Der Botschafter machte deutlich, dass in Südafrika die Einwanderung ein großes Thema darstelle, während hierzulande über die Einwanderung UND Religion debattiert werde. „Der Islam gehört ganz klar zu Südafrika.“ Stofile spielt die kontrovers geführte Auseinandersetzung im Hinblick auf den Umgang mit Muslimen und dem Islam in Deutschland an.

© Südafrikas höchster Repräsentant in Deutschland sprach die deutsche Islamdebatte an. Mit ein wenig Verwunderung erläuterte Botschafter Stofile den Standpunkt seines Landes, dass der Umgang mit dem Islam und den Muslimen am Kap völlig normal ist und keineswegs kontroverse Debatten auslöst. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA – Land der Kontraste)

© Südafrikas höchster Repräsentant in Deutschland sprach die deutsche Islamdebatte an. Mit ein wenig Verwunderung erläuterte Botschafter Stofile den Standpunkt seines Landes, dass der Umgang mit dem Islam und den Muslimen am Kap völlig normal ist und keineswegs kontroverse Debatten auslöst. (Quelle: Ranem/ SÜDAFRIKA – Land der Kontraste)

Ich wünsche mir …
Botschafter Stofile hielt zum Ende der Veranstaltung fest, dass er sich einen Ausbau des Zugangs der Bevölkerung zu Wasser und Strom wünsche. Vor allem die „rural areas“, die ländlichen Gegenden Südafrikas, weisen weiterhin große Entwicklungsdefizite auf – gesteht er ein. „Alles außerhalb von Kapstadt braucht weitere Unterstützung. Südafrika ist ein armes Land.“ Aus diesem Grund verfolgt der Botschafter das Bestreben, dass die südafrikanischen Minister für ländliche Entwicklung nach Deutschland kommen. Außerdem bewertet Stofile den Landwirtschaftssektor, welcher im Vergleich zu anderen Sektoren wie den Minen an ökonomischer Bedeutung abgenommen hat, als wichtig. Die Landwirtschaft trägt zur Wohlstandsentwicklung der Nation bei. Diese schaffe viele Arbeitsplätze und produziere Nahrungsmittel, lautet seine Begründung. „Beides brauchen wir“, so Stofile. Ferner muss das Land noch große Anstrengungen im Bildungsbereich und beim Klima- bzw. Umweltschutz unternehmen. Die gegenwärtigen Machtkämpfe innerhalb des ANC bewertet das langjährige Parteimitglied als „sehr, sehr, sehr traurig“.