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Kap-Kolumne: „Der Speer“ wurde begraben

Südafrika zwischen Himmel und Erde. Der irdische Streit entweicht den Sternen; zumindest vorerst.

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Der Speer wurde begraben. Die Saga um das Gemälde „The Spear“ – Der Speer – des Künstlers Brett Murray hat vorerst ein versöhnliches Ende gefunden. Der ANC zieht seine Klage vor Gericht zurück, die Galerie hängt das Gemälde ab und die Zeitung City Press löscht das Bild von ihrer Website. Die Fragen jedoch, die dieser Streit aufgeworfen hat, stehen weiter im Raum.
Die Chefredakteurin der Zeitung City Press, Ferial Haffajee, schreibt in einer sehr persönlichen Kolumne: „Der Speer ist abgelegt, aus Fürsorge und Furcht.“ (The spear is down, out of care and fear.) Sie wolle zur Heilung in der Gesellschaft beitragen, meint Haffajee, die Hitze aus einer zunehmend überhitzten gesellschaftlichen Atmosphäre herausnehmen und ihre Redakteure sowie die Zeitungsverkäufer auf der Straße schützen wollte. Freilich schwirren zig Fotodateien davon im Internet herum. Aber darum geht es nicht.

Tausende Südafrikaner folgten dem ANC und demonstrierten gegen die Zeitung City Press. Diese Presseeinrichtung gab nach und der ANC zeigte, dass er weiterhin viel Macht am Kap genießt. Der Speer-Fall hat sich längst zu einem Paradebeispiel dafür etabliert, dass die Medien im Umgang mit dem ANC die Konsequenzen bedenken sollten.

Was zunächst als eine scharfe Debatte um Kunstfreiheit versus persönliche Rechte daherkam, wandelte sich innerhalb einer Woche zu einer teils bitteren Auseinandersetzung um die Gefühle einer ganzen Nation. Mehrere tausend Menschen demonstrierten am Dienstag – dem Aufruf des ANC und seiner Verbündeten folgend – in unmittelbarer Nähe zur Goodman Gallery in Johannesburg. „Hier geht es nicht um Zuma“, sagt ein Teilnehmer der Zeitung Mail&Guardian, „hier geht es um kulturelle Unterschiede. Brett Murray hat das Recht zu sagen, was er will. Aber er sollte sich im Klaren darüber sein, wen er beleidigt. Es ist vollkommen falsch einen Ältesten mit heraushängenden Genitalien zu porträtieren. Wie würden Sie empfinden, wenn man Ihren Vater so malt?“ Der Streit hat gezeigt, wie wund die Gesellschaft noch ist, nur achtzehn Jahre nach dem Ende einer 350-jährigen Geschichte kolonialer Herrschaft mit den letzten vierzig Jahren eines gnadenlos rassistischen Gewaltregimes namens Apartheid. Dies ist eine Seite der Medaille.

Mit dem Aufruf zum Boykott der Zeitung City Press sowie mit der Demonstration zur Galerie haben die ANC-Führung und ihre Verbündeten gewiss einen Nerv getroffen und ihre Muskeln spielen lassen. Sie müssen sich aber nun die Frage gefallen lassen, ob sie hier nicht auch die Gunst der Stunde nutzen, um politisch zu punkten – und dabei ziemlich heftig überziehen. Es ist daher gar nicht ausgemacht, ob der „Speerkampf“ am Ende dem ANC-Präsidenten Jacob Zuma zu seiner Wiederwahl im Dezember in Mangaung beim nationalen Parteitag des ANC verhelfen wird, wie dies so mancher Kommentator spekuliert. Mangaung ist noch ein paar Monate hin, in dieser Zeit fließt viel Wasser den Orange River hinunter.

Griff nach den Sternen

Während die Menschen also ihre Wunden lecken, kam die aufregende Nachricht vom größten internationalen wissenschaftlichen Projekt der nächsten Jahrzehnte gerade recht. Südafrika, und damit der Kontinent, erhielt den Löwenanteil (70 Prozent) des Baus der gigantischen Teleskopanlage SKA (Square Kilometre Array). Südafrika teilt sich dieses Projekt mit Australien und Neuseeland. Das SKA wird in der Halbwüste Karroo gebaut und soll, wenn fertiggestellt, weiter ins Weltall hineinsehen könne könne, als jedes bisherige Großteleskop. Die Wissenschaft erwartet damit neue Erkenntnisse über die Entstehung des Universums.

© Südafrika erhält mit einem Anteil von 70 Prozent den Zuschlag für das SKA-Forschungsprojekt. In der Halbwüste Karroo ist der Bau dieser gigantischen Anlage vorgesehen. Australien und Neuseeland beteiligen sich ebenfalls am Projekt. Die Teleskopanlage soll noch tiefer ins Weltall blicken können. Die Forscher erhoffen sich neue Erkenntnisse über die Entstehung des Universums. (Quelle: Dr Nadeem Oozeer/ SKA South Africa)

© Südafrika erhält mit einem Anteil von 70 Prozent den Zuschlag für das SKA-Forschungsprojekt. In der Halbwüste Karroo ist der Bau dieser gigantischen Anlage vorgesehen. Australien und Neuseeland beteiligen sich ebenfalls am Projekt. Die Teleskopanlage soll noch tiefer ins Weltall blicken können. Die Forscher erhoffen sich neue Erkenntnisse über die Entstehung des Universums. (Quelle: Dr Nadeem Oozeer/ SKA South Africa)

In den Weiten des Weltalls mag der „Streit um den Speer“ zu Winzigkeit schrumpfen. Die in diesem Streit aufgeworfenen und die Gesellschaft spaltendnen Probleme werden die Menschen hinieden in Südafrika noch sehr lange beschäftigen.

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Kap-Kolumne: Die Never-Ending-Story

Grotesker „Speer-Fall“: Bürgerkrieg verhindert, weinender Zuma-Anwalt und Bill Clinton als Vorbild

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Es ist verrückt! Der „Speer-Fall“ wird immer grotesker. Das Hohe Gericht von Süd-Gauteng hat die Anhörung der Klage heute auf unbestimmte Zeit vertagt. Grund: Der Anwalt des Klägers Jacob Zuma, Gcina Malindi, brach während der Befragung durch die drei Richter(innen) in Tränen aus. Man kann davon ausgehen, dass dies keine Show, sondern eine tiefe emotionale Regung war, berichtet City Press-Journalist Adriaan Basson: „It was raw, deep pain and emotion.“ Das Bild des Künstlers Brett Murray, aber auch der Umgang damit durch die Medien und durch die Politik, hat die Nation in tiefe Turbulenzen gestürzt.

© Das in Johannesburg angesiedelte Hohe Gericht von Süd-Gauteng, der South Gauteng High Court, wird zunehmend politisiert. Den drei Richtern droht eine auferzwungene Partizipation an einer parteipolitischen Debatte. (Quelle: Barsov/ Wikimedia)

© Das in Johannesburg angesiedelte Hohe Gericht von Süd-Gauteng, der South Gauteng High Court, wird zunehmend politisiert. Den drei Richtern droht eine auferzwungene Partizipation an einer parteipolitischen Debatte. (Quelle: Barsov/ Wikimedia)

Der Anwalt stimmte während der Befragung mit dem Richter überein, dass dies keine rassische Angelegenheit (racial issue) sei. Er vertrat jedoch die Ansicht, nur eine gebildete Elite sei in der Lage, derartige Kunst zu verstehen.

Barend La Grange, der Mann, der die beiden roten X über Gesicht und Genitalien gemalt hat, sagt, dass er einen „Bürgerkrieg“ verhindern wollte. Auch wenn das drastisch und übertrieben klingt, so ist doch ein Körnchen Wahrheit darin. Er wollte mit seiner Aktion gewissermaßen die Hitze aus der hoch emotionalen Auseinandersetzung herausnehmen.
La Grange sagt weiter, seine Aktion sei nicht Kunst, sondern eine Art Abstimmung, wie bei einer Wahl. Das X durchs Gesicht bedeute, er sei gegen den Kurs der Regierung, das X weiter unten sei sein Votum gegen ein „unsensibles“ Werk, das den Präsidenten des Landes verunglimpfe.

Mail & Guardian-Kolumnist Khaya Dlanga empfiehlt indessen seinem Präsidenten, sich an Bill Clinton ein Beispiel zu nehmen, der während seiner Lewinsky-Affäre dem Rat von Nelson Mandela gefolgt war und sich auf seine Arbeit konzentriert hat: „Personally, I don’t want my president to become a joke, but I do want my president to take a joke. I don’t want my president to be treated as a man without dignity, but I do want him to be dignified when he is treated without dignity. I don’t want my president to be overly sensitive, but I do want him to navigate around difficult issues with sensitivity and wisdom.
Mr. President, take the advice Nelson Mandela gave to Bill Clinton. Focus on the job at hand and ignore the distraction and create a legacy so great we can’t ignore.

Die wichtige Debatte – indessen, über die Gewichtung von verschiedenen Bürgerrechten in der Verfassung – soll mal wieder durch ein Gericht geregelt werden. Die Richter sind nicht zu beneiden. Eigentlich sollen sie Recht sprechen, müssen aber Politik machen.

Und auch das ist ein Ergebnis dieses grotesken Falles. Der ANC hat das Ereignis geschickt aufgegriffen und bei seiner Wählerschaft gepunktet. Vor allem der Präsident wird gestärkt daraus hervorgehen, was ihm beim nächsten Bundesparteitag des ANC in Mangaung zugute kommen wird.

Kap Kolumne: Was darf Satire?

https://2010sdafrika.wordpress.com/2012/05/21/kap-kolumne-was-darf-satire/

Kap-Kolumne: Kunst in Aktion oder Vandalismus?

https://2010sdafrika.wordpress.com/2012/05/22/kap-kolumne-kunst-in-aktion-oder-vandalismus/

Kap-Kolumne: Kunst in Aktion oder Vandalismus?

Follow-Up: Gericht vertagt „Der Speer-Fall“ und somit die Bewertung der Kunstfreiheit in Südafrika.

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

War das Vandalismus oder Aktionskunst? Zwei Galerie-Besucher – angeblich ein Universitätsprofessor und ein Teenager – überschmierten das umstrittene Gemälde des Brett Murray in der Goodman Gallery in Johannesburg mit roter und schwarzer Farbe. Die dem derzeitigen Präsidenten Südafrikas ähnlichen Gesichtszüge und das gemalte Geschlechtsteil sind somit vorerst abgedeckt.

Eklat! Zwei Galerie-Besucher zerstören in der Goodman Gallery in Johannesburg das Gemälde „The Spear“.  Während der ANC das Werk des Künstlers Brett Murray als „rassistisch“ einstufte, vertagte das Gericht am heutigen Tage die weitere juristische Auseinandersetzung zur Bewertung der Kunst- und Meinungsfreiheit am Kap.

Die Klage gegen die Galerie und den Künstler bleibt bestehen, sagte ein ANC-Sprecher nach dem Vorfall. Das Hohe Gericht von Süd-Gauteng vertagte indessen die Anhörung zur Sache auf Donnerstag. Wegen der „nationalen Bedeutung“ der Auseinandersetzung verlangte der Vorsitzende Richter ein volles Gericht mit drei Richtern.

Die Aktion in der Galerie ist vorläufiger Höhepunkt einer rasanten Entwicklung um die Ausstellung „Hail to the Thief II“ des Künstlers Murray seit Freitag vergangener Woche. Als unwürdigen Zirkus bezeichnete der Journalist und Kunstkritiker Matthew Partridge in der Zeitung Mail & Guardian den Umgang der Medien mit dem Gemälde. Partridge spielte damit auch auf die Posen von Kollegen an, die mit ihren Händen am inkriminierten Teil des Bildes herummachten und sich dabei abbilden ließen. Das Bild selber wertere der Kunstkritiker als pubertäre Satire von der Güte eines Schuljungen, der den Rektor ärgern will.

ANC-Generalsekretär Gwede Mantashe bezeichnete das Bild als „rassistisch“. In afrikanischen Sprachen ist der verbale Ausdruck für Geschlechtsteile die schlimmste Beschimpfung und Beleidigung, die man einer Person zufügen kann. Werde jemand mit einem solchen Wort beschimpft, „bedeutet das Krieg“, brachte es Blade Nzimande auf den Punkt. Nzimande, Chef der mit dem ANC verbündeten Kommunistenpartei SACP, meinte manche Leute wüßten offenbar nicht, „in welcher Welt wir leben“.

In der Tat, in diesem Land treffen „erste“ und „dritte“ Welt unter einem Dach aufeinander. Diese Auseinandersetzung im gesellschaftlichen Überbau spiegelt deutlich die Widersprüche der südafrikanischen Gesellschaft wider. Was Kolonialismus und Apartheid mit Hilfe von Rassenideologie und brutalster Gewalt über 300 Jahre lang zu trennen und unterdrücken versuchte, muss nun zusammenfinden. Südafrika wird sich noch sehr viel Zeit geben müssen.

Vor diesem Hintergrund darf man gespannt sein, wie die Richter in dieser Sache entscheiden werden. Sie haben die salomonische Aufgabe, die verfassungsrechtlich garantierte Freiheit der Meinung und der Kunst mit dem Schutz der Menschenrechte und der kulturellen Identität eines jeden Bürgers in Einklang zu bringen.

Kap-Kolumne: Was darf Satire?

Gemälde „Der Speer“ entzweit Südafrika. Regierung verklagt Galerie und Zeitung.

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Es ist wie beim Fußball, wenn zweiundzwanzig Spieler auf dem Rasen kicken und eine Million Trainer und Schiedsrichter vor der Mattscheibe sitzen. So wurde Südafrika über Nacht eine Nation von Kunstkritikern. Zustande gebracht hat das ein satirisches Gemälde des Kapstädter Künstlers Brett Murray. Es zeigt einen in Lenin-Pose stehenden Mann, dessen Penis deutlich sichtbar aus der Hose hängt. Das Problem: Der Mann trägt die Gesichtszüge des Präsidenten der Republik.

Der Titel des Werkes lautet „The Spear“; zu Deutsch: „Der Speer“. Das Bild, Teil einer Ausstellung des Künstlers in der Goodman Gallery in Johannesburg, wäre wahrscheinlich von der breiten Öffentlichkeit unbemerkt nach Deutschland gewandert. Ein deutsches Ehepaar hat es für 136.800 Rand gekauft – wenn, ja wenn die Medien und der ANC es nicht an die große Glocke gehängt hätten. Am Dienstag wird ein Gericht entscheiden müssen, ob die Galerie das Bild abhängen muss oder nicht. Zuma und der ANC klagen gegen die Galerie und die Zeitung City Press, die das Bild auf ihrer Website abgebildet haben. Die Zeitung widmete zudem in ihrer Sonntagsausgabe neben dem Aufmacher auf Seite eins zwei volle Innenseiten der „Großen Speer-Debatte“ (The Great Spear Debate).

Das Gemälde „The Spear“ des Kapstädter Künstlers  Brett Murray schockiert Präsident Jacob Zuma. Es laufen nun Klagen gegen die Johannesburger Goodman Gallery und die Zeitung City Press. Mehrere südafrikanische Medien haben bereits auf eine Abbildung des Geschlechtsorgans verzichtet.

Das Murray-Gemälde hat die Nation gespalten. Die einen sagen, hier werde die Würde des Präsidentenamtes besudelt sowie die Menschenwürde der Person Jacob Zuma verletzt. Zuma selber erklärte, er sei schockiert und fühle sich persönlich beleidigt und verletzt. Gugu Zuma, eine seiner Töchter, gab im Namen der Großfamilie eine schneidende Stellungnahme zur Unterstützung des Vaters ab. Ebenso stellten sich Kabinettsmitglieder an die Seite ihres Regierungschefs.

Auf der anderen Seite pochen Künstler, Journalisten, Kommentatoren, Akademiker auf die in der Verfassung garantierte Meinungsfreiheit und die Freiheit der Kunst. Galerie-Chefin Lisa Essers lehnte die Aufforderung der Regierung, das Bild sofort abzuhängen, als versuchte Zensur ab.

Über Geschmack läßt sich bekanntlich schlecht streiten. Ob das Gemälde nun „künstlerisch wertvoll“ ist oder nicht, dieses Urteil überlasse ich gern berufeneren Menschen. Das Werk spielt auf den lustvollen Lebensstil des Jacob Zuma an und bringt natürlich mit dem Namen des Bildes noch eine weitere Konnotation hinein: „Der Speer der Nation“ war der militärische Flügel des ANC während des Befreiungskampfes. Das trifft einen sehr sensiblen Nerv in der Mitgliedschaft des ANC.

Eines hat Brett Murray mit seinem provokatorischen Werk erreicht: Sich und seine Kunst bekannt zu machen sowie eine öffentliche Diskussion über Freiheit der Kunst und der Satire.

Kurt Tucholsky schrieb den berühmten Satz: „Was darf Satire? Alles!“ Ob das Gericht dies auch so sehen wird, bleibt abzuwarten. Das Delikt der „Majestätsbeleidigung“, freilich, gibt es nicht in einem demokratisch verfassten Staat.

2010sdafrika-Interview mit dem provokanten Karikaturisten Zapiro:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2012/02/25/zapiro-im-exklusiv-interview/

Priester Stefan Hippler im Interview

Im Kampf gegen HIV/ AIDS und für die Rettung eines jeden einzelnen Menschenlebens

(Autor: Ghassan Abid)

© Stefan Hippler, Priester der Erzdiözese Kapstadt und Vorsitzender von HOPE Cape Town Trust

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ den in Kapstadt lebenden Priester Stefan Hippler. Herr Hippler, wenn man Ihren Namen hört, dann denkt man sofort an Ihr Engagement zur Bekämpfung von HIV/AIDS. Wann und in welcher Situation verspürten Sie das Bedürfnis, diesem irdischen Elend entgegenzutreten?

Antwort: Als ich in Südafrika ankam, war mir das Elend im HIV/AIDS-Bereich gar nicht so deutlich. Erst als ich im Jahre 1999 im Rahmen eines Telemedizin-Projektes meines Rotary Clubs Signal Hill zum ersten Mal das Tygerberg Kinderkrankenhaus betrat, wurde mir das Ausmaß klar. Und von da an gab es eigentlich kein zurück, obwohl mir von Anfang an klar war, das dieses Thema nicht unbedingt das „beste“ sein konnte für einen katholischen Geistlichen.

2010sdafrika-Redaktion: Soweit wir informiert sind, gehören Sie dem katholischen Glauben an. Wie bewerten Sie das strikte Kondom-Verbot des Vatikans. Zwar lockerte Papst Benedikt XVI. Ende 2010 dieses, doch stellt sich die Frage, ob nicht die katholische Kirche eine Mitschuld an der HIV/ AIDS-Situation in Südafrika trägt?

Antwort: Auch wenn es nach außen nach einem strikten Kondomverbot aussieht: In Fragen HIV und AIDS, also in Fragen des Schutzes vor einer Ansteckung gibt es keine offizille Lehrmeinung der Kirche. Das Kondomverbot wird einfach – sehr oft auch innerkirchlich aber auch populistisch abgeleitet von dem Verbot der künstlichen Verhütung, die Papst Paul VI in der Enzyklika „Humanae Vitae“ gegen den Rat seiner Experten ausgesprochen hat. Das Thema damals war die Weitergabe des Lebens – heute ist es die Frage des Lebensschutzes. Die ist noch nicht beantwortet, auch wenn Benedikt XVI in dem bekannten Interviewbuch vom Anfang der Moralität spricht, wenn ein homosexueller Escort einen Kondom benutzt.
Was die Mitschuld angeht, da bin ich immer sehr vorsichtig – ich denke, die katholische Kirche als eine der größten Glaubensgemeinschaften der Welt sollte zeitnah Antworten geben, die den Menschen helfen und das Leben schützen.

2010sdafrika-Redaktion: Über 5,7 Mio. Menschen der 50,49 Mio. umfassenden Bevölkerung Südafrikas sind, so der Stand vom Dezember 2010, mit dem HI-Virus infiziert; in absoluten Zahlen somit mehr als in jedem anderen Staat der gesamten Welt. 310.000 Südafrikaner starben nach offiziellen Angaben allein 2009 an dieser Immunschwächekrankheit.
Wo schöpfen Sie Ihre Kraft für diese Mammutaufgabe? Verspürten Sie nie ein Gefühl der absoluten Ohnmacht und falls ja, wie gingen Sie vor, um dem zu entkommen?

Antwort: Da gibt es manchmal schon das Gefühl von Ohnmacht, wenn man das pure Zahlenmaterial sieht – aber sobald ich diesen Zahlen ein Gesicht geben kann – sobald ich die Mutter sehe, die dank der Behandlung ihre Kinder aufwachsen sieht, wenn ich sehe, wie Kinder groß werden und studieren – trotz der Infektion – dann gibt das mir die Kraft, weiterzumachen. Ich weiß, alles, was ich tun kann, ist nur den ein oder anderen Tropfen zu ändern im Ozean des AIDS-Dramas – aber jeder Tropfen, jede Zahl, jede Statistik hat ein Gesicht, ist ein Mensch. „Rette einen Menschen und du rettest die ganze Welt“ , dieser jüdische Spruch ist Hilfe und Zuspruch zugleich.

2010sdafrika-Redaktion: Laut Angaben der britischen NGO „Avert“ leben zurzeit 1,9 Mio. Waisenkinder in Südafrika, bei denen ein oder beide Elternteile durch HIV verstorben sind. 70 Prozent dieser Waisen wachsen demnach ohne ihre Mutter auf. Wie bewerten Sie die diesbezüglichen Gegenmaßnahmen der südafrikanischen Regierung?

Antwort: Die südafrikansiche Regierung kommt erst langsam in Bewegung, was dieses Problem angeht. Das Kinderschutzalter wurde in bestimmten Bereichen gesenkt, um den Realitäten angemessen zu sein. Ich denke, da gibt es noch viel zu tun, aber da wir es hier oft mit Großfamilien zu tun haben ,mit vielen Vätern und Müttern – sprich Onkel und Tanten, die sich die Erziehung teilen, bin ich optimistisch, dass das Problem der Waisenkinder in den Griff zu bekommen ist. Aber es belastet natürlich eine Familie mit geringen Einkommen, wenn die Kinder der Schwester oder des Bruders noch mit am Tisch sitzen. Da müsste noch mehr getan werden.

2010sdafrika-Redaktion: Im Mai 2009 beendete die Deutsche Bischofskonferenz den Vertrag mit Ihnen als Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Kapstadt. Sie sollen mit umstrittenen AIDS-Aussagen für Aufsehen gesorgt haben. Um welche Aussagen handelt es sich und wie reagieren Sie mittlerweile auf die Entscheidung Ihres alten Dienstherren?

Antwort: Nicht jeder in der Kirche mag es, wenn man Wahrheiten ausspricht – und das Kleine Stückchen Gummi scheint für so manche Würdenträger ein Stein des Anstoßes zu sein. Ich habe immer das gesagt, was ich in der erlebten Situation als verantwortlich gesehen habe. Das mag in bestimmten Kreisen für Aufsehen gesorgt – die Welt sieht von einem Schreibtisch oder einem Bischofssitz natürlich anders aus, als wenn man in den Townships direkt mit den Menschen arbeitet. Die Entscheidung, meinen Vertrag nicht zu verlängern, habe ich damals wie heute als „vorauseilenden Gehorsam“ gesehen – aber Gott schreibt Gott-sei-Dank auch auf den krummen Wegen gerade Linien – und ich trage es meinem alten Dienstherrn nicht nach. Angst ist halt ein schlechter Berater – und zu Kadavergehorsam bin ich einfach nicht geboren. Aber wir haben heute wieder ein gutes Verhältnis – der Augenblick zählt und ist gestaltbar  ist – sowieso nur die Zukunft – und aus dem Vergangen haben hoffentlich alle gelernt.

2010sdafrika-Redaktion: Sie betreiben das gemeinnützige Projekt „HOPE Cape Town“. Was sind die Ziele Ihrer Organisation und welche weitere Unterstützung könnten Sie noch brauchen?

© Stefan Hippler auf einer Graduierungsfeier von Sangomas

© Partnerschaft mit dem Freistaat Bayern

Antwort: HOPE Cape Town ist ein gemeinnütziger Verein und eine Stiftung. Wir arbeiten in den verschiedensten Bereichen: Vorbeugung, Aufklärung, Behandlung, Arbeit mit Sangomas, wir unterstützen mit unseren 24 HOPE Community Health Workers Township-Kliniken und Grass Root-Projekte, sind aber auch wissenschaftlich tätig im Bereich Pharmacology (Muti und ART Therapy), arbeiten mit Unis zusammen: Hochschule Niederrhein in Fragen Ernährung und HIV, TU München in Sport und HIV, Universität Stellenbosch in den Themen Community Outreach und Training. Wir sind Teil der Partnerschaftsarbeit zwischen Bayern und dem Westkap.

Momentan schauen wir uns den Bereich des E-learnings an, zusammen mit dem missionsärztlichen Institut in Würzburg – mit der Katholischen Stiftungsfachhochschule München und der Hochschule Neu-Ulm sind wir im Gespräch. D.h. vom Gemüsegarten bis zur akademischen Forschung finden sie alle Bereiche vertreten. Am besten ist ein Blick auf unsere Webseite www.hopecapetown.com – wir haben 28 MitarbeiterInnen und sehen ca. 300.000 Patienten im Jahr.

Wir versuchen, HIV und AIDS holistisch anzugehen – und zwar hier im Westkap – immer auch in Verbindung mit der Regierung des Bundeslandes. Und wir versuchen, unsere Arbeit und die Situation der Menschen vor Ort denen deutlich zu machen, die in Europa oder Amerika wohnen. Wir sind da wie eine Brücke, wo Welten sich begegenen können. Auf Youtube hat HOPE Cape Town Trust auch einen eigenen Kanal, wo man sich unsere Arbeit bildlich ansehen kann, auf Facebook eine „cause“ Support Seite. Social Media werden ja immer wichtiger.

Unterstützung können wir immer gebrauchen – wir sind rein privat und durch Spenden / Sponsorship von Einzelpersonen und Firmen finanziert. Zurzeit bauen wir die Stiftung HOPE Cape Town Trust auf – so das wir unsere Zukunft auch finanziell sichern können. Zustiftungen, die sowohl in Deutschland als auch in Südafrika steuerabzugsfähig sind, sind da immer willkommen – eine Investition für die Ewigkeit sozusagen.

2010sdafrika-Redaktion: Welcher Moment in Südafrika war der einprägsamste überhaupt?

Antwort: 2004 hatte ich die Gelegenheit, Nelson Mandela zu begegnen und kurz mit ihm zu reden – das war sehr einprägsam. Aber auch die Begegnungen mit Bischof Tutu und der Besuch der Bundeskanzlerin Angela Merkel waren Highlights. Für mich persönlich aber war und ist die Begegnung mit einem Jungen, ich nenne ihn in meinem Buch, das ich zusammen mit Bartholomäus Grill geschrieben habe, Farid, dessen Geburtstag wir – außerhalb der Reihe, nur um ihm seinen letzten Wunsch zu erfüllen – Tage bevor er starb – im Krankenhaus feierten, das einprägsamste Erlebnis gewesen. Dieses Gesicht, diese Augen, diese glücklichen Momente für ihn bevor er starb, werde ich nie vergessen.

© Bundeskanzlerin Angela Merkel und Stefan Hippler in Kapstadt

© Bei Nelson Mandela - ein unbeschreiblicher Moment!

2010sdafrika-Redaktion: Haben Sie noch Träume, die Sie verwirklichen wollen?

Antwort: Ja, die habe ich wie jeder Mensch. Ein „Centre of Healing“ für Priester und Ordensleute, die in Krisensituationen stecken – hier in Südafrika, oder in Afrika. Ein Ort, wo unter anderem auch Priester und Ordensleute, die HIV-positiv sind, ihr Stigma in einen Segen für andere umwandeln können. Wir haben im Februar das erste Treffen mit dem Erzbischof von Kapstadt bezüglich eines solchen Ortes – das würde ich gerne noch auf dem Weg sehen.

2010sdafrika-Redaktion: Stefan Hippler, Priester der Erzdiözese Kapstadt, alles Gute für Ihr weiteres Engagement und möge Sie Gott auf Ihrem Lebensweg weiter begleiten.

Antwort: Herzlichen Dank – ich erwidere Ihre Wünsche.