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Township-Tour

Ein Reisebericht zu Kapstadt – Teil 3

(Autorin: Annemarie Köster)

Auch Kapstadt hat seine Townships zur Seite. Man sieht sie schon am Weg vom Flughafen in die Stadt.

Im November 2001 besuchten wir Crossroads, nachdem wir Langa und Gugulethu durchfahren hatten. Die Tour wurde von der Sprachenschule organisiert und dauerte ca. 4 Stunden.

Patrick Poni, unser Tourguide, ein Absolvent der Universität Cape Town in Sozialwissenschaften war damals bei Satour als Reiseleiter tätig.

Wir lernten während einer Zusammenkunft mit Einwohnern in einem Shebeen, einer Art Ausschank mit Sitzgelegenheit, Rolf kennen, einen Schweizer, der in Crossroads ein Musikprojekt betreut. Die erste CD des IMBACA PRIMARY CROSSROADS CHOIR konnten wir bei Rolf für eine Spende erhalten.

Wir besuchten eine Einwohnerin, die uns mit Kaffee, Tee und selbstgebackenem Kuchen bewirtete. (Es melden sich immer andere Familien und bekommen das natürlich bezahlt). Wir kamen wie zu einer guten Nachbarin. Leider habe ich ihren Namen nicht behalten, aber ein hübsches gemeinsames Foto klebt in meinem Album. Was mich anfangs am meisten überrascht hat, war die Einrichtung mit Schrankwand mit Fernseher und Couchgarnitur, nicht nur bei unserer Gastgeberin sondern auch überall, wo wir im Vorbeifahren oder -gehen in offene Häuser schauen konnten. Also nicht unbedingt das, was man sich so unter „afrikanisch“ vorstellt. Township-Bewohner sind eben ganz „normale“ Leute wie du und ich. Wir sahen neben den Steinhäusern aber auch Shacks – Wellblechhütten mit etwa nur einer Liegestatt.

© Großmutter mit Kindern

Fotografieren ist gar kein Problem – man sollte es nur nicht aus dem Bus heraus tun. Kaum waren wir ausgestiegen, umringten uns Kinder, die sich in Positur warfen, sobald sie einen Fotoapparat sahen. (Das habe ich in Südafrika überall erlebt) Wenn ich gerade nicht am Fotografieren war, habe ich den Apparat aber vorsichtshalber in der Tasche gelassen. Keine Ahnung, ob das notwendig war. Ich habe es mir in Südafrika einfach angewöhnt. Mir hätte man auch nicht – wie es jungen Deutschen in Langa passierte – mehrere hundert Euro oder die Schlüssel meiner Wohnung in Deutschland stehlen können. Euro liegen am sichersten auf dem deutschen Konto und werden bei Bedarf in Form von Rand am Geldautomaten geholt. Die Schlüssel werden bei Verwandten in Deutschland hinterlegt.

Bei einem anderen Projekt, in dem Frauen Textilien herstellen, waren wir leider zur Unzeit. Die Masse der Ware war auf dem Markt, so daß wir nichts kauften. Bei unserem zweiten Besuch war die Auswahl bemalter Textilien (Schürzen, Topflappen usw.) schon größer.

In einem Carport wurden Campingstühle aufgestellt und eine Kindergruppe führte Sketchdance vor. Kleine Spielszenen („Beim Zahnarzt“, „In der Schule“), die zu Tonbandmusik getanzt und gesungen wurden. Patrick versicherte uns, daß alle diese Kinder zur Schule gehen und sie nur in ihrer Freizeit üben und auftreten.

Alles in allem muß man eine Township-Tour mitgemacht haben. Sensationen gibt es keine dabei, aber normalerweise auch keine Sicherheitsprobleme. Es gehört einfach dazu und es ist gut zu sehen, daß nicht alle so leben können wie die Gastfamilien der Sprachschulbesucher, wo die Studenten Einzelzimmer, zum Teil sogar mit eigenem Bad haben, ganz zu schweigen vom Pool im Garten.

© Fleischverkauf in der Markthalle

Auf der zweiten Township-Tour im November 2004 war Vuyisile Ngesi unser Begleiter. Zunächst ging es wieder nach Gugulethu, wo wir diesmal auch ausgestiegen sind. Es gab dort eine riesige Markthalle zu sehen, die an einer Längsseite offen war. Entlang der Rückwand waren kleine Lädchen und Werkstätten. Für diese Kioske zahlen die Betreiber Miete und führen auch Steuern ab. Für die Verkaufstische im Vordergrund ist das nicht der Fall. Sie werden den Händlern kostenlos zur Verfügung gestellt. Im Wesentlichen werden Obst, Gemüse und Fleisch verkauft. An den Obst- und Gemüseständen könnte sich mancher deutsche Supermarkt orientieren. Nur beste Ware. Nichts angefault oder verwelkt. Fleisch wird frisch verkauft und wenn man unserem Tourguide glauben darf – warum sollte man das eigentlich nicht? – dann kann das nur vertragen, wer damit aufgewachsen ist. Das rohe Fleisch liegt offen auf großen Tischen. Ab und zu werden die Fliegen weggejagt. Eine Frau hat mit einer Art Lötlampe Schafsköpfe abgebrannt, die dann von einem jungen Mann in einem alten Faß mit Wasser abgewaschen wurden, weil sie vom Ruß der Lampe ganz schwarz waren. Danach wurden sie halbiert und verkauft. Wirklich gewöhnungsbedürftig aber nach Aussagen der Käufer eine Delikatesse.

In der Umgebung wurden gerade größere Gebäude errichtet aber es waren auch noch genügend Shacks (Hüttchen aus den unterschiedlichsten Materialen „zusammengeschustert“ von Holz über Blech bis hin zu Pappe und Plastik) zu sehen.

Das Musikprojekt von Rolf hatte inzwischen in Crossroads eigene Räume bezogen, denen aber noch die Schallisolierung fehlte. Bei jedem Flugzeug, das darüber flog mußten die Aufnahmen unterbrochen werden. An Aufnahmetechnik fehlte auch noch einiges – aber den Jugendlichen machte es Spaß und sie waren weg von der Straße. Es gab eine zweite CD („Bayasilandela“ der Tokozani Brothers), die leider wegen rechtlicher Probleme nicht verkauft werden durfte. So ist das Projekt weiter auf Spenden angewiesen.

Leider gab es bei unserem zweiten Besuch weniger Kontakt zu den Bewohnern. Selbst im Shebeen saß unsere Gruppe allein bei Cola und Limonade.

© Der Sangoma

Neu war der Besuch bei einem Sangoma, einem traditionellen Heiler. Sangoma wird man nicht durch Ausbildung. Das wird jemand, der von einem Sangoma von schwerer Krankheit geheilt wurde, die zuvor kein Arzt heilen konnte.

In einem kleineren Township soll es ein Projekt geben, in dem die Bewohner lernen Häuser zu bauen, was sie dann auch für ihre eigenen Häuser anwenden oder beruflich verwerten können.

Inzwischen kann man nicht nur mehrtägige Townshiptouren buchen sondern auch einfach mal in einem B&B in einem Township übernachten. Ohne Begleitung eines Bewohners oder Reiseleiters sollte man Townships jedoch besser meiden.

Es gibt immer wieder Diskussionen, ob man Township-Touren überhaupt unternehmen sollte. Die Bewohner würden einem doch wie im Zoo vorgeführt. Das könne einem nur peinlich sein. (Ist es diesen Leuten auch peinlich, sich das Zimmer im Luxushotel von Township-Bewohnern putzen zu lassen?) Wem es peinlich ist, besser situiert zu sein als andere (natürlich ohne daß er es auf Kosten anderer ist), der sollte besser gar nicht in Länder reisen, wo es Gegenden wie Townships gibt. Der sollte sein Reisegeld besser nehmen und es in Deutschland den ausreichend vorhandenen Bedürftigen zukommen lassen. Aber über die schaut er vielleicht auch nur hinweg, weil es ihm „peinlich“ ist, daß es sie gibt.

Ich meine, wenn man keine andere Möglichkeit hat, sich über das Leben in den Townships zu informieren, sind die angebotenen Touren immer noch das Beste. Schließlich profitieren auch die Bewohner davon. Die Townships gehören nun mal zum südafrikanischen Leben und werden das auch noch lange Zeit tun. Ich habe leider bisher auf den Touren nicht so viel Kontakt zu Bewohnern gehabt wie ich mir gewünscht hätte.

Weitere Reiseberichte von Annemarie Köster hier abrufbar.

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Medizinmänner und Aberglaube in Südafrika

Sangomas dominieren dank der Passivität ihres Präsidenten das Gesundheitssystem

(Autor: Ghassan Abid)

Wenn man in Deutschland krank ist, dann sucht man normalerweise einen Arzt auf. Diese uns so selbstverständliche Sicht eines modernen Gesundheitssystems unterscheidet sich jedoch in doppelter Hinsicht von jenem in Südafrika.

Zum einen arbeiten neben westlichen Medizinern auch traditionelle Heiler auf dem Terrain der medizinischen Versorgung, die man terminologisch mit dem Wort „Sangoma“ erfasst. Man schätzt, dass etwa 200.000 Menschen diese traditionelle Heilpraxis  anbieten, die im Stamm der Nguni ihren Niederschlag finden. Die Ethnien Zulu, Xhosa, Ndebele und Swasi gehören diesem Stamm an und da der Präsident Jacob Zuma ein stolzer und bekennender Zulu ist, vertraut auch dieser den übermenschlichen Kräften der Sangomas – etwa bei einstigen Gerichtsprozessen gegen seine Person.

© Machtfaktor Medizinmann

Zum andern sind Sangomas per Gesetz den Kollegen der westlichen Medizin gleichgestellt und vom Department of Health, dem nationalen Gesundheits-ministerium, in statistische Erhebungen aufgeführt. Wer einen solchen „Heiler“ aufsucht, dem ist eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse garantiert – und die Kräutermedizin gibt es auf Rezept gleich dazu.

Eine Umfrage des „Pietermaritzburg Institute of Natural Resources“ hatte ergeben, dass 84 Prozent der Südafrikaner – der o.g. Ethnien – regelmäßig einen Sangoma aufsuchen. Denn dieser Heiler ist nicht nur Arzt, sondern auch Heilpraktiker, Sozialarbeiter oder Hellseher. Demnach ist der sozio-ökonomische Rollenwert dieser Berufsgruppe nicht zu unterschätzen, zumal diese gemeindlichen „Vorbilder“ für erhebliche Probleme sorgen. Bis heute existieren Gerüchte, die unter anderem durch Sangomas verbreitet werden, wonach HIV-Infizierte ihre Immunschwächekrankheit durch Sex mit einer Jungfrau behandeln könnten. Die Konsequenz ist, dass bereits weibliche Babies und Kinder vergewaltigt werden. Experten rechnen mit einer Opferzahl im fünfstelligen Bereich. Vor allem in den Townships der betreffenden Ballungsräume müssen Eltern um die Unversehrtheit ihres Mädchens bei 5,7 Millionen infizierten Personen im Lande jeden Tag aufs Neue beten. Auch der Herausgeber dieses Portals, Ghassan Abid, hielt sich mehrfach in Townships auf und suchte den Kontakt vor allem zu Müttern, die ihm ihre Sorgen bezüglich eines Kindesmissbrauchs bestätigen konnten.

Diesen Aspekt greift seit dem Jahre 2003 der deutsche Verein HOPE Cape Town auf, welcher ein Fundament für eine längerfristige Zusammenarbeit auf lokaler Basis zwischen westlichen und klassischen Medizinern etablieren möchte. Die Aufklärungsarbeit auf dem Gebiet von HIV/AIDS wird mittlerweile durch die Universität Kapstadt und durch die deutsche AIDS-Stiftung unterstützt.

Der Sangoma-Freund Jacob Zuma lässt bisweilen weder an der Praxis der traditionellen Heiler einen kritischen Diskurs zu, noch thematisiert er mit Ernsthaftigkeit und festem Willen die erschreckende HIV/AIDS-Problematik im Lande. Zivilgesellschaftliche Akteure der HIV-Prävention, etwa das „Treatment Action Campaign“ schlagen dementsprechend Alarm und fordern ein Handeln des südafrikanischen Präsidenten, damit die Vergewaltigungswelle von Babies und Kindern und die ansteigende HIV-Prävalenz bald wirksam begegnet werden können.

Sangoma-Analyse der University of Pretoria:

http://www.up.ac.za/dspace/bitstream/2263/11550/1/Botha_Sangomal%282004%29.pdf

NGO „Treatment Action Campaign“ schlägt Alarm:

http://www.tac.org.za/community/node/2819

Deutscher Verein HOPE Cape Town verbindet Moderne und Aberglaube:

http://www.hopecapetown.com/09German/program_sangoma_g.html

Videobeitrag des ZDF zu einer traditionellen Zeremonie in Südafrika:

http://www.zdf.de/ZDFmediathek/hauptnavigation/startseite/#/beitrag/video/482120/Aberglaube-im-modernen-S%C3%BCdafrika