Schlagwort-Archive: Hillbrow

„Red Ants“ in Südafrika

Umstrittene Hausräumungen in Johannesburger Armenvierteln mit Hilfe der „roten Ameisen“

(Autor: Ghassan Abid)

Immer wieder kommt es vor, dass leerstehende Gebäude in Südafrika von afrikanischen Flüchtlingen besetzt und als illegale Wohnorte genutzt werden. Einige der Migranten zahlen irrtümlich Mieten an kriminelle Gangs. In der Metropole Johannesburg ist diese Okkupation besonders häufig zu beobachten, etwa im Problemviertel Hillbrow. Armut, Kriminalität und Arbeitslosigkeit bestimmen den dortigen Alltag der Menschen. Jedoch greifen Immobilienbesitzer immer wieder auf die „Red Ants“ zurück. Gemeinsam mit der Polizei schmeißen sie die verzweifelten Besetzer aus den Häusern raus.

© Die „Red Ants“ werden bei Hausräumungen eingesetzt. Die Aufgabe der „roten Ameisen“ ist es, in den Johannesburger Armenvierteln die Menschen – meist Flüchtlinge aus den afrikanischen Staaten – auf die Straße zu setzen. Politik und Justiz dulden dieses umstrittene Prozedere. (Quelle: flickr/ nuevatribuna.es)

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Kap-Kolumne: „NEIN!“ zu Rassismus

Südafrika sagt „NEIN!“ zu Ausländerfeindlichkeit und Gewalt gegen Migranten. Eine Fotoserie

(Autor: Detlev Reichel, Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals)

Es begann am vergangenen Donnerstag mit dem Friedensmarsch in Durban, zu dem spontan tausende Menschen aus dem ganzen Land angereist waren. Es folgten Demonstrationen in Kapstadt, Johannesburg und Pretoria.

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© Im Verlauf der vergangenen Woche demonstrierten tausende Südafrikaner gegen die xenophoben Ausschreitungen in ihrem Land. Kap-Kolumnist Detlev Reichel beobachtete das Geschehen in Johannesburg.

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Doku-Tipp: Hillbrow – Between Heaven and Hell

Eine Al Jazeera-Dokumentation von Clifford Bestall. Menschen gefangen zwischen Lebensfreude und Ängste.

(2010sdafrika-Redaktion)

Der in Kapstadt lebende südafrikanische Filmemacher Clifford Bestall hat für eine Al Jazeera TV-Produktion im Frühjahr dieses Jahres das Johannesburger Problemstadtteil Hillbrow unter die Lupe genommen. Er begleitet die Ärmsten mit seiner Kamera und fängt ganz gezielt ihre Hoffnungen & Probleme, ihre Träume & Realitäten und ihre Lebensfreude & Sorgen ein. Bestall blickt in die Vergangenheit, als  noch Apartheidsbefürworter keine Schwarzen in Hillbrow sehen wollten.  Und er wirft eine kritische Bilanz zu den gegenwärtigen Verhältnissen an diesem Ort der „Hölle“ auf, wo Flüchtlinge vor Polizei und Fremdenfeindlichkeit in Angst leben müssen. Die Gewalt stellt auf diesem Fleck Erde eine besondere Herausforderung dar. Professor Michael Hammon, Hochschuldozent der Hochschule für Film und Fernsehen (HFF) Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg, erinnert sich in einem Interview mit „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ noch gut über die Gefahren beim Filmdreh. Hillbrow ist und bleibt bisweilen das Abbild eines gescheiterten Südafrikas, an welchem die Armen vom Staat zurückgelassen wurden. Die nachfolgende Dokumentation ist lediglich in englischer Sprache verfügbar; die Bilder dürften allerdings für sich sprechen.

Kap-Kolumne: Tradition oder Tradition?

Südafrika pendelt zwischen erster und dritter Welt

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

In Südafrika leben bekanntlich die sogenannte erste Welt und die so genannte dritte Welt in unmittelbarer Nachbarschaft. Unter dem gemeinsamen staatlichen Dach gibt es aber auch neben den herrschenden bürgerlich-parlamentarischen auch ausgesprochen feudalistische Herrschaftsstrukturen. Die ANC-Regierung spielt auf beiden Klaviaturen. Kein einfaches Unterfangen. Dazu zwei aktuelle Beispiele aus dem nationalen Parlament in Kapstadt.

© Im Johannesburger Stadtteil Hillbrow befindet sich der Constitution Hill, das Verfassungsgericht Südafrikas. Diese Institution dient der Wahrung der verfassungsrechtlichen Bestimmungen, inbesondere die der Bürgerrechte. Sollte das Parlament in Kapstadt die Rechte von Schwulen und Lesben tatsächlich einschränken, so können die 11 Verfassungsrichter dieVereinbarkeit des Gesetzes mit der Verfassung prüfen . Das Verfassungsgericht hatte in der Vergangenheit bereits mehrfach auf Basis der Section 9 der südafrikanischen Verfassung im Interesse von Homosexuellen geurteilt. (Quelle: Chris Kirchhoff/ MediaClubSouthAfrica.com)

© Im Johannesburger Stadtteil Hillbrow befindet sich der Constitution Hill, das Verfassungsgericht Südafrikas. Diese Institution dient der Wahrung der verfassungsrechtlichen Bestimmungen, inbesondere die der Bürgerrechte. Sollte das Parlament in Kapstadt die Rechte von Schwulen und Lesben tatsächlich einschränken, so können die 11 Verfassungsrichter die Vereinbarkeit des Gesetzes mit der Verfassung prüfen. Das Verfassungsgericht hatte in der Vergangenheit bereits mehrfach auf Basis der Section 9 der südafrikanischen Verfassung im Interesse von Homosexuellen geurteilt. (Quelle: Chris Kirchhoff/ MediaClubSouthAfrica.com)

Südafrika rühmt sich, eine der fortschrittlichsten Verfassungen in der Welt zu besitzen. Dieses Grundgesetz ist jedoch nicht in Stein gemeisselt. Das Parlament lädt jedes Jahr via „constitutional review committee“ (Komitee zur Lage der Verfassung) dazu ein, Vorschläge für Ergänzungen einzubringen. Das National House of Traditional Leaders (NHTL) forderte jetzt das Parlament auf, den Schutz der Rechte von Schwulen und Lesben („sexual orientation“) aus der Verfassung zu streichen. Das NHTL ist eine Köperschaft des öffentlichen Rechts und vertritt die Interessen der Führer (Häuptlinge, Könige) in den herkömmlichen afrikanischen Strukturen, die sich vorwiegend auf dem Lande gehalten haben. Die „große Mehrheit“ der Bevölkerung, so Patekile Holomisa, „wolle keine Förderung und keinen Schutz für diese Dinge“. „Diese Dinge“, also Homosexualität, seien ein „Zustand, der dann auftritt, wenn bestimmte kulturelle Rituale“ nicht durchgeführt worden seien. Patekile Holomisa ist Chef des Congress of Traditional Leaders und ANC-Abgeordneter im Parlament. Praktischerweise steht er auch dem Verfassungskomittee vor. Er warnt, der ANC könne Stimmen verlieren, wenn die Verfassung weiterhin die Rechte von Schwulen und Lesben schützt.

In diese Gemengelage passt eine Gesetzesvorlage zur traditionellen Gerichtsbarkeit (Traditional Courts Bill). Diese Gerichtsbarkeit – im alten Sprachgebrauch auch „Stammesgerichte“ genannt – wird von den Häuptlingen und Stammesältesten ausgeübt, wobei der Häuptling das letzte und entscheidende Wort hat. Das Gesetz gibt den Traditional Courts verfassungsrechtlichen Status neben den ordentlichen Gerichten. Vehemente Gegner des Gesetzes, wie die Feministin und Autorin Pumla Gqola, argumentieren, dass damit faktisch zwischen 17 und 21 Millionen Menschen in Südafrika ihrer grundgesetzlichen Rechte beraubt würden. Das Gesetz würde ein gesondertes juristisches System für die ländliche Bevölkerung schaffen. 59 Prozent dieser Menschen seien Frauen, die dann einer ausgesprochen patriarchalischen Gerichtsbarkeit ausgesetzt wären. Dies drücke sich auch darin aus, dass Kritik und Vorschläge der Frauenbewegung auf dem Land (Rural Women’s Movement) beim Beratungsprozess über das Gesetz zwischen dem Staat und den Strukturen der traditionellen Führer vollkommen ignoriert wurden.

Das Wort Tradition stammt vom lateinischen tradere – trans ‚hinüber-‚ und dare ‚-geben‘. Dem ANC wurde in seiner 100-jährigen Geschichte so manches „hinübergegeben“, was die Organisation heute ausmacht. Dazu gehören demokratischen Strukturen, die den ANC dazu befähigt haben, unter seinem Dach beheimatete divergierende gesellschaftliche Gruppen und Klassen auf ein gemeinsames Ziel hin auszurichten. Die südafrikanische Verfassung ist Ausdruck dieses Zieles. Ich denke, diese Tradition wird sich am Ende durchsetzen.

Johannesburg -The City That Never Sleeps

„The City of Gold“ is also known as Jozi, Egoli or Joburg

(Editor: Bruce Ncube from Johannesburg)

Deutsche Zusammenfassung:

Bruce Ncube berichtet für „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ aus der Goldstadt – aus Johannesburg. Eine riesige Metropole, die viele Probleme einerseits und Chancen andererseits aufzeigt. Während ein Spaziergang im Stadtteil Hillbrow, in der Orange Farm oder in Sebokeng lebensgefährlich ist, erweisen sich Sandton und Diepkloof als gegensätzliche teure Pflaster der  Johannesburger Mittelschicht. Zudem ist diese Stadt auch die Heimat von vielen afrikanischen Flüchtlingen und dementsprechend kulturell betrachtet äußerst heterogen.

© Jozi at night (Source: Chris Kirchhoff/ MediaClubSouthAfrica.com)

I have been a keen follower of how culture has an impact on a growing nation. We are naturally ignorant when it comes to how we want a nation look like in the future. We are all about the „now“ factor.

We forget that the foundation we lay is ours and for those to follow. Today’s society is that of a mixture of different races, mixed traditions and beliefs. Johannesburg, popularly known as Joburg or Egoli, The City of Gold is a pure of example of this. The world has become one big oyster. Johannesburg has been and continues to be, without doubt, a leader in this regard.

I’m not one to dwell on the past a lot. Yes, Egoli has seen its fair share of problems but it has also seen a great amount of change especially in terms of culture and the society in general. It has become a multicultural haven. From the dusty streets of Orange Farm and Sebokeng, the new middle class development of Diepkloof aka DK, the corner joints of Hillbrow, which has seen a great deal of development, the ever so cultural streets of Yeoville to the Poshy suburbs of Sandton.

Egoli, also known as Jozi Maboneng, which Joburg City Lights, has become a diverse nation on its own, multilingual and a bee-hive of activity. I will take you through the streets of Jozi, the culture it possess, the love it so longs to spread to the whole world, the food, the places, the music, the landmarks, the politics, the celebrated individuals and that ordinary man on the ground who has a better view of his surroundings.

Jozi has evolved. You will get to see the inside of the city that is widely regarded as the Diversity Capital of the World. On a regular basis, I will take you through an amazing journey of exploring and learning. We will go to different places and events and give a profile of each. Pictorial illustrations will also be included.
You will see what makes this city tick. The ever so rich history will get you thinking.
Egoli, Place of Gold, Jozi Maboneng, KwaNyama Kayipheli, kphela amazinyo endoda (meaning a culturally superior place). Are you ready?

Follow me on Twitter @brucencube and www.beedestiny.wordpress.com.

„Weltneugier“ berichtet übers Südafrika-Portal

Ghassan Abid im Interview mit Weltneugier

Wir hatten ja in der letzten Woche bereits einen Gastartikel von Ghassan Abid für unsere Themenwochen Südafrika veröffentlicht. Heute möchte die Weltneugier den Herausgeber und die Arbeit des Webportals „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ etwas näher und ausführlicher vorstellen. Zunächst ein paar Worte zur Arbeit des Webportals. Abid und seine Redaktion sind mit dem Anspruch angetreten, anhand von Analysen, Beobachtungen und Hintergrundberichten das Land am Kap der guten Hoffnung seinen Lesern näher zu bringen. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf dem deutschen Engagement in Südafrika, wobei die Redaktion insgesamt fünf thematische Ressorts bedient: Business, Kultur & Gesellschaft, Literatur & Wissenschaft, Politik sowie dieses Jahr vor allem auch die WM 2010.

Gerade aufgrund des aktuell sehr großen Interesses an Südafrika konnte man innerhalb kürzester Zeit zahlreiche Kooperationen mit Institutionen der Öffentlichen Verwaltung, Medien, Privatwirtschaft und Zivilgesellschaft aus Deutschland und Südafrika etablieren.

Wir hatten in den letzten Tagen die Möglichkeit mit Herrn Abid ein kleines Interview per E-Mail zu führen, in dem wir ihn zu verschiedenen Punkten hinsichtlich des Themas Südafrika befragt haben. Und natürlich wollten wir auch wissen, welches Team er als WM-Favoriten sieht 😉 (…) aber lest selbst, was er zu berichten hat.

© Screenshot: Südafrika-Portal bei Weltneugier/ Stepin GmbH

Hallo Herr Abid. Vielen Dank, dass Sie sich etwas Zeit für uns und unsere Fragen genommen haben. Erzählen Sie doch bitte zunächst etwas über sich und Ihren Werdegang.

Guten Tag. Ich bin studierter Diplom-Politikwissenschaftler mit dem Forschungsschwerpunkt Südafrika in Kombination mit deutscher Außenpolitik. Ich absolvierte in den Jahren 2008 bis 2009 mehrere Arbeitseinsätze bei deutschen Regierungsinstitutionen in Südafrika und nach meiner Rückkehr in Deutschland, führte ich unabhängig von meinen praktischen Erfahrungen umfangreiche Forschungsarbeiten durch, welche als Fachbuch unter dem Titel „Deutschlands Engagement in Südafrika: Staatliche und privatwirtschaftliche Interessen in Analyse zu den Theorien der IB“ (ISBN: 978-3-941482-63-0) veröffentlicht wurden. In der Nacht vom 29. zum 30. Januar 2010 gründete ich schließlich das Webportal „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“. Gegenwärtig plane ich ein weiteres deutsch-südafrikanisches Forschungsprojekt.

Wie sind Sie überhaupt zu dem Thema Südafrika gekommen bzw. was war Ihre Motivation, das Webportal zu starten?

Wer sich in Deutschland über Südafrika informieren möchte, dem stehen in erster Linie zahlreiche deutsche Medien zur Verfügung. Kritisch finde ich hierbei zwei Aspekte: Zum Einen übernimmt die überwiegende Mehrheit der Presse eins zu eins die Meldungen von Presseagenturen, namentlich der dpa. Ich finde, man sollte gemäß dem aufklärerischen Ideal von Immanuel Kant sich ganz seines eigenen Verstandes bedienen. Zum Andern lesen sich zahlreiche Artikel völlig losgelöst vom soziopolitischen und kulturellen Kontext. Diesem Anspruch kommen wir im Südafrika-Portal nach. Als Beispiel möchte ich die praktizierte Polygamie des Präsidenten Jacob Zuma mit drei Ehefrauen und einer Verlobten an seiner Seite nennen, die man durchaus kritisieren kann. Jedoch sollte man zur Kenntnis nehmen, dass die Ethnie der Zulus, dem der Präsident angehört, die Mehrehe schon allein aus der traditionellen Identität heraus beansprucht. Dieses interkulturelle Verständnis fehlt leider hierzulande zu oft und wir Deutsche neigen dazu, alles aus unserem Blickwinkel her zu bewerten.

Außerdem ist mir persönlich ganz wichtig, dass die Südafrikaner selbst öfters zu Wort kommen sollten. So haben wir im Webportal den Romanautor Roger Smith, die Künstlerin Zanele Muholi und andere interviewt. Aber auch deutschsprachige Personen behalten wir stets im Blickfeld unserer Arbeit, wie die nach Südafrika ausgewanderte Schweizer Buchautorin Barbara Brühwiler, die Afrika-Zuständige der DEUTSCHEN WELLE oder eine Praktikantin von IBM South Africa

Ein paar Fragen zur Arbeit des Portals. Seit wann gibt es „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ und wie viele Leute arbeiten in der Redaktion bzw. aus welchen Bereichen kommen die Mitarbeiter?

Die 2010sdafrika-Redaktion besteht aus einem jungen Team der verschiedenen akademischen Disziplinen, teilweise noch im Studium. Gegenwärtig sind wir nach fünf Monaten seit Bestehen des Südafrika-Portals acht Personen, erhalten aber in Kürze von zwei weiteren Personen Verstärkung, da die Arbeit im Vorfeld der WM gewaltig ist. Unser Angebot entspringt bisweilen gemeinnütziger Natur, jedoch sind wir seit wenigen Tagen nun offiziell auf Sponsoren- bzw. Werbepartner-Suche.

Wie finanziert sich das Portal?

Das Portal ist wie bereits angesprochen noch ein gemeinnütziges Projekt, wie viele Portale zum Anfang ihres Werdeganges. Ich bin zuversichtlich, dass wir demnächst einen Sponsor finden werden, der unser Ziel hinsichtlich der Herstellung einer soziokulturellen Verbindung zwischen Berlin und Pretoria unterstützten wird. Wir verfügen über eine steigende und aktive Leserschaft und konnten in der Presse mehrfach in Erscheinung treten. Wir sind nun in der Lage, das Interesse von möglichen Sponsoren auf uns zu ziehen. Da wir vor allem viele junge Leute ansprechen, wird sich das Sponsoring auf diese Zielgruppe konzentrieren.

Zurück zum Thema Südafrika. Gerade im Vorfeld der WM scheint die allgemeine Wahrnehmung Südafrikas in Deutschland ja zwischen traumhaftem Urlaubsziel und einem der gefährlichsten Länder der Welt zu pendeln. Gerade in Bezug auf den zweiten Aspekt wird immer wieder auf die hohe Kriminalitätsrate und die innenpolitischen Turbulenzen bzw. gesellschaftlichen Spannungen verwiesen. Woher denken Sie kommt diese Divergenz und inwiefern würden Sie sagen, dass Aspekte der beiden Positionen der Realität entsprechen?

Unser Webportal trägt den Namen „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“. Dieser im Titel abgeleitete Gegensatz entspringt der Apartheid, welche mit den ersten demokratischen Wahlen von 1994 offiziell ihr Ende fand. Inoffiziell jedoch bestimmen nach wie vor verschiedene Entwicklungsprozesse das Land Südafrika. Wenn man sich nur Johannesburg mit seinen gegenwärtig 3,9 Millionen Einwohnern anschaut, dann wird schnell ersichtlich, dass im Norden dieser Metropole vor allem weiße und wohlhabende Bürger leben, etwa in den Stadtteilen Sandton und Parktown, während im Süden der Stadt vor allem Bedürftige und Arme (über)leben müssen, etwa in Hillbrow oder Soweto.

Die Apartheid hat die Weichen für die heutigen Probleme des Landes gestellt, welche übrigens als diesbezügliche Annahme in den Politikwissenschaften weitgehender Konsens ist. Die Wahrnehmung Südafrikas wird auch innerhalb der südafrikanischen Gesellschaft differenziert aufgefasst. Während vor allem Weiße ihre Heimat mit viel Pessimismus begegnen, verknüpfen vor allem junge Schwarze mit dem Modernen Südafrika viel Hoffnung; zumindest noch. Wenn Sie mich nach meiner persönlichen Einschätzung fragen, dann würde ich sagen, dass das Land noch erhebliche Defizite zu bewerkstelligen hat. Deutschland tritt hierbei nach der Europäischen Union als wichtigster entwicklungspolitischer Partner der „Regenbogennation“ auf.

Die angesprochene Kriminalität erweist sich als ein kleines Mosaik zu den zahlreichen Herausforderungen der jungen Demokratie. Diese dramatische Sicherheitslage spiegelt sich vor allem in Johannesburg wieder, mit dem Ruf der gefährlichsten Stadt der Welt, wo die Zahl der Morde die der Verkehrstoten übersteigt! Immer mehr gut ausgebildete Südafrikaner entziehen sich dieser Unsicherheit und wandern zum Nachteil des nationalen Arbeitsmarktes ins Ausland ab, welches in Fachkreisen als „brain drain“ bezeichnet wird.

Wenn man sich etwas näher mit der Bedeutung der WM 2010 für das Land beschäftigt, zeigt sich, dass die öffentliche Meinung in Südafrika immer kritischer dem Fifa Turnier gegenübersteht. Wie schätzen Sie die Bedeutung der WM ein – eher eine Chance für das Land oder nur eine Großveranstaltung, die Südafrika eigentlich nichts außer modernen Stadien und ein paar Touristen bringen wird?

Als Wissenschaftler und Online-Journalist obliegt es mir, sämtliche Informationen nach ihrem Wahrheitsgehalt zu überprüfen; konkret nach den Kriterien Reliabilität und Validität zu bewerten. Die WM-Organisatoren gehen davon aus, dass dieser Sport-Event ein wirtschaftlicher Gewinn für Südafrika sein wird. Jedoch kann diese Erwartungshaltung auf Basis statistischer Zahlen wohl nicht bestätigt werden. Wolfgang Männing, Professor für Ökonomie an der Universität Hamburg, geht seit Jahren genau dieser Fragestellung nach. Seinen Berechnungen und Beobachtungen zufolge, wird die WM 2010 kaum positive Effekte auf die Volkswirtschaft Südafrikas entfalten können.

Erfahrungsgemäß werden bei Mega-Events, wie der Fußball-EM 2004 in Portugal oder der Fußball-WM 1998 in Frankreich, beispielsweise sämtliche Hotelbuchungen innerhalb des betreffenden Jahreszeitraumes unmittelbar zeitnah an der Sportveranstaltung in Erwägung gezogen. Dieses Phänomen wird als „Time-Switching“ bezeichnet. Auch sind bei der WM 2006 in Deutschland kaum spürbare Umsätze im Tourismus, in der Gastronomie, beim Einzelhandel bzw. Handel zu beobachten gewesen. Der „couch potatoe-Effekt“ besagt, dass sämtliche Branchen einer Volkswirtschaft zumindest für den Zeitraum des Mega-Events eher Gewinneinbrüche zu bewältigen haben, da sich das gesellschaftliche Leben für diese wenigen Wochen verstärkt in den privaten Lebensbereich umverlagert.

Zu Südafrika kann ich hinzufügen, dass die erwarteten 500.000 Besucher aus Übersee, wie 2009 von der südafrikanischen Regierung erhofft, nun ganz aktuell auf 350.000 Gäste abgesenkt wurde. Ich persönlich pflege enge Kontakte nach Südafrika, auch zu Hoteliers, die mir ihre Enttäuschung zu leerstehenden Zimmern nicht vorenthalten konnten. Das einzig Positive dieser WM speziell für das Land Südafrika wird die Tatsache sein, dass die verschiedenen Ethnien, Hautfarben und Kulturen miteinander feiern, lachen und diskutieren werden – wie es bei der Rugby-WM 1995 bereits zu beobachten war.

In Anbetracht der Apartheid erweist sich dieser Umstand als wichtiger denn je. Auch bewerte ich die Infrastrukturmaßnahmen in den WM-Ausrichterstädten für sinnvolle Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr, vor allem für die Stadtentwicklung Johannesburgs.

In Bezug auf die WM wird auch immer wieder die Bedeutung des Turniers für den gesamten afrikanischen Kontinent hervorgehoben. Als Beispiel könnte man hier die Aussagen des ehemaligen Präsidenten Thabo Mbeki während der letzten Bewerbungsrunde vor dem Fifa-Komitee im Mai 2004 nehmen. Würden Sie dieser Bedeutung zustimmen?

Durchaus! Die WM 2010 ist deshalb eine afrikanische WM, weil diese zum ersten Mal auf dem afrikanischen Kontinent stattfindet. Die Afrikanische Union, als Abbild zur EU, hat diese WM bereits zum gesamtafrikanischen Spektakel erklärt. Mich persönlich würde interessieren, wie viele Fußball-Fans aus welchen Staaten Afrikas nach Südafrika anreisen werden. Leider liegen mir zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine Statistiken zu den erwartenden afrikanischen WM-Fans vor.

Bevor wir zum Schluss kommen – natürlich noch die Frage, wer Ihr Favorit für den WM-Titel ist?

Die meisten Interviewten im Südafrika-Portal haben uns bezüglich dieser Frage die Antwort „Deutschland oder Südafrika“ gegeben. Diese Standardaussage will ich nicht treffen, zumal ich mehrere Favoriten gleichzeitig habe. Ich kann hierzu nur folgendes sagen – ich hoffe, dass bei dieser WM auf dem afrikanischen Kontinent die afrikanischen Mannschaften besser abschneiden können, als in der Vergangenheit; also Südafrika, Ghana, Nigeria, Elfenbeinküste, Kamerun und Algerien. Deutschland und Frankreich drücke ich aber auch die Daumen!

Zum Abschluss. Haben Sie konkrete Pläne oder Ziele, die Sie mit dem Webportal in naher Zukunft erreichen wollen?

Als Herausgeber des Südafrika-Portals muss ich stets neue Pläne parat haben und mit peppigen Ideen meine Redaktion bei Laune halten. Auf jeden Fall wollen wir einen Sponsor bzw. Werbepartner von unserem Webportal überzeugen. Ferner möchten wir die Anzahl unserer Redaktionsmitglieder von bald zehn bis zum Ende des Jahres auf zwanzig erhöhen, um das Arbeitspensum so besser verteilen zu können.

Außerdem ist uns wichtig, unsere bisherige Leserschaft und Pressepartner halten und weitere hinzugewinnen zu können. Dem kommen wir nach, indem wir verstärkt mit dem Who-is-Who in den deutsch-südafrikanischen Beziehungen sprechen, neue Bewegungen der Kulturszene aufdecken und Dinge thematisieren, die durch die Presseagenturen für nichtig gehalten werden.

Mein ganz persönlicher Traum wäre es, eines Tages das Aushängeschild Südafrikas in Hollywood interviewen zu dürfen; Charlize Theron.

Viel Erfolg mit dem Projekt und vielen Dank. P.S.: Und übermitteln Sie unsere Grüße an Frau Theron. 😉

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Artikel bei Weltneugier/ Stepin GmbH veröffentlicht:

http://www.stepin.de/weltneugier/interview-mit-ghassan-abid-suedafrika-land-der-kontraste/

Johannesburg im Architektur-Boom

Luyanda Mpahlwa, Architekt und Mitglied des Organisationskomitees der FIFA

(Autor:  Ghassan Abid)

© Architekt Luyanda Mpahlwa (Quelle: http://www.dbretschneider.de)

Heute in 25 Tagen wird die Spielbegegnung zwischen Bafana Bafana und der mexikanischen Nationalmannschaft im Soccer City Stadion in Johannesburg angepfiffen und die Fußball Weltmeisterschaft 2010 auf diesem Wege ihre Eröffnung finden. Beachtliche Summen hat die südafrikanische Regierung in die Infrastruktur des Landes investiert, doch ungeklärt bleiben die tatsächlichen Auswirkungen dieses Sportspektakels auf die Entwicklung der neun Ausrichterstädte.

Luyanda Mpahlwa, Architekt und Mitglied des „South African Local Organising Committee“ der FIFA in Südafrika, diskutierte während seines Berlin-Aufenthaltes im Mai 2010 mit uns Chancen und Herausforderungen der Fußball-Weltmeisterschaft für die größte Stadt Südafrikas: Johannesburg.

„Johannesburg ist eine Stadt, wo jeder Gold sucht“
Luyanda Mpahlwa erläuterte seine Arbeit im südafrikanischen Organisationskomitee, wonach Stadienfertigstellung, Kostenmanagement und die Erfüllung von FIFA-Richtlinien seine drei zentralen Anliegen waren. Geprägt von seinen Erlebnissen als Beobachter vor und nach der WM 2006 in Deutschland, erläuterte er die historische Entwicklung Johannesburgs. Als anfängliche Goldgräberstadt wurde Johannesburg 1886 offiziell gegründet und erhielt 1928 den Status einer Stadt. Mit gegenwärtig 3,9 Millionen Einwohnern und 13 gesprochenen Sprachen auf 1.645 km² Fläche, wächst diese Metropole hinsichtlich der Einwohnerzahl jährlich um 2,5 Prozent an.

Gegenwärtige Stadtentwicklung Johannesburgs durch die Apartheid geprägt

© Innenstadt von Johannesburg

Das besondere an dieser Stadt ist, dass diese mit Old Downtown, Sandton und dem Central Business District (CBD) gleich drei Zentren anzubieten hat, im Gegensatz zu Shanghai beispielsweise, welche nur ein Zentrum aufweist. „Der Immobilienmarkt bestimmt, wie sich die Stadt entwickelt“, begründete Mpahlwa diese Entwicklung, welche in Johannesburg deutlicher zu beobachten sei, als sonst wo in Südafrika. Zahlreiche Unternehmen verließen infolge der hohen Kriminalitätsrate die Innenstadt (CBD) und wanderten dementsprechend in den Norden Johannesburgs ab, während die sozialschwache Bevölkerung, mehrheitlich Bewohner aus den Townships, es vorzogen sich in der Innenstadt niederzulassen. Diese doppelte Migrationsbewegung ist vor allem im Hinblick auf die Apartheid zu bewerten. Denn der Norden mit seinen noblen Stadtteilen, z.B. Sandton oder Parktown, wird hauptsächlich durch weiße und wohlhabende Südafrikaner aufgesucht, während im Süden, z.B. Hillbrow oder Soweto, mehrheitlich Schwarze und Bedürftige leben müssen. Mpahlwa hob hervor, dass entlang der Autobahn M 1 eine große Wohndichte zu lokalisieren ist, die vor allem Arme mit  schwarzer Hautfarbe anzieht.

Bus Rapid Transit als große Chance
Lobenswert sind nach Ansicht Mpahlwas die zahlreichen Architekturprojekte in Johannesburg, etwa das „New Commercial Centre“, einem Business-Komplex in Sandton und das „Melrose Arch“, ein Wohn- und Shopping-Areal, welches als „Experimental New Urbanism“ Johannesburg ein neues Stadtbild verschaffen wird. Ebenfalls sei zur Kenntnis zu nehmen, dass in Johannesburg Projekte des „Inner City Regeneration“ umgesetzt werden, wonach in öffentlichen Gebäuden erneuerbare Energien ihren Einzug finden, wie z.B. beim Verfassungsgerichtshof (Constitutional Court of South Africa). Die „city squares“, das Einrichten von großen unbebauten Plätzen, ist jedoch nach seiner Ansicht zu bemängeln, „da man damit nicht umgehen kann“ und eine Kulturbelebung somit nicht möglich sei. Insbesondere die neuen Verkehrssysteme würden Johannesburg aus stadtentwicklungspolitischer Sicht wichtige Impulse verschaffen. Das für die Weltmeisterschaft eingerichtete „Transport Interchange“ oder „Bus Rapid Transit System (BRT)“ sind für die gesamte Entwicklung dieser Metropole als Chance aufzufassen, zumal beim letzteren die Stadtteile Sandton, Innenstadt und Soweto somit zum ersten Mal unmittelbar miteinander verbunden sind. Außerdem führte Mpahlwa einige „Legal Projects“ des Weltfußballverbandes FIFA an, vor allem das „Foot Centre in Soweto“ mit seinen vier Fußballfeldern, welches von bis zu 1.200 Clubs genutzt werden kann.


Ellis Park Stadion wird größte Auswirkung auf Stadtentwicklung entfalten
Das Soccer City Stadion in Soweto, als wichtigste WM-Stätte des Landes, ist für 4 Milliarden Rands gebaut worden, während das Ellis Park Stadion aufgrund von Umbaumaßnahmen Kosten in Höhe von 230 Millionen Rands veranschlagte. Bedingt durch die geographische Lage des Ellis Park Stadions, wird dieses nach Einschätzung Mpahlwas die größte Auswirkung auf die Entwicklung der Stadt Johannesburg entfalten.

Das Mitglied im South African Local Organising Committee der FIFA schloss seine Expertise hinsichtlich der WM-Vorbereitungen seines Landes äußerst optimistisch ab: „Ich bin ganz sicher, dass es [die WM] ein Erfolg werden wird, da alle Maßnahmen getroffen wurden, die nötig waren“.

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2010sdafrika-Artikel auf Kap Express veröffentlicht:

http://www.kapexpress.com/index.php?option=com_k2&view=item&id=254:johannesburg-im-architektur-boom

Mit freundlicher Unterstützung des Fotografen Danilo Bretschneider: www.dbretschneider.de.