Schlagwort-Archive: Hintergrund

Pretoria braucht Teheran (und Berlin)

Erdöl, Rüstung, Handel und eine gemeinsame iranisch-südafrikanische Vergangenheit

(Autor: Ghassan Abid)

Südafrika ist als einer der wichtigsten afrikanischen Regionalmächten in vielen außenpolitischen Fällen von der westlichen sowie deutschen Agenda abgewichen. Die Debatte um Militäreinsätze gegen Libyen verdeutlichte, dass die südafrikanische Regierung zunehmend eine Süd-Süd-Außenpolitik verfolgt, die eigenständige Züge aufzeigt. Dies bedeutet, dass Schwellenländer wie Südafrika bewusst einen anderen außenpolitischen Kurs gegenüber dem Westen einschlagen, um auf diesem Wege unabhängiger von den USA, der EU und von Deutschland aufzutreten. Die Machtachse um China, Brasilien, Indien, Russland und Südafrika – auch als BRICS-Staaten bezeichnet – wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren für verärgerte Gemüter in Washington, Berlin, Paris oder London sorgen – dies ist schon jetzt und wie am letzten BRICS-Gipfel im indischen Neu-Delhi absehbar.

© Max Sisulu, Vorsitzender des südafrikanischen Unterhauses, bei seiner Iran-Visite mit Präsident Mahmoud Ahmadinejad am 26.01.2010. Sisulu gilt als einflussreicher Politiker im nationalen Rüstungsgeschäft. (Quelle: Presidency of The Islamic Republic of Iran)

Aktuell in der Iranpolitik wird deutlich, dass die Positionen des Auswärtigen Amtes, wonach die politischen und wirtschaftlichen Sanktionen gegen Teheran ausgeweitet werden sollen, mit der des Departments of International Relations and Cooperation – dem Außenministerium Südafrikas – nicht unbedingt im Einklang stehen. Denn Schwellenländer wie Südafrika und Iran sind aufeinander angewiesen, vor allem in handelspolitischer Hinsicht. Außerdem arbeiten beide Staaten in den Bereichen Wissenschaft, Technologie, Verteidigung, Medizin, Energie und Bergbau eng miteinander zusammen.

Als der Iran noch unter dem autoritären Schah-Regime regiert wurde, pflegte das Land äußerst gute Beziehungen zum Westen und  Apartheidsregime. Nach der islamischen Revolution von 1979, im Februar desselben Jahres, unterbrach der religiöse Revolutionsführer Ali Khamenei sämtliche Verbindungen nach Südafrika und zur rassistisch angelegten National Party (NP). Gleichzeitig unterstützten die Iraner den African National Congress (ANC) von Nelson Mandela bei der Erlangung der Freiheit bzw. beim Sturz der Apartheid. Nach dem Machtwechsel in der Presidency durch den ANC nahm der Iran sämtliche diplomatische Beziehungen mit Pretoria im Januar 1994 wieder auf.

Bedingt durch diese verbindende Historie hat sich mittlerweile ein enges Vertrauensverhältnis zwischen Südafrika und dem Iran entwickelt. Iran zählt heute zum größten Erdöl-Lieferanten Südafrikas und der südafrikanische Telekommunikationskonzern MTN Group ist mit einer Beteiligung von 49 % beim iranischen Konsortium Irancell eingestiegen, welches auch unter dem Einfluss von iranischen Rüstungsfirmen (z.B. Iran Electronics Industries) stehen soll. Das iranische Handy- und Internetnetz entspringt demnach der südafrikanischen Expertise. Bekannt geworden ist, dass MTN in mehreren Bestechungsfällen mit iranischen Partnern aus dem staatlichen Sektor verstrickt sein soll.

Auch beim Ölexport Irans ist Südafrika über das Unternehmen Sasol beteiligt. Sasol und die staatliche iranische National Petrochemical Company (NPC) gründeten 2003 in der sog. Pars Special Economic Energy Zone (PSEEZ) am Persischen Golf das Joint Venture Arya Sasol Polymer Company (A.S.P.C.) zur Produktion von Ölprodukten. Der gegenwärtige Botschafter der Islamischen Republik in Südafrika, Ebrahimi Asl Asghar, hielt zudem mehrere Positionen im iranischen Erdölsektor inne, was verdeutlicht, dass die handelspolitischen Beziehungen zwischen Pretoria und Teheran schwerpunktmäßig auf das Erdöl fokussiert werden. Die Sanktionen der USA und EU im Hinblick auf die Einfuhrrestriktionen von Erdöl sind durch Schwellenländer wie Indien, Südafrika oder Russland eindeutig abgelehnt worden.

© Petrochemie-Unternehmen Sasol hat ein Joint Venture mit dem iranischen Staatsunternehmen National Petrochemical Company (NPC) abgeschlossen (Quelle: Wikimedia)

© Telekommunikationkonzern und WM 2010-Sponsor MTN baut das iranische Handy- und Internetnetz mit auf (Quelle: Wikimedia)

Doch beide Regierungen sind genauso an einer militärischen Kooperationsausweitung interessiert, wie es beim Iran-Besuch des damaligen südafrikanischen Verteidigungsministers Patrick Mosiuoa Lekota öffentlich untermauert wurde. Genauso traf sich Max Sisulu, Harvard-Absolvent und Speaker des südafrikanischen Unterhauses, im Januar 2010 mit Irans Präsident Mahmoud Ahmadinejad. Sisulu war von 1998 bis 2003 stellvertretender CEO des Rüstungskonzerns Denel und von 2001 bis 2003 Vorsitzender der Rüstungsvereinigung South African Aerospace, Maritime and Defence Industries (AMD) Association.  

Klar ist, dass der ehemalige in den USA operierende ANC-Kämpfer und gleichzeitige südafrikanische UN-Botschafter, Dumisani S. Kumalo, am 03.03.2008 die Proliferation von Atomwaffen an den Iran ablehnte, das Recht auf friedliche Nutzung von Atomtechnologie gleichzeitig einräumte.Südafrika möchte keinen Kriegsausbruch über das Atomprogramm im Iran sehen“, so der UN-Botschafter in New York. Dementsprechend steht Südafrika vollkommen hinter der Anreicherung von Uran im Iran und gegen das Exportverbot von Dual-Use-Gütern bzw. der Aufrechterhaltung von Kreditrestriktionen gegenüber Teheran. Ferner ist die Lebensgefährtin des derzeitigen Vizepräsidenten Kgalema Motlanthe, die Geschäftsfrau Gugu Sibiya, in einem Waffendeal mit dem Iran involviert.

© Das Verteidigungsministerium Südafrikas ist an einer Zusammenarbeit mit iranischen Partnern auf dem Gebiet der Marine interessiert - hier: Kriegsschiff der South African Navy (Quelle: DOD South Africa)

Sollten Deutschland und andere westliche Staaten den Kurs gegen den Iran weiter verschärfen und womöglich militarisieren, so wird sich Südafrika zunehmend vom Westen abkapseln und sich so die Süd-Süd-Beziehungen zu Lasten westlicher Regierungen umso stärker verselbstständigen. Die Beobachtung der südafrikanischen Außenpolitik belegt, dass diese Schritt für Schritt verlagert wird.

Professor Robert Kappel vom German Institute of Global and Area Studies (GIGA) in Hamburg kommt in seiner politikwissenschaftlichen Analyse „Verschiebung der globalen Machtverhältnisse durch den Aufstieg von Regionalen Führungsmächten: China, Indien, Brasilien und Südafrika“ – No .146 – vom September 2010 zum Ergebnis, das Südafrika als regionaler Hegemon seine wirtschaftlichen Interessen zunehmend nach Asien umverlagert: Die Regionalen Führungsmächte verfolgen eigenständige Interessen und kooperieren immer häufiger miteinander, so z.B. in der Energie‐ und Handelspolitik, in der Klima‐ und Währungspolitik und in der Entwicklungskooperation. Sie haben eine „redistributive power“, die u.a. auf einer neuen Süd‐Süd‐Kooperation beruht und als Gegengewicht zu den USA und der EU zu sehen ist.

Die Bundesregierung sollte alarmiert sein und versuchen, ihren außenpolitischen Kurs strategischer auf die Bedürfnisse ihres wichtigsten Partners auf dem afrikanischen Kontinent auszurichten. Ferner erweist sich die Einstufung der BRICS-Staaten als mögliche Bedrohung westlicher Interessen, etwa im Hinblick auf die technologischen Errungenschaften Chinas, als nicht mehr zeitgemäß. Noch ist es nicht zu spät, um die richtigen Weichen für die nächsten Jahrzehnte aufzustellen und einen nachhaltigen Schulterschluss mit den Weltmächten von morgen zu suchen.

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Insight into Orania

1000 inhabitants, 10000 fellows and 70 businesses making Afrikaner homogeneity possible

(Autor/ Editor: Ghassan Abid)

Deutsche Interview-Zusammenfassung:

Exklusiv konnte „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ einen Einblick in Orania erhalten und mit dem Vorsitzenden der Orania-Bewegung ein Interview führen.  Bei Orania handelt es sich um eine nach außen abgeschottene Burengemeinschaft, die auf ihre eigene soziopolitische Souveränität beharrt. Bislang ist es nur Spiegel Online und NZZ Online gelungen, diesbezügliche Hintergrundinfos zu bekommen. Orania ist jener Ort, welcher als letzte Bastion der Apartheid bezeichnet wird und 1990 als privatrechtliches Unternehmen gegründet wurde. Einem Ort, in welchem keine schwarzen und farbigen Bürger wohnen dürfen, sondern nur weiße Afrikaner – die Buren. Einer Zuflucht für und von „Rassisten“, die über eine eigene Ora-Währung verfügt. Hingegen duldet die südafrikanische Regierung die Orania-Gemeinschaft und zeigte darüber hinaus bereits mehrfach die Gesprächsbereitschaft. Jacob Zuma und Julius Malema statteten dieser Gemeinschaft einen Besuch ab, welche sich selber auf das Selbstbestimmungsrecht nach Artikel 235 der südafrikanischen Verfassung beruft. „Die Erhaltung der Afrikaner-Kultur“ und die Aufrechterhaltung einer kulturellen Mehrheit werden als oberste Ziele verfolgt, so der Vorsitzende von Orania, Jaco Kleynhans. 1.000 Afrikaner und 10.000 Oraniërs [Sympathisanten] bekennen sich zum eigenen homogenen Gesellschaftsmodell im heterogenen Staatsmodell Südafrikas. Rund 70 Geschäfte bestehen in Orania, so Kleynhans. Auf die Frage hin, ob Orania nicht gegen Artikel 1 der Verfassung verstoße, wonach nicht nach rassischen (non-racial) Kriterien diffenziert werden darf, erwidert er, dass Orania vielmehr eine Gemeinschaft mit kultureller Identität sei. Orania hat nach eigenen Aussagen nur Kleinkriminalität und keine Arbeitslosigkeit. Jedoch betont Jaco Kleynhans, dass zunehmend mehr Afrikaner dorthin ziehen möchten und die Gemeinschaft dementsprechend an ihre Grenze stößt. Verbindungen zur Rassistenpartei ´Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB)´ von Eugène Terre’Blanche bestehen laut Kleynhans nicht. Die Anwendung von Gewalt, so der Interviewte, verstoße gegen die die Prinzipien von Orania. Hinsichtlich der Informationen, wonach verschiedene Parteien Südafrikas in Orania Wahlkampf betreiben, betont Kleynhans, dass in der Gemeinschaft solche Vereinigungen nicht zugelassen sind und vielmehr nach dem Verhältniswahlrecht gewählt wird. Denn Orania verfügt auch über eine eigene Volksvertretung; einem Quasi-Parlament. Zur abschließenden Frage, was der Vorsitzende vom deutschen Multikulti-Modell halte, lässt er diese im Grunde genommen unbeantwortet bzw. beruft sich erneut auf das Selbstbestimmungsrecht und diesmal im Kontext mit der deutschen Minderheit im italienischen Südtirol. Die Veröffentlichung dieses Beitrages fällt bewusst auf den heutigen ´Internationalen Tag gegen Rassismus´ und soll verdeutlichen, dass weiterhin enormer Handlungsbedarf bei der Bekämpfung von Vorurteilen besteht – vor allem in Südafrika.

© Orania-Flagge - Selbstbestimmungsrecht in Form eigener Symbolik und unter der Duldung der südafrikanischen Regierung

© Jaco Kleynhans, CEO of the Orania Movement

2010sdafrika-editorial staff: We would like to welcome on „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“, the German Gateway to South Africa, Mr. Jaco Kleynhans, CEO of the Orania Movement.  The Orania Movement has been established in 1990. You are holding an enterprise character within South Africa. What does it mean, that Orania is an „Afrikaans cultural movement with the aim to restore Afrikaner freedom in an independant, democratic Republic“?

Answer: The Orania Movement believes that the future of Afrikaners in ‘n multi-cultural South African wil depend on our own efforts to preserve our culture in a part of South Africa where we can be the majority. The North West Cape is an area with a very small population and therefore we want Afrikaners to move here in larger numbers so that we can be the majority in the region and therefore control things like education, local government, etc.

2010sdafrika-editorial staff: How many Afrikaner and shops/ firms are placed in Orania? Is your community getting foreign investments? And what is about taxes?

Answer: Taxes in Orania is the same than in the rest of South Africa. There’s about 1000 people living in Orania with thousands more ‘uitwoners’ (people who call themselves ‘Oraniërs’ but who don’t live in Orania yet. There’s about 70 businesses registered in Orania and economic development is a strong focus.

2010sdafrika-editorial staff: Are blacks or coloured allowed to live in Orania and if not, isn´t transgressing the article one of the South Africa constitution: „The Republic of South Africa is one, sovereign, democratic state founded on the following values: … Non-racialism and non-sexism…“ ?

Answer: Orania doesn’t focus on race, but only on culture. We’re a took for Afrikaners – thus people adhering to Afrikanerculture.

2010sdafrika-editorial staff: How far is poverty, unemployment and crime facing Orania?

Answer: We don’t have much crime, only minor crimes from time to time. There is nearly no unemployment in Orania. There is an increase in poor Afrikaners moving to Orania and we are trying to find sustainable solutions for Afrikaner poverty. We do have a large worker class in Orania and people may sometimes view them as ‘poor’ as most Afrikaners still cant understand the need for a strong Afrikaner working class.

2010sdafrika-editorial staff: In German Media, the Orania Movement has been described as the last colony of racists in South Africa after Apartheid. Does relations existing between Orania and the by Eugène Terre’Blanche founded Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB)?

Answer: Orania has no relationship with the AWB and we strongly differ in strategy from them. We don’t believe in the use of violence and strongly condemn the violent actions by right wing Afrikaner organisations in the past.

2010sdafrika-editorial staff: The South African government is toleranting your movement. Orania has been visited by coloureds and blacks; in 2009 by ANCYL president Julius Malema and in 2010 by president Jacob Zuma. What do you think about the reasons, that your project hasn´t been prohibited yet?

Answer: What we’re doing in Orania is in line with the South African government and specifically article 235 which give cultural communities the right too selfdetermination.

2010sdafrika-editorial staff: In 2004, Orania introduced its own currency, which called Ora. Which meaning has local money in a globalized world? And is the South African Rands accepted in Orania?

Answer: The Rand is accepted in Orania. The Ora is used to improve local trade and is an internationally recognised model of localization.

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2010sdafrika-editorial staff: The Orania Representative Council is acting like a parliament. Is it right, that the Democratic Alliance (DA) and Congress of the People (COPE) competed in the election of 2009? Is it allowed to the ANC to participate in Orania elections?

Answer: Our local election isn’t based on political parties so no political party can take part in Orania elections. We vote for individuals. In the South African municipality around us any party can take part in that election and we also host an polling place in Orania.

2010sdafrika-editorial staff: What do you think about multicultural societes like Germany?

Answer: We simply believe in the right of all cultural groups to practice their own culture, language, religion and traditions in a fair way. We also strongly believe in selfdeterminination and therefore support the efforts by the Flemish people in Belgium , the German speaking people in South Tyrol (Italy), the Catalions in Spain and the French speaking people in Quebec (Canada) as they strive for greater selfdetermination.

2010sdafrika-editorial staff: Jaco Kleynhans, CEO of the Orania Movement, thank you very much for this insight interview!

Freie Südafrika-Korrespondentin im Gespräch

Elena Beis zur Notwendigkeit der Pressefreiheit für eine junge Demokratie

(Autor: Ghassan Abid)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen bei „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Elena Beis – Buchautorin, Journalistin und Südafrika-Kennerin. Frau Beis, schon 1997 waren Sie das erste Mal in Südafrika und gegenwärtig leben Sie in Kapstadt. Was unterscheidet das Südafrika von 2010 mit dem von 1997?

© Elena Beis (Quelle: Louis Vorster)

Antwort: Ich habe 1997 ein sehr gespaltenes Land kennengelernt. Ich erinnere mich, dass an einem Strand in Kapstadt ausschließlich Weiße und an einem anderen ausschließlich Schwarze gebadet haben – und das drei Jahre nach Abschaffung der Apartheid. Schwarze Arbeiter haben ihre weißen Arbeitgeber nicht in die Augen geschaut. Mir kamen viele schwarze Südafrikaner unglaublich eingeschüchtert vor. Generell habe ich den Umgang zwischen den unterschiedlichen kulturellen Gruppen des Landes als extrem gezwungen und unentspannt empfunden.

Unter weißen Südafrikaner herrschte damals sehr, sehr große Angst und Unsicherheit, was aus dem Land werden würde. Das hat sich mittlerweile verändert – der Umgang zwischen weiß und schwarz ist sehr viel selbstverständlicher geworden, vor allem in den Städten. Die große Angst und Unsicherheit hat sich gelegt. Südafrika hat mit vielen Problemen zu kämpfen, und einige weiße Südafrikaner befürchten immer noch, dass das Land von korrupten Politikern in simbabwische Verhältnisse heruntergewirtschaftet werden könnte, aber die Mehrheit der Südafrikaner sieht das Potential des Landes, steht hinter dem Land und seiner Buntheit und ist bereit, Südafrika weiter aufzubauen.

Wenn man 1997 durch die Straßen gegangen ist, hatte man das Gefühl, die Menschen wissen noch nicht so recht, was sie mit ihrer neugewonnenen Freiheit anfangen können. Diese zurückhaltende, unsichere – teils beklemmende – Atmosphäre der Mitt-Neunziger ist einer intensiven Lebendigkeit gewichen. Das ganze Land ist sehr viel selbstbewusster geworden.

2010sdafrika-Redaktion: Sie schreiben für verschiedene Medien aus Deutschland und Südafrika. Für die TAZ haben Sie im August dieses Jahres einen Artikel zur Pressefreiheit in Südafrika verfasst, wonach die ANC-Regierung mit dem „Protection of Information Bill“ – auch Secrecy Bill genannt – die Berichterstattung im Lande grundlegend regulieren möchte (siehe 2010sdafrika-Artikel vom 02. September 2010).  Wie bewerten Sie die aktuelle Entwicklung und das mögliche Inkrafttreten des Gesetzes im Hinblick auf Ihre journalistische Arbeit?

Antwort: Ich finde die Diskussion um die „Protection of Information Bill“ und das „Media Appeals Tribunal“ – die zwei vom ANC, der südafrikanischen Regierungspartei, anvisierten Gesetzesvorschläge, die Medieninhalte und Journalisten in Südafrika stark reglementieren und einschränken würden –  sehr beunruhigend. Schon die Idee, in einer Demokratie, ein Gesetz vorzuschlagen, das vorsieht, dass Journalisten, die „sensible Informationen“ veröffentlichen (wobei Politiker willkürlich selbst festlegen können, was „sensibel“ ist), mit bis zu 25 Jahren Haft bestraft werden, finde ich absurd – geschweige denn, tatsächlich darüber im Parlament zu beraten.

Man muss allerdings auch erwähnen, dass es in dem ganzen Prozess ein paar positive Überraschungen gab. Einige hochrangige ANC-Politiker wie der Vizepräsident des Landes, Kgalema Motlanthe, haben sich gegen die Gesetze ausgesprochen – es scheint also auch verantwortungsbewusste Regierungspolitiker zu geben, die nicht auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind, sondern die Gefahren erkennen, die mit einer Einschränkung der Pressefreiheit einhergehen. Außerdem sind die rege Diskussion und der starke Widerstand gegen diese Gesetze in Südafrika bereits ein positives Zeichen für das Land und das junge Demokratiebewusstsein hier.

Im Augenblick sehe ich meine Arbeit durch die „Protection of Information Bill“ und das „Media Appeals Tribunal“ weder gefährdet, noch eingeschränkt. Sollten diese Gesetze tatsächlich vom Parlament verabschiedet werden, wären vor allem die südafrikanischen Enthüllungsjournalisten davon betroffen, die jede Woche neue Korruptionsskandale ans Licht bringen.

2010sdafrika-Redaktion: Im Western Cape, in welcher auch Kapstadt liegt, ist der ANC relativ schwach aufgestellt. Das Western Cape ist die einzige von neun Provinzen, in welcher der ANC nicht in Regierungsverantwortung ist und die Oppositionspartei Democratic Alliance (DA) die Macht über diese Provinz ( = Bundesland) übernehmen konnte.  Wie erklären Sie sich diese starke Stellung der DA unter Helen Zille in dieser Provinz?

Antwort: Südafrika ist eine junge Demokratie mit einer Geschichte, die von Machtkämpfen, Kriegen und der forcierten Abgrenzung der ethnischen Gruppen voneinander geprägt ist. Die Wähler tendieren daher dazu, entlang ethnischer Linien zu wählen. Schwarze Südafrikaner wählen vornehmlich den ANC und weiße die Oppositionspartei Democratic Alliance, die die deutschstämmige Helen Zille leitet – und die aufgrund ihrer mehrheitlich weißen Mitglieder bisher als „Weißenpartei“ wahrgenommen wurde.

Farbige Südafrikaner – die sogenannten Coloureds gemischter Abstammung, die in der Provinz Western Cape die Mehrheit bilden – haben früher mehrheitlich für den ANC gewählt. Aufgrund unerlöster Wahlversprechen und dem Eindruck, dass der ANC sie ihren schwarzen Mitbürgern gegenüber benachteiligt, wenden sie sich zunehmend der Democratic Alliance zu.  Helen Zille hat ihre Macht vor allem ihrer wachsenden Popularität bei den farbigen Wählern zu verdanken. 2009 konnte ihre Partei die absolute Mehrheit im Western Cape erringen – das wäre noch vor fünf Jahren unvorstellbar gewesen. Dieses Jahr (2010) hat die DA sogar im Township Gugulethu die Lokalwahlen gewonnen, wo ausschließlich Schwarze leben, was zeigt, das auch die schwarzen Wähler anfangen, den übermächtigen ANC angesichts grassierender Korruption und schlechter Staatsleistungen für die Armen abzustrafen. Schwarze Südafrikaner fühlen sich dem ANC traditionell sehr verbunden und verpflichtet –  schließlich war es die Befreiungspartei, die sie aus der Apartheid und Unterdrückung herausgeführt hat.

Die Provinz Western Cape ist übrigens die einzige südafrikanische Provinz, in der Farbige und nicht Schwarze die Mehrheit bilden. Da nur 8% aller Südafrikaner weiß sind, beeinflussen ihre Präferenzen die Wahlergebnisse eher wenig.

© Buchcover von "Fettnäpfchenführer Südafrika"

© Buchcover von „Fettnäpfchenführer Südafrika“

2010sdafrika-Redaktion: Ebenfalls sind Sie Buchautorin. In Ihrem Buch „Fettnäpfchenführer Südafrika: My name is not sisi. Kulturkollision x 11“ (das Buch wird demnächst bei uns rezensiert) klären Sie Ihre Leser anhand eines fiktiven deutschen Paares, welches Südafrika bereist, über dortige „GOs“ und „NO GOs“ auf. Können Sie uns jeweils ein GO- und NO GO-Beispiel benennen?

Antwort: Man sollte immer einen freundlichen und höflichen Umgangston wahren,  auch wenn man genervt ist. Eine forsch-direkte Art, wie sie bei uns in Deutschland durchaus akzeptabel ist, wirkt auf Südafrikaner oftmals offensiv. Ein No GO wäre einen südafrikanischen Braai (Grill) als „barbeque“ zu bezeichnen, ein Rugby-Spiel als American Football, oder einen Afrikaaner (Buren) gar als Holländer.

2010sdafrika-Redaktion: Man geht bei deutschen Behörden davon aus, dass sich ca. 100.000 Deutsche in Südafrika befinden sowie 1 Million Deutschstämmige. Inwieweit spielen Deutsche sowie Deutschstämmige eine Rolle im Alltagsleben des kosmopolitischen Kapstadts?

Antwort: Deutsche sind sehr präsent im Kapstädter Alltag. Nach Englisch und den unterschiedlichen afrikanischen Sprachen, die hier gesprochen werden, ist deutsch die meistgehörte Sprache. Es gibt deutsche Bäckereien, eine Biergarten mit deutschem Bier und einen deutsche Metzger, was dem Heimweh hier ein bisschen entgegenwirkt.  Zu den offiziell ca. 25.000 einheimischen Deutschen in Kapstadt, kommen jedes Jahr mindestens weitere 25.000 deutsche Touristen zu Besuch.

Es gibt auch unheimlich viele deutschstämmige bzw. halb-deutschstämmige Südafrikaner. Die meisten davon sprechen allerdings gar nicht, oder nur sehr wenig Deutsch – sie sind in der Regel hier geboren und aufgewachsen und sehen sich in erster Linie als Südafrikaner.

2010sdafrika-Redaktion: Welche persönlichen Träume würden Sie noch gerne verwirklichen?

Antwort: Ich möchte noch sehr viel mehr von Afrika sehen, sehr viel mehr unterschiedliche Realitäten und Perspektiven kennenlernen – und sehr viel mehr darüber schreiben.

2010sdafrika-Redaktion: Elena Beis, Korrespondentin der taz in Südafrika und Buchautorin, vielen Dank für das wirklich sehr interessante Interview!

taz-Blog von Elena Beis:

http://blogs.taz.de/sa-clash/

Kulturmagazin berichtet übers Südafrika-Portal

Deutsche und südafrikanische Kultur treffen im Portal aufeinander

Wer sich über Südafrika umfassend informieren wollte, dem stand das Angebot von wenigen Presseinstitutionen zur Verfügung. Jedoch ist zu bemängeln, dass zahlreiche Artikel wenig Hintergrund anboten und meist oberflächlich aktuelle Geschehnisse in Südafrika ansprachen, unter Ausschluss südafrikanischer Soziokultur.

Dementsprechend ist am 30. Januar 2010 das Portal „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ vom deutschen Politikwissenschaftler und Buchautor Ghassan Abid ins Leben gerufen worden.

Es handelt sich hierbei um eine Internetpräsenz, die sich mit der Republik Südafrika befasst und über dieses aus einem deutschen Blickwinkel her beobachtet, berichtet und analysiert. Die 2010sdafrika-Redaktion trägt Hintergründe, Fakten und Meinungen zu fünf Ressorts zusammen: Business, Kultur und Gesellschaft, Literatur und Wissenschaft, Politik und WM 2010.

© Screenshot: Südafrika-Portal im Kulturmagazin

Innerhalb kürzester Zeit konnte sich das Südafrika-Portal einen guten Namen machen und das Interesse der Leserschaft, von Institutionen der öffentlichen Verwaltung, der Wirtschaft, der Presse und der Zivilgesellschaft auf sich ziehen, sodass sich einige Kooperationen etablieren konnten. Die 2010sdafrika-Redaktion bietet verstärkt für Presseorgane umfangreiche Hintergrundanalysen zu Südafrika an, die in diesem Jahr eindeutig von der Fußball-Weltmeisterschaft dominiert werden.

Als zum Beispiel der südafrikanische Präsident, Jacob Zuma, beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos mit seiner Vorliebe für die Polygamie von sich Reden machen konnte, stieß er mit dieser Aussage auf nicht viel Gegenliebe. Das Südafrika-Portal beleuchtete hierbei kulturelle Aspekte und kam zu dem Schluss, dass Jacob Zuma als Zulu, einer traditionsbewussten Ethnie im Osten des Landes, die „Vielweiberei“ als Identität seiner sozialen Zugehörigkeit wahrnimmt. Dementsprechend ist es in Südafrika nicht verwunderlich, dass der aktuelle Präsident gegenwärtig 3 First Ladies an seiner Seite präsentiert und mit einer weiteren Frau verlobt ist. Die politisch-administrative Ebene hat sich hierauf bereits eingestellt und auf gewohnheitsrechtlicher Basis praxisgerechte Lösungen entwickelt. Da der deutsche Blickwinkel einen besonderen Stellenwert einnimmt, mündete dieses Politikum in die „Umfrage des Monats“ des Südafrika-Portals ein, wonach 55 Prozent der User kein Verständnis für eine praktizierte Mehrehe des südafrikanischen Staatspräsidenten aufzeigen konnten.

Mit medialen, interaktiven und informativen Angeboten wird das Südafrika-Portal auch weitere Gäste, insbesondere aus dem kulturellen Bereich, von sich überzeugen können.

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Artikel beim Kulturmagazin veröffentlicht:

http://www.kultur-szene.de/internet/suedafrika_land_der_kontraste-2243.html