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500.000 Vergewaltigungen pro Jahr in Südafrika

Gudrun Kopp, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesentwicklungsminister

(Autor: Ghassan Abid)

    © Gudrun Kopp (FDP), Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. (Quelle: Ingrid Lestrade)

© Gudrun Kopp (FDP), Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. (Quelle: Ingrid Lestrade)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Frau Gudrun Kopp, Parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Fünf Tage hielten Sie sich in Südafrika auf. Mit welchen Partnern wurden welche Sachverhalte thematisiert?

Antwort: Schwerpunktthemen meiner Reise waren Energie und Klimaschutz, die in Südafrika weit verbreitete Gewalt gegen Frauen und Mädchen sowie die aktuelle Situation im Bergbausektor. Ich habe unter anderem Gespräche mit meinen Amtskolleginnen und -kollegen aus dem Finanzministerium und Energieministerium und mit der Premierministerin der Provinz Western Cape, Helen Zille, geführt. Bei diesen Gesprächen habe ich neben unserer laufenden Kooperation die südafrikanische Regierung dazu ermuntert, der Rohstoff-Transparenzinitiative EITI [Anmerkung der Redaktion: Extractive Industries Transparency Initiative] beizutreten. Als größte Wirtschaftsmacht in Afrika und fünftstärkstes Bergbauland weltweit sollte Südafrika mit einem Beitritt zu EITI ein Zeichen für Transparenz und gute Regierungsführung setzen.

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Deutsche Schule in Kapstadt

Im Interview mit Schulleiter Hermann Battenberg über die DSK und ihren 720 Schülern

(Autor: Ghassan Abid)

© Hermann Battenberg, Schulleiter der Deutschen Internationalen Schule Kapstadt

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Herrn Hermann Battenberg, Schulleiter der Deutschen Internationalen Schule Kapstadt (DSK).

Grundschule, Mittelschule und Oberschule sind an einem Ort konzentriert. Wieviele Schüler sind an Ihrer Schule derzeit angemeldet und wie setzt sich die Schülerschaft im Hinblick auf Nationalität bzw. Ethnie zusammen?

Antwort: Wir haben zu Beginn des Schuljahres 2012 ca. 720 Schüler. Zwei muttersprachlich deutsche Züge (und eine Grundschulfiliale in Tygerberg im Norden Kapstadts) gehen von der Grundschule bis zur 12. Klasse, zwei weitere Züge beginnen mit der 5. Klasse und sind für nicht-deutschsprachige Schüler gedacht, die in der 12. Klasse das Deutsche Sprachdiplom II ablegen. Einer dieser Züge befindet sich gerade im Aufbau. Auf diese Weise ermöglichen wir allen Deutschsprachigen und allen Südafrikanern – auch ohne Deutschkenntnisse – den Zugang zu unserer Schule. Wir haben zurzeit 412 Schüler mit deutscher, schweizer oder österreichischer Staatsangehörigkeit und 310 Schüler mit südafrikanischer, wobei viele beide Pässe haben. Ethnisch sind unsere Klassen, besonders die nicht-deutschsprachigen, sehr gemischt zusammengesetzt, es sind echte „Rainbow“-Klassen.

© Panoramablick auf die Deutsche Schule Kapstadt

2010sdafrika-Redaktion: Mit innovativen Projekten zeichnet sich die Deutsche Internationale Schule Kapstadt aus, etwa der Abhaltung einer Fashion Show. Welche Ziele verbinden Sie mit einem eigenständigem Engagement der Schüler?

Antwort: Unser erklärtes Schulziel ist es, unsere Schülerinnen und Schüler zu selbstständig und kritisch denkenden Menschen zu erziehen, die es frühzeitig gewohnt sind, Verantwortung zu übernehmen. Die Fashion Show ist als Fundraising Projekt für die Finanzierung des Valedictory Balls (Abschlussballs) der Abschlussklassen nur ein Beispiel unserer vielen Projekte. So gibt es einen Rotary Interact Club (K.I.D.S.), der u.a. jährlich ein Sportfest am Strand für über 1000 Kinder aus Heimen organisiert. Wir kooperieren mit der Siemens Stiftung im Projekt „experimento“, das es der DSK und lokalen Partnerschulen erlaubt, Fortbildungen und Sachmittel für modernen und handlungsorientierten naturwissenschaftlichen Unterricht von der Grundschule an zu fördern und zu finanzieren. Beim „Debating“ messen sich unsere Schüler mit anderen Schulen, ebenso wie in verschiedenen Wettbewerben auf akademischem, sportlichem und musikalischem Gebiet.

© Der jährliche K.I.D.S.-Tag am Blouberg Strand

2010sdafrika-Redaktion: Als Privatschule unterhält die Deutsche Internationale Schule Kapstadt einen guten Ruf. Inwieweit können Kinder aus sozial schwachen Familien bei einem jährlichen Schulgeld von rund 3.240 Euro am Schulbetrieb teilnehmen? Existieren Förderprogramme für diese Zielgruppe?

Antwort: Das Schulgeld ist im Vergleich zu anderen Top-Privatschulen in Kapstadt recht günstig, da wir vom deutschen Staat unterstützt werden. Die Schule hilft bei finanziellen Engpässen durch Nachlässe auf das Schulgeld je nach individueller Lage. Für die Schüler aus wirtschaftlich schwachen Familien gibt es sowohl von der deutschen Regierung finanzierte Stipendien als auch solche von Privatspendern (hierfür wurde eigens eine Stiftung aufgebaut) oder dem deutschsprachigen Rotary Club am Kap.

2010sdafrika-Redaktion: Schulen in Deutschland unterliegen leider allzu oft dem politischen Experimentieren der Länder. Der UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Bildung, Vernor Muñoz, kritisierte bereits mehrfach die föderalen Schulstrukturen und die mangelnde Inklusion von Minderheiten wie Migranten. Wie bewerten Sie diese Angelegenheit aus dem Blickwinkel eines Auslandsschulwesen-Beteiligten heraus?

Antwort: Die Mehrzahl der Familien, die ihre Kinder an die Deutschen Schulen in Südafrika schicken, sind oder waren Migranten. Viele Schüler kommen aus gemischtsprachigen Elternhäusern, und zwar nicht nur deutsch-englischen.  Minderheiten – so etwas wären in Kapstadt ja z.B. die deutschsprachige Gemeinschaft oder die Menschen mit weißer Hautfarbe – werden an den deutschen Begegnungsschulen nicht als solche wahrgenommen. Die Integration ist kein „Thema“ in unseren Schulen, sondern die selbstverständliche Grundlage ihrer Daseinsberechtigung. Die Begegnung unterschiedlicher Kulturen, Hautfarben, Religionen etc. wird als Bereicherung gesehen, und es wird bewusst daran gearbeitet, dass alle Schülerinnen und Schüler, gleich wo sie geografisch, sozial oder kulturell herkommen, miteinander auskommen und sich an der Schule wohl fühlen. Dies ist einer der wichtigsten Pluspunkte der Deutschen Auslandsschulen: Schüler aus diesen Schulen haben sehr geringe Probleme mit Integration, wo immer sie auch später wohnen und arbeiten werden. Für Deutschland sind dies die idealen Immigranten.

2010sdafrika-Redaktion: Kapstadt bezeichneten Sie mal gegenüber Spiegel Online als „europäisch“. Was hat Sie persönlich bewogen, über die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) die Position des Schulleiters zu übernehmen, zumal Sie vorher im asiatischen Raum als Lehrer tätig waren?

Antwort: An Kapstadt fasziniert mich die besondere Mischung: Das Klima ist eher ein Mittelmeerklima, die Landschaft sieht nicht wirklich afrikanisch aus, sondern erinnert häufig an Europa, die Flora ist eine ganz eigene mit unwahrscheinlicher Vielfalt, und die Menschen sind nicht weniger vielfältig. Es gibt alle Tönungen der Hautfarbe, riesige Unterschiede beim Einkommen, eine große deutsche Gemeinschaft und durch die vielen Einwanderer und Touristen eine sehr internationale Atmosphäre. Ähnliches hatte ich in Hong Kong erlebt, so dass es mir nicht schwer fiel, mich in Kapstadt einzuleben. Allerdings waren die Schulen in Asien keine Begegnungsschulen, sondern eher Service-Einrichtungen für deutsche Experten, die in diese Länder geschickt wurden. In Südafrika handelt es sich dagegen um Schulen, die gleichzeitig südafrikanische wie deutsche Schulen sind und neben dem Service-Angebot für deutsche Familien in erster Linie lokale Schulen sind, die einen wichtigen Beitrag zur Erziehung in Südafrika leisten.

2010sdafrika-Redaktion: Inwieweit tauscht sich die DSK mit den anderen Deutschen Schulen in Durban, Johannesburg, Pretoria und Hermannsburg aus?

Antwort: Die Deutschen Schulen in Kapstadt, Johannesburg, Pretoria, Hermannsburg und Windhoek werden von Deutschland in gleicher Weise gefördert und arbeiten eng zusammen. Ab 2014 werden sie sogar ein gemeinsames Regionalabitur mit den gleichen Aufgabenstellungen absolvieren. Die Schulleiter und Vorstände treffen sich regelmäßig um die Zusammenarbeit noch enger zu gestalten. Vom 12. bis 16. März dieses Jahres findet als gemeinsame Veranstaltung dieser fünf Schulen die Sportolympiade im zweijährigen Rhythmus – diesmal in Kapstadt – statt. Ca. 300 Schüler und Lehrer treffen sich zu einem Höhepunkt jeder sportlichen Schülerlaufbahn.

© Bei der Einweihung neuer Laborräume an der DSK nehmen neben Schulleiter Hermann Battenberg auch folgende Personen teil (von links nach rechts): Dieter Haller (zum damaligen Zeitpunkt deutscher Botschafter in Südafrika), Helen Zille (Vorsitzende der Democratic Alliance und Premierministerin der Westkap-Provinz) und Wido Schnabel (Vorsitz DSK-Schulverein)

2010sdafrika-Redaktion: Die Deutsche Internationale Schule Kapstadt wird finanziell und personell über die ZfA unterstützt. In welchen Bereichen können Sie Ihre Arbeit als Schulleiter unabhängig und flexibel ausgestalten; und in welchen nicht?

Antwort: Meine Selbstständigkeit als Schulleiter ist an einer Auslandsschule viel umfangreicher als an einer Schule in Deutschland, denn der Schulleiter ist der CEO der Schule. Er erarbeitet mit dem Vorstand zusammen die Strategie, die er dann in eigener Verantwortung umsetzen muss. Dabei kümmert er sich um die Finanzen, Marketing, bauliche Erhaltung ebenso wie um Pädagogik, Schulentwicklung, Personalentwicklung und unzählige andere Bereiche. Es gibt eigentlich keine gute Idee, die man an einer Auslandsschule nicht umsetzen könnte, wenn man es versteht, die schulischen Gremien davon zu überzeugen. In Deutschland liegen in der Regel immer noch die wichtigsten Entwicklungsbereiche der Schule, wie Finanz- und Personalhoheit, nicht bei der einzelnen Schule, sondern bei den Schulbehörden.

2010sdafrika-Redaktion: Wie würden Sie Südafrika in drei Schlagwörtern charakterisieren und wie Kapstadt?

Antwort: Südafrika: Vielfalt, ungeheures Potenzial des Landes und der Menschen, große Probleme in der Politik!

Kapstadt: gewaltige Landschaft, Vielfalt der Menschen, schönste Deutsche Schule der Welt!

2010sdafrika-Redaktion: Hermann Battenberg, Schulleiter der Deutschen Internationalen Schule Kapstadt, vielen Dank für das Interview!

Geschäftsführerin des Weingutes „Kaapzicht Wine Estate“ im Interview

Wirtschaftskrise erfasst renommierte Weingüter Südafrikas mit aller Härte

(Autor: Ghassan Abid)

Die internationale Wirtschafts- und Finanzkrise ist weiterhin anhaltend und unberechenbar. Vor allem exportorientierte Nationen und inbesondere aufs Ausland angewiesene Unternehmen machten und machen harte Zeiten durch. Nicht nur der Automobilsektor Südafrikas musste harte Einschnitte in Kauf nehmen, sondern auch der Großteil der 585 Weingüter im Lande. Einer von diesen Weinkellern gehört der aus Bremen stammenden Yngvild Steytler und ihrem Ehemann. Mit „Kaapzicht Wine Estate“ schaffte sie es, ihren Weinkeller im internationalen Ranking an die Spitze zu etablieren. Allerdings geht es zurzeit weniger um Gewinn, sondern vielmehr um reine Kostendeckung und  die Erhaltung eines jeden Arbeitsplatzes – oder anders ausgedrückt: Um das strikte Überleben.

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen bei „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Frau Yngvild Steytler, Geschäftsführerin von „Kaapzicht Wine Estate“, einem der populärsten Weingütern Südafrikas. Frau Steytler, Sie stammen ursprünglich aus Bremen und wanderten eines Tages nach Südafrika aus. Wie kam es zu diesem Schritt?

© Yngvild Steytler, Geschäftsführerin des Weingutes Kaapzicht Wine Estate.

© Yngvild Steytler, Geschäftsführerin des Weingutes Kaapzicht Wine Estate.

Antwort: Ich träumte davon um die Welt zu reisen und in unterentwickelten Ländern zu arbeiten, sparte mein Geld und nach meinem letzten Examen begann ich meine Reise in Namibia, wo ich einen Onkel besuchte. Bin dann ~ 14 Monate durch Namibia, Südafrika und Malawi gereist bzw habe hier und da gejobbt und dabei meinen späteren Mann kennengelernt. Ich arbeitete gerade in einem Lepra-Projekt in Malawi, hatte mein Ticket für den weiteren Flug nach Australien bereits in der Tasche, als dieser junge Südafrikaner mir hinterher geflogen kam und mich überredete lieber ihn zu heiraten, als weiterzureisen. So habe ich mein Ticket umgetauscht und wir sind gemeinsam nach Bremen geflogen, haben in meinem Elternhaus geheiratet und seit Januar 1980 bin ich Farmers Frau in Stellenbosch.

2010sdafrika-Redaktion: Wie viele Weingüter existieren zurzeit in Südafrika, wo sind diese angesiedelt und wie viele werden von deutschen Einwanderern betrieben?

Antwort: Es gibt insgesamt 585 Weinkeller – davon sind 58 Cooperative, 23 weinproduzierende Großhändler und 504 private Kellereien, von denen 46 % weniger als 100 Tonnen produzieren (micro wineries). Dazu gibt es 3839 reine Traubenproduzenten (ohne Weinkeller).

Ich weiss leider nicht wieviele von diesen Weingütern Deutschen gehören.

Angesiedelt sind sie fast ausschliesslich im Kapland (Western Cape) von Südafrika. Insgesamt 101.325 ha sind mit Weinstöcken bepflanzt und diese Fläche ist unterteilt in 80 verschiedene offizielle Appellationen. (Südafrika und Deutschland haben fast die gleiche / ähnlich grosse Fläche unter Weinstöcken.)

Unser Weingut umfasst 190 Hektar, davon sind 162 ha mit den Sorten Chenin Blanc, Sauvignon Blanc, Muscadel Alexandrie, Merlot, Shiraz, Pinotage, Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc, Petit Verdot, Malbec und Cinsaut bepflanzt.

2010sdafrika-Redaktion: Seit 1984 verkaufen Sie mit dem guten Ruf Ihres Weingutes „Kaapzicht Wine Estate“ weltweit Ihre Produkte, mittlerweile unter anderem zehn Rotweine und drei Weißweine. Können Sie uns Angaben zu Absatz, Gewinn, Abnehmern und Anzahl Ihrer Arbeitskräfte in den letzten drei Jahren machen?

Antwort: Die Familie meines Mannes besitzt diese Weinfarm (wie wir es hier nennen) seit 1946. Sie haben wie 90 % aller anderen Weinfarmer ihre Trauben oder losen Weine an die Großkellereien geliefert. 1984 haben wir zum ersten Mal begonnen unsere Weine unter unserem Kaapzicht Etikett abzufüllen und direkt an die Öffentlichkeit zu verkaufen. Unser erster Export ging 1992 nach Holland. Unter der neuen Regierung und nach Aufhebung der Sanktionen gegen Südafrika begann dann seit 1994 das internationale Interesse an südafrikanischen Weinen zu wachsen und das löste aus, dass sich viele Traubenlieferanten entschlossen Weinkeller zu bauen und ihre Weine unter eigenem Namen auf den Markt zu bringen.

© Weingut „Kaapzicht Wine Estate“ – ein Betrieb der Steytler-Familie

Diese Entwicklung bedeutete für uns und auch für alle anderen, dass viel mehr Arbeitskräfte gebraucht werden als je zuvor: Früher wurden meistens nur Männer für die Landarbeit angestellt (wir hatten 18 Angestellte). Heutzutage haben wir zusätzlich ein Team im Weinkeller und eine Gruppe Frauen in der Lagerhalle zur Etikettierung und Verpackung der Flaschen plus 2 zusätzliche Personen im Büro. Unsere Anzahl permanenter Arbeitskräfte hat sich deshalb auf 49 Personen erhöht. (Sie leben fast alle in ihren Häuschen bei uns auf der Farm, insgesamt 120 Personen, wenn man alle Kinder und Großeltern mitzählt.)

Wir exportieren 85 % unserer abgefüllten Weine inzwischen in die meisten Länder Europas – unser wichtigster Markt ist Deutschland – nach Hong Kong, Malaysia, Singapur, Philippinen, Indonesien und nach Angola, Nigeria, Botswana und Namibia und auch in die USA. Unsere Abnehmer rund um die Welt sind alle passionierte Weinliebhaber, die irgendwie von uns gelesen oder gehört haben. Ich bin mit meinem deutschen Pass zuständig für unsere Exportmärkte und muss zugeben, dass die meisten Geschäftspartner uns gefunden haben und nicht ich sie. In all diesen Ländern rund um die Welt haben wir zu unseren Importeuren ein freundschaftliches Vertrauensverhältnis. Sie vertrauen darauf, dass wir unser Exklusiv-Abkommen mit ihnen halten und ihnen stets gute Qualitätsweine schicken und wir vertrauen darauf, dass sie uns irgendwann später bezahlen. Sicherheiten haben wir nicht. Weil wir gerne langfristig mit unseren Geschäftspartnern unsere Märkte aufbauen wollen, müssen wir auch alle guten und schlechten Zeiten zusammen mit ihnen durchmachen, d.h. wir ersetzen sie nicht sofort durch andere Partner, wenn Verkäufe zurückgehen oder Zahlungen spät kommen.

Aller Gewinn, der in den vergangenen Jahren erarbeitet worden ist, wurde immer wieder in die Farm hinein investiert: Mit dem wachsenden Markt, der wachsenden Nachfrage brauchten wir mehr Weintanks, deshalb musste der Weinkeller vergrößert werden, bessere und neue Maschinen (zum Beispiel Etikettiermaschinen), neue Lagerhallen für abgefüllte Flaschen, Infrastruktur (Lastwagen zur Weinablieferung), Weinprobierstube und ein aufgradiertes Büro (Computer). Gleichzeitig müssen alte Weinberge neu gepflanzt werden und sämtliche Fahrzeuge, Trecker, Gebäude, auch die Wohnhäuser unserer Leute in Stand gehalten werden. Außer dass ich zwecks Marketing jetzt sehr viel mehr international unterwegs bin, haben sich bei uns privat noch nicht viele Wohlstandssymbole eingestellt (noch immer das gleiche alte Auto).

2010sdafrika-Redaktion: Im letzten Jahr, also 2009, sind nach offiziellen Angaben infolge der internationalen Finanz- und Wirtschaftskrise knapp über 900.000 Arbeitsplätze allein in Südafrika abgebaut worden. Inwieweit hat diese Krise die Weinkeller im Lande und speziell Kaapzicht Wine Estate erreicht?

Antwort: Die auf unserer Farm lebenden Menschen sind hier geboren und aufgewachsen, die gesamte ältere Generation ist illiterat und kennt nichts anderes als die Landarbeit auf einer Weinfarm. Wir sind uns dessen bewusst, dass wir in einer Art Symbiose mit diesen Menschen leben, in der alle davon profitieren, wenn es allen gut geht, – einer braucht den anderen. Wir schaffen Aufgaben & Arbeit für sie, selbst wenn es in der Weinindustrie gerade still ist. Wir haben dieses Jahr unseren Banküberzug erhöht und allen unseren Angestellten wie jedes Jahr inflationsorientierte Gehaltserhöhungen gegeben. Es ist uns noch nie eingefallen jemanden zu entlassen, der sich nicht irgendeines schweren Deliktes schuldig gemacht hat. Außerdem gibt es strenge Arbeitsgesetze in Südafrika, nach denen man nicht so einfach “hire & fire”, also anheuern und entlassen kann. Allerdings haben wir von anderen größeren Weinkellereien gehört, dass sie wegen der ökonomischen Situation hoch bezahlte Kräfte, wie Kellermeister und Marketing-Personal abgedankt haben.

Finanzkrise: Ich habe in den neunziger Jahren unsere lokalen Preise in Euro / Dollar und GBP (= Britischer Pfund) Preislisten übersetzt und die haben sich in all den Jahren nur gering verändert. Sehr oft wurde der Wechselkurs von der politischen Situation Südafrikas, zum Teil als direkte Folge von einzelnen Reden und Ansprachen beeinflusst und so haben wir abhängend vom Wechselkurs mal eine Zeitlang gewonnen und zu anderen Zeiten wieder verloren.

Zurzeit ist die Lage für uns bzw. die Exporte Südafrikas besonders kritisch. Nicht nur weil die Weltkrise dazu geführt hat, dass unsere Partner und wir weniger Wein verkaufen, sondern vor allem weil der Euro und der Dollar schwächer geworden sind. Das bedeutet, dass sich die Lage für uns nur sehr viel langsamer, in Tandem mit der Wirtschaft Europas verbessern kann. Inzwischen ist unser südafrikanischer Rand stärker als seit Jahren und für jeden bezahlten Export müssen wir Verluste wegen des Wechselkurses abschreiben. Wir können uns aussuchen, ob wir so weitermachen wollen oder ob wir unsere Euro-Preise raufsetzen und dann dadurch unsere Kunden verlieren.

Letztes Jahr ist die Firma bankrott gegangen, die unsere und die Weine von ~ 15 – 20 anderen Weingütern national, also überall in Südafrika verbreitet und verkauft hat. Wir mussten ganz von vorne anfangen, eine andere Distributionsfirma finden, deren neues Verkaufspersonal uns und unsere Weine erst neu kennenlernen musste, bevor sie den Markt wieder aufbauen konnten. Ein Jahr später haben wir die gleiche Situation – wieder Liquidation der 2. Firma, Verlust von Geld, Weinvorrat und Markt. Liefert man den Wein nicht, wird man von den Restaurants entlistet. Liefert man den Wein doch, so wird er einem später nicht bezahlt. Ich bin allerdings nicht sicher wie direkt oder indirekt diese beiden Liquidationen mit der Weltwirtschaftskrise zusammenhingen.

Es ist nur finanziell recht hart für uns, wenn Weltwirtschaftskrise, ein schlechter Wechselkurs und der Konkurs von zwei der größten Kunden alle in einem Jahr zusammen fallen. Wie sagt man so schön – Ein Unglück kommt selten allein und es trifft auch nicht uns allein, sondern noch viele andere Weingüter ebenso, nur unterschiedlich schwer.

2010sdafrika-Redaktion: Die südafrikanische Regierung unter Jacob Zuma hatte in der Vergangenheit für die von der Krise betroffenen Unternehmen eine Art Rettungsschirm in Aussicht gestellt. Daher die Frage: Erhalten von der Insolvenz bedrohte Weinbauer eine Unterstützung seitens der nationalen oder provinziellen Regierung?

Antwort: Ich habe neulich zum ersten Mal davon gehört, dass Präsident Zuma so etwas gesagt haben soll. Da Weinfarmen allgemein für “weiß” und “reich” gehalten werden, kommt so etwas mit Sicherheit nicht für uns in Frage. Alle Förderungen gehen wegen der Anti-Apartheidspolitik, die ehemals benachteiligte Personen jetzt besonders bevorteilt, an schwarze Menschen bzw. Firmen die Schwarzen gehören. (Mit ein Grund, warum so viele Weiße emigrieren.)

Weinbauer bekommen auch keinerlei finanzielle Unterstützung um ihre Produkte auf Exportmärkten billiger anbieten zu können. Familienbetriebe wie wir arbeiten ganz ohne finanzielles Sicherheitsnetz.

2010sdafrika-Redaktion: Welche Herausforderungen müssen Sie, als Geschäftsführerin von Kaapzicht Wine Estate, demnächst meistern?

Antwort: Ich sehe unsere einzige Lösung in der Flucht nach vorne: Wir produzieren auf unserem eigenen Grund und Boden rund 4 mal soviel Wein wie wir zur Zeit abfüllen und in Flaschen verkaufen. Für diesen losen Wein, den wir an andere Weinkeller verkaufen, bekommen wir weniger als Produktionskosten bezahlt, nur mit dem Verkauf des selber abgefüllten Weines können wir Profit machen. Das heißt ein Viertel unserer Produktion (der Verkauf unseres Flaschenweines) trägt eigentlich die gesamte Farm. Ich muss mich also noch viel mehr anstrengen, um unsere Märkte wachsen zu lassen, um mehr Kaapzicht Weine zu verkaufen. Wenn wir 2-3 mal soviele Kisten Wein verkaufen könnten wie im Moment, dann würde es uns auch leichter fallen in die Lebensqualität unserer Farmgemeinschaft zu investieren.

© Weinhügel des Western Cape´s

2010sdafrika-Redaktion: Nach Jahrzehnten des Aufenthaltes in Südafrika, möchte ich Sie gerne fragen, welche persönlichen Träume Sie in Südafrika noch gerne verwirklichen möchten?

Antwort: Meine persönlichen Träume galten schon immer hilsbedürftigen Menschen. Als ehemalige Kinderkrankenschwester hatte ich gerade den Kindern in unterentwickelten Ländern beistehen wollen und fand mich dann mit dieser farbigen Arbeitergemeinschaft hier auf der Farm “verheiratet”. Ich arbeite daran unsere Farmkinder dazu zu kriegen, dass sie in die Schule gehen, dass sie die 12 Schuljahre fertig machen, eine anständige Weiterbildung erhalten und auf diese Weise später in besseren Umständen zu leben, auf ihre Gesundheit achten, kleinere Familien haben und einen höheren Lebensstandard geniessen können – mit anderen Worten, dass sie nicht wie ihre Eltern für uns arbeiten müssen.

Ich habe beobachtet, dass die meisten unserer weiblichen Teenager mit 15 Jahren schwanger werden und die Jungen verlassen die Schule um “zu arbeiten”, in der Stadt irgendwo Geld zu verdienen. Oft haben sie gesagt, ihre Eltern können sich die Schulgelder nicht leisten und deshalb haben wir im Jahre 2002 begonnen alle Schulgelder für alle Kinder unserer Angestellten zu bezahlen. Erst seit dem letztem Jahr ist Grundschulunterricht in Südafrika umsonst, die “high schools” kosten immer noch Geld. So haben von all unseren vielen Farmkindern insgesamt nur 6 Kinder den Schulabschluss nach der 12. Klasse gemacht und das seit 1946, dem Jahr in dem die Steytler Familie die Farm gekauft hat.

Wir haben auch seit 1987 einen Farm-Kindergarten, in dem zur Zeit 12 Kinder unter 6 Jahren von 2 jungen Frauen aus unserer Farmgemeinschaft betreut werden. Erst seit 2 Jahren haben wir einen angrenzenden After-School-Club, in den nachmittags unsere ~ 45 Schulkinder gehen, wo 2 von außen kommende Lehrerinnen ihnen bei den Hausaufgaben helfen, Dinge erklären, mit ihnen basteln und Theater spielen oder ihnen Sport und Spiele und “life skills” beibringen. “Life skills” heisst sie lernen wie man Schwangerschaften und Aids vermeidet, dass man nicht mit Drogen und Alkohol experimentiert, Entrepreneursfähigkeiten erlernt etc.

© Kaapzicht-Kindergarten

Ich kann sehen wie sehr die Jugendlichen diese Aktivitäten genießen und dass sich eine viel bessere Lernmoral verbreitet. Wir haben in diesem Jahr wieder einen Jungen, der seinen Schulabschluss machen möchte, das 7. Kind. Wie schön wäre es, wenn wir ihm auch eine Weiterbildung finanzieren könnten. Es ist immer wieder frustrierend, wie sehr einem die Hände gebunden sind es finanziellen Mitteln mangelt. Ich muss erst Wein verkaufen, bevor ich einen Unterschied im Leben dieser Menschen bewirken kann (z.B. Gehälter für Kindergärtnerinnen und Lehrerinnen zahlen können).

Es liegt aber nicht nur daran, sondern die Einstellung der älteren Generation hält den Fortschritt sehr zurück. Sie sind selber nicht oder nur kurz in die Schule gegangen. Sie mussten den Haushalt für ihre Großmütter führen, deshalb sollen die Jugendlichen heute auch nichts anderes machen oder etwas Besseres werden. Nach Meinung der Eltern und Großeltern sollen sie buchstäblich lieber die Hausputzarbeit machen, als Hausaufgaben für die Schule.

Wenn ich träume, dann davon, dass alle Menschen auf unserer Farm einsehen wie wichtig “education” ist, dass alle Jugendlichen motiviert die Verantwortung für ihr Leben übernehmen (und wir ihre Ausbildungen bezahlen können) und auf diese Weise Selbstrespekt und Menschenwürde gewinnen. Nur darin liegt die Zukunft Südafrikas.

Website von Kaapzicht Wine Estate:

http://www.kaapzicht.co.za/