Schlagwort-Archive: Lehrer

Wissenschaftliche Zusammenarbeit mit Südafrika

Im Interview mit Bundesforschungsministerin Johanna Wanka

(Autor: Ghassan Abid)

© Prof. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung. (Quelle: Bundesregierung/Steffen Kugler)

© Prof. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung. (Quelle: Bundesregierung/Steffen Kugler)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Frau Prof. Johanna Wanka, Bundesministerin für Bildung und Forschung (BMBF). Das „Deutsch-Südafrikanische Wissenschaftsjahr“ nahm im April 2013 sein offizielles Ende. Welches Fazit ziehen Sie?

Antwort: Das Wissenschaftsjahr hat uns die Gelegenheit gegeben, die fast 20-jährige Zusammenarbeit zu reflektieren, zu würdigen und in die Zukunft zu blicken. Die intensive gemeinsame Vorbereitung des Wissenschaftsjahres führte zu neuen wichtigen Projekten wie beispielsweise der Vereinbarung zur Einrichtung eines deutsch-südafrikanischen Forschungslehrstuhls. Gleichzeitig haben wir einem breiten Publikum die Vielfalt und Ergebnisse der jahrelangen Zusammenarbeit gezeigt. Wissenschaftsjahre dienen auch dem Aus- und Aufbau von Kontakten für Wissenschaftler und Forscher, Lehrende und Lernende.

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Ethnologin Dr. Rita Schäfer im Interview

„Die sexualisierte Gewalt ist Teil der Gewaltstrukturen in der südafrikanischen Gesellschaft.“

(Autor: Ghassan Abid)

© Dr. Rita Schäfer, Ethnologin und Buchautorin (Quelle: Stephan Röhl/ Heinrich-Böll-Stiftung)

© Dr. Rita Schäfer, Ethnologin und Buchautorin (Quelle: Stephan Röhl/ Heinrich-Böll-Stiftung)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ die Ethnologin und Buchautorin Dr. Rita Schäfer. Frau Dr. Schäfer, Südafrika hat die höchste Vergewaltigungsrate weltweit. Wie kommt es zu dieser traurigen Entwicklung und welche Faktoren sind hierfür maßgeblich?

Antwort: Die sexualisierte Gewalt ist Teil der Gewaltstrukturen in der südafrikanischen Gesellschaft. Geschlechtsspezifische Gewalt spiegelt und manifestiert männliche Dominanzen im privaten und öffentlichen Leben. Sie äußert sich gegen Frauen und Mädchen, aber auch gegen Jungen und Männer. Zudem sind homosexuelle Menschen Zielgruppe der Gewaltakteure, die Homosexualität als Angriff auf ihre martialischen und besitzergreifenden Männlichkeitsbilder interpretieren. Die Täter bestätigen ihre maskuline Übermacht – gelegentlich geschieht dies kollektiv durch Gruppenvergewaltigungen, die das männliche Zusammengehörigkeitsgefühl verstärken sollen. Etliche Täter kompensieren Verunsicherungen ihrer männlichen Rollen- und Selbstbilder durch die Demütigung ihrer Opfer.

Insgesamt gilt Gewalt als Mittel der Interessendurchsetzung und als Machtbeweis, das betrifft keineswegs nur die geschlechtsspezifische Gewalt. Diese Gewaltakzeptanz wurde aus der Apartheid und der Kolonialzeit übernommen. Die männlichen Machthaber und deren Handlanger in der Siedlerkolonie und im Apartheidstaat setzten massiv sexualisierte, andere körperliche und strukturelle Gewalt zur Eroberung, Herrschaftsabsicherung, Demütigung und Einschüchterung ein.

2010sdafrika-Redaktion: Gibt es Unterschiede bei der Anwendung von Gewalt an Frauen im Hinblick auf die Perioden Südafrikas während und nach der Apartheid?

Antwort: Geschlechtsspezifische und andere Gewaltmuster ziehen sich durch die südafrikanische (Kolonial)Geschichte. Sie wurden während der Apartheid intensiviert und zum politischen Unterdrückungs- und Demütigungsinstrument, etwa bei Folterungen von Frauen und Männern in Untersuchungshaft. Die Gewaltmuster reichen aber viel weiter zurück. So müssen die rassistischen und sexistischen Strukturen in der Siedlerkolonie und in der Sklavenhaltergesellschaft sowie das besitzergreifende und gewaltbereite Verhalten vieler weißer Farmer (und deren Söhne) berücksichtigt werden. Neben Vergewaltigungen und sexuellem Missbrauch von Sklavinnen und Farmarbeiterinnen, Hausangestellten und Kindermädchen sind Auspeitschungen männlicher Sklaven, Farmarbeiter und schwarzer bzw. „Coloured“-Angestellter zu nennen.

Geschlechtsspezifische Gewalt gegen diese männlichen Untergebenen ist in Relation zur „black peril“ zu sehen, zur paranoiden Angst zahlloser Weißer, die männlichen schwarzen Angestellten könnten ihre Frauen oder Töchter verführen. Faktisch kam das kaum vor, weil weiße Frauen mehrheitlich auch rassistisch eingestellt waren und die schwarzen Untergebenen oft demütigend behandelten. Dies betraf keineswegs nur die „poor whites“ im 20. Jahrhundert. Die südafrikanische Geschichtswissenschaft hat anhand zahlreicher Quellen, die Gewaltstrukturen und rassistische Umgangsformen dokumentieren, diese Zusammenhänge im Detail für einzelne Jahrhunderte und Zeitphasen analysiert. Kritische südafrikanische Kriminologen zeigten schon während der Apartheid auf, dass Gewalt auch in weißen Familien verbreitet war. Das betraf Gewalt gegen Ehefrauen und Kindesmissbrauch. Frauen- und Familienmorde wurden vor allem dann von Männern verübt, wenn ihre Ehefrauen sie verlassen oder sich scheiden lassen wollten. Geschlechtsspezifische Gewaltmuster und martialische Männlichkeitsvorstellungen in der weißen Gesellschaft wurden während der Apartheid auch in Schulen, in der Armee und in anderen Institutionen eingeübt, so war die Gewalt in der Privatsphäre der Weißen Bestandteil und Ausdruck der Militarisierung der gesamten Gesellschaft.

Familiäre Gewalt in anderen gesellschaftlichen Gruppen ist während der Apartheid bzw. in der Kolonialzeit kaum dokumentiert, da die Betroffenen nicht zur Polizei gingen. Sie erhielten dort mehrheitlich keine Unterstützung und fürchteten, erneut gedemütigt zu werden. Sie wollten auch nicht den Kampf gegen die Apartheid verraten – so lautete eine verbreitete Einstellung, wenn sie die sozialen Probleme in der schwarzen Gesellschaft publik gemacht hätten. Noch heute werden schwarze Frauen von ANC-Hardlinern angefeindet, die auf die historischen Hintergründe der gegenwärtigen Gewaltstrukturen hinweisen. Dies betrifft vor allem das Problem, dass schwarze Wanderarbeiter häusliche Gewalt einsetzten, um ihre eigenen Demütigungen als Männer zu kompensieren. Für viele war die Verfügung über die Ehefrauen und Kinder das einzige männliche Machtrefugium, das ihnen der Apartheidstaat bzw. dessen Vertreter noch überließ. Familiäre Gewalt rechtfertigten sie dann mit sehr einseitigen und eigenwilligen Interpretationen von Kultur und Tradition. Frauen- und Kinderorganisationen z.B. in Townships, die heute dagegen vorgehen, haben in der Gesellschaft einen schweren Stand, weil arbeits- und perspektivlose Männer, die unreflektiert gewaltsame Rollenmuster verinnerlicht haben, um ihre Machtdomänen fürchten und die Organisationen mit Argwohn betrachten.

© Männliche Rollen- und Selbstbilder, die vor allem gegen Frauen und Homosexuelle gerichtet sind, stellen ein Problem im Lande dar. (Quelle: Hannelie Coetzee/ MediaClubSouthAfrica.com)

© Männliche Rollen- und Selbstbilder, die vor allem gegen Frauen und Homosexuelle gerichtet sind, stellen ein Problem im Lande dar. (Quelle: Hannelie Coetzee/ MediaClubSouthAfrica.com)

2010sdafrika-Redaktion: Die südafrikanische Sektion der US-amerikanischen NGO CIET Trust befragte 2008 insgesamt 269.705 Schüler zwischen 10 bis 19 Jahren an 1191 Schulen im Lande. Jeweils 28 Prozent der Schüler wurden nach eigenen Angaben von fremden Erwachsenen, 28 Prozent von Mitschülern und 18 Prozent von Familienangehörigen missbraucht. Hinzu kommt, dass 20 Prozent der Schüler von den eigenen Lehrern zu Sexualakten genötigt wurden.

Ist der sexuelle Missbrauch von Kindern – vor allem von Mädchen – in Südafrika salonfähig geworden? Und wo besteht Ihrer Meinung nach Handlungsbedarf auf der Seite des Staates?

© Vor allem Mädchen werden zur fraglosen Autoritätshörigkeit gegenüber Männern erzogen. Konsequenz dieser Wertvorstellung sind Schwangerschaften, HIV-Infektionen und eine Bagatellisierung von sexueller Gewalt. (Graeme Williams/ MediaClubSouthAfrica.com)

Antwort: Sexualisierte Gewalt gegen Kinder, insbesondere gegen Mädchen, gibt es nicht erst seit 1994. Vielmehr war diese Gewaltform Teil der besitzergreifenden Männlichkeitsvorstellungen, die lange vor der Apartheid etabliert wurden. Für viele Männer sind diese Strukturen normativ, wie Studien ganz unterschiedlicher südafrikanischer Forschungseinrichtungen belegen. Der bagatellisierende Umgang mit sexuellem Missbrauch durch Lehrer spiegelt verbreitete Einstellungen in Gesellschaft und Politik gegenüber Kindern, (besitzergreifender) Sexualität und Gewalt. Männer in Autoritätspositionen sollten nicht kritisiert werden. Vor allem Mädchen werden zur fraglosen Autoritätshörigkeit gegenüber Männern erzogen; eine fatale Norm, wenn man and die Ausbreitung von HIV und die zahlreichen ungewollten Teenagerschwangerschaften denkt. Auch die negative Vorbildfunktion der Lehrer für männliche Schüler ist zu beachten. Jungen übernehmen das besitzergreifende Sexualverhalten ihrer Lehrer, vor allem wenn die keine Strafverfolgung – höchstens Versetzungen – fürchten müssen. Hier müssten die staatlichen Institutionen auf jeden Fall mehr tun. Einzelne Lehrergewerkschaften haben sich inzwischen gegen die Gewalt ausgesprochen. Zu hoffen ist, das ihre Mitglieder sich daran halten. Auch zivilgesellschaftliche Organisationen, die Opfern helfen und präventiv arbeiten, bräuchten mehr und kontinuierlichere Unterstützung.

2010sdafrika-Redaktion: Von April 2000 bis Oktober 2003 arbeiteten Sie an einem Forschungsprojekt an der Freien Universität Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Ute Luig mit. Die Analyse von Frauenrechtsorganisationen in Südafrika stand im Mittelpunkt dieses Vorhabens. Zu welchen Resultaten sind Sie hierbei gekommen?

Antwort: Die Resultate können Interessierte im Buch: Im Schatten der Apartheid, Lit-Verlag, Münster, 2. Auflage 2008 im Detail nachlesen.

2010sdafrika-Redaktion: Die im südafrikanischen Durban ansässige NGO Bobbi Bear bemängelt, dass männliche Zulu-Anhänger [Hinweis der 2010sdafrika-Redaktion: Zulus stellen eine eigene Ethnie im südlichen Afrika dar] die Aufdeckung von Missbrauchsfällen (un-)bewusst behindern. Inwieweit sind die Frauenrechtsorganisationen miteinander vernetzt und aufeinander abgestimmt?

Antwort: Ob und seit wann die Zulu eine Ethnie sind und wer Zulu-sprechende Menschen zu einer Ethnie „gemacht“ hat, darüber gibt es große Meinungsverschiedenheiten in der (südafrikanischen) Sozialanthropologie, Geschichte und in anderen Wissenschaften. Die Bedeutung von martialischer und besitzergreifender Männlichkeit in der Zulu-Gesellschaft muss historisiert werden; das betrifft auch die Gewaltakzeptanz. Dazu sind etliche Studien südafrikanischer Historiker erschienen. Frauen- und Kinderorganisationen, die Opfern helfen und präventiv arbeiten, sind soweit vernetzt, wie ihre finanziellen und personellen Mittel das erlauben. Staatliche Gelder und finanzielle Unterstützung durch internationale und andere Geberorganisationen sind gering, werden nur kurzfristig bereit gestellt und an enggefasste Verwendungszwecke gebunden. Die Geber übersehen oft die Bedeutung von Vernetzung.

2010sdafrika-Redaktion: Wie kam es dazu, dass Sie sich mit Frauenrechtsorganisationen in Südafrika befassten?

Antwort: Mich haben die Beiträge der Organisationen zur Verwirklichung der neuen Verfassung und der innovativen Rechts- und Gesetzesgrundlagen interessiert.

2010sdafrika-Redaktion: Was verstehen Sie unter dem Begriff „Feminismus“ und welche Differenzierung machen Sie, wenn Sie von einem „Afrikanischen Feminismus“ sprechen?

Antwort: Es gibt eine differenzierte Debatte in der südafrikanischen und afrikanischen Geschlechterforschung über den Feminismusbegriff, die in der Fachliteratur nachgelesen werden kann. Deutlich ist, dass viele südafrikanische Autoren/innen die historisch geprägten Unterschiede zwischen Frauen auf der Grundlage von Hautfarbe, Herkunft, Beruf und Bildung stärker berücksichtigen als anderswo. Gleichzeitig historisieren sie die heutigen geschlechtsspezifischen Gewaltmuster und verlangen die Überwindung gewaltgeprägter Männlichkeit – auch zum Wohle der Männer, der ganzen Familien und der Gesellschaft. Etliche schließen – soweit die Mittel das erlauben – Allianzen mit pro-feministischen HIV/AIDS-, Kinderrechts-, Männer- und Menschenrechtsorganisationen, die oft ähnlich wie sie von ideologischen Fanatikern unterschiedlicher Herkunft als „unafrikanisch“ angefeindet werden. Sie wehren sich dagegen, afrikanischen Feminismus als Import aus den USA oder Europa zu sehen.

2010sdafrika-Redaktion: Welche persönlichen Träume und wissenschaftlichen Vorhaben würden Sie gerne realisieren, vor allem im Hinblick auf Südafrika?

Antwort: Mir war und ist der Dialog mit südafrikanischen Kollegen/innen ein Anliegen. Wünschenswert wäre es, wenn die Forschungsergebnisse, die südafrikanische Kollegen/innen publiziert haben, stärker in der hiesigen Auseinandersetzung mit Südafrika wahrgenommen würden. Das betrifft nicht nur die Wissenschaft, z.B. Universitätsbibliotheken oder Institute, sondern auch politische Berater und Entwicklungsorganisationen. Zudem sollten die Organisationen, die gegen die geschlechtsspezifische Gewalt in Südafrika vorgehen, mehr Beachtung und Unterstützung erfahren. Das wäre insbesondere für Organisationen wünschenswert, die präventiv arbeiten und gewaltgeprägte Männlichkeitsvorstellungen ändern. Dadurch sorgen sie für mehr Lebensqualität von Männern, die bekanntlich auch in großer Zahl durch AIDS oder Morde sterben, und für eine gerechtere und friedlichere Gesellschaft. Vorbildlich ist beispielsweise das Sonke Gender Justice Network.

2010sdafrika-Redaktion: Dr. Rita Schäfer, Ethnologin, vielen Dank für das sehr interessante Interview.

Kap-Kolumne: Wann sagt die Jugend – Es reicht!

Schüler zwischen Aufstand gegen die Apartheid und Bildungsnotstand im Neuen Südafrika.

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Am 16. Juni, am heutigen Tage, gedenkt Südafrika des Schüleraufstandes in Soweto 1976. Erinnern wir uns: Das Diktat des weißen Apartheid-Regimes, Afrikaans als Unterrichts- und Prüfungssprache an allen schwarzen Schulen einzuführen, war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Der Apartheidstaat verschärfte damit die so genannte Bantu-Erziehung („Bantu Education“), deren erklärtes Ziel es war, die schwarze Mehrheit in Südafrika auf ewig als Knechte und Mägde der weißen Herren(rasse) zu erhalten. Einer der Architekten des Apartheid-Systems, Hendrik Frensch Verwoerd, stellte in den fünfziger Jahren zynisch fest, den Schwarzen könne nur so viel Wissen zugemutet werden, wie sie „als Holzsammler und Wasserträger“ benötigten.

© Der landesweite Bildungsnotstand stellt ein großes Problem für die Entwicklung des Landes dar. Die Jugend im Neuen Südafrika könnte infolge der Perspektivlosigkeit den Aufstand gegen die Regierung proben. Es ist allgemeines Wissen, dass Schüler die Grundschulen verlassen, ohne wirklich lesen, schreiben oder rechnen zu können. Die Bildungsmisere verursacht verherrende Gefahren für die Demokratie am Kap: Armut, Arbeitslosigkeit oder Kriminalität.

© Der landesweite Bildungsnotstand stellt ein großes Problem für die Entwicklung des Landes dar. Die Jugend im Neuen Südafrika könnte infolge der Perspektivlosigkeit den Aufstand gegen die Regierung proben. Es ist allgemeines Wissen, dass Schüler die Grundschulen verlassen, ohne wirklich lesen, schreiben oder rechnen zu können. Die Bildungsmisere verursacht verherrende Gefahren für die Demokratie am Kap: Armut, Arbeitslosigkeit oder Kriminalität.

Vor sechsunddreißig Jahren also sagte die Jugend Südafrikas: Es reicht! Und der Apartheidstaat erklärte dieser Jugend den Krieg. Das erste Opfer, Hector Petersen, ging in die Annalen der Weltgeschichte ein. Abertausende Tote, Verletzte, Gefolterte folgten ihm. Die Protagonisten des Apartheidsystems verloren am Ende ihre politische Macht. Südafrika ist heute eine konstitutionelle Demokratie, frei vom staatlich verordneten Rassismus, alle Bürger und Bürgerinnen sind vor dem Gesetz gleich.

Hat damit die schwarze Jugend ihren Kampf um Freiheit, um eine gleiche und bessere Bildung gewonnen? Diese Frage darf gestellt werden, angesichts der täglichen Misere an den Schulen. Diese Misere zeigt sich in vielerlei Symptomen. Nehmen wir Beispiele aus der Provinz Limpopo, wo ich als Freiwilliger in einem Kinderprojekt tätig bin. In Limpopo blieben die meisten Schulen bis sechs Monate nach Beginn des Schuljahres 2012 ohne Schulbücher, wegen Unfähigkeit der Schulbehörden. Dieser Skandal beschäftigt die nationalen Medien und nun auch die Gerichte. Lehrkräfte sind schlecht ausgebildet, kommen häufig nicht zur Arbeit. Ich höre die Klagen von Schülerinnen und Schülern, dass sie „heute mal wieder ein paar Schulstunden ohne Lehrer“ in der Klasse verbracht haben. Es ist allgemeines Wissen, dass die Schüler und Schülerinnen die Grundschulen verlassen, ohne wirklich lesen, schreiben oder rechnen zu können. Und das setzt sich munter in der Oberschule fort. Jeder Pädagoge weiß, wenn die Grundlagen nicht gelegt sind, kann der Unterricht noch so gut sein, das Ergebnis wird im besten Falle mager ausfallen. Die Liste der Mängel ist lang.

Das in Limpopo erlebte ist leider ein landesweiter Zustand, um nicht zu sagen ein nationaler Bildungsnotstand. An zu geringen staatlichen Mitteln für die Bildung liegt das nicht. Und doch ist es keine Seltenheit, dass Angestellte des Staates wie Lehrer, Polizisten, Sozialarbeiter, höhere Beamte Nebengeschäften nachgehen. Frei nach dem Motto: Die unternehmerische Initiative ergreifen, beispielsweise bei staatlichen Ausschreibungen mitmischen. „Tenderpreneurship“ heißt das hier. Der Traum vom großen Geld ohne Maloche von „8 to 6“ ist eben eine starke Versuchung.

Soweto-Schüleraufstand von 1976 in Bildern

Die Misere im Bildungswesen Südafrikas steht im krassen Widerspruch zu den hehren Zielen der Befreiungsbewegung und auch zur Verfassung. Kein geringerer als Nelson Mandela hat der Jugend immer wieder eingehämmert, Bildung ist der Schlüssel zur Freiheit, zur Teilhabe am Aufbau einer neuen Gesellschaft. Doch irgendwo bei den Mühen der Ebene ist diese Geisteshaltung am Wegesrand liegengeblieben. Ich denke, einen wesentlichen Anteil an diesem Verlust hat der fast religiöse Glaube an den freien Markt, die Orientierung der Gesellschaft auf den individuellen ökonomischen Erfolg. „Reich sein ist geil“ ist auch in Südafrika der Wahlspruch der Eliten, die, übrigens, ihren Kindern auf teuren Privatschulen eine bessere Bildung zukommen lassen können. Wer wirtschaftlich erfolgreich ist, ist „gesegnet“. Auf wessen Kosten? Diesen unbequemen Gedanken überläßt man, so er denn überhaupt gehegt wird, gern den „Sozialheinis“ und „Weltverbessern“.

Die herrschenden Eliten in Südafrika haben nicht mehr viel Zeit, einen neuen Aufstand der Jugend unter anderen Vorzeichen zu vermeiden. Sie müssen nur die Schrift an der Wand lesen: „Come back to the people“.

Tickende Zeitbombe „Afrophobia“

Neue fremdenfeindliche Ausschreitungen in Südafrika stehen „definitiv“ bevor

(Autor: Ghassan Abid)

Mit rund 5 Millionen afrikanischen Flüchtlingen stellt Südafrika auch die (gezwungene) Heimat von vielen Nationalitäten dar. Vor allem Menschen aus Simbabwe befinden sich in mehreren südafrikanischen Städten mit ungewissem Aufenthaltsstatus. Flüchtlingsorganisationen erwarten in naher Zukunft die nächsten gewalttätigen Ausschreitungen gegen die ungewollten Immigranten. Ein Zeitbombe, die mit jedem weiteren Tag zunehmend schneller tickt. Am 12. Mai 2012, dem vierten Jahrestag zum Beginn der Gewaltwelle gegenüber afrikanischen Einwanderern im Johannesburger Stadtteil Alexandra, bekräftigte die Regierung ihren fortwährenden Standpunkt zur Xenophobie – nämlich mit reiner Ignoranz.

© Südafrika erwarten in naher Zukunft weitere fremdenfeindliche Ausschreitungen gegenüber afrikanischen Immigranten. Zu dieser Einschätzung kommt unter anderem die NGO PASSOP. Die Regierung ignoriert diese tickende Zeitbombe und unterlässt groß angelegte Maßnahmen zur Bewältigung von Rassismus bei Polizei und Einwanderungsbehörden. Fakt ist, dass die afrikanischen Flüchtlinge in vielen Fällen Opfer von staatlicher Gewalt wurden. Strafrechtliche Ermittlungsverfahren oder Disziplinarmaßnahmen gegen Staatsbedienstete blieben oft aus. (Quelle: Bongani Nkosi/ MediaClubSouthAfrica.com)

© Südafrika erwarten in naher Zukunft weitere fremdenfeindliche Ausschreitungen gegenüber afrikanischen Immigranten. Zu dieser Einschätzung kommt unter anderem die NGO PASSOP. Die Regierung ignoriert diese tickende Zeitbombe und unterlässt groß angelegte Maßnahmen zur Bewältigung von Rassismus bei Polizei und Einwanderungsbehörden. Fakt ist, dass die afrikanischen Flüchtlinge in vielen Fällen Opfer von staatlicher Gewalt wurden. Strafrechtliche Ermittlungsverfahren oder Disziplinarmaßnahmen gegen Staatsbedienstete blieben oft aus. (Quelle: Bongani Nkosi/ MediaClubSouthAfrica.com)

Simbabwe´s Innenpolitik ist Südafrika´s Verhängnis

Viele der Flüchtlinge aus Simbabwe müssen weiterhin ihr Heimatland über die Grenze der nordsüdafrikanischen Provinz Limpopo verlassen, um ganz einfach überleben zu können. Trotz der ersten Entspannungsanzeichen der simbabwischen Volkswirtschaft, hat die seit 2008 bestehende Koalition der nationalen Einheit aus der Mugabe-Partei ZANU-PF und der größten Oppositionsbewegung MDC wenig zur Stabilisierung des Landes bewirkt. Eine Arbeitslosenquote von rund 85 Prozent legt sich wie ein lahmender Schleier über die gesamte Nation. Dementsprechend bleibt Südafrika für viele Simbabwer der letzte Ausweg in eine ungewisse Zukunft.

Zwischen Illegalität und Hoffnung

Immigranten haben es in Südafrika sehr schwer gültige Ausweispapiere zu bekommen. Nur Personen mit gefragten Hochschulabschlüssen erhalten relativ einfach eine Arbeitsgenehmigung. Alle anderen ausländischen Arbeitswillige, etwa Lehrer oder Krankenschweser, kriegen in der Regel nur sehr erschwert Papiere zu einem Aufenthalt in der Regenbogennation. Dementsprechend sehen sich viele Einwanderer gezwungen ihren Rechtsstatus im Rahmen eines Asylverfahrens abzusichern. Dennoch werden viele Asylanträge durch das südafrikanische Innenministerium abgelehnt. Eine Abschiebung droht in vielen Fällen. Vor 2009 – der Möglichkeit der Erteilung von Sondergenehmigung zum legalen kurzfristigen Aufenthalt von sechs bis zwölf Monaten – sind laut Angaben der Nichtregierungsorganisation PASSOP rund eine Viertelmillion Simbabwer pro Jahr abgeschoben worden.

Nächster Gewaltausbruch steht „definitiv“ bevor

Braam Hanekom, Gründer und Direktor von PASSOP, geht gegenüber „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ von nächsten fremdenfeindlichen Attacken in naher Zukunft aus. Die xenophoben Ausschreitungen in Alexandra  Du Noon, Imizamo Yethu von 2008, in De Doorns, Masiphumelele von 2009 und Mbekweni von 2010 sind erst der Auftakt einer Gewaltwelle. Keine Frage – solange Armut, Arbeitslosigkeit und mangelnde Bildungskapazitäten in Südafrika bestehen bleiben, wird der Hass gegenüber den afrikanischen Fremden weiterhin zunehmen dürfen. In diesem Zusammenhang spricht Hanekom von der sogenannten „Afrophobia“ [ein Interview mit dem PASSOP-Direktor Hanekom wird am 17. Mai 2012 hier exklusiv veröffentlicht].

© Die afrikanischen Flüchtlinge fühlen sich durch die Politik Südafrikas im Stich gelassen. Sie fürchten neue Gewaltwellen. Arme greifen Arme an; Schwarze die Schwarzen. Hinzu kommen Rassismusströmungen innerhalb der südafrikanischen Behörden. Viele illegale Flüchtlinge sehen sich mittlerweile selber als Menschen zweiter Klasse. (Source: flickr/PASSOP)

© Afrikanische Flüchtlinge fühlen sich durch die Politik Südafrikas im Stich gelassen. Sie fürchten neue Gewaltwellen. Arme greifen Arme an; Schwarze die Schwarzen. Hinzu kommen Rassismusströmungen innerhalb der südafrikanischen Behörden. Viele illegale Flüchtlinge sehen sich mittlerweile selber als Menschen zweiter Klasse. (Source: flickr/PASSOP)

Polizei und Einwanderungsbehörden vom Rassismus infiziert

Vor allem Polizeibeamte erwiesen wiederholt für rassistische Verhaltensweisen als anfällig. Menschenrechtsgruppen werfen den südafrikanischen Behörden vor, insbesondere den Mitarbeitern der Einwanderungsbehörde und der Polizei, bewusst neben der seelischen Belastung auch körperliche Gewalt gegen illegale Flüchtlinge anzuwenden. Auch von Vergewaltigungsfällen ist die Rede. Im Amnesty Report zu Südafrika von 2009 wird exemplarisch folgender Vorfall geschildert: „Drei simbabwische Asylsuchende wurden von Polizeibeamten in einer Hafteinrichtung für Migranten in Musina misshandelt. Ihnen wurden Handschellen angelegt und man zwang sie, in Urin herumzurollen, während sie mit Gartenschläuchen geschlagen und getreten wurden. Als sie Entschädigung forderten, klagte man sie der mutwilligen Beschädigung von Eigentum an.

Illegale ohne Grundrechte

Man erhofft sich durch die alltägliche Diskriminierung eine freiwillige Ausreise. In einigen Fällen sind Beschäftigte des Innenressorts aus dem Dienst suspendiert bzw. fristlos entlassen worden. Doch Disziplinarmaßnahmen oder strafrechtliche Ermittlungsverfahren sind eher die Ausnahme als die Regel. Die politische Elite, so der NGO-Vertreter Hanekom, wisse über diese massiven Defizite Bescheid, unternehme jedoch kaum etwas. Die Leidtragenden sind die Flüchtlinge, die ihre Grundrechte nicht geltend machen können. Die nächsten xenophoben Ausschreitungen stehen bevor und die Regierung schaut weiterhin weg.

SABC-TV-Beitrag vom 10.04.2012 über das Chaos vor einer Einwanderungsbehörde und die Gewaltanwendung von Staatsdienern gegenüber Immigranten

Deutsche Schule in Kapstadt

Im Interview mit Schulleiter Hermann Battenberg über die DSK und ihren 720 Schülern

(Autor: Ghassan Abid)

© Hermann Battenberg, Schulleiter der Deutschen Internationalen Schule Kapstadt

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Herrn Hermann Battenberg, Schulleiter der Deutschen Internationalen Schule Kapstadt (DSK).

Grundschule, Mittelschule und Oberschule sind an einem Ort konzentriert. Wieviele Schüler sind an Ihrer Schule derzeit angemeldet und wie setzt sich die Schülerschaft im Hinblick auf Nationalität bzw. Ethnie zusammen?

Antwort: Wir haben zu Beginn des Schuljahres 2012 ca. 720 Schüler. Zwei muttersprachlich deutsche Züge (und eine Grundschulfiliale in Tygerberg im Norden Kapstadts) gehen von der Grundschule bis zur 12. Klasse, zwei weitere Züge beginnen mit der 5. Klasse und sind für nicht-deutschsprachige Schüler gedacht, die in der 12. Klasse das Deutsche Sprachdiplom II ablegen. Einer dieser Züge befindet sich gerade im Aufbau. Auf diese Weise ermöglichen wir allen Deutschsprachigen und allen Südafrikanern – auch ohne Deutschkenntnisse – den Zugang zu unserer Schule. Wir haben zurzeit 412 Schüler mit deutscher, schweizer oder österreichischer Staatsangehörigkeit und 310 Schüler mit südafrikanischer, wobei viele beide Pässe haben. Ethnisch sind unsere Klassen, besonders die nicht-deutschsprachigen, sehr gemischt zusammengesetzt, es sind echte „Rainbow“-Klassen.

© Panoramablick auf die Deutsche Schule Kapstadt

2010sdafrika-Redaktion: Mit innovativen Projekten zeichnet sich die Deutsche Internationale Schule Kapstadt aus, etwa der Abhaltung einer Fashion Show. Welche Ziele verbinden Sie mit einem eigenständigem Engagement der Schüler?

Antwort: Unser erklärtes Schulziel ist es, unsere Schülerinnen und Schüler zu selbstständig und kritisch denkenden Menschen zu erziehen, die es frühzeitig gewohnt sind, Verantwortung zu übernehmen. Die Fashion Show ist als Fundraising Projekt für die Finanzierung des Valedictory Balls (Abschlussballs) der Abschlussklassen nur ein Beispiel unserer vielen Projekte. So gibt es einen Rotary Interact Club (K.I.D.S.), der u.a. jährlich ein Sportfest am Strand für über 1000 Kinder aus Heimen organisiert. Wir kooperieren mit der Siemens Stiftung im Projekt „experimento“, das es der DSK und lokalen Partnerschulen erlaubt, Fortbildungen und Sachmittel für modernen und handlungsorientierten naturwissenschaftlichen Unterricht von der Grundschule an zu fördern und zu finanzieren. Beim „Debating“ messen sich unsere Schüler mit anderen Schulen, ebenso wie in verschiedenen Wettbewerben auf akademischem, sportlichem und musikalischem Gebiet.

© Der jährliche K.I.D.S.-Tag am Blouberg Strand

2010sdafrika-Redaktion: Als Privatschule unterhält die Deutsche Internationale Schule Kapstadt einen guten Ruf. Inwieweit können Kinder aus sozial schwachen Familien bei einem jährlichen Schulgeld von rund 3.240 Euro am Schulbetrieb teilnehmen? Existieren Förderprogramme für diese Zielgruppe?

Antwort: Das Schulgeld ist im Vergleich zu anderen Top-Privatschulen in Kapstadt recht günstig, da wir vom deutschen Staat unterstützt werden. Die Schule hilft bei finanziellen Engpässen durch Nachlässe auf das Schulgeld je nach individueller Lage. Für die Schüler aus wirtschaftlich schwachen Familien gibt es sowohl von der deutschen Regierung finanzierte Stipendien als auch solche von Privatspendern (hierfür wurde eigens eine Stiftung aufgebaut) oder dem deutschsprachigen Rotary Club am Kap.

2010sdafrika-Redaktion: Schulen in Deutschland unterliegen leider allzu oft dem politischen Experimentieren der Länder. Der UN-Sonderberichterstatter für das Menschenrecht auf Bildung, Vernor Muñoz, kritisierte bereits mehrfach die föderalen Schulstrukturen und die mangelnde Inklusion von Minderheiten wie Migranten. Wie bewerten Sie diese Angelegenheit aus dem Blickwinkel eines Auslandsschulwesen-Beteiligten heraus?

Antwort: Die Mehrzahl der Familien, die ihre Kinder an die Deutschen Schulen in Südafrika schicken, sind oder waren Migranten. Viele Schüler kommen aus gemischtsprachigen Elternhäusern, und zwar nicht nur deutsch-englischen.  Minderheiten – so etwas wären in Kapstadt ja z.B. die deutschsprachige Gemeinschaft oder die Menschen mit weißer Hautfarbe – werden an den deutschen Begegnungsschulen nicht als solche wahrgenommen. Die Integration ist kein „Thema“ in unseren Schulen, sondern die selbstverständliche Grundlage ihrer Daseinsberechtigung. Die Begegnung unterschiedlicher Kulturen, Hautfarben, Religionen etc. wird als Bereicherung gesehen, und es wird bewusst daran gearbeitet, dass alle Schülerinnen und Schüler, gleich wo sie geografisch, sozial oder kulturell herkommen, miteinander auskommen und sich an der Schule wohl fühlen. Dies ist einer der wichtigsten Pluspunkte der Deutschen Auslandsschulen: Schüler aus diesen Schulen haben sehr geringe Probleme mit Integration, wo immer sie auch später wohnen und arbeiten werden. Für Deutschland sind dies die idealen Immigranten.

2010sdafrika-Redaktion: Kapstadt bezeichneten Sie mal gegenüber Spiegel Online als „europäisch“. Was hat Sie persönlich bewogen, über die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) die Position des Schulleiters zu übernehmen, zumal Sie vorher im asiatischen Raum als Lehrer tätig waren?

Antwort: An Kapstadt fasziniert mich die besondere Mischung: Das Klima ist eher ein Mittelmeerklima, die Landschaft sieht nicht wirklich afrikanisch aus, sondern erinnert häufig an Europa, die Flora ist eine ganz eigene mit unwahrscheinlicher Vielfalt, und die Menschen sind nicht weniger vielfältig. Es gibt alle Tönungen der Hautfarbe, riesige Unterschiede beim Einkommen, eine große deutsche Gemeinschaft und durch die vielen Einwanderer und Touristen eine sehr internationale Atmosphäre. Ähnliches hatte ich in Hong Kong erlebt, so dass es mir nicht schwer fiel, mich in Kapstadt einzuleben. Allerdings waren die Schulen in Asien keine Begegnungsschulen, sondern eher Service-Einrichtungen für deutsche Experten, die in diese Länder geschickt wurden. In Südafrika handelt es sich dagegen um Schulen, die gleichzeitig südafrikanische wie deutsche Schulen sind und neben dem Service-Angebot für deutsche Familien in erster Linie lokale Schulen sind, die einen wichtigen Beitrag zur Erziehung in Südafrika leisten.

2010sdafrika-Redaktion: Inwieweit tauscht sich die DSK mit den anderen Deutschen Schulen in Durban, Johannesburg, Pretoria und Hermannsburg aus?

Antwort: Die Deutschen Schulen in Kapstadt, Johannesburg, Pretoria, Hermannsburg und Windhoek werden von Deutschland in gleicher Weise gefördert und arbeiten eng zusammen. Ab 2014 werden sie sogar ein gemeinsames Regionalabitur mit den gleichen Aufgabenstellungen absolvieren. Die Schulleiter und Vorstände treffen sich regelmäßig um die Zusammenarbeit noch enger zu gestalten. Vom 12. bis 16. März dieses Jahres findet als gemeinsame Veranstaltung dieser fünf Schulen die Sportolympiade im zweijährigen Rhythmus – diesmal in Kapstadt – statt. Ca. 300 Schüler und Lehrer treffen sich zu einem Höhepunkt jeder sportlichen Schülerlaufbahn.

© Bei der Einweihung neuer Laborräume an der DSK nehmen neben Schulleiter Hermann Battenberg auch folgende Personen teil (von links nach rechts): Dieter Haller (zum damaligen Zeitpunkt deutscher Botschafter in Südafrika), Helen Zille (Vorsitzende der Democratic Alliance und Premierministerin der Westkap-Provinz) und Wido Schnabel (Vorsitz DSK-Schulverein)

2010sdafrika-Redaktion: Die Deutsche Internationale Schule Kapstadt wird finanziell und personell über die ZfA unterstützt. In welchen Bereichen können Sie Ihre Arbeit als Schulleiter unabhängig und flexibel ausgestalten; und in welchen nicht?

Antwort: Meine Selbstständigkeit als Schulleiter ist an einer Auslandsschule viel umfangreicher als an einer Schule in Deutschland, denn der Schulleiter ist der CEO der Schule. Er erarbeitet mit dem Vorstand zusammen die Strategie, die er dann in eigener Verantwortung umsetzen muss. Dabei kümmert er sich um die Finanzen, Marketing, bauliche Erhaltung ebenso wie um Pädagogik, Schulentwicklung, Personalentwicklung und unzählige andere Bereiche. Es gibt eigentlich keine gute Idee, die man an einer Auslandsschule nicht umsetzen könnte, wenn man es versteht, die schulischen Gremien davon zu überzeugen. In Deutschland liegen in der Regel immer noch die wichtigsten Entwicklungsbereiche der Schule, wie Finanz- und Personalhoheit, nicht bei der einzelnen Schule, sondern bei den Schulbehörden.

2010sdafrika-Redaktion: Wie würden Sie Südafrika in drei Schlagwörtern charakterisieren und wie Kapstadt?

Antwort: Südafrika: Vielfalt, ungeheures Potenzial des Landes und der Menschen, große Probleme in der Politik!

Kapstadt: gewaltige Landschaft, Vielfalt der Menschen, schönste Deutsche Schule der Welt!

2010sdafrika-Redaktion: Hermann Battenberg, Schulleiter der Deutschen Internationalen Schule Kapstadt, vielen Dank für das Interview!

Kindesmissbrauch und Gewalt an Frauen

Experten ziehen im Filmmuseum Potsdam eine Status quo-Bilanz

(Autoren: Ghassan Abid, Doreen S., Danilo Bretschneider)

Im November 2010 fanden sich anlässlich des Filmfestivals „Ueber Mut“ und der 7. Brandenburger Entwicklungspolitische Informations- und Bildungstage im Filmmuseum Potsdam verschiedene Vertreter der Zivilgesellschaft zusammen, um den sexuellen Missbrauch von Kindern und die Gewalt an Frauen in Südafrika und insbesondere in Deutschland zu erörtern. Angestoßen wurde die Veranstaltung mit dem soziokritischen Dokumentarfilm „Rough Aunties“, welcher den traditionsbedingten Missbrauch von Kindern in Südafrika und die schwierige Arbeit der ehrenamtlichen Frauen –  der  „Tanten“ – von „Bobbi Bear“ thematisiert.

© Podium im Filmmuseum Potsdam; von links: Ghassan Abid, Rosemarie Priet, Lydia Sandrock, Kilian Kindelberger (Quelle: www.dbretschneider.de/)

© Podium im Filmmuseum Potsdam; von links: Ghassan Abid, Rosemarie Priet, Lydia Sandrock, Kilian Kindelberger (Quelle: http://www.dbretschneider.de/)

Ghassan Abid – Politikwissenschaftler mit dem Forschungsschwerpunkt deutsch-südafrikanische Beziehungen, Initiator von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ und Moderator der Veranstaltung – eröffnete das Podium mit zwei Studien der in New York hauptansässigen Nichtregierungsorganisation (NGO)  CIET Trust. 2008 befragte die südafrikanische Sektion dieser NGO insgesamt 269.705 Schüler zwischen 10 bis 19 Jahren an 1191 Schulen im Lande. Jeweils 28 Prozent der Schüler wurden nach eigenen Angaben von fremden Erwachsenen, 28 Prozent von Mitschülern und 18 Prozent von Familienangehörigen missbraucht. Hinzu kommt, dass 20 Prozent der Schüler von den eigenen Lehrern zu Sexualakten genötigt wurden. Bereits ein Jahr zuvor sorgte CIET Trust mit einer Studie zu Vergewaltigungsfällen an südafrikanischen Frauen für ein ähnliches Entsetzen. Von 4000 befragten Frauen gab jede Dritte an, dass sie im Laufe ihres Lebens einer Vergewaltigung zum Opfer gefallen ist. Auch 1500 Männer wurden in der selben Studie von 2007 befragt, wonach ein Drittel die Ausübung einer Vergewaltigung als „lustig“ und „spaßig“ empfand.

© Lydia Sandrock, Autonomes Frauenzentrum Potsdam (Quelle: http://www.dbretschneider.de/)

Lydia Sandrock, vom Autonomen Frauenzentrum Potsdam e.V., erläuterte die schwierige Lage von Opfern sich gegen ihre Peiniger zur Wehr zu setzen. Denn bei missbrauchten Kindern und Frauen macht sich eine Art Angstzustand breit sowie ein Gefühl der Rechtlosigkeit. Der Missbrauch ereignet sich in vielen Fällen über Jahre, sodass bei den Opfern in vielen Fällen Alpträume, Misstrauen und Konzentrationsschwierigkeiten eintreten. Das Perfide an der gesamten Debatte ist die Tatsache, dass die Täter oft nahe Verwandte sind. Dieses bestätigt sich in einer Hellfeld-Analyse der Universität Magdeburg von 2008, wonach bei 42 Prozent der untersuchten Täter-Opfer-Beziehungen der Missbrauch von Kindern von den eigenen Vätern (leiblich/ Stiefvater), Großvätern und Onkeln ausging. In lediglich 20 Prozent der Fälle gingen die Sexualdelikte an Kindern von Fremden aus. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass den Kindern bei einer Offenbarung erst nur nach mehreren Vorfällen geglaubt wird – eine Erkenntnis, die vielen Menschen als unvorstellbar und unbequem erscheint.

Kilian Kindelberger, von VENROB e.V. und der Berlin-Brandenburgischen Auslandsgesellschaft e.V., bekräftigt das Engagement seiner Institution, insbesondere Frauen zum Handeln zu ermutigen, sei es in Städte- oder in Fußballpartnerschaften. Denn die Wandlung einer Gesellschaft erfordert demnach eine aktive Partizipation von Frauen, um soziale Missstände wirksam begegnen zu können. Gesetze erweisen sich demnach vielerorts nicht als alleinige Lösung sozialer Probleme. Hinsichtlich der Fragestellung, inwieweit das TV-Reality Format „Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder“ zur Sensibilisierung einer Debatte um den Kindesmissbrauch hilfreich sein könne, begründet Kindelberger die grundsätzliche Positivwirkung, dass ´darüber gesprochen wird´, jedoch dienen solche Produktionen von auf Kommerz ausgerichteten Sendern keiner wirklichen und ernsthaften Sensibilierung gesellschaftlicher Probleme. Der Abbau von Vorurteilen, die Aufklärung zu fair gehandelten Produkten und die interkulturelle Verständigung werden von VENROB weiterhin im Rahmen der Lobbyarbeit verfolgt, so Kindelberger weiter.

Rosemarie Priet, von der Opferhilfe e.V., untermauerte den unglaublichen Ehrgeiz von Frauen zur Bekämpfung sozialer Missstände. Die im südafrikanischen Durban ansässige NGO „Bobbi Bear“ engagiert sich zum Beispiel seit Jahren trotz zahlreicher privater und beruflicher Rückschläge weiterhin mit ihrer ganzen Kraft für die Rechte von Kindern und gegen den gesellschaftlich akzeptierten Missbrauch von Kindern durch Männer der Ethnie der Zulus. Die „Tanten“ dieser Organisation, welche in den meisten Fällen selbst Opfer von sexueller Gewalt wurden, seien umso entschlossener, solche Entwicklungen in die falsche Richtung entgegenzuwirken. Mit der Opferhilfe e.V. verfolgt Priet mit ihren Kolleginnen und Kollegen sämtliche Aktivitäten, den Opfern den ´Platz in der Gesellschaft´ zu ermöglichen. Physische und psychische Folgen, Entwicklungsstörungen, Leistungsdefizite und Spannungen werden dank der Unterstützung der Opferhilfe e.V. Schritt für Schritt „therapiert“. Doch neben der Opferhilfe, sei insbesonde der Opferschutz ein wichtiger Pfeiler ihrer Arbeit. Es geht hierbei nicht nur um die Zeugenbetreuung oder um die Aufklärung zu den Rechten im Strafverfahren, sondern auch um die Beratung von Angehörigen, die oft überfordert sind. Problematisch ist allerdings das Manko, dass die Opfer viel zu lange auf einen Therapieplatz warten müssen und in so einigen Fällen der Antrag auf eine solche therapeutische Hilfe von den Opfern  zurückgezogen wird.  Der Missbrauch von Jungen, betont Priet, sei nach wie vor ein großes Tabuthema, welches ´nicht zum gesellschaftlichen Männerbild passt´ und demnach kaum erörtert wird. Zu guter Letzt ist der Gesetzgeber zum weiteren Handeln geboten, wie zum Beispiel hinsichtlich einer Verlängerung der Verjährungsfrist von Schadensersatzforderungen.