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Der unhaltbare Medienhype um Oscar Pistorius

Südafrikas Sprinter entzweit Sport-Community. Ein Mensch mit Fähigkeiten eines Formel-1-Wagens?

(Autor: Ghassan Abid)

Der in Johannesburg geborene Oscar Pistorius ist in diesen Tagen in aller Munde. Tagesspiegel Online titelte heute zum Sportler „Schnellster Mann auf keinen Beinen“, Welt Online mit „Pistorius schreibt Olympia-Geschichte“ und FOCUS Online mit „Pistorius läuft in die Geschichtsbücher“.

© Oscar Pistorius ist einer der erfolgreichsten internationalen Sprinter bei den Paralympics. Bei den London 2012 Olympic Games schafft er heute den Einzug ins Halbfinale in der Olympia-Disziplin 400 Meter. Doch seine Prothesen sorgen für Ärger und werfen Fragen nach Chancengerechtigkeit für gesunde Sportler auf. (Quelle: Erik van Leeuwen/ Wikimedia)

© Oscar Pistorius ist einer der erfolgreichsten internationalen Sprinter bei den Paralympics. Bei den London 2012 Olympic Games schafft er heute den Einzug ins Halbfinale in der Olympia-Disziplin 400 Meter. Doch seine Prothesen sorgen für Ärger und werfen Fragen nach Chancengerechtigkeit für gesunde Sportler auf. Zurecht. (Quelle: Erik van Leeuwen/ Wikimedia)

Im Gegensatz zu den bisherigen Goldmedaillenträgern Südafrikas bei den Olympischen Spielen 2012 in London – gemeint sind die Schwimmer Cameron van der Burgh & Chad le Clos und der Leichtgewichts-Vierer bestehend aus James Thompson, Matthew Brittain, John Smith und Sizwe Ndlovu – wird im aktuellen Fall nicht nach dem erfolgten Sieg vom Sportler gesprochen, sondern im Vorfeld dessen schon. Allein diese Tatsache verdeutlicht die Besonderheit dieser aktuellen Diskussion. Und doch verhärten sich die Zweifel an der Chancengerechtigkeit gegenüber den anderen Sportlern der Olympischen Spielen.

Pistorius verfügt über keine Unterschenkel. Aufgrund eines Gendefekts mussten beide Körperteile amputiert werden. Seither nahm er ausschließlich an den Paralympics teil, welche er mit vier Goldmedaillen erfolgreich abschloss. Ermöglicht wurde ihm diese Teilnahme durch Prothesen. Allerdings wollte sich der bei einem US-Sporthersteller unter Vertrag stehende Pistorius nie damit abfinden lediglich bei den Paralympischen Spielen teilzunehmen, sodass dieser vor dem Internationalen Sportgerichtshof (CAS) auf eine Zulassung zu Olympia klagte. Am 16. Mai 2008 entschied das Gremium dann, dass der unterschenkelamputierte Leichtathlet bei den Olympischen Spielen 2008 in Peking grundsätzlich antreten darf.

Das Problem ist, dass die Prothesen des Südafrikaners aus Karbon hergestellt wurden, aus Kohlenstofffasern, die in der Luft- und Raumfahrt und bei der Herstellung von Sportgeräten eine Anwendung finden. Vor allem die Raumfahrt ist auf bestes Material angewiesen, sodass durchaus die Frage gestellt werden muss, inwieweit Pistorius hieraus einen sportlichen Vorteil für sich ziehen kann.

Ein nicht genannter Motorsport-Experte äußerte sich auf Anfrage von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ dahingehend, dass Karbon im Motorsport als „der Wunderstoff schlechthin“ gehandelt wird. „Die Leistungsfähigkeit eines Formel-1-Rennwagens begründet sich im geringen Gewicht der aus Karbon bestehenden Bremsscheiben. Karbon ist kostenintensiv, aber sehr leistungsfähig … und ultraleicht“, so der Süddeutsche. Weitere Recherchen haben ergeben, dass diese These tatsächlich stimmt. Im Beitrag „Karbon – die schwarze Magie“ auf Handelsblatt Online, datiert mit dem 06.03.2011, erläutert der stellvertretende Chefredakteur und WiWo-Autoindustrie-Experte Franz Rother die immensen Kräfte dieses Stoffes für die Autoindustrie.

© Karbon gilt in Motorsportkreisen als „Wunderstoff". Der Erfolg von Formel-1-Rennwagen basiert auf den Einsatz von Karbon in den Bremsscheiben. Auch die Luft- und Raumfahrt wendet diese Kohlenstofffaser an. (Quelle: Wikimedia)

© Karbon gilt in Motorsportkreisen als „Wunderstoff“. Der Erfolg von Formel-1-Rennwagen basiert auf den Einsatz von Karbon in den Bremsscheiben. Auch die Luft- und Raumfahrt wendet diese Kohlenstofffaser an. (Quelle: Wikimedia)

Pistorius musste sich immer wieder verteidigen, wonach er gerade durch diese Prothesen Wettbewerbsvorteile gegenüber den anderen regulären Sportlern verschafft bekommen würde. Er hielt gegen, auch aktuell in London, dass mehrere Gutachten keine anderweitigen Erkenntnisse aufkamen ließen, wonach seine technischen Hilfsmittel einen Nachteil Dritter mit sich bringen würden.

Die Debatte um Oscar Pistorius wirkt ziemlich unauthentisch und sehr öffentlichkeitswirksam inszeniert. Nicht seine sportlichen Leistungen stehen im Mittelpunkt, sondern eher seine Person. Er fühlt sich in dieser Rolle sichtlich wohl. Der Vizepräsident Leistungssport des Deutschen Behindertensportverbandes Karl Quade hielt am 10.08.2011 fest, dass Oscar Pistorius „...seit Jahren der herausragende Athlet mit zwei Beinprothesen auf der Kurz- und Mittelstrecke“, aber nicht der erste seiner Art ist.

Die beiden US-Athleten Jason Smyth und Marla Runyan, beide mit einer Sehbehinderung konfrontiert, nahmen auch an internationalen Wettbewerben teil, erhielten aber keineswegs dieselbe mediale Aufmerksamkeit wie der Südafrikaner. Marla Runyan trat bereits bei den Olympischen Spielen 2000 in Sydney auf; also acht Jahre nach der Zulassung Pistorius. Dementsprechend könnte der Behindertensport durch den Südafrikaner mittelfristig betrachtet in Misskredit gebracht werden, zumal der Johannesburger zusätzlich zu den Olympischen nun auch noch an den Paralympischen Spielen mitwirken will. Sportler ohne Prothesen hätten dann das Nachsehen.

Deutsche HighTech-Forscher am Kap

Adaption natürlicher Vorbilder: Auf der Suche nach Kunden, Ideen und Talenten in Südafrika

(Autor: Ghassan Abid)

Esslingen am Neckar ist mit seinen rund 90.000 Einwohnern eine kleine Stadt bei Stuttgart. Klein, beschaulich und im Vergleich zu den Großstädten ziemlich unbedeutend. Wäre da nicht das Unternehmen FESTO, welches seinen Hauptsitz in dieser Kommune unterhält und den Standort somit weltberühmt macht.

© AquaJelly des Unternehmens FESTO. Deutsche Forscher entwickelten künstliche autonome Quallen mit elektrischem Antrieb. Sie verfügen über kollektives Verhalten. Mit dieser Erfindung lassen sich Erkenntnisse für die Industrie ableiten. FESTO sucht in Südafrika nach Kunden und jungen Talenten. (Quelle: FESTO)

© AquaJelly des Unternehmens FESTO. Deutsche Forscher entwickelten künstliche autonome Quallen mit elektrischem Antrieb. Sie verfügen über kollektives Verhalten. Mit dieser Erfindung lassen sich Erkenntnisse für die Industrie ableiten. FESTO sucht in Südafrika nach Kunden und jungen Talenten. (Quelle: FESTO)

FESTO ist ein HighTech-Unternehmen aus dem Bereich der Steuerungs- und Automatisierungstechnik, welches sich die Grundlagenforschung auf die Fahnen geschrieben hat. Die forschenden Mitarbeiter verfolgen im Rahmen von „Bionec Learning Network“, einem Netzwerk zur Erlangung von Erkenntnissen für die pneumatische und elektrische Antriebstechnik, eine „Adaption natürlicher Vorbilder“. Dies bedeutet im Klartext, ein für technische Vorhaben nützliches Wissen von der Natur abzuleiten.

Ein Beispiel hierfür ist der SmartBird, ein „ultraleichtes, aber leistungsstarkes Flugmodell mit einer hervorragenden Aerodynamik und maximaler Agilität“, heißt in den FESTO-Publikationen. Den Forschern ist nach eigener Darstellung mit dieser Innovation die Entschlüsselung des Vogelfluges gelungen. Andere Erfindungen – etwa die Konzipierung des wasserhydraulisch betriebenen Aqua_ray (angelehnt an Mantarochen), die selbstständig navigierenden und mit 3D-Sonar ausgestatteten AquaPenguine (angelehnt an Pinguine) oder der AquaJelly (angelehnt an Quallen) – verschafften FESTO eine internationale Reputation und auf diesem Wege den Ausbau seiner nationalen Marktpräsenzen.

Bessere Ventile, Greifer, Antriebe, Sensoren, Vakuumtechniken und Steuerungsmodule ermöglichen als Ergebnisse dieser natur- und tierbezogenen Erfindungen bedeutende prozessuale Fortschritte im Industriesektor. Zusätzlich erhoffen sich die Kunden deutliche Kosteneinsparungen. Die Stadt Esslingen am Neckar berichtet von 150 deutschen Patentanmeldungen durch FESTO pro Jahr, um diese technischen Kreationen für maximal 20 Jahre dem Schutz- und Verbietungsrecht des Deutschen Patent- und Markenamtes (DPMA) in München zu unterwerfen.

SmartBird – Aerodynamisches Flugmodell

 

Aqua_ray – Wasserhydraulisch betriebener Mantarochen

 

AquaPenguin – Selbstständig navigierend und mit 3D-Sonar ausgestattet

AquaJelly – Selbststeuerndes System mit kollektivem Verhalten

Mittlerweile verfügt der Konzern über 59 Landesgesellschaften und 250 Niederlassungen weltweit. In Südafrika ist das deutsche Unternehmen auch längst an mehreren Standorten vertreten. In Isando, gelegen zwischen Johannesburg und dem internationalen Flughafen O.R. Tambo, sind laut einem ehemaligen Angestellten weit über 100 Mitarbeiter – zumeist Südafrikaner – beschäftigt. Aufgrund des strengen FESTO-Betriebsgeheimnisses wird auf seinen Namen verzichtet. Dieser erklärt, dass die Führung sehr offen auf die Mitarbeiter zugeht sowie zwischen Geschäftsfühung und Belegschaft ein auf das Dutzen basierendes Klima gepflegt wird. Die Südafrika-Repräsentanz von FESTO verfolgt zum Einen die Entdeckung von südafrikanischen Talenten aus den Fachrichtungen Maschinenbau, Mechatronik und Elektronik. Mit rund acht Universitäten soll FESTO, so der ehemalige Mitarbeiter, offizielle und inoffzielle Kooperationen unterhalten.

Die Nelson Mandela Metropolitan University (NMMU) in Port Elizabeth spielt in diesem Kontext eine Schlüsselrolle. Die Hochschule hat ein Multimillionen teures Mechatronik-Labor in Empfang genommen. Finanziert wurde diese komplexe Einrichtung – die für Forscher und Studenten aus den Bereichen der Luft- und Raumfahrt, des Automobilsektors und der Chemiebranche gedacht ist – durch den deutschen maritimen Rüstungskonzern Thyssen-Krupp Marine Systems, den US-Autokonzern General Motors und durch FESTO. Somit können Talente entdeckt und gezielt gefördert werden. Hinzu kommt eine Zusammenarbeit mit mehreren südafrikanischen „Further Education and Training (FET) Colleges“, die Mechatroniker ausbilden – etwa das Buffalo City College in East London, Capricorn College in Polokwane, Sedibeng College in Vereeniging, PE College in Port Elizabeth und False Bay College in Kapstadt.

Zum Andern erweist sich die am Kap ansässige Automobilindustrie als fester Kundenstamm von FESTO. Die Kontrolle des Produktionsprozesses beim britischen Automobilhersteller Jaguar Land Rover, die Lieferung von MQB-Modellkomponenten an Volkswagen, die passgenaue Gestaltung von Sitzrahmen für den Fahrzeugsitzhersteller Keiper und der technische Service im Auftrag des Airbag-Herstellers TRW Systems, machen die Baden-Württemberger zu einem der führenden Unternehmen im Bereich der Automatisierungstechnik im südlichen Afrika.

Als zweites wichtiges Standbein dient der Lebensmittel- und Getränkebereich. Die Sicherstellung von hygienischen und kosteneinsparenden Verfahrensabläufen zur Produktion von Lebensmitteln steht im Mittelpunkt von FESTO. Weitere Projekte im Bereich der industriellen Diagnostik, Logistik und Erneuerbaren Energien im Hinblick auf die Solarindustrie & Wasseraufbereitung werden darüber hinaus umgesetzt.

FESTO hat sich mittlerweile zu einem der bedeutendsten HighTech-Unternehmen in Südafrika katapultiert, die viel Geld in die Nachwuchssuche und -förderung stecken. Die Kooperationen mit den Hochschulen ermöglichen den Deutschen den Zugang zum südafrikanischen Hochschulwesen. Bemerkenswert ist, dass FESTO bisweilen den öffentlichen Ausstausch mit der südafrikanischen Regierung gemieden hat; im Gegensatz zur deutschen Automobilindustrie vor Ort, die den unmittelbaren und mittelbaren Dialog zur Politik sucht.