Schlagwort-Archive: Manenberg

Hunderttausend Gangmitglieder am Westkap

Numbers Gangs, Americans, Hard Livings und Co. – kriminelle Banden kontrollieren ganze Gegenden

(Autor: Ghassan Abid)

An Brutalität sind die Männer der sogenanten „Numbers Gangs“ kaum zu übertreffen. Sie greifen notfalls nach einer Zahnbürste, um einen Menschen zu töten. Die Mitglieder dieser straff organisierten Vereinigungen sind einem hierarchischen System untergeordnet, das einer militärischen Rangordnung ähnelt. Je mehr tätowierte Sterne man auf den Schultern hat, desto höher ist die eigene Machtbefugnis. Die höchsten Gang-Mitglieder bezeichnet man als „Generäle“. Ihre Aufträge – ob Mord, Raub oder Vergewaltigung – werden umgehend umgesetzt. Die Bevölkerung lebt in großer Angst.

DFID

© Die Numbers Gangs (26, 27 und 28er), Americans und Hard Livings sind die größten und einflussreichsten Banden in Südafrika. Sie haben längst die Kontrolle über ganze Gegenden an sich gerissen. Der Staat erscheint bei mittlerweile über hunderttausend Gangmitgliedern allein am Westkap machtlos. (Quelle: flickr/ DFID)

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Bandenkrieg in Südafrika

Ganggewalt am Westkap eskaliert. Behörden verlieren Kontrolle über das Township Manenberg

(Autor: Ghassan Abid)

Manenberg ist ein Township im Stadtgebiet von Kapstadt. In den dicht besiedelten Cape Flats leben ausschließlich farbige Südafrikaner. Genaue Zahlen zur Anzahl der Einwohner liegen nicht vor. Es wird geschätzt, dass rund 50.000 bis 70.000 Menschen in diesem sozialen Brennpunkt leben. Viele sind arbeitslos, drogensüchtig oder alkoholabhängig. Wer hier aufwächst, der wird entweder erschossen oder erschießt andere – so zumindest lautet die übereinstimmende Philosophie aller Gangs. Nun ist in Manenberg die Gewalt scheinbar eskaliert. Es herrscht ein brutaler Bandenkrieg am Westkap. Die Behörden haben die Kontrolle über diese Gemeinschaft längst verloren.

© Auf dem Bild ist ein Gangmitglied am Westkap zu sehen. Die beiden Gangs „Hard Livings“ und die „Americans“ kämpfen bereits seit den 70er Jahren um die Machtstellung an der Westküste Südafrikas. Die Behörden bekommen die Lage nicht in den Griff. Die Politik stößt an ihre Grenzen.

© Auf dem Bild ist ein Gangmitglied am Westkap zu sehen. Die beiden Gangs „Hard Livings“ und die „Americans“ kämpfen bereits seit den 70er Jahren um die Machtstellung an der Westküste Südafrikas. Die Behörden bekommen die Lage nicht in den Griff. Die Politik stößt an ihre Grenzen.

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Hilfe – die etwas andere Art (Suppenküche in Mitchell’s Plain)

Ein Reisebericht zu Kapstadt und KwaZulu-Natal – Teil 5

(Autorin: Annemarie Köster)

Nachdem ich 2007 etwas genauer wissen wollte, was ausgewanderte Deutsche in KwaZulu Natal für südafrikanische Kinder tun, habe ich mit etwas Spendengeld von Freunden und Familie Lebensmittel und Kinderkleidung für drei Familien gekauft und ihnen dies nach Hause gebracht.

© Das Suppenküchen-Team im Einsatz in Mitchell´s Plain

2008 habe ich dann Geld an meine Bekannten geschickt, die es für eine junge Frau, die im Rollstuhl sitzt, verwendeten. Die Aussicht, noch einmal nach KwaZulu-Natal zu kommen, ist im Moment sehr gering.

Auf der Suche nach Bedürftigen, um die ich mich von Kapstadt aus persönlich kümmern kann, dachte ich zuerst an das Saartjie Bartman Center in Manenberg, das ich 2008 anläßlich einer Kinderweihnachtsfeier besuchte, die von einer Klasse meiner Sprachenschule organisiert wurde.

Man mag über facebook denken wie man will. Manchmal ist es doch hilfreich. So habe ich erfahren, dass die Sprachenschule seit 2009 eine Suppenküche in Mitchell’s Plain unterstützt, die von einem Sohn des Schulkraftfahrers gegründet wurde und nun von seiner Witwe Faieka weitergeführt wird.

Das schien mir 2011 der richtige Platz zu sein für das Spendengeld, das ich im Freundes- und Familienkreis aber auch anlässlich des Forikertreffens von www.kapstadt.net gesammelt hatte. Es war etwa das 3 ½ fache der früheren Beträge.

Um mir erst einmal einen Eindruck zu verschaffen, nahm ich an der Mittwochs-Fahrt der Studenten der Sprachenschule teil.

Der Teilnahmebeitrag kommt in voller Höhe der Suppenküche zugute. Stanford, der Schulkraftfahrer, berichtete von der Gründung der Suppenküche durch seinen Sohn Quinton, dessen Ermordung und die Weiterführung der Küche durch seine Schwiegertochter Faieka. Sie steht jeden Morgen um 4.00 Uhr auf, bereitet die Suppe vor und kümmert sich dann um ihre Ausbildung zur Lehrerin. Unterstützung erhält sie nicht nur durch die Familie, und die Schule sondern auch von zwei Frauen aus der Nachbarschaft. Mittwochs helfen die Studenten bei der Essenausgabe und spielen anschließend mit den Kindern.

Hier erfährt man die Geschichte von Quinton Welman, berichtet von seiner Schwester Bernice.

Am Ende dieses Ausflugs war mir klar: Das ist der richtige Platz für unser Spendengeld.

Als nächstes folgte die Shopping-Tour mit Stanford, um Lebensmittel für die Suppenküche zu kaufen.

Auf diese Weise habe ich wieder eine neue Seite von Kapstadt kennen gelernt, die mir als „Nur-noch-Urlauberin“, die ich ja nun bin, kaum zugänglich gewesen wäre.

Mitchell’s Plain ist einer der größten Vororte von Kapstadt. Ich wollte nicht das gesamte Geld in bar durch die Gegend tragen. Deshalb habe ich einen Teil erst am ATM an einer Tankstelle in Mitchell’s Plain abgehoben – mit Stanford als „Bodyguard“.

Die erste Station war ein Lebensmittel-Großmarkt, in dem aber – anders als in Deutschland – jedermann einkaufen kann. Faieka hat den Wagen gefüllt und ich habe an der Kasse bezahlt.

Dann ging es weiter zum Fleischer. Bis dort alles zusammengestellt und verpackt war, verging einige Zeit. So haben wir schnell noch in einem kleinen Laden in der Nähe das Toastbrot für den nächsten Tag bezahlt, das immer frisch geholt und mit den Essenportionen ausgegeben wird.

Die letzte Station war Checkers, der Supermarkt. Hier waren die Großpackungen Hähnchenteile billiger als in der Fleischerei. Faieka hat mir gezeigt, dass Vertrauen gut, Kontrolle aber besser ist. Nachdem ich bezahlt hatte, hat sie die Positionen auf dem Kassenzettel mit den Fleischpäckchen verglichen – ein Päckchen war doppelt berechnet. Es wäre zu umständlich gewesen, das Geld zurückzahlen zu lassen. So hat Faieka noch ein Päckchen Fleisch geholt. Zuviel konnte es wirklich nicht sein, bei der Masse an Kindern, die erwartet wurden. Dieses Fleisch wurde schon für das Weihnachtsessen eingekauft, das nicht aus Suppe bestehen sollte.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

Die Lebensmittel wurden bei Stanford zwischengelagert, weil der Platz in Faiekas Häuschen, in dem sie mit ihren drei Kindern lebt und zugleich die Suppenküche betreibt, dafür wirklich nicht ausreicht.

Faieka wartet noch immer auf die Eintragung der „Quinton Welman Community Foundation“, wie die Suppenküche offiziell heißen soll, als gemeinnützige Stiftung. Dann kann sie ihre Helferinnen aus der Nachbarschaft fest anstellen – wieder zwei Arbeitsplätze mehr – und ihnen auch etwas bezahlen, sie kann zu Spenden aufrufen und um Unterstützung werben.

Ich bin schon gespannt auf die weitere Entwicklung.

Zum Abschluß noch eine kleine Geschichte am Rande: Mitchell’s Plain hat zum Teil noch einen nicht so guten Ruf und über die Kriminalität in Südafrika erhitzen sich die Gemüter ohnehin.

Das ist Stanford als wir in der Fleischerei warteten. Wie man deutlich sieht, hat er seine Auto- und sonstigen Schlüssel so lose aus der Gesäßtasche hängen wie das in Deutschland wohl kaum ein Mann tun würde.

Er hat sich köstlich amüsiert als ich ihn darauf ansprach. Trotzdem hat er bei der Fahrt durch einige Straßen gebeten, die Autofenster geschlossen zu halten.

Weitere Reiseberichte von Annemarie Köster hier abrufbar.

Berlinale 2011: Der Südafrika-Veranstaltungsbericht

„SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ bewertet Filmfestival

(Autoren: Annalisa Wellhäuser, Doreen S., Ghassan Abid)

© Logo Berlinale (Quelle: Wikimedia)

Die Berlinale 2011 war auch in diesem Jahr eine interessante deutsche „Have To See-Veranstaltung“  in punkto Kultur aus Südafrika. Mit freundlicher Unterstützung der Berlinale-Sektion Generation, durfte die 2010sdafrika-Redaktion ausgewählte Veranstaltungen besuchen und hierüber einen Bericht ablegen. Mit „History Uncut: Manenberg“ und „History Uncut: Crossroads“ wurde Südafrika während der Apartheid dokumentarisch unter die Lupe genommen, während im Spielfilm „State of Violence“ das Augenmerk auf das Südafrika von heute gerichtet wurde, auf die Probleme und Herausforderungen dieser jungen Demokratie.

Afravision (Brian Tilley, Laurence Dworkin)

History Uncut(von Annalisa Wellhäuser)

Kokuratiert von Darryl Els und Claus Löser

Sonntag, 13.02.2010, Kino Arsenal am Potsdamer Platz in Berlin

Episode 1: Crossroads

Licht aus, Film ab und Augen auf: Wie durch eine Zeitmaschine in die Vergangenheit katapultiert bin ich auf einmal im Mai/ Juni 1986 im ehemaligen Apartheid-Staat Südafrika. Ort des Geschehens: „Crossroads“, eine informelle Siedlung Kapstadts für schwarze Südafrikaner, Hochburg von Widerstandsbewegungen; eigentlich „Notfall camp„ und somit immun gegen die Massenräumung von Townships- ganz zum Missfallen der Regierung…..

Hier bin ich also….mittendrin in einer brutalen Schlacht zwischen- ja man weiß gar nicht wer zu wem gehört, es ist ein Durcheinander…Menschen ,vor allem Jungs im jugendlichen Alter rennen in Massen hin und her… sie jagen sich gegenseitig….Schüsse fallen…Geschrei… wohin ich auch blicke, ich sehe zerstörte, brennende Wellblechhäuser….Es ist die Gruppe mit den weißen Stoffbändern, die greifen uns an… das sind die ,,Witdoeks„, unsere Bürgerwehr……Warum tun sie das? Sie gehören doch zu uns !Woher haben sie die Waffen? Wir müssen uns wehren…selbstgebastelte Waffen aus Holz, Steinen; Schießpulver in Plastikflaschen, die geworfen werden…..auf der Straße: zwei Männer auf dem Boden…voller Blut…sie sind tot…ich sehe Frauen mit Babies, die mit dem Hab und Gut, was sie noch retten konnten, am Straßenrand sitzen, auf Hilfe warten, …..

Cut- Szenenwechsel

Frauen stehen mit ihren Kindern am Parlamentseingang in Kapstadt. Sie sind verzweifelt und suchen Hilfe. ,,Wir wissen von nichts, wir können nichts machen„, wird ihnen auf Afrikaans von einem Politiker entgegnet. Aus Protest simulieren die Frauen ein Weinen und legen ihre schreienden Babies vor dem Parlament nieder.

Laut TRC, der Truth Reconciliation Commission Südafrikas, wurden während der Apartheid Gruppen von ,,schwarzen„ Bürgern wie die ,,Witdoeks„, einer bereits bestehende Bürgerwehr in Crossroads, von der südafrikanischen Polizei mit Waffen unterstützt und somit ,,benutzt„ , um Widerstandsbewegungen in Townships zu bekämpfen. So erreichte die Regierung ihr Ziel , ohne dabei selbst ins schlechte Licht zu rücken. Es wurden 60.000 Menschen obdachlos und 60 Menschen kamen zu Tode.

Episode 2: Manenberg

Es ist September 1989, der Tag der Wahlen des Dreikammer Parlaments in Südafrika. Wahlberechtigte sind ,, weiße „ und begrenzt auch ,,farbige„ (,,coloured„)und ,,indische„ Südafrikaner. Die,, schwarze„ Bevölkerung ist ausgeschlossen. In ,,Manenberg„, einem Township für ,,farbige„ ( „coloured„ ) Südafrikaner, kommt es zum Protest .Und ich sehe, nein ich erlebe hautnah mit, was sich an diesem Tag auf Manenberg`s Straßen abspielt: Ich bin in einem Haus und blicke aus einem Fensterspalt auf die Straße. Was ich dort sehe ist ein Schauspiel zwischen Polizei und den Bewohnern der Siedlung. Die Polizei ,welche aus heiterem Himmel aufgetaucht ist, schießt wahllos mit Gummipatronen in die Menschenmassen. Ja, es scheint gar als täten sie dies, weil es ihnen Spaß macht, andere Leute leiden zu sehen. Die Polizisten bewerfen die Township-Bewohner mit Steinen, verwenden Tränengas und jagen diese mit Peitschen in ihre Häuser. Die Leute, vor allem Jugendliche, reagieren darauf, indem sie mit Steinen zurück werfen und Straßenbarrikaden aus Autoreifen, Müll, Möbelstücken und Steinen errichten und diese dann anzünden. Es ist ein Hin und Her. Immer wieder kommt die Polizei und es kommt zur Auseinandersetzung: Schießerei, Geschrei,…. Ich befürchte die gesamte Zeit über, dass sie mich entdecken, doch ich habe Glück. Sie sehen mich nicht.

© Szene aus „History Uncut: Manenberg“ (Quelle: Berlinale)

Cut- Szenenwechsel

Ein Junge liegt leicht bekleidet in einem Bett, sein Körper ist übersät mit Einschüssen, verursacht durch die Gummipatronen der Polizei. Ein anderer Junge hat den Kopf verbunden und die Nase ist mit Pflastern überdeckt….Eine Frau richtet klar und deutlich einen Appell an die südafrikanische Regierung, sie fordert ein demokratisches, NICHT-rassendiskriminierendes Wahlsystem. Diese Szenen wurden nie im südafrikanischen Fernsehen ausgestrahlt; sie gehören zu dem Archivmaterial der Videokollektive Afravision, welches die größte Videodokumentation der Widerstandsgeschichte darstellt. Gegründet wurde Afravision von Brian Tilley, Laurence Dworkin und Mokoenyana Moletse ,um die zahlreichen Kämpfe der 1980er Jahre in Südafrika zu dokumentieren.

Ein außergewöhnlicher und faszinierender Beitrag zur Berlinale 2010. Ungeschnitten und unverfälscht zeigt dieser Film schlicht und einfach die Realität und Wahrheit, wie sie sich tragischerweise im damaligen Südafrika zugetragen hat. Man erlebt Geschichte hautnah; man fühlt sich, als wenn man selbst dabei gewesen wäre. Es ist unglaublich, denn plötzlich ist es ist keine ,,Geschichte„ mehr, von der man mal im ,,Geschichtsbuch„ gelesen hat und die einem irreal und weit weg vorkommt. Es ist auf einmal auch meine eigene Realität. Ich bin dabei. Nach dem Film geht mir dann nur noch ein Gedanke durch den Kopf: Während ich in meine sichere Wirklichkeit des heutigen Deutschlands zurückkehren kann, ist dieser ,,Film„ für die Menschen in Südafrika damals weitergelaufen. Diese Menschen, denen man gerade begegnet ist, konnten im Gegensatz zu mir, die den Film ausschaltet, nicht fliehen. Für sie war es ein Albtraum, von dem sie nicht wussten, ob er jemals enden würde. Das ist einfach schrecklich.

Datenblatt zur Doku „History Uncut: Manenberg“:

http://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20110388.pdf

AfricanHistory.com zu Crossroads-Geschehnissen:

http://africanhistory.about.com/od/apartheid/p/crossroads.htm

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Pyramide International (Khalo Matabane)

State of Violence(von Doreen S. und Ghassan Abid)

Sonntag, 20.02.2010, Kino CineStar am Potsdamer Platz in Berlin

„State of Violence“ ist ein beeindruckender Film aus französisch-südafrikanischer Produktion von 2010. Er thematisiert die gegenwärtige wohl größte Herausforderung Südafrikas nach der Apartheid, nämlich die brutale Gewalt und immense Perspektivlosigkeit im Lande. Bobedi, gespielt von Fana Mokoena, ist ein erfolgreicher CEO eines Bergbauunternehmens, der den Wohlstand mit seiner liebevollen Frau Joy (Darstellerin: Lindi Matshikiza) sichtlich genießt. Beide sind im neuen Südafrika angekommen; im Gegensatz zur überwiegend armen Bevölkerungsmehrheit. Vor allem Bobedi stammte ursprünglich aus einem Armenviertel, dem Johannesburger Stadtteil Alexandra. Tolle Kleider für die Frau, eine große Villa und ein Mercedes Benz machten den Alltag dieses erfolgreichen sowie berühmten „Black Diamond“ aus.

© Szene mit Boy-Boy aus „State of Violence“ (Quelle: Berlinale)

Eines Tages jedoch erlebt Bobedi die knallharten Schattenseiten Südafrikas. Im eigenen Haus attackiert ein maskierter Einbrecher Joy und bringt sie, vor den Augen ihres Ehemannes, nach unzähligen Schlägen anschließend mit einer Schusswaffe um. Der Fremde wollte aber kein Geld, sondern Bobedi großen Leid und tiefsten Schmerz zufügen. Innerhalb von wenigen Minuten ist dessen schönes Leben in ein Scherbenhaufen zerschlagen worden.

Erschüttert durch dieses schreckliche Erlebnis und mit voller Wut sowie Trauer im Herzen, begibt sich Bobedi auf die Suche nach dem Mörder in sein Heimatort Alexandra. Die Erinnerung an die große Blutlache im Badezimmer und die weinenden Schreie seiner Frau verfolgen ihn als posttraumatisches Erlebnis. Er begibt sich auf eine Reise in das eigene Ich; eine Reise in die eigene dunkle Vergangenheit.

Bobedi stammt selber aus dem Township und musste, wohl als Mutprobe im Rahmen einer Gang, einen Mann am lebendigen Leibe verbrennen. Es handelte sich hierbei um den Vater seines eigenen Cousins OJ (Darsteller: Neo Ntlatleng), der sich als Mörder von Joy herausstellte und mit der Tat seinen Vater auf diesem Wege rächen wollte. Nur der Bruder von Bobedi, Boy-Boy (gespielt von Presley Chweneyagae), steht ihm bei der Verfolgung des Täters anfänglich bei, doch nach und nach versucht er ihm ins Gewissen zu reden und dessen Verlangen nach Rache abzuwenden. Bei dem Versuch, dass weder Bruder noch Cousin ebenfalls sterben müssen, erliegt Boy-Boy durch einen versehentlich ausgelösten Schuss an seinen Verletzungen. Erneut stirbt ein Familienangehöriger, bedingt durch den Durst auf Rache, und Bobedi hat erneut ein Menschenleben auf den Gewissen.

In „State of Violence“ packt eine Vendetta der besonderen Art den Zuschauer. Es stellen sich im Verlauf des Films die Fragen, ob es eine Rache auf die Rache geben kann, wo Moral anfängt bzw. diese endet und ob die Selbstjustiz überhaupt einen adäquaten Ersatz zur staatlichen Strafverfolgung darstellen kann. Dieser Film, welcher vom Regisseur Khalo Matabane betreut wurde, ähnelt von der Aufmachung und Story her dem erfolgreichen Film „Tsotsi“ von Gavin Hood. Matabane gilt als Experte für die Regieführung südafrikanischer Dokumentationen (Young Lions (2000), Love in the Time of Sickness (2002), Story of a Beautiful Country (2004) u.a.). Mit „State of Violence“ ist ihm der erste Spielfilm überhaupt in punkto Story, Szenenaufbau, soziokritischem Bewusstsein und technischer Umsetzung durchaus geglückt und absolut sehenswert. Neben dem Film „Tsotsi“ verfügt Südafrika über ein weiteres Highlight auf dem kinematografischen Bereich.

Datenblatt zum Film „State of Violence“:

http://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20110011.pdf

2010sdafrika-Artikel zum Südafrika-Filmangebot der Berlinale 2011:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2011/02/10/berlinale-2011-kinematografie-sudafrikas-wieder-dabei/

Afravision (Brian Tilley, Laurence Dworkin)

History Uncut

Kokuratiert von Darryl Els und Claus Löser

Sonntag, 13.02.2010, Kino Arsenal am Potsdamerplatz

Episode 1: Crossroads

Licht aus, Film ab und Augen auf: Wie durch eine Zeitmaschine in die Vergangenheit katapultiert bin ich auf einmal im Mai/ Juni 1986 im ehemaligen Apartheid-Staat Südafrika. Ort des Geschehens: ,,Crossroads„ , eine informelle Siedlung Kapstadts für ,,schwarze„ Südafrikaner, Hochburg von Widerstandsbewegungen; eigentlich „Notfall camp„ und somit immun gegen die Massenräumung von Townships- ganz zum Missfallen der Regierung…..

Hier bin ich also….mittendrin in einer brutalen Schlacht zwischen- ja man weiß gar nicht wer zu wem gehört, es ist ein Durcheinander…Menschen ,vor allem Jungs im jugendlichen Alter rennen in Massen hin und her… sie jagen sich gegenseitig….Schüsse fallen…Geschrei… wohin ich auch blicke, ich sehe zerstörte, brennende Wellblechhäuser….Es ist die Gruppe mit den weißen Stoffbändern, die greifen uns an… das sind die ,,Witdoeks„, unsere Bürgerwehr……Warum tun sie das? Sie gehören doch zu uns !Woher haben sie die Waffen? Wir müssen uns wehren…selbstgebastelte Waffen aus Holz, Steinen; Schießpulver in Plastikflaschen, die geworfen werden…..auf der Straße: zwei Männer auf dem Boden…voller Blut…sie sind tot…ich sehe Frauen mit Babies, die mit dem Hab und Gut, was sie noch retten konnten, am Straßenrand sitzen, auf Hilfe warten, …..

Cut- Szenenwechsel:

Frauen stehen mit ihren Kindern am Parlamentseingang in Kapstadt. Sie sind verzweifelt und suchen Hilfe. ,,Wir wissen von nichts, wir können nichts machen„, wird ihnen auf Afrikaans von einem Politiker entgegnet. Aus Protest simulieren die Frauen ein Weinen und legen ihre schreienden Babies vor dem Parlament nieder.

Laut TRC, der Truth Reconciliation Commission Südafrikas, wurden während der Apartheid Gruppen von ,,schwarzen„ Bürgern wie die ,,Witdoeks„, einer bereits bestehende Bürgerwehr in Crossroads, von der südafrikanischen Polizei mit Waffen unterstützt und somit ,,benutzt„ , um Widerstandsbewegungen in Townships zu bekämpfen. So erreichte die Regierung ihr Ziel , ohne dabei selbst ins schlechte Licht zu rücken. Es wurden 60.000 Menschen obdachlos und 60 Menschen kamen zu Tode.

Episode 2:Manenberg

Es ist September 1989, der Tag der Wahlen des Dreikammer Parlaments in Südafrika. Wahlberechtigte sind ,, weiße „ und begrenzt auch ,,farbige„ (,,coloured„)und ,,indische„ Südafrikaner. Die,, schwarze„ Bevölkerung ist ausgeschlossen. In ,,Manenberg„, einem Township für ,,farbige„ ( „coloured„ ) Südafrikaner, kommt es zum Protest .Und ich sehe, nein ich erlebe hautnah mit, was sich an diesem Tag auf Manenberg`s Straßen abspielt: Ich bin in einem Haus und blicke aus einem Fensterspalt auf die Straße. Was ich dort sehe ist ein Schauspiel zwischen Polizei und den Bewohnern der Siedlung. Die Polizei ,welche aus heiterem Himmel aufgetaucht ist, schießt wahllos mit Gummipatronen in die Menschenmassen. Ja, es scheint gar als täten sie dies, weil es ihnen Spaß macht, andere Leute leiden zu sehen. Die Polizisten bewerfen die Township-Bewohner mit Steinen, verwenden Tränengas und jagen diese mit Peitschen in ihre Häuser. Die Leute, vor allem Jugendliche, reagieren darauf, indem sie mit Steinen zurück werfen und Straßenbarrikaden aus Autoreifen, Müll, Möbelstücken und Steinen errichten und diese dann anzünden. Es ist ein Hin und Her. Immer wieder kommt die Polizei und es kommt zur Auseinandersetzung: Schießerei, Geschrei,…. Ich befürchte die gesamte Zeit über, dass sie mich entdecken, doch ich habe Glück. Sie sehen mich nicht.

Cut- Szenenwechsel:

Ein Junge liegt leicht bekleidet in einem Bett, sein Körper ist übersät mit Einschüssen, verursacht durch die Gummipatronen der Polizei. Ein anderer Junge hat den Kopf verbunden und die Nase ist mit Pflastern überbedeckt….Eine Frau richtet klar und deutlich einen Appell an die südafrikanische Regierung, sie fordert ein demokratisches, NICHT-rassendiskriminierendes Wahlsystem .

Diese Szenen wurden nie im südafrikanischen Fernsehen ausgestrahlt; sie gehören zu dem Archivmaterial der Videokollektive Afravision, welches die größte Videodokumentation der Widerstandsgeschichte darstellt. Gegründet wurde Afravision von Brian Tilley, Laurence Dworkin und Mokoenyana Moletse ,um die zahlreichen Kämpfe der 1980er Jahre in Südafrika zu dokumentieren.

Ein außergewöhnlicher und faszinierender Beitrag zur Berlinale 2010. Un-geschnitten und unverfälscht zeigt dieser Film schlicht und einfach die Realität und Wahrheit, wie sie sich tragischer weise im damaligen Südafrika zugetragen hat. Man erlebt Geschichte hautnah; man fühlt sich, als wenn man selbst dabei gewesen wäre. Es ist unglaublich, denn plötzlich ist es ist keine ,,Geschichte„ mehr, von der man mal im ,,Geschichtsbuch„ gelesen hat und die einem irreal und weit weg vorkommt. Es ist auf einmal auch meine eigene Realität. Ich bin dabei. Nach dem Film geht mir dann nur noch ein Gedanke durch den Kopf: Während ich in meine sichere Wirklichkeit des heutigen Deutschlands zurückkehren kann, ist dieser ,,Film„ für die Menschen in Südafrika damals weitergelaufen. Diese Menschen, denen man gerade begegnet ist, konnten im Gegensatz zu mir, die den Film ausschaltet, nicht fliehen. Für sie war es ein Albtraum, von dem sie nicht wussten, ob er jemals enden würde. Das ist einfach schrecklich.

Quellen:http://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=20110388

http://africanhistory.about.com/od/apartheid/p/crossroads.htm

Hilfe – die etwas andere Art

Ein Reisebericht zu Kapstadt und KwaZulu-Natal – Teil 4

(Autorin: Annemarie Köster)

Auf Grund meiner Erfahrungen mit sogenannten Solidaritätsspenden, die ich bis 1989 jahrzehntelang in nicht unwesentlichem Umfang geleistet habe, wollte ich nun etwas anderes ausprobieren.

Ich erfuhr von einem nach Südafrika ausgewanderten Paar, das sich speziell um Hilfe für Kinder bemüht und wurde von ihnen eingeladen. Da ich mir vor Ort erst mal selbst ein Bild machen wollte, habe ich lediglich im Bekanntenkreis ein paar Spenden gesammelt – ca. 100,00 Euro.

Ursprünglich hatte ich an Kinder in Waisenhäusern gedacht. Dann habe ich aber erfahren, daß die Heime, von unterschiedlichen Organisationen geführt, auf verschiedene Art unterstützt werden. Nicht nur Waisen und Straßenkinder sondern auch solche aus Problemfamilien finden Aufnahme– teilweise bis zum Alter von 21 Jahren.

© Lebensmittelkauf

Schnell ließ ich mich überzeugen, daß mein weniges Geld besser für zwei bedürftige Familien – konkret für Frauen, die mit ihren Kindern und Enkeln allein leben – ausgegeben werden sollte. So sind wir erst einmal zum nächsten Supermarkt gefahren. Es war bekannt, was speziell verwendet wurde und wir haben von Maismehl über Zucker, Milch und Brot bis zu Öl, Obst und Gemüse verschiedene Lebensmittel – natürlich auch ein paar Süßigkeiten – besorgt.

Dazu kamen – wegen des Kälteeinbruchs zu dieser Zeit – ein paar Jogging-Anzüge für die Kinder. Die Sachen haben wir den Familien nach Hause gebracht.

© Hilfebedürftiges Kind

© Hilfebedürftiges Kind

Auf diese Weise habe ich Dörfer kennengelernt, die auf den ersten Blick eigentlich recht idyllisch aussahen. Ein weites, grünes Hügelland mit verstreut stehenden traditionellen Rundhütten aber auch neueren viereckigen Steinhäuschen. Hier und da ein paar magere Kühe, Ziegen oder Hühner. Keinerlei Obst- oder Gemüsegärten.

Bei näherem Hinsehen ist von der Idylle jedoch nichts übrig geblieben. Es gab zumeist keine befestigten Straßen (glücklicherweise war es trocken), nur teilweise Strom und keine privaten Wasseranschlüsse. Wasser mußte von den öffentlichen Zapfstellen zu den Hütten getragen werden – oft eine Aufgabe der Kinder. Die Häuser liegen einfach zu weit auseinander und es ist zu teuer, einzelne Wasserleitungen zu verlegen.

Eine weitere Erkenntnis war, daß das Leben in den traditionell gewachsenen Dörfern nicht zu vergleichen ist mit dem Leben in den riesigen Townships am Rande der großen Städte auch wenn es äußerlich ähnlich zu sein scheint.

© Tristes Township-Leben

Das Gefühl, nun etwas Gutes getan zu haben für Bedürftige, hat sich bei mir eigentlich nicht so recht eingestellt. Eher habe ich die Erkenntnis gewonnen, daß man einen so kleinen Betrag auf diese Weise zwar effektiv verwenden kann aber es ist unbedingt Hilfe zur Selbsthilfe nötig. Wie das aussehen könnte? Ich habe keine Ahnung. Dazu ist mehr nötig als nur mal gesehen zu haben, wie man in südafrikanischen Dörfern lebt. Mit europäischen Vorstellungen von Hilfsprojekten kommt man hier sicherlich nicht weiter.

Hilfe – die etwas andere Art (Kapstadt 2008)

2008 habe ich mir als Abschluß all’ meiner Sprachschulaufenthalte ein paar Wochen Einzelunterricht gegönnt. Das beinhaltete auch diverse Exkursionen.

Zusammen mit einer anderen Lehrerin und ihrer Klasse führte uns unsere letzte Exkursion in das Saartjie Bartman Centre für Frauen und Kinder in Manenberg, Cape Flats. Das ist eine Einrichtung, in die sich misshandelte Frauen mit ihren Kindern für einige Zeit flüchten können, um Entscheidungen über ihr weiteres Leben zu treffen: http://www.saartjiebaartmancentre.org.za/.

© Überraschungsbesuch

Wir organisierten eine kleine vorzeitige Weihnachtsfeier. Einer unserer Schweizer Mitstudenten musste der Weihnachtsmann sein. Es war ein interessanter Vormittag. Die 100 Euro für bedürftige Kinder, die ich wieder in Deutschland gesammelt hatte, waren bereits an meine Freunde in KwaZulu- Natal überwiesen. (Sie wurden später ratenweise einer jungen Frau zum Lebensunterhalt zur Verfügung gestellt, die im Rollstuhl sitzen muß, weil sie als Kind in eine Schießerei geriet).

Aber es ist für uns Europäer nicht teuer, Kinder glücklich zu machen, und es ist uns sicherlich ein wenig gelungen

Weitere Reiseberichte von Annemarie Köster hier abrufbar..