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´Ein ‚guter‘ Film eröffnet für mich neue Sichtweisen´

Die Berliner Filmregisseurin und Südafrika-Wissenschaftlerin Marietta Kesting im Interview

(Autor: Ghassan Abid)

Auf der Berlinale 2010 ist der Dokumentarfilm „Sunny Land“ präsentiert worden. Dieser thematisierte am Beispiel des Vergnügungsparadieses Sun City die Folgen der Apartheidspolitik für das innergesellschaftliche Leben. Die Berliner Regisseurin Marietta Kesting und ihr Filmkollege Aljoscha Weskott setzten diese künstlerische Idee mit 87 Minuten verwendetem Archivmaterial um. Denn Sun City war ein Prestigeprojekt der Rassentrennungsbefürworter in Pretoria. Der Versuch, diese soziopolitische Entwicklung insbesondere unter der Heranziehung architektonischer Gegebenheiten zu beschreiben, fiel bei den Zuschauern auf ein geteiltes Echo. Marietta Kesting erläutert auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ diese Idee und ihre persönliche Beziehung zu Südafrika.

© Cover zum essayistischen Dokumentarfilm "Sunny Land"

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ die Berliner Filmemacherin, Fotografin und auf Südafrika spezialisierte Wissenschaftlerin Marietta Kesting. Frau Kesting, wie gelangten Sie zum Film bzw. was fasziniert Sie am Beruf des Regisseurs?

Antwort: Mich interessiert am Filmemachen, die audiovisuelle Auseinandersetzung mit Orten, Praktiken, Menschen, und ihren Ideen, die anders funktioniert als beispielsweise einen Text zu schreiben.

Bei Dokumentarfilmen wird auch nicht so direkt ‚Regie‘ geführt, obwohl das natürlich nicht heißt, dass nicht inszeniert wird.

2010sdafrika-Redaktion: Im Dokumentarfilm „Sunny Land“ – unter der gemeinsamen Regie mit Aljoscha Weskott – thematisieren Sie die politische Lage Südafrikas am Beispiel der Vergnügungsstätte Sun City während der Apartheid. Wie kamen Sie auf die Idee eine solche Dokumentation zur Rassentrennungspolitik umzusetzen?

Antwort: Ausgangspunkt für das Filmprojekt, war die Platte von Artists United Against Apartheid mit dem Protestsong „I ain’t gonna play Sun City“, die Aljoscha auf einem Flohmarkt in New York für einen Dollar kaufte.

© Aljoscha Weskott und Marietta Kesting, beide Filmregisseure

2010sdafrika-Redaktion: Was verbindet Sie mit Südafrika?

Antwort: Nach vier längeren Arbeits – und Forschungsaufenthalten in Südafrika  habe ich sowohl persönliche Beziehungen als auch ein tieferes Verständnis und weitergehendes Interesse für die komplexe gesellschaftliche Situation dort.

2010sdafrika-Redaktion: Wie fiel die Resonanz der Öffentlichkeit auf „Sunny Land“ aus?

Antwort: Wer ist die ‚Öffentlichkeit‘? Ein selbstfinanzierter, essayistischer Dokumentarfilm wird nur von einer sehr geringen Anzahl von Menschen überhaupt wahrgenommen. Es gab sehr unterschiedliche Reaktionen auf den Film von Interesse über Lob, zu Unverständnis etc.

2010sdafrika-Redaktion: Würden Sie erneut eine Dokumentation zu Südafrika drehen wollen und falls ja, zu welchem Thema?

Antwort: Ich arbeite zur Zeit an einem kürzeren Film über migrantische PhotographInnen in Johannesburg, der sich in der Schnittphase befindet, und die unterschiedlichen Blicke auf die Stadt, als auch das Bildermachen selber thematisiert.

2010sdafrika-Redaktion: Welche künstlerischen Ideen bereiten Sie zurzeit vor und welche Träume würden Sie noch gerne verwirklichen wollen?

Antwort: Es wäre schön, wenn nicht-kommerzielle Filmprojekte zwischen Dokumentation und Fiktion, Kunst und Theorie mehr Finanzierungsmöglichkeiten hätten.

2010sdafrika-Redaktion: Was macht für Sie ein „guter Film“ aus? Welche Zielsetzungen verfolgen Sie mit Ihren Produktionen?

Antwort: Ein ‚guter‘ Film eröffnet für mich neue Sichtweisen, zeigt ungesehenes und setzt das, was wir ‚Wirklichkeit‘ nennen, neu und anders zusammen und regt dadurch zum in Frage stellen oder Nachdenken an.

2010sdafrika-Redaktion: Wir bedanken uns Marietta Kesting für dieses Interview, Filmregisseurin, Fotografin und Wissenschaftlerin.

Berlinale 2011 – Kinematografie Südafrikas wieder dabei

Internationale Filmwelt blickt erneut auf Berlin

(Autoren: Doreen S., Ghassan Abid)

© Logo der Berlinale (Quelle: Wikimedia)

19.000 Fachbesucher aus 128 Ländern, darunter 4.000 Pressevertreter, werden die Internationalen Filmfestspiele Berlin (Berlinale) 2011 von heute an erwartungsgemäß erneut aufsuchen; wie 2010 bereits geschehen. Das 60. Filmfestival wird vom 10. Februar bis 20. Februar 2011 kinematografische Werke aus aller Welt zeigen, unter anderem aus Südafrika. Während im letzten Jahr im Grunde genommen nur ein Spielfilm („The Tunnel“ von  Jenna Bass/ 20 min/ 2009) und  Dokumentarfilm („Sunny Land“ von Aljoscha Weskott u. Marietta Kesting/ 87 min./ 2010) dem Publikum präsentiert wurden, wird die diesjährige Südafrika-Auswahl etwas größer ausfallen.

„History Uncut: Manenberg“ und „History Uncut: Crossroads“ sind zwei historische Kurzfilme unter der Regie von Brian Tilley und Laurence Dworkin, die die Kämpfe der 1980er Jahre zwischen der schwarzen Mehrheitsgesellschaft und dem Apartheidsregime ausführlich dokumentieren. Während Manenberg eine Widerstandskampagne in Kapstadt aus dem Jahr 1989 begleitet, richtet Crossroads seinen Fokus auf die Bürgerwehren der sog. „witdoeke“; von der Polizei unterstützte und mit Waffen versorgte Township-Einwohner zwecks Entfachung eines innerschwarzen Konflikts mit Anhängern des ANC unter Nelson Mandela. Die Verwendung von Archivmaterial des „Afrikavision“, welches teilweise noch nicht im TV veröffentlicht wurde, erweist sich als interessante Idee, deren Umsetzung erst beim Anschauen bewertet werden kann.

Weniger hochpolitisch geht es in der 91 min. langen deutsch-finnisch-südafrikanischen Doku-Produktion „Mama Africa“ von Mika Kaurismäki zu, die das Leben der bekanntesten Sängerin des Landes, Miriam Makeba, würdigt. Makeba, erst 2008 verstorben, setzte sich in ihrem Leben stets für Freiheit, gegen Rassismus und Armut ein. Der Kampf gegen die Apartheid, verfolgte die Musikerin von „Pata Pata“ vom Exil aus sehr ehrgeizig und mit voller Kraft.

„State of Violence“, ein 79 min. Spielfilm aus Frankreich und Südafrika, welcher vom Regisseur Khalo Matabane betreut wurde, ähnelt von der Aufmachung und Story her dem erfolgreichen Film „Tsotsi“ von Gavin Hood. Bobedi, ein wohlhabender 35-jähriger Chef eines Bergbauunternehmens, erlebt die pure Gewalt eines Einbrechers gegenüber seiner Ehefrau Joy, die im gemeinsamen Haus an den Folgen dieses Angriffs verstirbt. Bedacht auf Rache, begibt sich Bobedi auf der Jagd nach dem Mörder seiner Frau in das Township Alexandra; seiner Herkunft. Das Drama entwickelt sich im Verlaufe des Filmes zum knallharten Thriller. In „State of Violence“ spielen Top-Schauspieler wie Presley Chweneyagae, Fana Mokoena, Neo Ntlatleng, Lindi Matshikiza, Vusi Kunene, Harriet Manamela und Mary Twala mit. Das 31. Durban International Film Festival ist mit „State of Violence“ eröffnet worden und erweist sich in seiner kinematografischen Umsetung als  eindeutiger Favorit für die diesjährige Südafrika-Filmauswahl auf der Berlinale 2011.

© Filmposter von "State of Violence" - der Favorit

Bei „Street Kids United“, eine britisch-südafrikanische Produktion aus dem Jahr 2010, bewertet der Regisseur Tim Pritchard in 75 min. den Stellenwert von Fußball für Südafrikas Jugend. Auf jeden Fall wird die Berlinale 2011 mehr zu Südafrika anbieten können, als es 2010 noch der Fall war. Südafrikanische Dokumentationen bleiben der Schwerpunkt, doch mit „State of Violence“ kann Südafrika mit den ausländischen Konkurrenten durchaus mithalten.

Die 2010sdafrika-Redaktion wird das Südafrika-Angebot der Berlinale begleiten und freut sich auf diese Zusammenarbeit; Berichte folgen!


Berlinale 2011-Programm zu Südafrika:

http://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/programmsuche.php?screenings=efm_festival&page=1&order_by=1&section_id=0&cinema_id=0&country_id=144&date_id=0&time_id=0&filterSubmit=OK

2010sdafrika-Artikel zu Berlinale 2010:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2010/02/08/berlinale-2010-mit-drei-sudafrika-produktionen/

2010sdafrika-Artikel zum Filmfestival „Johannesburg Spezial“:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2010/06/07/filmfestival-in-potsdam/

Rezension der Südafrika-Doku SUNNY LAND

Berlinale-Film „Sunny Land“ – eine Filmkritik

(Autor: Ghassan Abid)

Sun City ist Afrikas Abbild des US-amerikanischen Glücksspielparadieses Las Vegas, wo Großveranstaltungen wie der Miss World Contest, das Sun City Golfturnier und Konzerte mit Queen, Cher sowie Frank Sinatra stattfanden. Glückliche Menschen, atemberaubende Naturlandschaften, der Geruch von Reichtum und große Swimmingpools prägen im Dokumentarfilm „Sunny Land“ das Image dieser (umstrittenen) touristischen Anlage.

Begleitet werden diese Sonnenseiten mit Archivmaterial aus TV und Radio. Doch die negativen Gesichtspunkte wurden zu Apartheidzeiten nie thematisiert. Diese Problematik greifen die Regisseure Aljoscha Weskott und Marietta Kesting nun auf. Hierbei bedienen sie sich dem Instrumentarium des Interviews von Schwarzen und Weißen bzw. von Südafrikanern und Ausländern.

Südafrika – für Weiße schön, für Schwarze nicht

Im Mittelpunkt der Befragungen steht Tatho Matabene, ein junger südafrikanischer Mann mit schwarzer Hautfarbe, der seine Freude dahingehend erläutert, dass heute jeder in Südafrika frei und gleich ist. Es wird verdeutlicht, dass für die Weißen Südafrika sehr schön sei, jedoch für die Schwarzen viele Einschränkungen und Diskriminierungen im Alltag auftreten. Die Miss Germany 1992 äußert im Film das Bewusstsein für die Probleme der Unterdrückten, hegt aber zugleich ihre Befürchtungen gegenüber den ANC-Mitgliedern des Freiheitskämpfers Nelson Mandela und übernahm somit die Propaganda der Rassisten, wie viele einstige Besucher von Sun City.

Das Apartheidregime wollte die schwarze Mehrheitsbevölkerung im Rahmen des Konzeptes der „Großen Apartheid“ aus dem Lande verdrängen, indem sogenannte Homelands in die Unabhängigkeit entlassen und nur durch Südafrika als eigene Nationen anerkannt wurden. Konsequenz war die Ausbürgerung von Schwarzen mit einer Abschiebung in die Homelands, das quasi „Ausland“ war. Das Homeland Bophuthatswana mit Sun City auf seinem Territorium, diente schließlich auch dem simplen Grundsatz der Rassentrennung „blacks ruled by whites“.

Gute Idee – dennoch ein Reinfall

Der Versuch das System der Apartheid mit Sun City zu erklären ist durchaus als gute Idee aufzufassen, jedoch erweist sich die Umsetzung dessen als Reinfall. Der Kontrast zwischen Sonnenseite und Schattenseite konnte nicht an den Zuschauer transportiert werden. Ebenfalls verliert man sich im Film permanent in monotonen und sehr oberflächlichen Erzählungen, die das Interesse an der Doku zunehmend abflauen lassen. Es ist anzumerken, dass Aljoscha Weskott und Marietta Kesting mit Sunny Land erstmalig auf internationaler Bühne als Regisseure auftreten und sich dementsprechend noch in der Experimentierphase befinden. Die für Analysen der Erinnerungskulturen in Afrika erprobte Kesting und der bisher als Darsteller aufgetretene Weskott werden die Erwartungen der Zuschauer nicht befriedigen können.

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2010sdafrika-Artikel beim Gazelle Magazin veröffentlicht:

http://www.gazelle-magazin.de/cultura/film/newsdetails/article/14/1265857000.html

Filmdatenblatt von Sunny Land auf Berlinale-Website:

http://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20103493.pdf

Berlinale 2010 mit drei Südafrika-Produktionen

Die Filmwelt schaut für 10 Tage nach Berlin

(Autor: Ghassan Abid, Susanne Zeckler)

Vom 11. bis 21. Februar 2010 wird wieder das Filmfestival in Berlin – die Berlinale – zum 60. Mal Regisseure, Schauspieler, Journalisten und Neugierige aus aller Welt empfangen. In diesem Jahr stehen lediglich 3 Filme aus Südafrika auf dem Programm, jedoch nur einer mit Fokus aufs eigene Land. Welche Filme nun auftreten und was konkret thematisiert wird, sagt euch die 2010sdafrika-Redaktion:

 

Film Regie Inhalt
THE TUNNEL(Genre: Spielfilm)

Jahr: 2009, Länge: 25 min

Jenna Bass 80er Jahre in Zimbabwe: Die Geschichtenerzählerin Elizabeth sucht in einem Guerillacamp nach Hilfe für sich und ihre Dorfbewohner. Diese bekommt sie nur, wenn sie eine Begründung abliefern kann, sodass sie von ihrem Dorf eine Geschichte erzählt – eine Story basieriend auf Realität und Phantasie.
Congo in Four Acts (Genre: Spielfilm)

Jahr: 2010, Länge: 72 min

Dieudo Hamadi, Divita Wa Lusala, Patrick Ken Kalala, Kiripi Katembo Siku Der Film behandelt den Alltag in einer Entbindungsstation in der DRKongo. Viele der Mütter können dieses Hospital nicht verlassen, weil die Rechnungen nicht bezahlbar sind. Armut und Bürokratie bestimmen schon bei der Geburt das Schicksal von Mutter und Kind.
Sunny Land(Genre: Doku)

Jahr: 2010, Länge: 87 min

Aljoscha Weskott, Marietta Kesting  Das zu Apartheidzeiten in den 80er Jahren errichtete Sun City –Afrikas Antwort auf Las Vegas– erschien wie ein Paradies für Touristen, Stars und Journalisten. Doch die negativen Gesichtspunkte wurden im Südafrika des Rassismus nie thematisiert. Sun City als einzelnes Rädchen im Konstrukt der Rassentrennung wird in dieser Doku mit Archivmaterial veranschaulicht.

Fil

Berlinale-Programm 2010:

http://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/programmsuche.php