Schlagwort-Archive: Mehrheit

Ungleiche Wohlstandsverteilung in Südafrika

Im Interview mit Anna Mayumi Kerber, freie Afrika-Journalistin

(Autor: Ghassan Abid)

© Anna Mayumi Kerber, freie Afrika-Journalistin mit aktuellem Wohnsitz in Nairobi. Sie berichtet für mehrere deutsche Medien über die Entwicklungen in Ostafrika und im südlichen Afrika. Zurzeit hält sich die Journalistin im Hinblick auf die Wahlen in Harare, der Hauptstadt von Simbabwe, auf.

© Anna Mayumi Kerber, freie Afrika-Journalistin mit aktuellem Wohnsitz in Nairobi. Sie berichtet für mehrere deutsche Medien über die Entwicklungen in Ostafrika und im südlichen Afrika. Zurzeit hält sich die Journalistin im Hinblick auf die Wahlen in Harare, der Hauptstadt von Simbabwe, auf.

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Frau Anna Mayumi Kerber, freie Afrika-Journalistin. Sie leben seit Kurzem in Nairobi, der Hauptstadt Kenias. Was hat Sie nach Afrika verschlagen?

Antwort: Ich bin erst seit einem Jahr in Nairobi. Allerdings bin ich – mit Unterbrechungen – nun etwa vier Jahre in sub-Saharischen Ländern unterwegs. Angefangen hat es mit Südafrika. Seit ich in Gymnasiumszeiten Alan Patons „My beloved country“ gelesen habe, und mich dann mit dem Land und seiner Geschichte zu auseinandersetzen begann, wollte ich ans Kap. Ich war fasziniert von der komplexen Vergangenheit und ebenso komplexen gegenwärtigen Dynamik Südafrikas. Nach dem Studium kam dann der richtige Moment für mich. Ich zog Anfang 2008 nach Südafrika und seither hat mich der Kontinent nicht mehr – oder nur mehr temporär – losgelassen.

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Nur ein Sieg zählt

Viertelfinalspiel gegen Mali mit großer (An-)Spannung erwartet. Der Pokal soll am Kap bleiben

(2010sdafrika-Redaktion)

– Afrika-Cup 2013-Spezial –

Einst beschrieb Fußballfunktionär Franz Beckenbauer die populäre Ballsportart mit dem Satz: „Ja gut, es gibt nur eine Möglichkeit: Sieg, Unentschieden oder Niederlage!‘‘. Jede Fußballnationalmannschaft strebt allerdings den Sieg an und dies vor allem dann, wenn ein sportlicher Wettbewerb im eigenen Land stattfindet. Südafrikas Jungs von Bafana Bafana wollen im Moses Mabhida Stadium in Durban an diesem Anspruch festhalten. Das heutige Viertelfinalspiel gegen Mali soll mit einem Sieg für Südafrika ausgetragen werden. Ein Unentschieden oder eine Niederlage stellen keine Option für den Gastgeber dar.

© Südafrikas Fußball-Fangemeinde schaut optimistisch in die heutige Viertelfinalbegegnung gegen Mali. Die bisherige sportliche Bilanz von Bafana Bafana verlief mit dem 0:0-Unentschieden gegen Kap Verde anfänglich enttäuschend, konnte sich mit dem 2:0-Sieg gegen Angola zum Positiven wenden. Das Spiel gegen Marokko mit einem 2:2-Unentschieden verdeutlichte die taktischen Schwächen von Bafana Bafana. Heute muss ein Sieg her. Südafrika will den Einzug ins Halbfinale. (Quelle: flickr/ GovernmentZA)

© Südafrikas Fußball-Fangemeinde schaut optimistisch in die heutige Viertelfinalbegegnung gegen Mali. Die bisherige sportliche Bilanz von Bafana Bafana verlief mit dem 0:0-Unentschieden gegen Kap Verde anfänglich enttäuschend, konnte sich mit dem 2:0-Sieg gegen Angola zum Positiven wenden. Das Spiel gegen Marokko mit einem 2:2-Unentschieden verdeutlichte die taktischen Schwächen von Bafana Bafana. Heute muss ein Sieg her. Südafrika will den Einzug ins Halbfinale. (Quelle: flickr/ GovernmentZA)

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Erst Polokwane, dann Mangaung

3.000 Delegierte votierten für Zuma, nur 990 Personen für Motlanthe. Zuma fordert Parteigeschlossenheit

(Autoren: Ghassan Abid, 2010sdafrika-Redaktion)

– ANC-Parteitag-Spezial –

Zuerst wurde gestritten, dann mobilisiert und nun gewählt. Jacob Zuma ist mit einer eindeutigen Mehrheit für eine zweite Fortdauer seines Amtes als Parteivorsitzender bestätigt worden. Rund 3.000 von 4.500 Delegierten votierten für Zuma, während lediglich knapp 990 ANC-Repräsentanten für Kgalema Motlanthe stimmten. Diese Zweidrittelmehrheit für Zuma bestätigt dessen Machtstellung und widerlegt somit erwartungsgemäß die Berichterstattung der letzten Wochen.

    © Jacob Zuma ist auf dem 53. Bundesparteitag des Afrikanischen Nationalkongresses in Mangaung für eine zweite Amtszeit als ANC-Vorsitzender bestätigt worden. Somit wird er in 2 Jahren als Präsidentschaftskandidat antreten. Zuma konnte sich bereits vor 5 Jahren gegen seinen Rivalen Thabo Mbeki durchsetzen. Kgalema Motlanthe ist von seinem Amt als Vizepräsident durch Cyril Ramaphosa verdrängt worden. (Quelle: flickr/ GovernmentZA)

© Jacob Zuma ist auf dem 53. Bundesparteitag des Afrikanischen Nationalkongresses in Mangaung für eine zweite Amtszeit als ANC-Vorsitzender bestätigt worden. Somit wird er in 2 Jahren als Präsidentschaftskandidat antreten. Zuma konnte sich bereits vor 5 Jahren gegen seinen Rivalen Thabo Mbeki durchsetzen. Kgalema Motlanthe ist von seinem Amt als Vizepräsident durch Cyril Ramaphosa verdrängt worden. (Quelle: flickr/ GovernmentZA)

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Kap-Kolumne: Der Homeland-Eklat

Nobelpreisträger de Klerk löst Welle der Empörung in Südafrika aus

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Das war zu erwarten. Die Interview-Äußerungen des Frederik Willem de Klerk lösen Empörung aus. Der Friedensnobelpreisträger (zusammen mit Nelson Mandela) erzählt einer CNN-Reporterin, was er wirklich denkt, über die Philopsophie und Politik seiner ehemaligen Partei. Rassentrennung sei zwar verwerflich, die „Homelands“, also die Trennung der südafrikanischen Bevölkerung nach Rassen und Stämmen, sei jedoch richtig gewesen. Ein Hörer im Radio brachte es auf den Punkt: Das sei als würde ein Deutscher sagen, der Holocaust war im Prinzip gut und richtig, nur die Ausführung war verwerflich. Dass de Klerk über seine Stiftung verlauten ließ, seine Aussagen seien „aus dem Zusammenhang gerissen“ zitiert worden, ist gewiss als reflexartige Politiker-Reaktion zu vernachlässigen.

© Nobelpreisträger de Klerk äußerte sich gegenüber der CNN-Reporterin Christianne Amanpour dahingehend, dass die Rassentrennung zwar verwerflich, die „Homelands“ - also die Trennung der südafrikanischen Bevölkerung nach Rassen und Stämmen - jedoch richtig gewesen sei. Dieser wirftdem US-Sender CNN infolge der nationalen Empörung eine verzerrte Darstellung seiner Aussagen vor. (Quelle: flickr/ FW de Klerk Foundation)

© Nobelpreisträger de Klerk äußerte sich gegenüber der CNN-Reporterin Christianne Amanpour dahingehend, dass die Rassentrennung zwar verwerflich, die „Homelands“ – also die Trennung der südafrikanischen Bevölkerung nach Rassen und Stämmen – jedoch richtig gewesen sei. Dieser wirft dem US-Sender CNN infolge der nationalen Empörung eine verzerrte Darstellung seiner Aussagen vor. (Quelle: flickr/ FW de Klerk Foundation)

Die Debatte über die Auslassungen des letzen Apartheid-Präsidenten ist jedoch erstaunlich unaufgeregt. Die einen sagen, quasi bedauernd: Da demontiert einer sein eigenes Denkmal. Die anderen: Das ist nichts Neues, so denkt ohnehin die Mehrheit der weißen Minderheit. Beides ist richtig.

F.W. de Klerk tut sich und seinem Ruf als „Totengräber“ der Apartheid keinen Gefallen. Mit seinem Namen verbunden sind die Befreiung Nelson Mandelas und seiner Mitgefangenen, die Aufhebung des Verbots des ANC, der SACP, des PAC sowie anderer Anti-Apartheid-Organisationen und die Einleitung eines Prozesses der Rückführung Südafrikas in die Staatengemeinschaft. Aber zu glauben – de Klerk und seine damaligen Mitstreiter hätten ihre grundlegende Weltsicht geändert – ist naiv. Das politische System der Apartheid war am Ende. Es war wie ein Mühlstein um den Hals der Wirtschaft geworden, der das Land zu ersaufen drohte. Hinzu kamen die internationale Isolation sowie der breite Widerstand im Land. De Klerk und die Seinen waren zu der Erkenntnis gekommen, um die ökonomische Macht der Weißen zu retten, müssen sie ihre politische Macht teilen oder ganz abgeben. Und so ist es ja auch gekommen. Das ist im Kern der „historische Kompromiss“, der dem Land die ersten freien und allgemeinen Parlamentswahlen, den ersten schwarzen Präsidenten und die erste gewählte schwarze Regierung brachte. Aber die tiefgreifende soziale Spaltung Südafrikas ist geblieben; hat sich sogar verschärft.

Ex-Präsident de Klerk im besagten Interview mit CNN (Ausschnitt)

Die jüngsten Interview-Aussagen F.W. de Klerks sind, denke ich, keine unbedachten oder von böswilligen Journalisten verdrehten Worte. Er drückt das aus, was viele Menschen hier denken, und mit dem sich die südafrikanische Gesellschaft verschärft auseinandersetzen wird.

Hinweis der 2010sdafrika-Redaktion: „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ steht mit de Klerk seit einiger Zeit in Kontakt. Demnächst erscheint auf diesem Online-Medium ein Exklusiv-Interview zur Bewertung der gegenwärtigen Politik in Südafrika.

Insight into Orania

1000 inhabitants, 10000 fellows and 70 businesses making Afrikaner homogeneity possible

(Autor/ Editor: Ghassan Abid)

Deutsche Interview-Zusammenfassung:

Exklusiv konnte „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ einen Einblick in Orania erhalten und mit dem Vorsitzenden der Orania-Bewegung ein Interview führen.  Bei Orania handelt es sich um eine nach außen abgeschottene Burengemeinschaft, die auf ihre eigene soziopolitische Souveränität beharrt. Bislang ist es nur Spiegel Online und NZZ Online gelungen, diesbezügliche Hintergrundinfos zu bekommen. Orania ist jener Ort, welcher als letzte Bastion der Apartheid bezeichnet wird und 1990 als privatrechtliches Unternehmen gegründet wurde. Einem Ort, in welchem keine schwarzen und farbigen Bürger wohnen dürfen, sondern nur weiße Afrikaner – die Buren. Einer Zuflucht für und von „Rassisten“, die über eine eigene Ora-Währung verfügt. Hingegen duldet die südafrikanische Regierung die Orania-Gemeinschaft und zeigte darüber hinaus bereits mehrfach die Gesprächsbereitschaft. Jacob Zuma und Julius Malema statteten dieser Gemeinschaft einen Besuch ab, welche sich selber auf das Selbstbestimmungsrecht nach Artikel 235 der südafrikanischen Verfassung beruft. „Die Erhaltung der Afrikaner-Kultur“ und die Aufrechterhaltung einer kulturellen Mehrheit werden als oberste Ziele verfolgt, so der Vorsitzende von Orania, Jaco Kleynhans. 1.000 Afrikaner und 10.000 Oraniërs [Sympathisanten] bekennen sich zum eigenen homogenen Gesellschaftsmodell im heterogenen Staatsmodell Südafrikas. Rund 70 Geschäfte bestehen in Orania, so Kleynhans. Auf die Frage hin, ob Orania nicht gegen Artikel 1 der Verfassung verstoße, wonach nicht nach rassischen (non-racial) Kriterien diffenziert werden darf, erwidert er, dass Orania vielmehr eine Gemeinschaft mit kultureller Identität sei. Orania hat nach eigenen Aussagen nur Kleinkriminalität und keine Arbeitslosigkeit. Jedoch betont Jaco Kleynhans, dass zunehmend mehr Afrikaner dorthin ziehen möchten und die Gemeinschaft dementsprechend an ihre Grenze stößt. Verbindungen zur Rassistenpartei ´Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB)´ von Eugène Terre’Blanche bestehen laut Kleynhans nicht. Die Anwendung von Gewalt, so der Interviewte, verstoße gegen die die Prinzipien von Orania. Hinsichtlich der Informationen, wonach verschiedene Parteien Südafrikas in Orania Wahlkampf betreiben, betont Kleynhans, dass in der Gemeinschaft solche Vereinigungen nicht zugelassen sind und vielmehr nach dem Verhältniswahlrecht gewählt wird. Denn Orania verfügt auch über eine eigene Volksvertretung; einem Quasi-Parlament. Zur abschließenden Frage, was der Vorsitzende vom deutschen Multikulti-Modell halte, lässt er diese im Grunde genommen unbeantwortet bzw. beruft sich erneut auf das Selbstbestimmungsrecht und diesmal im Kontext mit der deutschen Minderheit im italienischen Südtirol. Die Veröffentlichung dieses Beitrages fällt bewusst auf den heutigen ´Internationalen Tag gegen Rassismus´ und soll verdeutlichen, dass weiterhin enormer Handlungsbedarf bei der Bekämpfung von Vorurteilen besteht – vor allem in Südafrika.

© Orania-Flagge - Selbstbestimmungsrecht in Form eigener Symbolik und unter der Duldung der südafrikanischen Regierung

© Jaco Kleynhans, CEO of the Orania Movement

2010sdafrika-editorial staff: We would like to welcome on „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“, the German Gateway to South Africa, Mr. Jaco Kleynhans, CEO of the Orania Movement.  The Orania Movement has been established in 1990. You are holding an enterprise character within South Africa. What does it mean, that Orania is an „Afrikaans cultural movement with the aim to restore Afrikaner freedom in an independant, democratic Republic“?

Answer: The Orania Movement believes that the future of Afrikaners in ‘n multi-cultural South African wil depend on our own efforts to preserve our culture in a part of South Africa where we can be the majority. The North West Cape is an area with a very small population and therefore we want Afrikaners to move here in larger numbers so that we can be the majority in the region and therefore control things like education, local government, etc.

2010sdafrika-editorial staff: How many Afrikaner and shops/ firms are placed in Orania? Is your community getting foreign investments? And what is about taxes?

Answer: Taxes in Orania is the same than in the rest of South Africa. There’s about 1000 people living in Orania with thousands more ‘uitwoners’ (people who call themselves ‘Oraniërs’ but who don’t live in Orania yet. There’s about 70 businesses registered in Orania and economic development is a strong focus.

2010sdafrika-editorial staff: Are blacks or coloured allowed to live in Orania and if not, isn´t transgressing the article one of the South Africa constitution: „The Republic of South Africa is one, sovereign, democratic state founded on the following values: … Non-racialism and non-sexism…“ ?

Answer: Orania doesn’t focus on race, but only on culture. We’re a took for Afrikaners – thus people adhering to Afrikanerculture.

2010sdafrika-editorial staff: How far is poverty, unemployment and crime facing Orania?

Answer: We don’t have much crime, only minor crimes from time to time. There is nearly no unemployment in Orania. There is an increase in poor Afrikaners moving to Orania and we are trying to find sustainable solutions for Afrikaner poverty. We do have a large worker class in Orania and people may sometimes view them as ‘poor’ as most Afrikaners still cant understand the need for a strong Afrikaner working class.

2010sdafrika-editorial staff: In German Media, the Orania Movement has been described as the last colony of racists in South Africa after Apartheid. Does relations existing between Orania and the by Eugène Terre’Blanche founded Afrikaner Weerstandsbeweging (AWB)?

Answer: Orania has no relationship with the AWB and we strongly differ in strategy from them. We don’t believe in the use of violence and strongly condemn the violent actions by right wing Afrikaner organisations in the past.

2010sdafrika-editorial staff: The South African government is toleranting your movement. Orania has been visited by coloureds and blacks; in 2009 by ANCYL president Julius Malema and in 2010 by president Jacob Zuma. What do you think about the reasons, that your project hasn´t been prohibited yet?

Answer: What we’re doing in Orania is in line with the South African government and specifically article 235 which give cultural communities the right too selfdetermination.

2010sdafrika-editorial staff: In 2004, Orania introduced its own currency, which called Ora. Which meaning has local money in a globalized world? And is the South African Rands accepted in Orania?

Answer: The Rand is accepted in Orania. The Ora is used to improve local trade and is an internationally recognised model of localization.

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2010sdafrika-editorial staff: The Orania Representative Council is acting like a parliament. Is it right, that the Democratic Alliance (DA) and Congress of the People (COPE) competed in the election of 2009? Is it allowed to the ANC to participate in Orania elections?

Answer: Our local election isn’t based on political parties so no political party can take part in Orania elections. We vote for individuals. In the South African municipality around us any party can take part in that election and we also host an polling place in Orania.

2010sdafrika-editorial staff: What do you think about multicultural societes like Germany?

Answer: We simply believe in the right of all cultural groups to practice their own culture, language, religion and traditions in a fair way. We also strongly believe in selfdeterminination and therefore support the efforts by the Flemish people in Belgium , the German speaking people in South Tyrol (Italy), the Catalions in Spain and the French speaking people in Quebec (Canada) as they strive for greater selfdetermination.

2010sdafrika-editorial staff: Jaco Kleynhans, CEO of the Orania Movement, thank you very much for this insight interview!

Helen Zille – Visionärin am Kap

„20 Prozent aller DA-Wähler sind Schwarze“ – Interview-Termin bei Helen Zille

Ein Gastbeitrag von Silke Sandkötter, Journalistin und Bloggerin

Die Sessel und Sofas des Empfangszimmers im Regierungssitz an der Wale Street 7 in Kapstadt sind ziemlich plüschig. „Wo denn wohl die Premierministerin sitzt?“, lautet die Frage vor dem Gespräch. Die Empfangsdame zeigt auf den großen Ohrensessel an der Kopfseite des Tisches. Rund zehn Minuten später betritt Premierministerin Helen Zille den Raum. In der Hand eine Dose Cola light und unter dem Arm eine hellblaue Besprechungsmappe. Sie kommt alleine zum Interview. Ohne Pressesprecher. Ohne Mitarbeiterstab.

Noch erstaunlicher ist, dass sie prompt am großen Ohrensessel vorbei steuert und auf dem kleinen Sofa Platz nimmt. Da sitzt sie nun in ihrer hellblauen Rüschenbluse, blickt mit freundlichen und aufmerksamen Augen auf ihren Gesprächspartner. Ein überraschender und schneller Auftritt. Davon hat sie viele, die 60-jährige Powerfrau vom Kap. Der südafrikanische Friedensnobelpreisträger Erzbischof Desmond Tutu sagte laut Medienberichten einst über sie: „Sie ist eine bemerkenswerte Lady. Und sie ist gut für unser Land. Der rassistische Jugendführer des Afrikanischen Nationalkongresses (ANCYL), Julius Malema, nennt sie hingegen ein „rassistisches kleines Mädchen“. Konträrer könnten die Meinungen gar nicht sein.

© Helen Zille, vom Journalismus in die Politik (Quelle: Silke Sandkötter)

Weltbürgermeisterin 2008

Helen Zille provoziert. Sie, die Weltbürgermeisterin des Jahres 2008, die Vorsitzende der größten Oppositionspartei Südafrikas, der Demokratischen Allianz, ist zur größten Gegnerin für Südafrikas Präsidenten Jacob Zuma geworden. 2009 schaffte sie das bis zu dem Zeitpunkt schier Unmögliche. Sie nahm dem Afrikanischen Nationalkongress (ANC) in der Provinz Westerkap die Mehrheit ab und wurde zur Premierministerin gewählt. Dort setzt sie zielstrebig und unermüdlich den Kampf gegen Korruption, gegen Rassismus und Armut fort.

Die Tochter deutscher Emigranten, die aus Nazi-Deutschland flohen, geht dabei mitunter sehr unkonventionelle Wege. Zille ruft ihre Wähler auch schon einmal über die Sozialen Netzwerke zu Flashmobs auf. „Ist doch klar, dass ich diese Netzwerke nutze“, erzählt Helen Zille an diesem Freitagmorgen im Regierungssitz. „Ich habe immerhin 83.000 Follower bei Twitter und über 210.000 Freunde bei Facebook.“ Näher und schneller kommt man nach Auffassung der deutschstämmigen Politikerin kaum an seine Wähler ran.

Eigener Twitteraccount

Wir nutzen Twitter, Facebook, SMS, E-Mail und verfügen über ein unglaubliches Netzwerk, das wir einsetzen können und mit dem wir sehr viele Menschen erreichen.“ Bereits früh um 6.30 Uhr hat die Politikerin an diesem Morgen die ersten Tweets gesendet, hat Anfragen ihrer Wähler und Nicht-Wähler beantwortet. Ob sie den verifizierten Twitter-Account tatsächlich selber bedient? „Selbstverständlich!“, ist ihre kurze Antwort.

Vor ihrer politischen Karriere hat Helen Zille als Journalistin für „The Rand Daily Mail“ gearbeitet. Dort deckte sie durch intensive Recherche die Wahrheit und die Hintergründe über den Tod des Bürgerrechtlers Steve Biko auf. Eine Geschichte, die ihr viel Respekt und Glaubwürdigkeit eingebracht hat.

Überhaupt hat ihr dieser Beruf als Journalistin viele Voraussetzungen beschert für ihre politische Karriere. „Ich kann umfangreiche Dokumente schnell erfassen und auf den Punkt bringen und ich kann zudem auch Druck gut ertragen“, weiß sie.
Und nicht zuletzt hat sie das schnelle Tippen dadurch gelernt. Eine Sache, die ihr bei Twitter sehr hilft. Dort gibt es mit 140 Zeichen den ganzen Tag Informationen zur Politik, zu aktuellen Themen und zur Person Helen Zilles. Oft mit viel Humor oder mit einem bissigen Kommentar.

© Logo der DA

Blick nach Europa

Helen Zille, deren Mutter gebürtig aus Essen kommt, verfolgt deutsche und europäische Politik sehr intensiv. Insbesondere die Euro-Krise beschäftigt sie. „Diese Krise hat viele Auswirkungen auf unser Land und die wirtschaftliche Entwicklung Südafrikas. Wenn der Euro scheitert, dann bekommt unser Wirtschaftssystem einen Knockout“, ist sie überzeugt.

Viele Hoffnungen für ein Südafrika ohne Korruption und Rassismus ruhen auf den Schultern der Oppositionspartei. „Das wird mir immer wieder bestätigt, sogar von Wählern des ANC“, schmunzelt Helen Zille, die übrigens neben Englisch, Afrikaans und Deutsch auch noch Xhosa spricht.

Die Demokratische Allianz ist ihrer Meinung nach auf einem sehr guten Weg. Kontinuierlich hat die Partei bei jeder Wahl seit 1994 an Stimmen zugelegt. Dafür kämpft Helen Zille täglich. Bei der letzten Kommunalwahl hat die DA immerhin 24 Prozent geholt und damit jede vierte Stimmen gewonnen. Längst wird die Oppositionspartei nicht mehr nur von Weißen gewählt. „20 Prozent aller DA-Wähler sind Schwarze“, weiß Helen Zille. Zugleich ist sie überzeugt, dass sie noch einen längeren Weg vor sich hat.

Optimistische Zukunft

Warum, dafür hat sie eine Erklärung: „Die DA hat etwas gemacht, was bislang noch nie eine Partei auf der ganzen Welt gemacht hat. Und das ist, dass man ein Mehrheitsvotum für eine liberale Philosophie in einem tief geteilten, ethisch geteilten und historisch konflikt-geteilten Land bekommen will. Das hat noch nirgends eine Partei geschafft.“ Die Erfolge in Regionen, die sie bislang nie gewinnen konnten, lassen sie dabei optimistisch in die Zukunft blicken.

Helen Zille glaubt an eine gute Zukunft ihres Landes: „Südafrika zeigt jedes Mal, dass das Land die Zeichen der Zeit erkannt hat, wenn wir mit dem Rücken zur Wand stehen. Wir sind eine Nation, die alle Probleme diskutiert. In Südafrika sagen wir immer, dass Dinge nie so schlimm, oder so gut sind, wie sie zuerst erscheinen. Die Menschen nehmen sich der Themen an, debattieren sie, machen sie sichtbar und sind hartnäckig dabei, sie zu lösen.

Ob sie jemals Präsidentin von Südafrika werden möchte? Eine Frage, die der Premierministerin häufig gestellt wird und die sie doch so gar nicht mag. Aber auch darauf hat Helen Zille eine Antwort: „Das Amt des Präsidenten ist es nicht, was mich und meine Arbeit motiviert. Was mich vielmehr motiviert, ist, dass dieses brillante, wundervolle, vielfältige und herrliche Land Erfolg hat. Der einzige Weg, wie wir das erreichen können, ist, dass wir ein System bekommen, das Rechte schützt, Möglichkeiten nutzt und es Menschen ermöglicht, ein Leben zu führen, das es wert ist. Das ist mein Ziel, seitdem ich als Teenager politisch aktiv bin, und das wird hoffentlich auch in Zukunft mein Ziel sein.

„You ANC nothing yet“

Eine Aufgabe, für die sie eine enorme Energie benötigt. Die sie aber zweifelsohne hat. Schon als Kind brauchte sie nach Aussage ihrer Mutter kaum Schlaf. Und das hat sich bis heute fortgesetzt. „Außerdem liebe ich meinen Beruf und ich brauche den Druck“, erzählt Helen Zille. Dann überlegt sie kurz, um im nächsten Satz festzustellen, dass sie sogar manchmal davon überzeugt ist „süchtig nach Druck zu sein“.

Und dann ist das Interview vorbei und Helen Zille greift als erstes wieder zu ihrem Blackberry und twittert. „ANC, ANC, ANC…“, lautet die Nachricht, die ihr ein Nutzer via Twitter geschickt hat. Grinsend kontert die Premierministerin „You ANC nothing yet, mate!“, was aus dem Song „You Ain‘t Seen Nothing yet“ stammt und soviel bedeutet wie „Du hast ja keine Ahnung, Kumpel“. Sprichts, schickt den Tweet ab und erhebt sich aus dem plüschigen Sofa. Und wieder geht ein Punkt an sie.

Silke Sandkötter im Interview mit „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2010/12/29/nach-der-wm-euphorie-droht-die-presseregulierung/