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DA gewinnt Kontrolle über 133 ANC-Kommunen

Jacob Zuma bleibt der große Sieger, verliert jedoch Stammwählerschaft – eine Wahlanalyse

(Autor: Ghassan Abid)

Redaktionelle Richtigstellung: Die DA hat die Macht in der NMA-Nelson Mandela Bay Municipality entgegen unserer ersten Meldung vom ANC nicht übernehmen, sondern deutlich ausbauen können. Der Artikel ist bereits korrigiert worden. Einen Dank an den User Johannes für den Hinweis an die 2010sdafrika-Redaktion!

Nun ist es offiziell: Der African National Congress (ANC) bringt knapp 61 Prozent aller Stimmen auf sich, während die größte Oppositionspartei Democratic Alliance (DA) rund 23,80 Prozent an Wählerstimmen gewinnen kann. In absoluten Zahlen bedeutet dies, dass von den 13.353.987 Wählern rund 8,143 Mio. Südafrikaner dem ANC ihr Vertrauen aussprachen. Im Vergleich hierzu wählten 3,177 Mio. Bürger die DA von Helen Zille. Auf diesem Wege wird die DA die bisherige ANC-Repräsentation in 133 Kommunen absetzen, während die Regierungspartei die Macht über 5 DA-Gemeinden übernimmt.

Die Wahlbeteiligung bei den Kommunalwahlen 2011 von 57,6 Prozent fällt höher aus, als bei den Wahlperioden zuvor mit jeweils rund 48 Prozent. Für den Congress of the People (Cope) unter dem Parteichef Mosiuoa Lekota, eine Splitterpartei des ANC, war es die erste Kommunal- und Regionalwahl, welche ernüchternd ausfiel. Auch für die National Freedom Party (NFP), welche sich in diesem Jahr von der Inkatha Freedom Party (IFP) abgespalten hatte, ist es die erste große Prüfung gewesen.

Kommunalwahlen 2000 Kommunalwahlen 2006 Kommunalwahlen 2011
WahlergebnissePartei Ergebnis in absolute Wählerzahlen Ergebnis in Prozent Ergebnis in absolute Wählerzahlen Ergebnis in Prozent Ergebnis in absolute Wählerzahlen Ergebnis in Prozent
African National Congress (ANC) 8,868 Mio. 61,76% 6,315 Mio. 64,07% 8,143 Mio. 60,98%
Democratic Alliance (DA) 2,812 Mio. 19,59% 1,595 Mio. 16,19% 3,177 Mio. 23,80%
Inkatha Freedom Party (IFP) 1,458 Mio. 10,15% 740135 7,51% 478400 3,58%
Congress of the People (Cope)

274074 2,05%

Quelle: Eigene Grafik, basierend auf Zahlen der IEP

Nach Angaben der DA wird davon ausgegangen, dass der Anteil an schwarzen Wählern von einem Prozent auf rund 5 Prozent ausgebaut werden konnte. Dies sind ungefähr eine halbe Million Bürger.

Größter Erfolg für die DA dürfte der Machtausbau in der Nelson Mandela Bay Municipality (Zusammenschluss der Kommunen Port Elizabeth, Uitenhage und Despatch) in der Provinz Eastern Cape sein. Die Nelson Mandela Bay Municipality gilt als eine der wichtigsten Hochburgen des ANC und konnte durch diese knapp gehalten werden. Konstant bleibt die starke ANC-Sympathie insbesondere in den ländlichen Gebieten des Landes, welches die hohen Wählerstimmen begründet. Der Besuch von Präsident Jacob Zuma beim Nationalhelden Nelson Mandela am 17. Mai 2011, also einem Tag vor dem Wahltermin, konnte die Verbundenheit mit der schwarzen Mehrheitsgesellschaft weiterhin festigen. Nach Erkenntnissen von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ verlor der ANC ebenfalls in den Townships an messbarer Sympathie. Die Korrespondenz bestätigt, dass die ausbleibende Lösungsbereitschaft der Regierung – etwa im Hinblick auf den Wasser- sowie Stromzugang und auf die fortwährende Perspektivlosigkeit – bei den Menschen weiterhin für viel Unmut sorgt.

© Wahlerfolge für den ANC werden zunehmend schwieriger

Die politischen Analysten Südafrikas kommen zu weiteren interessanten Erhebungen. Tinyiko Sam Maluleke von der renommierten University of South Africa (UNISA) erkennt bei der DA in gewisser Weise einen Paradigmenwechsel. Die DA hat sich unter anderem im Armenviertel von Mamelodi bei Pretoria sehr intensiv mit den Problemen der schwarzen Südafrikanern auseinandergesetzt. Diese „leidenschaftliche“ Wähleranwerbung ist durch rhetorische Tricks der DA-Führung optimal ergänzt worden, beispielsweise durch die bewusste Einbindung lokal-afrikanischer Wörter in Interviews mit Helen Zille. Der Journalist und Kolumnist Sandile Memela bewertet die derzeitige Wahl dahingehend, dass jeder der den ANC zu hassen beginnt, im Anschluss die DA wählt. Dieser Wählerschwund ist den Statistiken deutlich zu entnehmen (siehe oben dargestellte Tabelle). Demnach verlor der ANC bei den Kommunalwahlen 2011 im Vergleich zu 2006 rund 3 Prozentpunkte, während die DA ihren Stimmenanteil um rund 8 Prozentpunkte ausbauen konnte.

Die Independent Electoral Commission (IEP), die unabhängige Wahlkommission Südafrikas unter der Führung von Dr. Brigalia Bam, bescheinigt hingegen freie und faire Wahlen. Diese nach Section 190 der südafrikanischen Verfassung zuständigen Institution obliegt es, die Wahlen auf nationaler, provinzieller und lokaler Ebene zu organisieren. Südafrikas junge Demokratie entwickelt sich in eine positive Richtung, so die abschließende Stellungnahme der IEP.

Berlinale 2011: Der Südafrika-Veranstaltungsbericht

„SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ bewertet Filmfestival

(Autoren: Annalisa Wellhäuser, Doreen S., Ghassan Abid)

© Logo Berlinale (Quelle: Wikimedia)

Die Berlinale 2011 war auch in diesem Jahr eine interessante deutsche „Have To See-Veranstaltung“  in punkto Kultur aus Südafrika. Mit freundlicher Unterstützung der Berlinale-Sektion Generation, durfte die 2010sdafrika-Redaktion ausgewählte Veranstaltungen besuchen und hierüber einen Bericht ablegen. Mit „History Uncut: Manenberg“ und „History Uncut: Crossroads“ wurde Südafrika während der Apartheid dokumentarisch unter die Lupe genommen, während im Spielfilm „State of Violence“ das Augenmerk auf das Südafrika von heute gerichtet wurde, auf die Probleme und Herausforderungen dieser jungen Demokratie.

Afravision (Brian Tilley, Laurence Dworkin)

History Uncut(von Annalisa Wellhäuser)

Kokuratiert von Darryl Els und Claus Löser

Sonntag, 13.02.2010, Kino Arsenal am Potsdamer Platz in Berlin

Episode 1: Crossroads

Licht aus, Film ab und Augen auf: Wie durch eine Zeitmaschine in die Vergangenheit katapultiert bin ich auf einmal im Mai/ Juni 1986 im ehemaligen Apartheid-Staat Südafrika. Ort des Geschehens: „Crossroads“, eine informelle Siedlung Kapstadts für schwarze Südafrikaner, Hochburg von Widerstandsbewegungen; eigentlich „Notfall camp„ und somit immun gegen die Massenräumung von Townships- ganz zum Missfallen der Regierung…..

Hier bin ich also….mittendrin in einer brutalen Schlacht zwischen- ja man weiß gar nicht wer zu wem gehört, es ist ein Durcheinander…Menschen ,vor allem Jungs im jugendlichen Alter rennen in Massen hin und her… sie jagen sich gegenseitig….Schüsse fallen…Geschrei… wohin ich auch blicke, ich sehe zerstörte, brennende Wellblechhäuser….Es ist die Gruppe mit den weißen Stoffbändern, die greifen uns an… das sind die ,,Witdoeks„, unsere Bürgerwehr……Warum tun sie das? Sie gehören doch zu uns !Woher haben sie die Waffen? Wir müssen uns wehren…selbstgebastelte Waffen aus Holz, Steinen; Schießpulver in Plastikflaschen, die geworfen werden…..auf der Straße: zwei Männer auf dem Boden…voller Blut…sie sind tot…ich sehe Frauen mit Babies, die mit dem Hab und Gut, was sie noch retten konnten, am Straßenrand sitzen, auf Hilfe warten, …..

Cut- Szenenwechsel

Frauen stehen mit ihren Kindern am Parlamentseingang in Kapstadt. Sie sind verzweifelt und suchen Hilfe. ,,Wir wissen von nichts, wir können nichts machen„, wird ihnen auf Afrikaans von einem Politiker entgegnet. Aus Protest simulieren die Frauen ein Weinen und legen ihre schreienden Babies vor dem Parlament nieder.

Laut TRC, der Truth Reconciliation Commission Südafrikas, wurden während der Apartheid Gruppen von ,,schwarzen„ Bürgern wie die ,,Witdoeks„, einer bereits bestehende Bürgerwehr in Crossroads, von der südafrikanischen Polizei mit Waffen unterstützt und somit ,,benutzt„ , um Widerstandsbewegungen in Townships zu bekämpfen. So erreichte die Regierung ihr Ziel , ohne dabei selbst ins schlechte Licht zu rücken. Es wurden 60.000 Menschen obdachlos und 60 Menschen kamen zu Tode.

Episode 2: Manenberg

Es ist September 1989, der Tag der Wahlen des Dreikammer Parlaments in Südafrika. Wahlberechtigte sind ,, weiße „ und begrenzt auch ,,farbige„ (,,coloured„)und ,,indische„ Südafrikaner. Die,, schwarze„ Bevölkerung ist ausgeschlossen. In ,,Manenberg„, einem Township für ,,farbige„ ( „coloured„ ) Südafrikaner, kommt es zum Protest .Und ich sehe, nein ich erlebe hautnah mit, was sich an diesem Tag auf Manenberg`s Straßen abspielt: Ich bin in einem Haus und blicke aus einem Fensterspalt auf die Straße. Was ich dort sehe ist ein Schauspiel zwischen Polizei und den Bewohnern der Siedlung. Die Polizei ,welche aus heiterem Himmel aufgetaucht ist, schießt wahllos mit Gummipatronen in die Menschenmassen. Ja, es scheint gar als täten sie dies, weil es ihnen Spaß macht, andere Leute leiden zu sehen. Die Polizisten bewerfen die Township-Bewohner mit Steinen, verwenden Tränengas und jagen diese mit Peitschen in ihre Häuser. Die Leute, vor allem Jugendliche, reagieren darauf, indem sie mit Steinen zurück werfen und Straßenbarrikaden aus Autoreifen, Müll, Möbelstücken und Steinen errichten und diese dann anzünden. Es ist ein Hin und Her. Immer wieder kommt die Polizei und es kommt zur Auseinandersetzung: Schießerei, Geschrei,…. Ich befürchte die gesamte Zeit über, dass sie mich entdecken, doch ich habe Glück. Sie sehen mich nicht.

© Szene aus „History Uncut: Manenberg“ (Quelle: Berlinale)

Cut- Szenenwechsel

Ein Junge liegt leicht bekleidet in einem Bett, sein Körper ist übersät mit Einschüssen, verursacht durch die Gummipatronen der Polizei. Ein anderer Junge hat den Kopf verbunden und die Nase ist mit Pflastern überdeckt….Eine Frau richtet klar und deutlich einen Appell an die südafrikanische Regierung, sie fordert ein demokratisches, NICHT-rassendiskriminierendes Wahlsystem. Diese Szenen wurden nie im südafrikanischen Fernsehen ausgestrahlt; sie gehören zu dem Archivmaterial der Videokollektive Afravision, welches die größte Videodokumentation der Widerstandsgeschichte darstellt. Gegründet wurde Afravision von Brian Tilley, Laurence Dworkin und Mokoenyana Moletse ,um die zahlreichen Kämpfe der 1980er Jahre in Südafrika zu dokumentieren.

Ein außergewöhnlicher und faszinierender Beitrag zur Berlinale 2010. Ungeschnitten und unverfälscht zeigt dieser Film schlicht und einfach die Realität und Wahrheit, wie sie sich tragischerweise im damaligen Südafrika zugetragen hat. Man erlebt Geschichte hautnah; man fühlt sich, als wenn man selbst dabei gewesen wäre. Es ist unglaublich, denn plötzlich ist es ist keine ,,Geschichte„ mehr, von der man mal im ,,Geschichtsbuch„ gelesen hat und die einem irreal und weit weg vorkommt. Es ist auf einmal auch meine eigene Realität. Ich bin dabei. Nach dem Film geht mir dann nur noch ein Gedanke durch den Kopf: Während ich in meine sichere Wirklichkeit des heutigen Deutschlands zurückkehren kann, ist dieser ,,Film„ für die Menschen in Südafrika damals weitergelaufen. Diese Menschen, denen man gerade begegnet ist, konnten im Gegensatz zu mir, die den Film ausschaltet, nicht fliehen. Für sie war es ein Albtraum, von dem sie nicht wussten, ob er jemals enden würde. Das ist einfach schrecklich.

Datenblatt zur Doku „History Uncut: Manenberg“:

http://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20110388.pdf

AfricanHistory.com zu Crossroads-Geschehnissen:

http://africanhistory.about.com/od/apartheid/p/crossroads.htm

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Pyramide International (Khalo Matabane)

State of Violence(von Doreen S. und Ghassan Abid)

Sonntag, 20.02.2010, Kino CineStar am Potsdamer Platz in Berlin

„State of Violence“ ist ein beeindruckender Film aus französisch-südafrikanischer Produktion von 2010. Er thematisiert die gegenwärtige wohl größte Herausforderung Südafrikas nach der Apartheid, nämlich die brutale Gewalt und immense Perspektivlosigkeit im Lande. Bobedi, gespielt von Fana Mokoena, ist ein erfolgreicher CEO eines Bergbauunternehmens, der den Wohlstand mit seiner liebevollen Frau Joy (Darstellerin: Lindi Matshikiza) sichtlich genießt. Beide sind im neuen Südafrika angekommen; im Gegensatz zur überwiegend armen Bevölkerungsmehrheit. Vor allem Bobedi stammte ursprünglich aus einem Armenviertel, dem Johannesburger Stadtteil Alexandra. Tolle Kleider für die Frau, eine große Villa und ein Mercedes Benz machten den Alltag dieses erfolgreichen sowie berühmten „Black Diamond“ aus.

© Szene mit Boy-Boy aus „State of Violence“ (Quelle: Berlinale)

Eines Tages jedoch erlebt Bobedi die knallharten Schattenseiten Südafrikas. Im eigenen Haus attackiert ein maskierter Einbrecher Joy und bringt sie, vor den Augen ihres Ehemannes, nach unzähligen Schlägen anschließend mit einer Schusswaffe um. Der Fremde wollte aber kein Geld, sondern Bobedi großen Leid und tiefsten Schmerz zufügen. Innerhalb von wenigen Minuten ist dessen schönes Leben in ein Scherbenhaufen zerschlagen worden.

Erschüttert durch dieses schreckliche Erlebnis und mit voller Wut sowie Trauer im Herzen, begibt sich Bobedi auf die Suche nach dem Mörder in sein Heimatort Alexandra. Die Erinnerung an die große Blutlache im Badezimmer und die weinenden Schreie seiner Frau verfolgen ihn als posttraumatisches Erlebnis. Er begibt sich auf eine Reise in das eigene Ich; eine Reise in die eigene dunkle Vergangenheit.

Bobedi stammt selber aus dem Township und musste, wohl als Mutprobe im Rahmen einer Gang, einen Mann am lebendigen Leibe verbrennen. Es handelte sich hierbei um den Vater seines eigenen Cousins OJ (Darsteller: Neo Ntlatleng), der sich als Mörder von Joy herausstellte und mit der Tat seinen Vater auf diesem Wege rächen wollte. Nur der Bruder von Bobedi, Boy-Boy (gespielt von Presley Chweneyagae), steht ihm bei der Verfolgung des Täters anfänglich bei, doch nach und nach versucht er ihm ins Gewissen zu reden und dessen Verlangen nach Rache abzuwenden. Bei dem Versuch, dass weder Bruder noch Cousin ebenfalls sterben müssen, erliegt Boy-Boy durch einen versehentlich ausgelösten Schuss an seinen Verletzungen. Erneut stirbt ein Familienangehöriger, bedingt durch den Durst auf Rache, und Bobedi hat erneut ein Menschenleben auf den Gewissen.

In „State of Violence“ packt eine Vendetta der besonderen Art den Zuschauer. Es stellen sich im Verlauf des Films die Fragen, ob es eine Rache auf die Rache geben kann, wo Moral anfängt bzw. diese endet und ob die Selbstjustiz überhaupt einen adäquaten Ersatz zur staatlichen Strafverfolgung darstellen kann. Dieser Film, welcher vom Regisseur Khalo Matabane betreut wurde, ähnelt von der Aufmachung und Story her dem erfolgreichen Film „Tsotsi“ von Gavin Hood. Matabane gilt als Experte für die Regieführung südafrikanischer Dokumentationen (Young Lions (2000), Love in the Time of Sickness (2002), Story of a Beautiful Country (2004) u.a.). Mit „State of Violence“ ist ihm der erste Spielfilm überhaupt in punkto Story, Szenenaufbau, soziokritischem Bewusstsein und technischer Umsetzung durchaus geglückt und absolut sehenswert. Neben dem Film „Tsotsi“ verfügt Südafrika über ein weiteres Highlight auf dem kinematografischen Bereich.

Datenblatt zum Film „State of Violence“:

http://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20110011.pdf

2010sdafrika-Artikel zum Südafrika-Filmangebot der Berlinale 2011:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2011/02/10/berlinale-2011-kinematografie-sudafrikas-wieder-dabei/

Afravision (Brian Tilley, Laurence Dworkin)

History Uncut

Kokuratiert von Darryl Els und Claus Löser

Sonntag, 13.02.2010, Kino Arsenal am Potsdamerplatz

Episode 1: Crossroads

Licht aus, Film ab und Augen auf: Wie durch eine Zeitmaschine in die Vergangenheit katapultiert bin ich auf einmal im Mai/ Juni 1986 im ehemaligen Apartheid-Staat Südafrika. Ort des Geschehens: ,,Crossroads„ , eine informelle Siedlung Kapstadts für ,,schwarze„ Südafrikaner, Hochburg von Widerstandsbewegungen; eigentlich „Notfall camp„ und somit immun gegen die Massenräumung von Townships- ganz zum Missfallen der Regierung…..

Hier bin ich also….mittendrin in einer brutalen Schlacht zwischen- ja man weiß gar nicht wer zu wem gehört, es ist ein Durcheinander…Menschen ,vor allem Jungs im jugendlichen Alter rennen in Massen hin und her… sie jagen sich gegenseitig….Schüsse fallen…Geschrei… wohin ich auch blicke, ich sehe zerstörte, brennende Wellblechhäuser….Es ist die Gruppe mit den weißen Stoffbändern, die greifen uns an… das sind die ,,Witdoeks„, unsere Bürgerwehr……Warum tun sie das? Sie gehören doch zu uns !Woher haben sie die Waffen? Wir müssen uns wehren…selbstgebastelte Waffen aus Holz, Steinen; Schießpulver in Plastikflaschen, die geworfen werden…..auf der Straße: zwei Männer auf dem Boden…voller Blut…sie sind tot…ich sehe Frauen mit Babies, die mit dem Hab und Gut, was sie noch retten konnten, am Straßenrand sitzen, auf Hilfe warten, …..

Cut- Szenenwechsel:

Frauen stehen mit ihren Kindern am Parlamentseingang in Kapstadt. Sie sind verzweifelt und suchen Hilfe. ,,Wir wissen von nichts, wir können nichts machen„, wird ihnen auf Afrikaans von einem Politiker entgegnet. Aus Protest simulieren die Frauen ein Weinen und legen ihre schreienden Babies vor dem Parlament nieder.

Laut TRC, der Truth Reconciliation Commission Südafrikas, wurden während der Apartheid Gruppen von ,,schwarzen„ Bürgern wie die ,,Witdoeks„, einer bereits bestehende Bürgerwehr in Crossroads, von der südafrikanischen Polizei mit Waffen unterstützt und somit ,,benutzt„ , um Widerstandsbewegungen in Townships zu bekämpfen. So erreichte die Regierung ihr Ziel , ohne dabei selbst ins schlechte Licht zu rücken. Es wurden 60.000 Menschen obdachlos und 60 Menschen kamen zu Tode.

Episode 2:Manenberg

Es ist September 1989, der Tag der Wahlen des Dreikammer Parlaments in Südafrika. Wahlberechtigte sind ,, weiße „ und begrenzt auch ,,farbige„ (,,coloured„)und ,,indische„ Südafrikaner. Die,, schwarze„ Bevölkerung ist ausgeschlossen. In ,,Manenberg„, einem Township für ,,farbige„ ( „coloured„ ) Südafrikaner, kommt es zum Protest .Und ich sehe, nein ich erlebe hautnah mit, was sich an diesem Tag auf Manenberg`s Straßen abspielt: Ich bin in einem Haus und blicke aus einem Fensterspalt auf die Straße. Was ich dort sehe ist ein Schauspiel zwischen Polizei und den Bewohnern der Siedlung. Die Polizei ,welche aus heiterem Himmel aufgetaucht ist, schießt wahllos mit Gummipatronen in die Menschenmassen. Ja, es scheint gar als täten sie dies, weil es ihnen Spaß macht, andere Leute leiden zu sehen. Die Polizisten bewerfen die Township-Bewohner mit Steinen, verwenden Tränengas und jagen diese mit Peitschen in ihre Häuser. Die Leute, vor allem Jugendliche, reagieren darauf, indem sie mit Steinen zurück werfen und Straßenbarrikaden aus Autoreifen, Müll, Möbelstücken und Steinen errichten und diese dann anzünden. Es ist ein Hin und Her. Immer wieder kommt die Polizei und es kommt zur Auseinandersetzung: Schießerei, Geschrei,…. Ich befürchte die gesamte Zeit über, dass sie mich entdecken, doch ich habe Glück. Sie sehen mich nicht.

Cut- Szenenwechsel:

Ein Junge liegt leicht bekleidet in einem Bett, sein Körper ist übersät mit Einschüssen, verursacht durch die Gummipatronen der Polizei. Ein anderer Junge hat den Kopf verbunden und die Nase ist mit Pflastern überbedeckt….Eine Frau richtet klar und deutlich einen Appell an die südafrikanische Regierung, sie fordert ein demokratisches, NICHT-rassendiskriminierendes Wahlsystem .

Diese Szenen wurden nie im südafrikanischen Fernsehen ausgestrahlt; sie gehören zu dem Archivmaterial der Videokollektive Afravision, welches die größte Videodokumentation der Widerstandsgeschichte darstellt. Gegründet wurde Afravision von Brian Tilley, Laurence Dworkin und Mokoenyana Moletse ,um die zahlreichen Kämpfe der 1980er Jahre in Südafrika zu dokumentieren.

Ein außergewöhnlicher und faszinierender Beitrag zur Berlinale 2010. Un-geschnitten und unverfälscht zeigt dieser Film schlicht und einfach die Realität und Wahrheit, wie sie sich tragischer weise im damaligen Südafrika zugetragen hat. Man erlebt Geschichte hautnah; man fühlt sich, als wenn man selbst dabei gewesen wäre. Es ist unglaublich, denn plötzlich ist es ist keine ,,Geschichte„ mehr, von der man mal im ,,Geschichtsbuch„ gelesen hat und die einem irreal und weit weg vorkommt. Es ist auf einmal auch meine eigene Realität. Ich bin dabei. Nach dem Film geht mir dann nur noch ein Gedanke durch den Kopf: Während ich in meine sichere Wirklichkeit des heutigen Deutschlands zurückkehren kann, ist dieser ,,Film„ für die Menschen in Südafrika damals weitergelaufen. Diese Menschen, denen man gerade begegnet ist, konnten im Gegensatz zu mir, die den Film ausschaltet, nicht fliehen. Für sie war es ein Albtraum, von dem sie nicht wussten, ob er jemals enden würde. Das ist einfach schrecklich.

Quellen:http://www.berlinale.de/de/programm/berlinale_programm/datenblatt.php?film_id=20110388

http://africanhistory.about.com/od/apartheid/p/crossroads.htm

Percy kickt die Armut

Wie der Fußball in Südafrika Selbstbewusstsein und Ehrgeiz schafft

Ein Gastbeitrag von Sandra Bulling, stellv. Pressesprecherin von CARE Deutschland-Luxemburg e.V.

© Fußball-Turnier im Township (Quelle CARE/ Sandra Bulling)

Slash ist auf dem Bolzplatz ein absoluter Profi. Er rast über den roten Staubplatz, kickt sich nach vorne, schiebt sich an den Gegnern vorbei – und schießt das erste Tor gegen Block H. Seine Mannschaftskollegen jubeln, klopfen ihm auf die Schultern. Slash lässt den Triumph ungerührt über sich ergehen. Er bricht gleich wieder aus dem Pulk aus und bringt sich in Position. Schnell zieht er noch seine geliehenen Fußballschuhe aus. „Zu heiß und zu unbequem“, sagt er. Kurz danach schießt er das zweite Tor. Der Jubel wird größer, die Mädchen am Rande schreien: „Slash, Slash“ und tröten mit ihren Vuvuzelas. Doch Slash lächelt nur kurz und stürmt sofort wieder nach vorne. Ein echter Profi eben.

Nach 40 Minuten Spielzeit ist das Match zu Ende. Trainerin Portia scharrt ihr Team um sich. Slash ist der Star, jetzt endlich bricht ein großes Grinsen aus ihm heraus. Der Jubel legt sich etwas, die nächsten beiden Teams stehen schon zum Spielen bereit. Und langsam verändert sich Slash. Er ist jetzt wieder Percy. Percy Mduduzi Kama, der 13jährige Junge aus Soshanguve, Südafrika. Dessen Mutter vor einem Jahr gestorben ist und dessen Vater auszog, um die Trauer und den Frust mit Alkohol zu betäuben. Der Junge, der sich auf dem Bolzplatz selbstbewusst Slash nennt und kickt und rennt und alles aus sich herausholt, ist nun wieder der schüchterne Schüler Percy.

Traumlos in Soshanguve

In seiner Heimat Soshanguve, dem Township in der Nähe der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria leben 2,2 Millionen Menschen. Es ist eine Stadt voller kleiner Hütten und einstöckiger Häuser, die meisten kaum größer als Bungalows. Es gibt keine Straßennamen, die Viertel sind in Blocks eingeteilt. Als ob eine Straße hier keinen eigenen Namen verdiene. Die Townships sind die Spiegelstädte der großen südafrikanischen Metropolen. Hier lebte früher die schwarze Bevölkerung in Elend und Armut, klar abgegrenzt vom weißen Reichtum. Heute, fast 20 Jahre nach dem Ende der Apartheid, haben immerhin die meisten Einwohner ein festes Dach über dem Kopf. Die Regierung stellt die kleinen Häuser zur Verfügung, mit einem Vorgarten und finanzieller Unterstützung für diejenigen, die gar kein Einkommen haben. Und das sind die meisten. Denn in Soshanguve gibt es keine Jobs. Es gibt keine Industrie, keine Unternehmen, keine Dienstleistungen. Die Jugendlichen sind frustriert, fast jeder zweite ist hier arbeitslos. Ihren Frust leben sie in Kriminalität und Aggression aus, angespornt durch Drogen und Alkohol. Wer nichts hat, der hat auch nichts zu verlieren.

© Percy Mduduzi Kama (Quelle CARE/ Sandra Bulling)

Percy ist mit dieser Realität aufgewachsen. Seine Mutter hat er an die Krankheit AIDS verloren, die sich in Sohanguve festgesetzt hat und den Kindern ihre Eltern raubt. Percys 26-jähriger Bruder Patrick hat keinen Job, er verdingt sich als Tagelöhner. Und sein Vater, der trinkt. Er hat die Familie verlassen und lässt sich kaum blicken. Nur seine Großmutter ist noch für ihn da; doch die hatte sich ihren Lebensabend anders vorgestellt. Anstatt sich von Percy und Patrick im hohen Alter pflegen zu lassen, muss sie nun Mutter und Vater ersetzen. Von der Regierung erhält Percy kein Geld. „Ich habe keine Geburtsurkunde, bin nicht registriert und erhalte auch keine staatliche Unterstützung“, sagt er, und blickt dabei schüchtern auf den Boden. Doch dann erzählt er vom Fußball. Und auf einmal blitzt Slashs Eifer in seinen Augen durch.

Der pünktliche Star

Als Percy vor einem Jahr am Bolzplatz in Block W vorbei kam, sah er, wie die energische Portia ein Fußballteam trainierte. Erst schaute er vom Rand aus zu, doch dann überwand er sich und fragte, ob er mitspielen dürfe. Portia ließ in sofort ins Team. Denn sie ist eine Trainerin von Kick-It, dem Fußballprojekt von CARE Deutschland-Luxemburg. Kick-It will Jungen wie Percy von der Straße holen, ihnen mit Sport eine Abwechslung vom tristen Alltag und eine Perspektive für eine bessere Zukunft geben. „Sport zeigt Jungs wie Percy, dass sie für ihre Ziele kämpfen müssen“, sagt die 27jährige Portia und schiebt sich lässig die schwarze Kappe aus dem Gesicht. „Fußball schafft Teamgeist, Disziplin, Ehrgeiz. Das brauchen die Kids hier, damit sie nicht an der Realität verzweifeln.“ Portia weiß, wovon sie spricht. Sie trainiert mit ihrem Team dreimal die Woche und bereitet die Kids für die Turniere vor, die an manchen Samstagen stattfinden. „Percy ist enorm engagiert. Er kommt pünktlich zu jedem Training und gibt immer sein Bestes. Nicht nur beim Fußball, sondern auch bei den Kick-It-Spielen“, lobt Portia ihren Spieler, schützend legt sie den Arm um ihn. Die Kick-It-Spiele nutzt Portia, um mit den Kindern und Jugendlichen über AIDS zu diskutieren. Sie zeigt ihnen, wie man sich schützt, dass man AIDS nicht mit bloßem Auge erkennt und dass man Infizierte nicht diskriminieren darf. Percy hat es erkannt: „Wenn ich einen dünnen und einen dicken Mann sehe, dann denke ich automatisch, dass nur der dünne AIDS haben kann. Doch das muss nicht sein. Wir urteilen nur, nach dem was wir sehen. Das ist falsch.

© Percy Mduduzi Kama im Fußball-Fieber (Quelle CARE/ Sandra Bulling)

Die Trainings haben Percy gezeigt, dass ihm das Leben mehr bieten kann als Drogen, Kriminalität und AIDS. Er muss sich anstrengen und herauskämpfen aus der Armut. Zwar kann der Sport alleine keine Arbeitsplätze schaffen und eine sichere Zukunft garantieren. Aber er kann persönliche Leistungen steigern. „Wenn ich erwachsen bin, möchte ich keine schlimmen Dinge tun“, sagt Percy leise. „Ich möchte kein Alkohol trinken oder rauchen. Ich möchte ein guter Mann werden.“ Sein größter Traum ist es, professioneller Fußballstar zu werden, so wie sein Idol Lionel Messi. Auch wenn er dafür barfuss oder in geliehen Schuhen kicken, auch wenn er den Bolzplatz vor jedem Turnier von Müll und Scherben befreien muss – Fußball hat Percys Leben verändert. Er hat ihn zu Slash gebracht, dem selbstbewussten starken Kicker, der Tore schießt und von allen bejubelt wird.

Die 2010sdafrika-Redaktion möchte sich ganz herzlich bei CARE für die Bereitstellung von Text und Fotos bedanken.

Informationen zum „Kick-It Projekt“ von CARE:

http://www.care.de/suedafrika_kickit.html

Lebogangs Traum

Ein Gastbeitrag von Sandra Bulling, stellv. Pressesprecherin von CARE Deutschland-Luxemburg e.V.

© Lebogang Malukeke (Quelle: CARE/Sandra Bulling)

Lebogang Malukeke hat einen ungewöhnlichen Traum: Die Zwölfjährige möchte Soldatin werden. Es geht ihr dabei weder um die Verteidigung ihres Landes Südafrika, noch möchte sie aus Ehrgefühl oder Stolz eine Waffe tragen. Nein, Lebogang möchte schlichtweg ein monatliches Gehalt beziehen, eine tägliche Mahlzeit bekommen und einen festen Job haben. Das ist der Traum eines Mädchens aus Soshanguve, einem Township in der Nähe der südafrikanischen Hauptstadt Pretoria. Lebogang lebt mit ihren vier Geschwistern und ihrer Mutter in einer kleinen Hütte, nur einen Raum gibt es darin. Der Vater hat die Familie verlassen. „Ich möchte meiner Mutter helfen. Ihr schöne Dinge kaufen, damit sie glücklich ist“, sagt Lebogang. Und da es in Soshanguve kaum Jobs gibt, da sich hier weder Industrie, noch Unternehmen oder Dienstleistungen angesiedelt haben, bietet für Lebogang allein die Armee einen Ausweg. Das schüchterne Mädchen mit den kurzen krausen Haaren und dem pinken T-Shirt möchte später nicht arbeitslos sein, so wie ein Großteil der Jugendlichen in Soshanguve. Sie möchte nicht frustriert sein und ihre Perspektivlosigkeit mit Drogen oder Alkohol verdrängen.

Um stark zu werden, spielt sie regelmäßig Netball, ein basketballähnliches Spiel. Dreimal die Woche trainiert sie mit ihrem Mädchenteam, das vom Kick-It Projekt von CARE Deutschland-Luxemburg gefördert wird. Sie lernt dabei nicht nur das Spiel, bleibt fit und gesund, sondern erfährt auch noch vieles über die Gefahren von AIDS. Denn ihre Trainerin Caroline zeigt den Mädchen spielerisch, wie sie sich schützen können. „Ich möchte nicht, dass meine Mädchen in frühem Alter sexuell aktiv werden“, sagt Caroline. „Teenagerschwangerschaften sind in Soshanguve üblich, oft stecken sich die Mädchen in jungen Jahren mit HIV an.“ Wenn sie mit Caroline trainieren, dann haben die Mädchen am Nachmittag eine Beschäftigung. Denn es gibt im Township keine Sportvereine. Die Jugendlichen hängen auf der Straße herum; Drogen, Kriminalität, AIDS sind weit verbreitet. „Bei mir lernen Lebogang und die anderen Disziplin. Das hilft ihnen, sich von der Straße fernzuhalten und nicht zu schnell nachzugeben, wenn die Jungs sie zum Sex überreden wollen“, erklärt Caroline.

© Mädchen beim Netball spielen (Quelle: CARE/Sandra Bulling)

Die 29jährige spielt seit der Grundschule Netball. Es ist ein Spiel für Mädchen, hier sind sie unter sich, können klatschen, tratschen und gegeneinander antreten. „Netball macht Spaß“, sagt Lebogang. „Ich lerne viel, auch über AIDS. Das Virus macht mir Angst, damit will ich nichts zu tun haben“, sagt sie. „Ich möchte noch stärker werden, dann kann ich mich besser vor den Jungen wehren.“ Das Training muss vor dem Sonnenuntergang beendet sein, damit die Mädchen sicher nach Hause kommen. Nur widerwillig hören die Teams mit dem Spiel auf, die Mädchen lachen und singen gemeinsam. Und freuen sich bereits auf das nächste Training. Auch Lebogang kann es kaum erwarten, wieder auf dem Platz zu stehen, den Ball ihren Freundinnen zuzuwerfen – und dabei von einer Zukunft ohne Armut zu träumen.

Die 2010sdafrika-Redaktion möchte sich ganz herzlich bei CARE für die Bereitstellung von Text und Fotos bedanken.

Informationen zum „Kick-It Projekt“ von CARE:

http://www.care.de/suedafrika_kickit.html

 

Brutaler Alltag im Township

Ein Erlebnisbericht über die harte Realität von Kindern und dem Hoffnungsprojekt „Siyabonga“

(Autor: Weina)

Nach einer kurzen Fahrt durch das Armutsviertel, sogenannten Townships in denen überwiegend farbige Südafrikaner wohnen,  die an der untersten Gesellschaftsstufe stehen und bei der Apartheid dazu verdonnert wurden die Städte den Weißen zu überlassen, hält der Bus vor einem zwei Meter hohen Zaun. Nichts Besonderes, schließlich durchziehen zig Kilometer davon das Township; bevorzugt billiger Maschendrahtzaun.

© Township Edendale

Der abklingende Frühling und die üppige Vegetation sorgen  dafür,  dass  in den eingezäunten Gärten vereinzelt wunderschön violett blühende Jakaranda-Bäume hervorstechen und bei genauerer Betrachtung erkennt man auch die zwischen dem hohen Gras liegenden Gemüsebeete. Wüsste man es nicht besser,  könnte man glatt meinen sich in einem heruntergekommenen Schrebergarten verirrt zu haben. Doch spätestens bei objektiver Betrachtung der einfach gehaltenen Hütten, die meist nur mit einem oder zwei Zimmern ausgestattet sind, besteht kein Zweifel mehr. Zwar sind diese – im Gegensatz zu den auf dieser Reise schon öfters gesehenen – mit Holz, Wellblech, Planen ja sogar einfachen Decken improvisierten und zusammengeflickten Behausungen, aus Betonsteinen fest vermauert. Jedoch lassen die allerorts stehenden Plumpsklos auf fehlende sanitäre Einrichtungen schließen. Keine Seltenheit, denn der eh schon knapp bemessene Raum in den Hütten beherbergt fast immer mehr Menschen als eigentlich zumutbar ist.

© Logo des Siyabonga-Projektes

In dieser Gegend  steht das von „Siyabonga – Helfende Hände für Afrika“ finanzierte und aufgebaute Schul-  und Bildungszentrum. Der Bus öffnet die Türen und wir werden von einem Angestellten der Schule durch das stabile Tor hereingelassen. Wie wir später erfahren  werden,  ist der Komplex kürzlich erst fertig gestellt worden und steht erst seit einigen Wochen der benachbarten Schule zur Verfügung. Die Gruppe wird in einem etwas größeren Raum geführt, wo uns der nahezu perfekt deutschsprechende,  führende Stellvertreter der Organisation in einen umfangreichen Vortrag über das Township,  die  Probleme dieses Projektes und seine Zukunftsvisionen erzählt. Uns wird berichtet, von der hohen Gewaltbereitschaft die durch Langeweile, Unterdrückung oder der Aussichtslosigkeit der Jugendlichen hervorgerufen wird, die ohne die notwendigen schulischen Kenntnisse dem Arbeitsmarkt ausgeliefert sind und keine Perspektiven auf anständige Jobs haben, nicht zuletzt auch oder gerade wegen ihrer Hautfarbe. Es wird noch Generationen dauern bis die Rassendiskriminierung aus den alltäglichen Leben der Südafrikaner verschwindet.

Ein weiteres sehr ernstes Thema das leider nur sehr schwer in den Griff zu bekommen ist, betrifft die Krankheit Aids. Südafrika hat eine der höchsten Aids-Infizierungsraten der Welt. Offiziell 21.5 % der Bevölkerung zwischen 15-49 Jahren sind HIV-positiv. Inoffiziell wird von wesentlich mehr Infizierten berichtet. Dazu kommt bei der männlichen Bevölkerung der irrtümliche Glaube, mit einer Jungfrau Sex zu praktizieren heile die Krankheit. Ein mehr als fataler Fehler. Es wird versucht Jugendliche, ja sogar Kinder, zum Sex zu überreden und wenn nötig auch unter Gewaltandrohungen dazu zu zwingen. Statistisch gesehen muss jede zweite Südafrikanerin damit rechnen einmal in ihrem Leben vergewaltigt zu werden. Damit liegt die Wahrscheinlichkeit vergewaltigt zu werden höher als lesen zu lernen. Eine traurige Bilanz! Deswegen auch das schwere Tor und der hohe Zaun um das Schulgelände. Es wird immer wieder versucht Schulmädchen vom Aufenthaltshof weg zu locken. Auch der Weg zur Schule und wieder zurück nach Hause ist für die Mädchen nicht einfach wie unser Redner berichtet, denn zwischen 14 und 18 Uhr besteht erfahrungsgemäß das höchste Risiko, Opfer eines Sexualverbrechens zu werden. Es kommt immer wieder vor, dass die Mädchen von ihrer Familie nach ersichtlichen Symptomen der Vergewaltigung verstoßen werden und viele diese somit verschweigen. Vielen der Zuhörer ist die Betroffenheit anzusehen. Bei all den wunderbaren Tagen die man bisher in Südafrika verbracht hat, etwa am Kap, den Weinbergen oder der Garden Route entlang, vergisst man trotz der ständig präsenten Townships die bittere Armut der Bewohner. Unser Referendar lässt uns wissen, dass natürlich jederzeit Spenden für die Organisation oder andere helfende Unterstützung dankend angenommen werden.

Vor unserem Zimmer wird’s langsam laut.  Um die 20 Kinder warten darauf uns eine Tanz- und Singvorstellung anzubieten, die mit Begeisterung vorgeführt wird.  Jeder versucht die Darbietung der Kleinen per Kamera festzuhalten. Bewundernswert,  wie die Kinder mit einfachen Mitteln verstehen Spaß zu haben. Ihnen gefällt es sichtlich uns ihre Kultur und Traditionstänze zu präsentieren.  Wir haben in dieser knappen Stunde mehr von Südafrika und seinen Einheimischen erfahren,  als auf unserer bisherigen Rundreise. Nach einem kurzen Besuch der Klassenzimmer, wo uns überall strahlende Gesichter empfangen, verlassen wir die  Esigodini Primary School im Township Edendale das zu der Stadt Pietermaritzburg gehört, welche zugleich die Provinzhauptstadt von Kwa Zulu Natal ist. Warum ich nicht schon eher erwähnt habe, wo wir zu Besuch waren?  Ganz einfach, es könnte überall in Südafrika gewesen sein

© Klassenraum der Esigodini Primary School

… Wieder Zuhause bei der Fotosichtung blieb ich bei der Schule hängen und mir fiel erst richtig auf, wie groß der Unterschied zwischen Bayern/Deutschland und Kwa Zulu Natal/Südafrika ist. Ich habe die Webpräsenz der Organisation (www.Siyabonga.org)  besucht und mich entschlossen dieses Projekt mit einem monatlichen Beitrag zu unterstützen. Schließlich ist es wünschenswert  solche Organisationen am Leben zu erhalten.

Die 2010sdafrika-Redaktion möchte sich ganz herzlich beim Autor Weina für die Bereitstellung von Text und Fotos bedanken, welcher 2009 Südafrika bereiste.

Webpräsenz des Vereins „Siyabonga – Helfende Hände für Afrika e.V.“:

www.Siyabonga.org