Schlagwort-Archive: Profit

Marke Mandela

Wie mit einer politischen Ikone viel Geld gemacht wird. Ein öffentlicher Familienstreit ist entbrannt

(Autor: Ghassan Abid)

Mandela-Bücher kann man kaufen, Mandela-Klamotten ebenfalls und Mandela-Souvenirs sowieso. Längst ist der erste schwarze Präsident Südafrikas zu einem beliebten Kaufprodukt geworden. Eine politische Ikone, die im Interesse vieler Unternehmer steht. Wenn der Vater der Nation stirbt, so dürfte der Wettbewerb um die besten Business-Ideen um ein weiteres schärfer werden.

    © Nelson Mandelas Kind Makaziwe [im Bild rechts] betreibt mit ihrer Tochter Tukwini [im Bild links] die Firma „House of Mandela“, die Mandela-Weine vertreibt. Längst wird mit dem Namen Mandela Geld gemacht, sei es mit Mandela-Büchern, Mandela-Klamotten oder Mandela-Souvenirs. (Quelle: House of Mandela)

© Nelson Mandelas Kind Makaziwe [im Bild rechts] betreibt mit ihrer Tochter Tukwini [im Bild links] die Firma „House of Mandela“, die Mandela-Weine vertreibt. Längst wird mit dem Namen Mandelas Geld gemacht, sei es mit Mandela-Büchern, Mandela-Klamotten oder Mandela-Souvenirs. (Quelle: House of Mandela)

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Kap-Kolumne: Marikana und kein Ende?

Schere zwischen Lebenshaltung und Löhne geht weiter auseinander. Die Politik ist in der Belastungsprobe.

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Marikana felt like a nightmare, but this is what our 2012 democracy has become„, ruft Desmond Tutu zornig in Richtung Regierung. Der  anglikanische Alt-Erzbischof trifft einen Nerv: Der kollektive Schock und die Trauer über die Ereignisse sitzen noch tief. Das Massaker von Marikana drückt in der Tat schwer wie ein Albtraum auf die Stimmung in Südafrika, mal mehr, mal weniger, je nach dem, von welcher Seite aus der Betrachter schaut.

© Die Vorgänge um das Marikana-Massaker sind eine Belastungsprobe für die Dreierallianz zwischen ANC, COSATU und SACP. Die Masse der Menschen sieht für sich in der Befreiung vom Apartheid-Regime einen geringen sozio-ökonomischen Vorteil. Die Gewerkschaftsspaltungen werden durch diese Unzufriedenheit begünstigt. Im Bild ist AMCU-Präsident Joseph Mathunjwa zu erkennen, der der konkurrierenden Minengewerkschaft NUM die Verantwortung für das Marikana-Massaker in die Schuhe schiebt. Allerdings zeigt sich dieser Gewerkschaftsführer selbst darüber erschrocken, was passiert ist. (flickr/ Pan-African News Wire)

© Die Vorgänge um das Marikana-Massaker sind eine Belastungsprobe für die Dreierallianz zwischen ANC, COSATU und SACP. Die Masse der Menschen sieht für sich in der Befreiung vom Apartheid-Regime einen geringen sozio-ökonomischen Vorteil. Die Gewerkschaftsspaltungen werden durch diese Unzufriedenheit begünstigt. Im Bild ist AMCU-Präsident Joseph Mathunjwa zu erkennen, der der konkurrierenden Minengewerkschaft NUM die Verantwortung für das Marikana-Massaker in die Schuhe schiebt. Allerdings zeigt sich dieser Gewerkschaftsführer selbst darüber erschrocken, was passiert ist. (Quelle: flickr/ Pan-African News Wire)

Alle Fakten sind längst nicht geklärt, aber eines steht fest: Es hätte nie geschehen dürfen. Selbst mit den ärgsten Feinden der demokratischen Entwicklung nach dem Fall der Apartheid wurde so nicht verfahren.

Unstrittig sind die sozio-ökonomischen Verhältnisse, die zu solch krassen Auswüchsen in der Auseinandersetzung zwischen Kapital und Arbeit in Südafrika führen. Die Lage der Arbeiter, hier insbesondere der Minenarbeiter, ist bekanntlich äußerst mies. In dem oftmals zitierten Nebeneinander von „1. und 3. Welt“ in Südafrika, leben die Minenkumpels in der „3.“, also auf der armen Seite der Gesellschaft. Das nimmt sie jedoch nicht aus von den Preisentwicklungen, die sich zunehmend mit denen in der „1. Welt“ messen können.

Jüngstes Beispiel ist der Spritpreis, der just diese Woche um 93 Cent (Benzin) bzw. 69 Cent (Diesel) angehoben wurde. Damit kostet der Liter Benzin in Gauteng zwölf Rand (rund € 1,20) und in der Nordprovinz Limpopo sogar mehr wegen der Entfernung zu den Raffinerien an der Küste. Das wirkt sich unmittelbar auf die Preise der Sammeltaxen aus, die hier das wichtigste Verkehrsmittel der arbeitenden Bevölkerung zwischen den Townships und ihren jeweiligen Arbeitsorten sind. Auch die gesamte Kette der Nahrungsmittelindustrie wird, Glied für Glied die Spritpreiserhöhung an den Endverbraucher weitergeben. So gallopieren die Lebenshaltungskosten den mageren Löhnen der Kumpel ständig davon.

Eines der Hauptübel in den Arbeitsbeziehungen der Bergbauindustrie ist die Wanderarbeit. Die gibt es seit Beginn des industriell betriebenen Abbaus von Bodenschätzen in Südafrika. Daran hat sich kaum etwas verändert. Die Wanderarbeit liefert der Industrie billige Arbeitskräfte, sie ist somit eine der wichtigsten Profit-Quellen der großen internationalen Minenkonzerne wie Anglo-American, Lonmin, De Beers usw. Es ist auch kein Geheimnis, dass die südafrikanischen Minen zu den profitabelsten der Welt gehören. Wanderarbeit bedeutet auf der anderen Seite die Zerstörung gewachsener sozialer Strukturen, das Entstehen und die Vermehrung von so genannten Squatter Camps (Blechhüttensiedlungen) samt all den damit verbundenen Merkmalen der Verelendung.

Das ist die eine, nie zu vergessende Seite jeglicher Arbeitskämpfe in den Minen. Ein anderer Aspekt der aktuellen Auseinandersetzungen ist der politische. Die sich weitende Schere zwischen Reich und Arm, die zunehmende Unzufriedenheit mit den sozialen Verhältnissen führt zu Verwerfungen im politischen Machtgefüge. Und weil der regierende Afrikanische Nationalkongress (ANC) eine so genannte „broad church“ ist, d.h. eine Organisation, die alle gesellschaftlichen Schichten und Klassen einschließt, spiegeln sich in dieser Organisation die gesellschaftlichen Widersprüche in Form von Machtkämpfen wider.

Die Vorgänge um das Marikana-Massaker sind auch eine Belastungsprobe für die Dreierallianz zwischen ANC, COSATU und SACP. Insbesondere die Gewerkschaftsföderation COSATU ist durch ihre Einbindung ins Regierungslager in eine wenig beneidenswerte Zwitterposition geraten. Die Regierung will das Investitionsklima in Südafrika freundlich gestalten. Das ist nicht ohne kapitalfreundliche Politik zu haben und geht oftmals gegen die Interessen der Arbeiter. Die wachsende Ungeduld vieler Menschen, die sich ausgeklammert fühlen vom Prozess der Transformation der südafrikanischen Gesellschaft, ist ein nicht zu unterschätzendes Element. Die Masse der Menschen in den Townships und in den ‚informal settlements‘ sehen die Ernte der Befreiung vom Apartheid-Regime im neu-gewonnen Reichtum einer dünnen schwarzen Mittelschicht verschwinden. Das leistet auch einer Spaltung der Gewerkschaften Vorschub. So manche ‚leader‘ haben sich, so scheint es, zu weit entfernt von ihrer Mitgliedschaft. Daher ist Marikana auch ein bedenkliches Zeichen für die Führungsschwäche der Eliten, wie Dr. Mamphela Ramphele feststellte.

Kap-Kolumne: Bildung als Ware

Marodes Bildungssystem Südafrika: Wenn Schulbücher auf dem Müllberg landen. Ein Skandal!

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Der Schulbuch-Skandal in Limpopo nimmt kein Ende. Jetzt hat der Präsident eine gründliche Untersuchung der „Textbook Saga“ angeordnet. Inzwischen sind vier (4!) Taskteams in der Provinz unterwegs, um der Sache auf den Grund zu gehen. Vor allem die ländlichen Schulen, dort, wo die Ärmsten in der nördlichen Provinz Südafrikas leben, haben in diesem Schuljahr noch keine Schulbücher gesehen – und das nach mehreren Abmahnungen und Gerichtsbeschlüssen.

© Korruption und Vetternwirtschaft sind mittlerweile fester Bestandteil des öffentlichen Bildungssystems in Südafrika, an welchem sich Politiker und Firmenrepräsentanten im Rahmen von öffentlichen Ausschreibungsverfahren bereichern. Das Nachsehen hat die Gesellschaft. Im konkreten Fall werden schulpflichtige Kinder ohne Schulmaterial auskommen müssen. Die Schulaufsichtsbehörden auf Landes- und Bundesebene haben komplett versagt. Das südafrikanische Bildungssystem ist marode. Der Staat kommt zum erneuten Male seiner Verantwortung nicht nach und große Reformen bleiben aus. (Quelle: flickr/ The Presidency of the Republic of South Africa)

© Korruption und Vetternwirtschaft sind mittlerweile fester Bestandteil des öffentlichen Bildungssystems in Südafrika, an welchem sich Politiker und Firmenrepräsentanten im Rahmen von öffentlichen Ausschreibungsverfahren bereichern. Das Nachsehen hat die Gesellschaft. Im konkreten Fall werden schulpflichtige Kinder ohne Schulmaterial auskommen müssen. Die Schulaufsichtsbehörden auf Landes- und Bundesebene haben komplett versagt. Das südafrikanische Bildungssystem ist marode. Der Staat kommt zum erneuten Male seiner Verantwortung nicht nach und große Reformen bleiben aus. (Quelle: flickr/ The Presidency of the Republic of South Africa)

Stattdessen hat man Tausende Bücher – Lehr- und Lernmaterial – gefunden, auf Müllkippen, im offenen Feld, in Flüssen und teils vebrannt. Die Provinzregierung schweigt weitgehend, weil sie ja derzeit unter Zentralverwaltung steht und damit alle Verantwortung abschieben kann. Die Ministerin für Basic Education hat den ganzen Misthaufen nun auf ihrem Tisch und eiert auch gewaltig herum.

Wie so häufig in derartigen Fällen liegt auch hier ein Ursachen-Mix vor: Zuvorderst das System staatlicher Ausschreibungen (Tender System) mit seinem inherenten Potential an Korruption und Vetternwirtschaft sowie die Überforderung der Bürokratie, in diesem Fall der Schulbehörden.

Ich denke, dies ist nur die Spitze des Eisbergs namens Bildungswesen, das in einer tiefen Krise steckt. An fehlenden staatlichen Mitteln liegt das nicht. Verglichen mit anderen Staaten des südlichen Afrika steckt Südafrika mehr Geld ins Bildungswesen. Doch diese Mittel versickern offenbar woanders und nähren die saftigen Wiesen privater Firmen.

Inzwischen haben Journalisten herausgefunden, dass die private Firma EduSolutions („Bildungslösungen“), die für die Schulbuchlieferungen zuständig ist, enge Verbindungen mit Politikern hat, darunter auch mit der Bildungsstiftung des Präsidenten Jacob Zuma. EduSolutions verdient Milliarden Rand mit staatlichen Aufträgen in mehreren Provinzen. Auf insgesamt 1,2 Milliarden Rand wird allein der Limpopo-Auftrag beziffert.

Und die Schulbehörde in Limpopo? Die hat das Schuljahr über ganz offensichtlich geschlafen und ihre Aufsichtspflicht sträflich vernachlässigt bzw. ist ihr gar nicht erst nachgekommen. Der Non-Profit-Organisation Section27 ist es zu verdanken, dass die Schulbehörden und das Ministerium aus ihrem Schlaf der (Selbst)Gerechten geweckt wurden. Die Bürgerrechtsorganisation (“SECTION27 is a public interest law centre that seeks to influence, develop and use the law to protect, promote and advance human rights.”) brachte den Schulbuchskandal vor Gericht und damit die Sache an die Öffentlichkeit und ins Rollen.

Nun beginnt die Suche nach den Schuldigen, ich denke eher: nach den Sündenböcken. „Name-and-Shame“ ist eine Art Volkssport hierzulande. Das Problem dabei: Es ändert sich nichts, solange der Fehler im System steckt. Wer Geld hat, kann sich eine gute Bildung leisten, d.h. seine Kinder auf private Schulen oder Universitäten schicken. Wer sich‘s nicht leisten kann, muss mit dem öffentlichen Schulwesen vorlieb nehmen. Dabei sind Schule und Bildung die vornehmste Verfassungsaufgabe des Staates. Diese Verantwortung sollte er nicht auslagern in die Privatwirtschaft. Bildung ist eine der wichtigsten Investitionen in die Zukunft. Sie darf nicht zur Ware verkommen, mit der man auf dem Markt Profit erzielt.