Schlagwort-Archive: Sexualdelikt

Kinder haben Recht auf Sex

Verfassungsgerichtshof Südafrikas legalisiert „einvernehmlichen Sex“ zwischen Kindern

(Autor: Ghassan Abid)

Das im Jahr 2007 beschlossene „Sexual Offences and Related Matters Amendment Act“ schreibt den Schutz der Bürger vor Sexualdelikten vor. Im dritten Kapitel dieses Bundesgesetzes ist verankert, dass die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren auch dann aufzunehmen hat, wenn Kinder im beiderseitigen Einvernehmen Intimitäten austauschen. Das Hauptaugenmerk liegt beim Begriff „Einvernehmen“. Nun urteilte der Verfassungsgerichtshof Südafrikas, dass dieses Verbot verfassungswidrig ist.

© Der Verfassungsgerichtshof in Johannesburg urteilte am 3. Oktober 2013, dass der Sex zwischen Kindern nicht mehr kriminalisiert werden darf. Kinder ab dem 12. Lebensjahr haben das Recht auf "einvernehmlichen Sex". Die Richter gaben dem Antrag zweier Kinderrechtsorganisationen statt. Der Gesetzgeber muss nun das entsprechende Gesetz innerhalb von 18 Monaten ändern. (Quelle: flickr/ GovernmentZA)

© Der Verfassungsgerichtshof in Johannesburg urteilte am 3. Oktober 2013, dass der Sex zwischen Kindern nicht mehr kriminalisiert werden darf. Kinder ab dem 12. Lebensjahr haben das Recht auf „einvernehmlichen Sex“. Die Richter gaben dem Antrag zweier Kinderrechtsorganisationen statt. Der Gesetzgeber muss nun das entsprechende Gesetz innerhalb von 18 Monaten ändern. (Quelle: flickr/ GovernmentZA)

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Vergewaltigungsskandal in Südafrika

Mitarbeiterin beschuldigt Gewerkschaftsboss Zwelinzima Vavi eines sexuellen Übergriffs

(2010sdafrika-Redaktion)

Zwelinzima Vavi ist seit 1999 der mächtigste Gewerkschaftsfunktionär in Südafrika. Als Generalsekretär des Dachverbandes COSATU hat er sich wiederholt gegen die Regierung geäußert und die Arbeitnehmer zu Protesten mobilisiert. Sei es gegen die Einführung des Mautsystems für Pkw-Fahrer oder im Hinblick auf die Verurteilung der Gupta-Affäre. Dieser Antagonismus verschaffte dem 50-Jährigen viel öffentliches Gehör. Umso schockierender zeigt sich die Presse, dass der im südafrikanischen Hannover geborene Vavi nun der Vergewaltigung beschuldigt wird.

© Zwelinzima Vavi, Generalsekretär des Gewerkschaftsdachverbandes COSATU, ist der Vergewaltigung beschuldigt worden. Eine Mitarbeiterin wandte sich mit einem Brief an die Sunday Times. Vavi dementiert den Vorwurf. (Quelle: flickr/ Abayomi Azikiwe)

© Zwelinzima Vavi, Generalsekretär des Gewerkschaftsdachverbandes COSATU, ist der Vergewaltigung beschuldigt worden. Eine Mitarbeiterin wandte sich mit einem Brief an die Sunday Times. Vavi dementiert den Vorwurf. (Quelle: flickr/ Abayomi Azikiwe)

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Minderheitenschutz in Südafrika

Wenn Lesben, Schwule, Trans- und Bisexuelle um ihr Leben fürchten müssen: „Corrective Rape“

(Autor: Ghassan Abid)

Die Gewalt gegen homo-, bi- und transsexuelle Südafrikaner – vor allem gegen Lesben – stellt im konservativen Südafrika eine immense Problematik dar. Regelmäßig ist von „corrective rape„, der korrigierenden Vergewaltigung, zu hören. Von Vorfällen mehrheitlich aus den Townships, wo lesbische Frauen von Männern der selben Gemeinschaft vergewaltigt werden. Auf diesem Wege soll die Lesbe „gesund gemacht“ oder „umgedreht“ werden. Tatsächlich jedoch bleiben eingeschüchterte, verängstigte und traumatisierte Opfer zurück. Keine Heilung ist eingetreten, sondern vielmehr eine nachhaltige seelische Schädigung mit möglicher HIV-Infektion.

Einige der Opfer geben sich selbst die Schuld, die anderen hingegen kämpfen umso verbissener für die Wahrung ihrer eigenen sexuellen Identität. Wie viele Fälle von „corrective rape“ in Südafrika auftreten, ist unbekannt. Laut Angaben des britischen Al Jazeera-Journalisten Jonah Hull werden jedes Jahr rund 500 Lesben vergewaltigt und weitere 30 Opfer gezielt getötet.

© Millicent Gaika aus dem Township Gugulethu. Ihr Bild ging um die Welt. Aufgrund ihrer lesbischen Einstellung wurde sie brutal geschlagen und vergewaltigt. 2010 wurde sie von einem Mann und 2002 von gleich vier Männern zum brutalen Sex gezwungen. In beiden Fällen erzählten ihr die Täter die Absicht, sie "gesund machen" zu wollen. (Quelle: Facebook)

© Millicent Gaika aus dem Township Gugulethu. Ihr Bild ging um die Welt. Aufgrund ihrer lesbischen Einstellung wurde sie brutal geschlagen und vergewaltigt. 2010 wurde sie von einem Mann und 2002 von gleich vier Männern zum brutalen Sex gezwungen. In beiden Fällen erzählten ihr die Täter die Absicht, sie „gesund machen“ zu wollen. (Quelle: Facebook)

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Südafrika im Schock

10.000-Seelengemeinde Walkerville erlebt totalen Albtraum: Familie wird brutal ermordet.

(Autor: Ghassan Abid)

Die Geschichte ist so brutal, dass diese aus einem Horrorfilm stammen muss. Doch die Gemeinde Walkerville in der Provinz Gauteng begreift allmählich, dass die Auslöschung einer gesamten Familie die traurige Realität eines gemeinschaftlichen Kriminaldeliktes darstellt. „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ ist die erste deutschsprachige Presse, die sich diesem unfassbaren Fall widmet.

© Das Familienglück Viana ist innerhalb weniger Stunden komplett zerstört worden. Der 12-jährige Junge Amaro wurde in der Badewanne ertränkt, die Mutter Geraldine vergewaltigt und der Vater Tony gefoltert. Im Anschluss sind beide Eltern erschossen worden. Das Kind hat die Ermordung miterleben müssen. Die Halbschwester Gabriela C. befand sich während der Tat nicht im Haus in Walkerville, da sie nach eigenen Recherchen in Miami (USA) wohnt. Beschuldigt werden drei Hausangestellte der Familie Viana, die ihre Taten mit Rache begründet haben. (Quelle: Facebook)

© Das Familienglück Viana ist innerhalb weniger Stunden komplett zerstört worden. Der 12-jährige Junge Amaro wurde in der Badewanne ertränkt, die Mutter Geraldine vergewaltigt und der Vater Tony gefoltert. Im Anschluss sind beide Eltern erschossen worden. Das Kind hat die Ermordung miterleben müssen. Die Halbschwester Gabriela C. befand sich während der Tat nicht im Haus in Walkerville, da sie nach eigenen Recherchen in Miami (USA) wohnt. Beschuldigt werden drei Hausangestellte der Familie Viana, die ihre Taten mit Rache begründet haben. (Quelle: Facebook)

Tony Viana, ein 42-jähriger Ingenieur portugiesischer Abstammung, lebte mit Frau und Kind seit längerer Zeit am Kap. Er fand im Land seine neue Heimat und verliebte sich in die schönen Naturlandschaften, genoss den Kontakt zu den vielen freundlichen Leuten vor Ort und spürte das Gefühl von Freiheit. Vor allem die britische Presse erläuterte in den letzten Tagen das Leben dieses klassischen Südafrika-Auswanderers ausgiebig. Tony konnte sich im südlichen Afrika verwirklichen. Die Familie besaß ein Haus, das mit schwarzen Angestellten gepflegt wurde. Die Welt schien idyllisch. Sie waren glücklich. Mehrere Bilder auf Facebook deuten auf diese Lebensfreude hin.

Eines Tages jedoch, im Oktober 2011, ereignete sich eine Tat, die innerhalb der südafrikanischen Nation trotz der umfangreichen Kriminalitätserfahrung eine massive Bestürzung auslöst. Nun sind weitere Einzelheiten bekannt worden, die den Tathergang beschreiben.

Drei Männer brachen in das Haus der Familie ein. Daheim waren das 12-jährige Kind Amaro und seine Mutter. Beide wurden in verschiedenen Zimmern gefangen gehalten. Die Einbrecher warteten auf Tony. Der minderjährige Junge hat miterleben müssen, dass sein Vater beim Eintreten in das Haus zuerst geknebelt und dann mit einem Panga-Jagdmesser und Golfschläger gefoltert wurde (Hinweis: Panga ist die südafrikanische Bezeichnung für einen bestimmten Fisch). Die 43-jährige Mutter Geraldine wurde zuvor vergewaltigt. Beide Eltern sind im weiteren Verlauf erschossen worden. Den Hund der Familie fanden Ermittler am Bauch aufgeschnitten.

Die Täter sind keine Fremden, sondern Bedienstete der Familie. Mittlerweile stehen der Gärtner Patrick Radebe (24) und die Hausangestellten Sipho Mbele (21) sowie Sphiwe Motaung (20) als Angeklagte vor Gericht. Sie sind vor Kurzem vom zuständigen Vorsitzenden Strafrichter am Vereeniging Regional Court für schuldig des Mordes und in einem Fall der Vergewaltigung befunden worden. Ebenfalls werden die drei Männer für den Raub von Wertsachen verantwortlich gemacht.

Über den Anwalt der drei Angeklagten ist verlautet worden, dass die drei Männer Rache an Geraldine Viana für begangene Misshandlungen an ihnen vornehmen wollten. Es scheint, als wollten die Hausangestellten anfänglich lediglich Hausbesitz in Beschlag nehmen. Die Situation eskalierte allerdings dann in der Begehung von Gewalt- und Sexualdelikten.

Das Kind hat die gesamte Tragödie im eigenen Haus miterleben müssen. Die Täter entschieden sich dann dafür, so lauten die aktuellen Meldungen, den schreienden Amaro in der Badewanne – mit heißem Wasser – zu ertränken. Sie befürchteten, dass dieser als Zeuge gegen sie aussagen könnte.

Am 6. September dieses Jahres wird das Urteil erwartet. Einwohner aus Walkerville erläuterten gegenüber „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“, dass das Gericht einen Freispruch in Erwägung ziehen wird. Diese Information konnte nicht bestätigt werden.

In Südafrika werden statistisch betrachtet 50 Menschen täglich ermordet, während in Deutschland die Zahl dessen mit 1-2 Personen beziffert wird. Die portugiesische, britische und Afrikaans-basierende Presse hat den Fall zur Schlagzeile gemacht. In einigen Internetforen wird die schwarze Hautfarbe der Angeklagten als Ausgang des Verbrechens genommen. Die „Rassendebatte“ droht erneut zu entfachen, zumal der Boeremag-Fall am North Gauteng High Court  in Pretoria diese Stimmung bereits lanciert hat [zum Boeremag-Fall erfolgt in Kürze ein Hintergrundbericht auf diesem Online-Medium]. Bereits der Mord an den AWB-Führer Eugène Terre’Blanche durch schwarze Farmarbeiter sorgte für eine kontroverse Diskussion zum Zusammenleben von Weißen und Schwarzen.

Plötzlich hatte ich eine Schusswaffe an der Stirn…

Informant von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ einem Tötungsdelikt knapp entkommen

(Autor: Ghassan Abid)

Es war ein schöner Tag. Der Abend war mild, der Film im Kino unterhaltsam und nun ging es zur Tiefgarage des in Pretoria liegenden Einkaufszentrums Menlyn Park. Die Freundin ging schon mal vor, während ich ein weniger später nachkam, um ein Ticket zu lösen. Auf einmal hörte ich meine Freundin laut schreien und als ich bei ihr war, sah ich zwei maskierte Männer, die sie an die Wand drückten und begrabschten …“. Dieses Zitat stammt von unserem Informanten für südafrikanische Innenpolitik, den wir Mbulaeni nennen wollen.

© Illegale Schusswaffen-Problematik in Südafrika (Quelle: Michael Donnermeyer/ Wikimedia)

© Einkaufszentrum Menlyn Park - ein Ort wird zum traumatischen Erlebnis

Mbulaeni musste schockierend feststellen, dass er völlig unerwartet inmitten eines Gewaltverbrechens war. Als er hinzu kam, wurde seine Freundin losgelassen und beide Männer im Alter von jeweils ca. 30 Jahren widmeten sich nun ausschließlich ihm. Mbulaeni gab ihnen, nachdem ihm eine Schusswaffe an die Stirn gehalten wurde, Geldbörse und andere Wertsachen. Da sich dieser Raub im Parkhaus eines Einkaufszentrums abspielte, zwangen die beiden Männer Mbulaeni und seine Freundin in das eigene Auto – das der Opfer – unverzüglich einzusteigen. Die Täter gingen äußerst aggressiv vor. Sie wurden entführt.

Zu viert fuhren sie rund drei Stunden aus der Hauptstadt Pretoria raus. Die Räuber drohten immer wieder mit der Tötung der Opfer, wenn diese auf „dumme Gedanken“ kommen würden. Als das Auto spät in der Nacht einen menschenleeren Ort erreichte, hielten sie an. Eine lähmende Stille machte sich im Fahrzeug breit. Mbulaeni kämpfte mit der eigenen Angst und befürchtete, dass der Raub in ein Sexual- und/ oder Tötungsdelikt übergehen könnte. „Wo sind wir und was machen wir hier?„, fragte er sich immer wieder und wieder. Doch es blieb Gott sei Dank beim Verlust von Handy, Portemonnaie und Auto. Beide durften aussteigen. Die Kriminellen rasten davon und zwei verängstigte Opfer fielen weinend in die Arme des Gegenübers. Sie hatten Glück im Unglück gehabt.

Es war der schlimmste Tag meines Lebens; heute habe ich Südafrikas hässliches Gesicht erstmalig am eigenen Leib erleben dürfen„, so der junge Mann aus der Mittelschicht Südafrikas. Mbulaeni hat nach diesem traumatischen Erlebnis die für ihn angemessenen Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet – neue Unterkunft in einer abgesicherten Anlage, erhöhte Wachsamkeit im öffentlichen Raum und keine allzu späten Freizeitaktivitäten mehr. Strafanzeige gegen Unbekannt wurde gestellt, doch wird das Verfahren wie in vielen Gewaltverbrechensfällen im Lande eingestellt werden. Das Kraftfahrzeug wird laut Auskunft der Polizei SAPS in seine Einzelteile zerlegt und auf dem Schwarzmarkt weiter verkauft. Doch die Versicherung des Opfers wird ein neues Auto bereitstellen.

„SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ drückt Mbulaeni sein ganzes Mitgefühl aus und dankt für sein Vertrauen, dass seine Geschichte der Öffentlichkeit unterbreitet werden kann. Südafrikas Kriminalität ist ein maßgeblicher Faktor für den Wegzug von vor allem weißen Südafrikanern guter Qualifikation. Die Regierung hat noch viel zutun …

Exklusiv-Interview mit Zanele Muholi

Im exklusiven Hintergrundgespräch mit der wohl provokantesten Künstlerin Südafrikas

(Autor: Ghassan Abid)

© Künstlerin Zanele Muholi

Zanele Muholi, 1972 im Township Umlazi/Durban geboren, ist ausgebildete Fotografin sowie Aktivistin für Frauenrechte und gleichgeschlechtliche Partnerschaften. Ihre Foto-Kunstwerke präsentieren den Körper schwarzer Frauen, insbesondere deren Intimität. Im konservativen Südafrika stößt dieser offene Umgang mit dem weiblichen Körper nicht immer auf Gegenliebe.  Als im März 2010 die südafrikanische Kulturministerin Lulu Xingwana eine Ausstellung mehrerer schwarzer Künstlerinnen in Johannesburg eröffnen sollte, jedoch diese die Fotos von Zanele Muholi zu Gesicht bekam, denunzierte die Ministerin ihre Kunst als „unmoralisch, pornografisch und entgegen eines nationalen Zusammenwachsens“ und verließ daraufhin empört die Ausstellung. Nicht desto trotz erhält Zanele Muholi, welche in einer lesbischen Beziehungen lebt, seitens der internationalen Kunstszene viel Zuspruch, Respekt und Auszeichnungen. Das Südafrika-Portal freut sich umso mehr, diese interessante „Power-Frau“, die keinen Blatt vor den Mund nimmt, interviewen zu dürfen.

2010sdafrika-Redaktion: Zanele Muholi, wir freuen uns Sie auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ begrüßen zu dürfen! Die Mehrheit der südafrikanischen Gesellschaft, vor allem Männer, verabscheuen Homosexualität. In Deutschland ist diese aggressive Atmosphäre gegenüber diesen Bürgern ebenfalls existent. Ich habe von Ihrer lesbischen Beziehung erfahren. Welche persönlichen Erfahrungen haben Sie und Ihre Partnerin bereits machen müssen?

Antwort:Es sind nicht nur Männer, die mit der Homosexualität Schwierigkeiten haben, sondern auch die Frauen. Wir können nicht sagen, dass das Problem der Homosexualität einer patriarchalischen Natur unterliegt – es geht vielmehr um die Tatsache, dass unsere Gesellschaft nach heterosexuellen Wertmaßstäben ausgerichtet ist. Ja, Männer sind diejenigen, die Lesben zwecks „Heilung“ zu einer „richtigen“ Frau vergewaltigen. Mir sind aber auch Fälle bekannt, wonach Familienangehörige – gerade Mütter – Männer zur Vergewaltigung ihrer lesbischen Tochter bitten, damit diese zu einer sauberen „Afrikanischen“ Frau rückgängig gemacht wird; gemeint ist hierbei eine Frau die heiratet und ein Kind gebärt. Das ist der Zustand, in welcher das Patriarchat und die Heterosexualität sich überkreuzen und eine falsche Auffassung darüber erzeugen, wonach nur heterosexuelle Frauen heiraten und Kinder zur Welt bringen können. Aber es gibt in meiner Gemeinschaft so viele lesbische Mütter, deren Kinder unter den verschiedensten Umständen gezeugt wurden.

Ich persönlich musste vor vielen Jahren zuvor ein aus Hass begangenes Verbrechen erfahren, als die Mutter meiner Partnerin mich aufgrund meiner lesbischen Ausrichtung geschlagen hatte. Sie beschuldigte mich ihre Tochter zu „solchen Dingen“ zu beeinflussen und beschimpfte mich als „Perversling“.

So habe ich die Homophobie begreifen und diesbezügliche Erfahrungen mit der Mutter meiner Ex-Freundin machen müssen. Aber andererseits habe ich niemals eine schlimme homofeindliche Erfahrung in meiner eigenen Familie, als auch bei meinen Freunden gemacht.

© Fotografie: Musa Ngubane and Mabongi Ndlovu, Johannesburg

Meine geliebte Mutter Bester Ziqubu Muholi, die am 27. September 2009 von uns ging, betrachtete alle meine Partnerinnen als ein Bestandteil ihrer Familie. Sie lehrte uns jeden zu lieben und zu akzeptieren. Meine Ex-Partnerinnen sind weiterhin bei uns zu Hause seitens meiner Brüder und Schwestern willkommen, auch nachdem meine Mutter von uns gegangen ist, weil sie meiner Familie die Akzeptanz und den Respekt der Vertrautheit lehrte, als auch die Liebe zwischen mir und meinen Partnerinnen. Sie akzeptierte jede Einzelne nicht als meinen Freund oder meine Schwester, sondern als meine Partnerinnen.

Als Aktivistin, bin ich gerade als schwarze Lesbe in Südafrika diskriminiert worden. 2004 schrieb mir ein Dienstleister einen Brief und erklärte, dass er kein Projekt finden könne, welches mit verworrener Homosexualität zu tun hat. Der aktuellste Vorfall ereignete sich als die Ministerin für Kunst und Kultur, Lulu Xingwana, eine Gruppenausstellung unter dem Titel „Innovative Women“ anlässlich meiner Fotografien verlassen hatte, da Sie der Überzeugung ist, dass diese Bilder nackter Lesben „unmoralisch“ und gegen das „nationale Zusammenwachsen“ seien.

2010sdafrika-Redaktion: Wie geht die südafrikanische Regierung unter Jacob Zuma mit diesem Intoleranz-Problem um?

Antwort:2006 ist Jacob Zuma von einer jungen Frau, einer langjährigen Freundin der Familie, der Vergewaltigung beschuldigt worden. Die Frau ist in den Medien unter dem Namen Khwezi bekannt, allerdings ist das nicht ihr richtiger Name. Der Fall landete vor Gericht und Zuma wurde von den Anklagevorwürfen freigesprochen. Die junge Frau ist als Lesbe identifiziert worden und die alten sexisischen Geschichten über weibliche Opfer sexueller Übergriffe sind vor Gericht zwecks Verunglimpfung weitergeführt worden – sie wollte Sex; sie sei eine unbeständige Frau und die ältere Männer-Version wurde zur glaubwürdigen des ganzen Falles. Das ist nicht neu. Aber was am Fall so erschreckend ist, dass gleichwohl Männer und Frauen Khwezi mit heftigen Reaktion und Gefühlen begegnet haben. Täglich sindDemonstrationen zur Verurteilung ihrer Person abgehalten worden, wenn nicht gar zu ihrem Tod. Khwezi ist heute ausgewandert und fühlt sich bei einer Rückkehr nach Südafrika nicht mehr sicher. Wenn man in dieser Dynamik die Handlungen der Ministerin für Kunst und Kultur, Lulu Xingwana,  bewertet – welche eine Frauen-Ausstellung verlassen hatte, weil sie die Fotografien von nackten Lesben als „unmoralisch“ und gegen das „nationale Zusammenwachsen“ auffasste – dann würde ich sagen, dass das Zusammengehörigkeitsprojekt in Südafrika über die bloßen Rechte auf Papier hinausgehen sollte, als in unserer Verfassung von 1996 niedergelegt.

2010sdafrika-Redaktion: Sie sind eine Angehörige der Zulus, einer ethnischen Gruppe im Osten Südafrikas. Welche Charakteristika prägen Zulus im Vergleich zu anderen Gruppen?

Antwort: Die Sprache, traditionelle Gewohnheiten auch als „ilobolo“ – in der Sprache Sesotho mit „Mahadi“ – bezeichnet; manchmal mit „bride price“ (= Brautpreis) übersetzt, stellt einen traditionellen Brauch im südlichen Afrika dar, wo der Mann bei einem Heiratsantrag der Familie seiner Verlobten Geld zahlt.

Wir haben traditionelle Medizin, Tanz, Musik, Essen, Religion – so steht die Shembe Kirche in Verbindung mit einigen Mitgliedern unseres Stammes, traditioneller Bekleidung und Dekoration wie zum Beispiel Perlen und vielen anderen Elementen, welche Tag für Tag aufgrund der Modernität entschwinden; von vielen als Kultur empfunden.

2010sdafrika-Redaktion: Viele Südafrikaner beurteilen Sangomas – traditionelle Heiler – wichtiger als westliche Mediziner. Welcher Bedeutung würden Sie den Sangomas Ihrer eigenen Gesundheitsversorgung geben? Wissenschaftler und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen kritisieren Sangomas für das Vorantreiben von Vergewaltigungen an Jungfrauen, um auf diesem Wege eine vermeintliche HIV-Infektion heilen zu können. Was ist Ihre Sicht der Dinge?

Antwort: Es ist grob vereinfacht zu behaupten, dass alle Sangomas der verschiedenen ethnischen Traditionen und Kulturen in Südafrika ihre Heilpraxis auf selben Wege betreiben, genauso es allzu simpel ist anzumaßen, dass alle westlich-ausgebildeten Mediziner über  selbe Werte, Ethik, Behandlungen und Wissen verfügen. Viele Sangomas sind bestrebt mit westlicher Medizin zu arbeiten und westliches Wissen in ihrer traditionellen Heilbehandlung zu berücksichtigen, insbesondere bei HIV/AIDS. Aber dies bedeutet nicht, dass ich auch nicht westliche Medizin annehme, sofern es mir helfen kann. Vielleicht gibt es einige Sangomas die behaupten, dass Sex mit einer Jungfrau HIV heilen wird, was nicht wahr ist. Allerdings habe ich Achtung vor alternativer Medizin. 2008 führte ich Regie einer Dokumentation mit dem Titel „Isangoma: Urban Shaman„, eine Geschichte über eine weibliche traditionelle Heilerin, die im kosmopolitischen Toronto behandelt. Jedoch ist es auch eine Story, die ihre Wiederholung findet, wie eine urbane Legende. Niemand weiß mehr wo diese Lehre anfing oder wer damit angefangen hat. Ja, es gibt Männer die glauben diese sei wahr. Aber nochmals – solche Volksmärchen zielen darauf ab, eher durch das Volk als durch die meisten Sangomas verbreitet zu werden.

2010sdafrika-Redaktion: Ihre Ausstellungen und Kunstwerke sind in einigen Fällen wirklich provokant, wie das Projekt „Massa“ and Mina(h)“. Über was handelt dieses und was bedeutet „Massa“ and „Mina(h)“?

Antwort: Das Projekt basiert auf das Leben und die Geschichte meiner Mutter. Ich beziehe mich auf meine eigenen Erinnerungen und zolle gegenüber ihrer domestizierten Rolle als Arbeiterin für die gleiche Familie seit 42 Jahren Achtung. Die Reihe soll alle häuslichen Angestellten auf der Welt anerkennen, die weiterhin ihre Würde abquälen, zumal sie am Arbeitsplatz oftmals körperlicher, finanzieller und emotionaler Gewalt begegnen.

© Fotografie aus der Ausstellung ´Massa and Mina(h)´

In dieser Reihe wandelte ich meinen eigenen schwarzen Körper in einen Kunstgegenstand um. Ich ermöglichte verschiedenen Fotografen mein Erscheinungsbild nach meinen Vorstellungen einzufangen. Ich benutze Performativität [= Begriff der Sprechakttheorie] um die rassischen Angelegenheiten von weiblicher Häuslichkeit anzusprechen – schwarze Frauen betreiben die Hausarbeit von weißen Familien. In der Vergangenheit und bis heute hören wir über Geschichten von vergewaltigten schwarzen weiblichen Hausangestellten oder von jenen, die ein intimes Verhältnis mit dem weißen männlichen Massa haben. Aber betrachten wir es i.S.v. Queer und stellen uns vor, dass diese weißen Damen ihre schwarzen Zimmermädchen lieben würden, mit ihnen intim seien. Vielleicht weil sie als zwei verliebte Frauen einfach etwas gemeinsames teilen oder vielleicht ist es eine völlig sinnliche Beziehung, entweder basierend auf wechselseitigen erotischen Bedürfnissen oder auf ungleicher Macht und Arbeitsbeziehungen, die zwischen schwarzen Frauen und weißen Frauen existieren, sodass die weißen Damen, wie die weiße Massa, aus dieser Situation für sich einen Vorteil ziehen.

Wir wissen es nicht. Und es ist weiterhin ein Tabu darüber zu sprechen. Aber ich werde die Leute darüber zum Sprechen und auf Ethnie, Geschlecht und Sexualität im Kontext von Hausarbeit zum Hinsehen bringen.

2010sdafrika-Redaktion: Welche künstlerischen Ideen bereiten Sie demnächst vor?

Antwort: Ich habe eine „new posed-photographic series“ gestartet, die auf gleichgeschlechtliche Polygamie mit dem vorläufigen Titel ‘Mbhekeni’ abzielt, was „Geschlechtsspezifisches Spektakel“ bedeutet. Die Meisten meiner Projekte sind laufende Arbeiten, sodass ich im Augenblick das fortsetze womit ich begann. Es könnte entweder „Faces & Phases„, „Being„, „Beulahs“ oder meine Blut-Kunstreihe sein, in welcher ich den Schmerz und Verlust von Freunden bzw. Liebhabern durch die vielen Formen von aus Hass begangenen Verbrechen – „heilende Vergewaltigungen“ und Morde – zum Ausdruck bringe.

2010sdafrika-Redaktion: Waren Sie schon in Deutschland? Wie würden Sie die deutsche Kultur beschreiben und welche intuitiven Gefühle verbinden Sie mit Deutschland?

Antwort: Ich weiß nicht viel über deutsche Kultur, sodass ich keine Behauptungen aufstellen möchte. Ich war ein paar Mal in Deutschland und nahm 2006 an der Konferenz „Black Autonomy„, ADEFRA (www.adefra.de), in Berlin teil. Ich werde dieses Jahr nochmal da sein und schwarze lesbische Athleten fotografieren und unterstützen, die 2010 an den „Cologne Gay Games“ [= ´Olympische Spiele´ für Schwule und Lesben] partizipieren werden.

2010sdafrika-Redaktion: Bereiten Sie in Deutschland stattfindende Ausstellungen vor?

Antwort: Ich werde in der Staatsgalerie Stuttgart in einigen Tagen – ’11 Friends‘ – Identity & Otherness – die am 30. Mai 2010 eröffnende Ausstellung präsentieren.

2010sdafrika-Redaktion: Welche Träume würden Sie noch verwirklichen und welche sind bereits erreicht worden?

Antwort: Ich möchte, dass meine Kunstwerke veröffentlicht werden. 2006 hatte ich meine erste veröffentlichte Kollektion – „Only Half the Picture„. 2010 werde ich meine zweite Publikation unter dem Titel ´Faces & Phases´ bei Prestel veröffentlichen.

2010sdafrika-Redaktion: Zanele Muholi, haben Sie vielen Dank für dieses sehr interessante Gespräch!

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Das Interview wurde in Englisch geführt und ist ins Deutsche übersetzt worden. Für das Original-Gespräch in englischer Sprache bitte folgenden Link anklicken: https://2010sdafrika.wordpress.com/2010/05/31/exklusive-interview-with-zanele-muholi/.

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Homepage der südafrikanischen Fotokünstlerin Zanele Muholi:

http://www.zanelemuholi.com/