Schlagwort-Archive: Sexualdelikte

57 Strafgerichte für Sexualdelikte geplant

500.000 Vergewaltigungen pro Jahr in Südafrika. Justizminister kündigt grundlegende Rechtsreform an

(2010sdafrika-Redaktion)

Südafrika zählt zu den traurigen Rekordhaltern in punkto Kindesmissbrauch und Vergewaltigungen weltweit. Nach aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen kommt es jedes Jahr zu rund 500.000 Vergewaltigungen am Kap. Aus südafrikanischen Justizkreisen heißt es, dass die Anzahl der Fälle stetig zunehme. Nun reagiert Justizminister Jeff Radebe mit einer Rechtsreform auf diese gesellschaftlichen Fehlentwicklungen. Der Opferschutz solle in den Mittelpunkt der Strafverfolgung gerückt werden.

© Südafrikas Justizminister Jeff Radebe kündigt die Gründung von Sondergerichten an, die sich ausschließlich mit der Verfolgung von Sexualdelikten befassen. Insgesamt sollen in den nächsten Jahren 57 solcher Sondergerichte entstehen. (Quelle: flickr/ GovernmentZA)

© Südafrikas Justizminister Jeff Radebe kündigt die Gründung von Sondergerichten an, die sich ausschließlich mit der Verfolgung von Sexualdelikten befassen. Insgesamt sollen in den nächsten Jahren 57 solcher Sondergerichte entstehen. (Quelle: flickr/ GovernmentZA)

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Kurzfilme aus Südafrika

Ein Bericht zum 28. Internationalen Kurzfilmfestival Berlin (interfilm)

(Autorin: Anne Schroeter)

Am 17. November 2012 sind im Rahmen des 28. Kurzfilmfestivals „interfilm“ im Berliner Kino Passage fünf Kurzfilme aus Südafrika präsentiert worden. Leider war die Publikumsresonanz nicht so groß, wie die Kurzfilme es verdient hätten – das Kino war nicht einmal halb voll.

© Cover zum Film "Protect the Nation".

© Cover zum Film „Protect the Nation“.

Der erste Film, „Protect the Nation“ (2010, Regisseur: Candice Reisser), behandelt die Geschichte eines Jungen namens Sizwe, der in Alexandra lebt. Um die Familie unterstützen zu können, geht er tagsüber kleineren Arbeiten nach und nicht zur Schule. Er belügt seine Tante, die sich um ihn sorgt. Aus dem Off klingen seine Gedanken: „When somebody is good to you, it makes you want to do good. It’s a circle, it goes round and round“. Eines Tages holt er im Auftrag eines Verwandten eine Schallplatte in einem Club ab. Ein Mitarbeiter des Clubs erkennt offensichtlich, dass etwas nicht stimmt mit Sizwe. Er zeigt auf ein Foto Mandelas und fragt den Jungen, ob er Liebe in seinem Herzen trage. Nach der Übergabe der Schallplatte, auf dem Weg nach Hause, wird Sizwe von anderen Jungen angegriffen. Dabei stürzt er und bleibt ohne Regung am Boden liegen.

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Kindesmissbrauch und Gewalt an Frauen

Experten ziehen im Filmmuseum Potsdam eine Status quo-Bilanz

(Autoren: Ghassan Abid, Doreen S., Danilo Bretschneider)

Im November 2010 fanden sich anlässlich des Filmfestivals „Ueber Mut“ und der 7. Brandenburger Entwicklungspolitische Informations- und Bildungstage im Filmmuseum Potsdam verschiedene Vertreter der Zivilgesellschaft zusammen, um den sexuellen Missbrauch von Kindern und die Gewalt an Frauen in Südafrika und insbesondere in Deutschland zu erörtern. Angestoßen wurde die Veranstaltung mit dem soziokritischen Dokumentarfilm „Rough Aunties“, welcher den traditionsbedingten Missbrauch von Kindern in Südafrika und die schwierige Arbeit der ehrenamtlichen Frauen –  der  „Tanten“ – von „Bobbi Bear“ thematisiert.

© Podium im Filmmuseum Potsdam; von links: Ghassan Abid, Rosemarie Priet, Lydia Sandrock, Kilian Kindelberger (Quelle: www.dbretschneider.de/)

© Podium im Filmmuseum Potsdam; von links: Ghassan Abid, Rosemarie Priet, Lydia Sandrock, Kilian Kindelberger (Quelle: http://www.dbretschneider.de/)

Ghassan Abid – Politikwissenschaftler mit dem Forschungsschwerpunkt deutsch-südafrikanische Beziehungen, Initiator von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ und Moderator der Veranstaltung – eröffnete das Podium mit zwei Studien der in New York hauptansässigen Nichtregierungsorganisation (NGO)  CIET Trust. 2008 befragte die südafrikanische Sektion dieser NGO insgesamt 269.705 Schüler zwischen 10 bis 19 Jahren an 1191 Schulen im Lande. Jeweils 28 Prozent der Schüler wurden nach eigenen Angaben von fremden Erwachsenen, 28 Prozent von Mitschülern und 18 Prozent von Familienangehörigen missbraucht. Hinzu kommt, dass 20 Prozent der Schüler von den eigenen Lehrern zu Sexualakten genötigt wurden. Bereits ein Jahr zuvor sorgte CIET Trust mit einer Studie zu Vergewaltigungsfällen an südafrikanischen Frauen für ein ähnliches Entsetzen. Von 4000 befragten Frauen gab jede Dritte an, dass sie im Laufe ihres Lebens einer Vergewaltigung zum Opfer gefallen ist. Auch 1500 Männer wurden in der selben Studie von 2007 befragt, wonach ein Drittel die Ausübung einer Vergewaltigung als „lustig“ und „spaßig“ empfand.

© Lydia Sandrock, Autonomes Frauenzentrum Potsdam (Quelle: http://www.dbretschneider.de/)

Lydia Sandrock, vom Autonomen Frauenzentrum Potsdam e.V., erläuterte die schwierige Lage von Opfern sich gegen ihre Peiniger zur Wehr zu setzen. Denn bei missbrauchten Kindern und Frauen macht sich eine Art Angstzustand breit sowie ein Gefühl der Rechtlosigkeit. Der Missbrauch ereignet sich in vielen Fällen über Jahre, sodass bei den Opfern in vielen Fällen Alpträume, Misstrauen und Konzentrationsschwierigkeiten eintreten. Das Perfide an der gesamten Debatte ist die Tatsache, dass die Täter oft nahe Verwandte sind. Dieses bestätigt sich in einer Hellfeld-Analyse der Universität Magdeburg von 2008, wonach bei 42 Prozent der untersuchten Täter-Opfer-Beziehungen der Missbrauch von Kindern von den eigenen Vätern (leiblich/ Stiefvater), Großvätern und Onkeln ausging. In lediglich 20 Prozent der Fälle gingen die Sexualdelikte an Kindern von Fremden aus. Dementsprechend ist es nicht verwunderlich, dass den Kindern bei einer Offenbarung erst nur nach mehreren Vorfällen geglaubt wird – eine Erkenntnis, die vielen Menschen als unvorstellbar und unbequem erscheint.

Kilian Kindelberger, von VENROB e.V. und der Berlin-Brandenburgischen Auslandsgesellschaft e.V., bekräftigt das Engagement seiner Institution, insbesondere Frauen zum Handeln zu ermutigen, sei es in Städte- oder in Fußballpartnerschaften. Denn die Wandlung einer Gesellschaft erfordert demnach eine aktive Partizipation von Frauen, um soziale Missstände wirksam begegnen zu können. Gesetze erweisen sich demnach vielerorts nicht als alleinige Lösung sozialer Probleme. Hinsichtlich der Fragestellung, inwieweit das TV-Reality Format „Tatort Internet – Schützt endlich unsere Kinder“ zur Sensibilisierung einer Debatte um den Kindesmissbrauch hilfreich sein könne, begründet Kindelberger die grundsätzliche Positivwirkung, dass ´darüber gesprochen wird´, jedoch dienen solche Produktionen von auf Kommerz ausgerichteten Sendern keiner wirklichen und ernsthaften Sensibilierung gesellschaftlicher Probleme. Der Abbau von Vorurteilen, die Aufklärung zu fair gehandelten Produkten und die interkulturelle Verständigung werden von VENROB weiterhin im Rahmen der Lobbyarbeit verfolgt, so Kindelberger weiter.

Rosemarie Priet, von der Opferhilfe e.V., untermauerte den unglaublichen Ehrgeiz von Frauen zur Bekämpfung sozialer Missstände. Die im südafrikanischen Durban ansässige NGO „Bobbi Bear“ engagiert sich zum Beispiel seit Jahren trotz zahlreicher privater und beruflicher Rückschläge weiterhin mit ihrer ganzen Kraft für die Rechte von Kindern und gegen den gesellschaftlich akzeptierten Missbrauch von Kindern durch Männer der Ethnie der Zulus. Die „Tanten“ dieser Organisation, welche in den meisten Fällen selbst Opfer von sexueller Gewalt wurden, seien umso entschlossener, solche Entwicklungen in die falsche Richtung entgegenzuwirken. Mit der Opferhilfe e.V. verfolgt Priet mit ihren Kolleginnen und Kollegen sämtliche Aktivitäten, den Opfern den ´Platz in der Gesellschaft´ zu ermöglichen. Physische und psychische Folgen, Entwicklungsstörungen, Leistungsdefizite und Spannungen werden dank der Unterstützung der Opferhilfe e.V. Schritt für Schritt „therapiert“. Doch neben der Opferhilfe, sei insbesonde der Opferschutz ein wichtiger Pfeiler ihrer Arbeit. Es geht hierbei nicht nur um die Zeugenbetreuung oder um die Aufklärung zu den Rechten im Strafverfahren, sondern auch um die Beratung von Angehörigen, die oft überfordert sind. Problematisch ist allerdings das Manko, dass die Opfer viel zu lange auf einen Therapieplatz warten müssen und in so einigen Fällen der Antrag auf eine solche therapeutische Hilfe von den Opfern  zurückgezogen wird.  Der Missbrauch von Jungen, betont Priet, sei nach wie vor ein großes Tabuthema, welches ´nicht zum gesellschaftlichen Männerbild passt´ und demnach kaum erörtert wird. Zu guter Letzt ist der Gesetzgeber zum weiteren Handeln geboten, wie zum Beispiel hinsichtlich einer Verlängerung der Verjährungsfrist von Schadensersatzforderungen.

Frauentag in Südafrika als Fass ohne Boden

Sexismus, Missbrauch und Gewalt dominieren den Alltag vieler Frauen

(Autor: Ghassan Abid)

Südafrika ist ein naturreiches und gastfreundliches Land. Dieses Bild bietet sich Touristen aus aller Welt an, sofern man sich nicht jenseits der wundervollen Kulissen begibt und bereit ist, die Schattenseiten der jungen Demokratie im südlichen Afrika zur Kenntnis zu nehmen.

Dieser Spiegel der Trauer, Angst und Aggressivität ergreift in seiner vollen Kraft insbesondere Frauen mit schwarzer Hautfarbe. Infolge der Apartheidspolitik und der damit verbundenen Exklusion der dunkelhäutigen Mehrheitsgesellschaft vom nationalen Bildungssystem, dominieren inhumane Wertvorstellungen und soziale Missstände den Alltag von Millionen Südafrikanerinnen. In den Townships ist diese missliche Lage besonders stark zu beobachten.

Anlässlich des Weltfrauentages am 08. März 2010 ist festzuhalten, dass das schwächere Geschlecht noch einen langen Weg hinsichtlich von Gleichstellung und Gleichberechtigung beschreiten muss. Zahlreiche Frauen müssen sich alleinerziehend um den Haushalt kümmern – besser gesagt die Existenz der gesamten Familie gewährleisten. Bei 613.900 Toten in Südafrika, allein für das Jahr 2009 wohlgemerkt, stirbt die Mehrheit der Männer an der Immunschwächekrankheit HIV/AIDS, an Morden und Verkehrsunfällen. Neben dieser immensen Verantwortung für sich und die eigenen Kinder besteht stets die Gefahr eines sexuellen Missbrauchs und einer häuslichen Gewalt. Die Statistik beziffert Grauenhaftes:

– Alle zehn Minuten wird eine Frau in Südafrika vergewaltigt

– Pro Tag fallen 150 Menschen (v.a. Frauen) einer Vergewaltigung zum Opfer

– 50 Prozent der Frauen werden im Verlauf ihres Lebens zum Opfer

– 30 Prozent der Jugendlichen hatten ihren ersten Sex mittels Vergewaltigung

– Pro Jahr werden offiziell 55.000 solcher Sexualdelikte registriert, nach anderen Angaben tendiert die Dunkelziffer sogar zwischen 1 bis 2 Millionen

– 16 Prozent der Männer glauben, dass Frauen ihre Vergewaltigung genießen

– von 25 gefassten Vergewaltigern kommen 24 wieder frei

Es kann festgehalten werden, dass der erzwungene Sex in Südafrika gegenüber einer Frau gesellschaftlich normiert und akzeptiert ist. Ferner befördert der Aberglaube hinsichtlich einer HIV-Heilung infolge eines Geschlechtsverkehrs mit einer Jungfrau, welche in weiten Teilen das Landes existent ist, diesen Prozess (siehe 2010sdafrika-Artikel auf politlounge mit Titel „Medizinmänner und Aberglaube in Südafrika„).

Auch der derzeitige Präsident Jacob Zuma konnte in der Vergangenheit als Vergewaltiger einer AIDS-Aktivistin von sich reden machen, der hiervon freigesprochen wurde. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von nur 43 Jahren kann das kurze Leben dieser Frauen einer Hölle auf Erden gleichkommen. Insbesondere ist die Gefahr einer Infektion beim gewaltsamen Akt mit HIV vor allem in Südafrika mit einer hohen Wahrscheinlichkeit verknüpft. Ein Leben im Jenseits kommt bei dieser geringen Lebenserwartung – wenn man es so zynisch formulieren darf – einem Segen, wenn nicht gar einer Erlösung gleich.

Gegenwärtig ist keine positive Entwicklung auf der politischen Ebene zu erkennen, jedoch bedienen sich immer mehr Frauen der „Lebensdroge“ Selbstbewusstsein, um für sich und für ihre Kinder einstehen und jeden Tag aufs Neue  durchsetzen zu können. Immer mehr Frauen suchen die Möglichkeit hinsichtlich einer Partizipation in einer Bürgerbewegung oder NGO auf, um dieses durch Männer verursachte frauenfeindliche Phänomen gegenzusteuern. „To hope the best and to plan the worst„, ein Grundsatz der in Südafrika aktueller ist denn je.

© Frauen in Südafrika zwischen Pessimismus und Hoffnung

Bericht der NGO ActionAid zur Vergewaltigungslage in Südafrika:

http://www.actionaid.org/docs/correctiveraperep_final.pdf

BBC-Artikel zu Sexualdelikten:

http://news.bbc.co.uk/2/hi/africa/492669.stm

DER SPIEGEL-Artikel zu Missbrauchsstatistiken in Südafrika:

http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/0,1518,632612,00.html