Schlagwort-Archive: Sharpeville

Vergebung statt Vergeltung

Wahrheitskommission legte heute vor 20 Jahren Abschlussbericht zur Vergangenheitsbewältigung vor

(2010sdafrika-Redaktion)

Vor genau 20 Jahren, am 29. Oktober 1998, wurde der damalige anglikanische Erzbischof Desmond Tutu von Südafrikas Staatspräsidenten Nelson Mandela persönlich empfangen. Tutu, der den Vorsitz der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC) innehatte, legte fünf dicke Bände mit über 4.500 Seiten vor. Jede einzelne Seite befasst sich mit den Verbrechen des Apartheidregimes ab dem 1. März 1960 – eingeschlossen das Massaker von Sharpeville vom selben Monat. Drei Jahre Vergangenheitsbewältigung mündeten in knapp 1.000 Seiten mit den Namen der Opfer.

© Desmond Tutu leitete den Vorsitz der Wahrheits- und Versöhnungskommission (TRC), die die Verbrechen des Apartheidregimes aufarbeitete. Am 29. Oktober 1998, heute vor 20 Jahren, präsentierte der südafrikanische Friedensnobelpreisträger den Abschlussbericht mit seinen rund 4.500 Seiten. (Quelle: flickr/ Skoll Foundation)

Weiterlesen

Advertisements

Filmkritik: Miners Shot Down

Südafrika-Dokumentationsfestival in Berlin – 3. Veranstaltungsbericht

(Autor: Johannes Woywodt)

Marikana ist eine kleine und unscheinbare Bergarbeiterstadt im Nordwesten Südafrikas. Hier, unter der trockenen und staubigen Erde, befindet sich die weltweit größte Abbau- und Förderstätte von Platin. Internationale Großunternehmen sind hier ansässig, um aus den Minen das begehrte Edelmetall zu fördern. Bis zu 25.000 Kumpel arbeiten hier unter Tage. Körperliche Schwerstarbeit bei heißen Temperaturen, die zugleich gesundheitsschädlich und gefährlich ist.

Miners Shot Down

© Auf dem diesjährigen South African Documentary Festival in Berlin ist die Dokumentation „Miners Shot Down“ gezeigt worden. Die Redaktion von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ schaute sich diese an. (Quelle: Screenshot/ Miners Shot Down)

Weiterlesen

Der Kampf mit Plakaten

Ausstellung zu Anti-Apartheid-Kampagnen in BRD/ DDR: Der Feind meines Feindes ist mein Freund

(Autor: Ghassan Abid)

Am 24. Mai 2012 begrüßten Heike Hartmann, Kulturwissenschaftlerin, und Susann Lewerenz, Historikerin, die Besucher der Ausstellung Solidaritäten über Grenzen. Anti-Apartheid-Kampagnen in der BRD und DDR im August-Bebel-Institut in Berlin. Diese findet im Rahmen einer Veranstaltungsreihe anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Afrikanischen Nationalkongress in Kooperation mit der Friedrich-Ebert-Stiftung statt.

© Die Ausstellung „Solidaritäten über Grenzen. Anti-Apartheid-Kampagnen in der BRD und DDR“ ist in neun Bereiche untergliedert, die verschiedene Schwerpunkte der Kampagnen beider deutscher Staaten anhand von Plakaten charakterisieren.

© Die Ausstellung „Solidaritäten über Grenzen. Anti-Apartheid-Kampagnen in der BRD und DDR“ ist in neun Bereiche untergliedert, die verschiedene Schwerpunkte der Kampagnen beider deutscher Staaten anhand von Plakaten charakterisieren.

Die Ausstellung ist in neun Bereiche untergliedert, die verschiedene Schwerpunkte der Kampagnen beider deutscher Staaten anhand von Plakaten charakterisieren:
Nieder mit! Bilder gegen Apartheid
Schluss mit! Ereignisse und Erinnerung
Freiheit für! Ikone Nelson Mandela
Solidarität mit! Akteure und Ziele
Spende für! Überleben, Bildung, Kampf
Unsere Solidarität! Staatsakt und Alltag
Stoppt die! Nukleare Zusammenarbeit
Sanktionen! Gegen Wirtschaft und Banken
Boykottiert! Gold und Früchte

Im Hinblick auf das Bildmaterial griffen beide Wissenschaftlerinnen auf die Bestände des Archivs für Alternatives Schrifttum (afas) in Duisburg und die des Solidaritätsdienst-international (SODI) in Berlin zu. Die Kulturwissenschaftlerin Hartmann erläuterte, dass der Begriff „Solidarität“ verschiedene Definitionen anbiete, wobei es in der Ausstellung um die Solidarität über Grenzen hinweg gehe. Schon vor der Machtergreifung durch die Apartheidspartei National Party (NP) regte sich Widerstand am Kap bezüglich der Ungleichbehandlung der verschiedenen Ethnien. Insbesondere Schwarze erfuhren infolge des Wahlsiegs eine unmittelbare „Trennung der Lebensbereiche“ und die Minderheit der Weißen eine gleichzeitige „Privilegierung“, so Hartmann.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

© Die Ausstellung „Solidaritäten über Grenzen. Anti-Apartheid-Kampagnen in der BRD und DDR“ verwendet Bildmaterial aus den Beständen des Archivs für Alternatives Schrifttum (afas) in Duisburg und die des Solidaritätsdienst-international (SODI) in Berlin. Ursprünglich stammen die Fotos aus Südafrika.

Apartheid als Nationalsozialismus und Kolonialismus
Das Massaker von Sharpeville von 1960, welches mit 69 toten Demonstranten blutig niedergeschlagen wurde, führte zum Verbot von ANC und Pan-African-Congress (PAC). Der Widerstand gegen die Apartheid setzte sich dann im Untergrund sowie im Exil fort. „Eine Solidarität gab es in beiden deutschen Staaten“, führte die Kulturwissenschaftlerin an. „Es gab aber Unterschiede in der Politik“, so sie weiter. Das Interessante an dieser ganzen Thematik ist, dass einerseits die Solidarität im Kampf gegen die Apartheid hierzulande erst in den 70er-Jahren zeitversetzt anlief und sich darüber hinaus schließlich bedeutende Anti-Apartheid-Bewegungen formierten. Zum Andern kritisierten sowohl ostdeutsche als auch westdeutsche Solidaritätsbewegungen die Bonner Republik für ihre politischen bzw. wirtschaftlichen Beziehungen zu den Rassentrennungsbefürwortern am Kap. Genauso bezogen beide Fotomaterial aus Südafrika, das mit der NS-Zeit oder dem deutschen Kolonialismus illustrativ in Verbindung gebracht wurde. Die Historikerin Lewerenz erklärte diese Tatsache mit dem subjektiven Empfinden vieler Aktivisten, dass die „Nazis in Südafrika“ ihre Politik des Dritten Reichs nun im südlichen Afrika fortsetzten. Es gilt als bewiesen, dass deutsche Nationalsozialisten und südafrikanische Rassisten miteinander in Kontakt standen. „Es ist unglaublich, in wie vielen Ländern sich eine Anti-Apartheid-Bewegung formierte“, erläuterte Hartmann die Reaktion dessen. Allerdings wurde die Apartheid in der Bundesrepublik bis in die 70er Jahre als „nicht schlecht“ empfunden.

Bild- und Textverbot zu Nelson Mandela
Lewerenz verwies ebenfalls auf das Bild- und Textverbot zu Nelson Mandela, der im Rahmen des Rivonia-Prozesses eine starke mediale Aufmerksamkeit erhielt. Die NP sah sich aus diesem Grund gezwungen, auf die Todesstrafe zu verzichten und Mandela fernab von der Öffentlichkeit auf Robben Islands einzusperren. Erst 10 Jahre nach der Verhaftung entdeckten die Solidaritätsbewegungen den Wert Mandelas für die Wiederbelebung der Kampagnen. Die ANC-Vertretung in London und das UN-Spezialkomitee  gegen die Apartheid starteten daraufhin eine internationale Kampagne zur Freilassung der Ikone, an welcher sich die Anti-Apartheid-Bewegungen in der BRD und DDR anschlossen.

© Im Jahr 1972 nahm die Regierungspartei der DDR, die SED, die ersten offiziellen Beziehungen zum ANC auf. Beide Parteien einte der Kampf gegen den westlichen bzw. westdeutschen Imperialismus.

© Im Jahr 1972 nahm die Regierungspartei der DDR, die SED, die ersten offiziellen Beziehungen zum ANC auf. Beide Parteien einte der Kampf gegen den westlichen bzw. westdeutschen Imperialismus.

Beziehungen zwischen SED und ANC
Allen voran das Solidaritätskomitee der DDR war anfänglich intensiv mit dem ANC vernetzt, welcher in Ost-Berlin einen Verbindungsmann entsandte und eine Quasi-Botschaft mit diplomatischen Privilegien errichtete. Ab 1972 unterhielt die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) dann offizielle Beziehungen zum ANC. Später bestanden dann Kontakte zwischen dem ANC und dem Staat der DDR. Die DDR spielte für die Mandela-Bewegung in Anbetracht der finanziellen Zuwendungen, militärischen Unterstützung und dem Angebot an Bildungsmaßnahmen eine äußerst wichtige Rolle. In Berlin-Buch sind auch Verletzte aus Südafrika medizinisch behandelt worden, während andernorts die in der DDR gedruckte Zeitschrift „Sechaba“ international zugestellt wurde. Genauso schlossen sich den Bewegungen mehrere Personen des Öffentlichen Lebens an, etwa die Schriftstellerin Christa Wolf.

Westdeutscher Widerstand gegen die Apartheid
Es muss betont werden, dass auch westdeutsche Bewegungen – etwa die Anti-Apartheid-Bewegung (AAB), Kirchen oder Gewerkschaften – um finanzielle Unterstützung bei der Bevölkerung warben. Die Summe dessen fiel im Westen allerdings deutlich geringer aus, als es im Arbeiter- und Bauernstaat der Fall war. Andere Organisationen, zum Beispiel der Kongreß gegen atomare Zusammenarbeit Bundesrepublik – Südafrika, versuchte mittels der Durchführung von Konferenzen wie am 11./12.11.1978 auf bestehende bilaterale Beziehungen zu Lasten der schwarzen Bevölkerung aufmerksam zu machen. Die Bundesregierung reagierte in diesem Fall kurz einige Tage vorher mit der Veröffentlichung der mehrsprachigen Broschüre „Zur Sache“, um den Bewegungen den notwendigen Aufwind zu nehmen.

© Zeitschrift "Sechaba" - In London redaktionell betrieben, in der DDR gedruckt und international zugestellt. Die nationalen Anti-Apartheid-Bewegungen waren miteinander in vielen Fällen vernetzt.

© Zeitschrift „Sechaba“ – In London redaktionell betrieben, in der DDR gedruckt und international zugestellt. Die nationalen Anti-Apartheid-Bewegungen waren miteinander in vielen Fällen vernetzt.

Sanktionen das richtige Mittel?
In den 80er Jahren diskutierte die Anti-Apartheid-Bewegung, ob die Forderung von Sanktionen gegen das Regime in Pretoria das richtige Mittel sei. Die finanzielle Abhängigkeit schwarzer Arbeiter, vor allem von deutschen Konzernen wie Mercedes, ließ eine kontroverse Debatte aufkommen. Dennoch ist am Kurs festgehalten worden, dass zunehmend Verbraucher aus dem Westen dafür sensibilisiert werden sollten, keine südafrikanischen Produkte wie Früchte mehr zu kaufen. Die Evangelische Frauenarbeit in Deutschland widmete sich dieser Herausforderung.

Höhepunkt der Anti-Apartheid-Bewegung in 80er Jahren
Mit der Ausrufung des Ausnahmezustandes in Südafrika, in der zweiten Hälfte der 80er Jahren, erlebte die Anti-Apartheid-Bewegung einen Höhepunkt und nach den Worten der Historikerin Lewerenz eine „Verschiebung der öffentlichen Wahrnehmung“. Das Ausmaß der Kampagnen in Westdeutschland ist daraufhin erheblich angestiegen. Die DDR hingegen hat ihre materielle Unterstützung gegenüber dem ANC stets aufrechterhalten, welche sogar kurz vor der Auflösung des Volksstaates am 3. Oktober 1990 noch einmal ausgeweitet wurde.

2010sdafrika-Veranstaltungsbericht zu „Thierse trifft … EXTRA“:

https://2010sdafrika.wordpress.com/2012/05/27/veranstaltungsbericht-zu-thierse-trifft-extra/

Human Rights Day – Südafrikanische Feiertage

In Gedenken an die getöteten Demonstranten von Sharpeville, Vanderbiljpark und kwaLanga

(Autorin: Anne Schroeter)

© In Gedenken an die Opfer der Apartheid. Präsident Jacob Zuma wird am heutigen Tage eine Rede in Soweto halten. Die Presidency hält fest, dass das Feuer auf Demonstranten am 21. März 1960 auch inVanderbiljpark und kwaLanga in Kapstadt eröffnet wurde. (Quelle: Graeme Williams/ MediaClubSouthAfrica.com)

© In Gedenken an die Opfer der Apartheid. Präsident Jacob Zuma wird am heutigen Tage eine Rede in Soweto halten. Die Presidency hält fest, dass das Feuer auf Demonstranten am 21. März 1960 auch im Vanderbiljpark und in kwaLanga in Kapstadt eröffnet wurde. (Quelle: Graeme Williams/ MediaClubSouthAfrica.com)

An diesem Tag wird dem Sharpeville-Massacre gedacht. Dort fanden 1960 Demonstrationen gegen das Apartheid-Regime, insbesondere deren Pass- und Ausweisregelungen statt.

Mehrere Tausend Demonstranten versammelten sich vor der Polizeistation in Sharpeville, und forderten ihre Verhaftung, weil sie nicht die korrekten Papiere bei sich trugen. Während des Tages erhöhte sich die Anzahl der Demonstranten auf fast 20.000. Versuche die Menge aufzulösen schlugen fehl und die Anfangs friedliche Stimmung schlug in Wut um. Es kam zu Schüssen, als Demonstranten versuchten die Polizeistation zu betreten.

Offiziellen Angaben zufolge wurden 69 Personen getötet, viele in den Rücken geschossen, als sie versuchten zu fliehen. Über die Hintergründe zur Eröffnung des Feuers gibt es verschiedene Angaben, Polizeiberichte von damals und Aussagen bei der Wahrheits- und Versöhnungskommission widersprechen sich.

Das Massaker hatte die zunehmende Isolierung Südafrikas zur Folge, sowie das Verbot von ANC und PAC (Pan-Africanist Congress). Das Verbot zwang die Organisationen zur Arbeit im Untergrund und führte zu einer Änderung ihrer Strategien, von passivem zum bewaffneten Widerstand gegen das Apartheid-Regime.

Al Jazeera Channel-Videobeitrag zum Sharpeville-Massaker (in Englisch)

Seit Ende der Apartheid wird der 21. März in Südafrika als Human Rights Day gefeiert, anders als im Rest der Welt, wo dieser Tag am 10. Dezember begangen wird.