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Zurück ins Mittelalter

Energiekrise in Südafrika bedroht mittelständische Unternehmen des produzierenden Gewerbes

(2010sdafrika-Redaktion)

Mittlerweile haben sich die Menschen in Südafrika an die Auswirkungen der Energiekrise gewöhnt. Für einige Stunden gibt es in ganzen Stadtteilen keinen Strom. Lampen leuchten dann einfach nicht mehr und technische Geräte wie Kühlschränke oder Fernsehen fallen aus. Stattdessen bedient man sich den Kerzen, um zumindest etwas Licht in die Innenräume zu bringen. Spöttisch heißt es, man fühle sich zurück ins Mittelalter befördert. Andere finden dafür ihr Gespür für die Romantik. In einem TV-Beitrag der Deutschen Welle wird deutlich, welche Konsequenzen die Krise tatsächlich mit sich bringt.

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© Die Energiekrise in Südafrika bedroht zunehmend mittelständische Unternehmen des produzierenden Gewerbes. Viele Menschen am Kap haben das Vertrauen in den staatlichen Energieversorger Eskom längst verloren. Frühestens in zehn Jahren dürfte die Krise behoben zu sein – durch den Bau neuer Kraftwerke. (Quelle: flickr/ MainstreamRP)

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Licht ins Dunkel bringen

Südafrikas Wirtschaft erleidet durch Energiekrise schweren Schaden. Regierung ignorierte Warnungen

(Autor: Ghassan Abid)

Südafrika hat schon seit längerer Zeit ernste Schwierigkeiten mit der Sicherstellung einer flächendeckenden Energieversorgung. Nun verschärfte sich in den letzten Monaten das Ausmaß der Stromknappheit dermaßen, sodass man mittlerweile von einer nationalen Energiekrise sprechen muss. Auf öffentlichen Druck hin ist Mitte März 2015 der Vorstand des staatlichen Energiekonzerns Eskom suspendiert und eine Untersuchung zu den ungenügenden Produktionskapazitäten eingeleitet worden. Dabei ist schon längst klar, dass die Regierung die Schuld für die Misere trägt.

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© Südafrikas Energiekrise wäre vermeidbar gewesen, hätte die Politik bereits 1998 rechtzeitig gehandelt und nachhaltig geplant. Nun muss die Wirtschaft massive Verluste in Kauf nehmen. Das Wirtschaftswachstum in Südafrika ist durch die Energieknappheit erheblich gebremst worden. Im Bild ist das Kendal-Kraftwerk in der Mpumalanga-Provinz zu sehen. (Quelle: Graeme Williams/ MediaClubSouthAfrica.org)

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Deutsch-südafrikanische Energiepartnerschaft

Im Interview mit Thorsten Herdan, Abteilungsleiter für Energie im Bundeswirtschaftsministerium

(Autor: Ghassan Abid)

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© Thorsten Herdan ist Abteilungsleiter für die Bereiche Internationale Energiepolitik, Wärme und Energieeffizienz im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi). Für die Redaktion von „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ erläutert er die deutsch-südafrikanische Energiepartnerschaft. Dabei betont Herdan, dass die Finanzierung von Kohleprojekten am Kap durch die KfW-Bank derzeit auf dem Prüfstand stehe und die Bundesregierung dem Partner in Pretoria geraten hatte, auf Kernenergie zu verzichten. (Quelle: BMWi)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Herrn Thorsten Herdan, Abteilungsleiter für die Bereiche Internationale Energiepolitik, Wärme und Energieeffizienz im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi). Lassen Sie mich zum Anfang eine allgemeine Frage stellen: Was macht eine moderne Energiepolitik aus?

Antwort: Guten Tag, da beginnen Sie mit einer guten Frage. Ich denke, eine moderne Energiepolitik ist eine vorausschauende Energiepolitik, wie sie in Deutschland mit der Energiewende umgesetzt wird. Die Energiewende soll zu einer sicheren und wirtschaftlich tragfähigen Energieversorgung in Deutschland führen, die vorwiegend auf erneuerbaren Quellen aufbaut und schrittweise bis 2022 die Stromerzeugung aus Kernenergie beendet. Zudem wollen wir mit der Energiewende die Abhängigkeit von internationalen Öl- und Gasimporten verringern, unsere Klimaschutzziele erreichen sowie mit der Entwicklung neuer Technologien Wachstumsbranchen und Arbeitsplätze schaffen. Dazu werden wir die Steigerung der Energieeffizienz sowohl auf der Ebene der Erzeugung wie auch auf der Verbrauchsseite zur zweiten Säule der Energiewende machen.

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Land Brandenburg als Partner Südafrikas

Im Interview mit Ralf Christoffers, Wirtschaftsminister des Landes Brandenburg

(Autor: Ghassan Abid)

© Ralf Christoffers, Minister für Wirtschaft und Europaangelegenheiten des Landes Brandenburg, hielt sich im Mai 2013 auf einer Arbeitsreise in Südafrika auf. Er führte Gespräche mit Politikern, Unternehmern und Vertretern der Wissenschaft. (Quelle: MWE Brandenburg)

© Ralf Christoffers, Minister für Wirtschaft und Europaangelegenheiten des Landes Brandenburg, hielt sich im Mai 2013 auf einer Arbeitsreise in Südafrika auf. Er führte Gespräche mit Politikern, Unternehmern und Vertretern der Wissenschaft. (Quelle: MWE Brandenburg)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ ganz herzlich Herrn Ralf Christoffers, Minister für Wirtschaft und Europaangelegenheiten das Landes Brandenburg. Vor kurzem hielten Sie sich anlässlich einer Arbeitsreise erstmalig in Südafrika auf. Welche persönlichen Eindrücke bringen Sie von Land und Leute mit?

Antwort: Auch wenn wir auf unserer Reise kaum Zeit hatten uns umzusehen, haben wir doch festgestellt, dass Südafrika ein landschaftlich sehr reizvolles Land ist. Bei unseren Gesprächen mit Politikern, Unternehmen und Vertretern der Wissenschaft ist deutlich geworden, Südafrika ist auch ein Land, das vor großen Herausforderungen steht. Die Folgen der Apartheid sind bis heute spürbar. Die wichtigsten Aufgaben, die zu bewältigen sind, liegen sicherlich in der Vermittlung von Bildung und in der Verbesserung der Infrastruktur. Ein weiteres zentrales Thema ist, das Land in die wirtschaftliche Stabilität zu führen. Ich habe einen hohen Respekt vor denjenigen, die sich diesen Aufgaben stellen.

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Handelsblatt-Korrespondent im Interview

Wolfgang Drechsler zur Energie- und Wirtschaftspolitik in Südafrika: Beim Strom hat die Politik verschlafen

(Autor: Ghassan Abid)

© Wolfgang Drechsler, Afrika-Korrespondent der Wirtschafts- und Finanzzeitung Handelsblatt: “Die Regierung hat den Ausbau des Stromnetzes seit 1998 schlichtweg verschlafen und läuft nun den Entwicklungen verzweifelt hinterher.“

© Wolfgang Drechsler, Afrika-Korrespondent der Wirtschafts- und Finanzzeitung Handelsblatt: “Die Regierung hat den Ausbau des Stromnetzes seit 1998 schlichtweg verschlafen und läuft nun den Entwicklungen verzweifelt hinterher.

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ Herrn Wolfgang Drechsler, Afrika-Korrespondent der Wirtschafts- und Finanzzeitung Handelsblatt. Sie beschäftigen sich u.a. mit der südafrikanischen Volkswirtschaft. Wo sehen Sie die gegenwärtigen Chancen und Risiken für deutsche Anleger am Kap?

Antwort: Eine halbwegs umfassende Antwort auf diese Frage könnte Bücher füllen. Lassen Sie es mich so sagen: Wenn Südafrika ähnlich effizient wie viele andere große Volkswirtschaften dieser Welt regiert würde, wäre das Wachstumspotenzial des Landes riesengroß. Leider ist dies aber nicht der Fall. Die Machtkämpfe in der Regierungspartei ANC lähmen das Land und haben dazu führt, dass die Risiken derzeit größer als die Chancen sind. Risiken gibt es vor allem dadurch, dass Südafrika politisch unberechenbarer geworden ist. Auch wirtschaftlich ist das Land dadurch in die Defensive geraten, dass seine Wettbewerbsfähigkeit zunehmend durch die starken Lohnerhöhungen im Staatssektor und die gleichzeitig sinkende Produktivität unterhöhlt wird. Das trifft vor allem den wichtigen Export – und Herstellungssektor. Bedenklich ist auch der starke Einfluß der mit dem ANC verbündeten Gewerkschaften, die eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes vehement verhindern. Chancen bieten unter den gegenwärtigen Umständen alle Sektoren, die auch in Afrika Wachstumschancen besitzen, etwa der Mobilfunk, der Einzelhandel aber auch die Konsumgüterindustrie.  

2010sdafrika-Redaktion: Die Politik des Landes wird vor allem durch Negativschlagzeilen wie Korruption, Kriminalität und HIV/ AIDS bestimmt. Hinzu kommt ein Öffentlicher Dienst mit erheblichen Defiziten in Transparenz, Effizienz und Effektivität. Sind Sie der Auffassung, dass die südafrikanische Regierung mit diesen Problemen schlichtweg überfordert ist? Was sind mögliche Lösungsansätze?

Antwort: Die Lösungen für Südafrika liegen auf dem Tisch – und bestehen zum Beispiel  in der eben erwähnten Öffnung des rigiden Arbeitsmarktes, einem Abbau der immer schlimmeren Bürokratie,  in einem grundlegenden Umbau des katastrophalen staatlichen Erziehungswesens sowie einer Stärkung der Eigeninitiative und des gerade unter Schwarzen noch immer nur schwach ausgeprägten Unternehmertums. Leider lässt die Regierung trotz der hohen und steigenden Arbeitslosigkeit jedes Gespür für die Dringlichkeit der Lage vermissen Erst kürzlich hat Reuel Khoza, der schwarze Vorsitzende der Nedbank, die Regierung als „unfähig“ bezeichnet, einen modernen Industriestaat im 21. Jahrhundert zu führen. Der Vorsitzende der Bankengruppe Absa verwies zeitgleich darauf, dass Südafrika nicht mehr den Luxus habe, seine vielen drängenden Probleme endlos zu debattieren wie es das seit Jahren tut.  Da im ANC jedoch im Dezember eine wichtige Parteikonferenz ansteht, auf der entscheidende Personalentscheidungen getroffen werden, deutet nichts darauf hin, dass die Regierung ausgerechnet jetzt  mit mehr Nachdruck handeln würde.

2010sdafrika-Redaktion: Das Kap ist für sein Rohstoffreichtum an Gold, Platin oder Chrom weltweit bekannt, aber weniger für die miserablen Arbeitsbedingungen von Minenarbeitern. Nach Angaben der Minengewerkschaft NMU starben zwischen 1984 und 2005 rund 11.100 Kumpels infolge unzureichender Arbeitsschutzmaßnahmen. Inwieweit könnte diese soziale Schieflage zum Risiko für Aktionäre von Minenkonzernen werden?

Antwort: Zunächst einmal dies: Die Unternehmen haben in den letzten Jahren sehr viel getan, um die Zahl der Toten unter Tage drastisch zu verringern. Die gerade herausgekommenene  Zahlen für das erste Quartals 2012 zeigen, dass noch nie so wenig Bergarbeiter unter Tage starben wie in den ersten drei Monaten dieses Jahres. Bei Minentiefen von bis zu 4000 Meter wird es allerdings immer wieder zu tektonischen Zwischenfällen und Steinschlägen oder Ähnlichem kommen. Wer das nicht akzeptiert, muss die Minen schließen und damit die Arbeitslosigkeit Hunderttausender von Bergleuten bewußt in Kauf nehmen. Auch ist es bedenklich,dass die Regierung dieser Tage bei einem Todesfall unter Tage nicht nur den betroffenen  Schacht sondern oft gleich die ganze Mine schließt. Das kostet die Unternehmen einen immer größeren Teil der Produktion und damit auch sehr viel Geld, was sich natürlich auf den Aktienpreis auswirkt.

2010sdafrika-Redaktion: Germany Trade & Invest (gtai), die Gesellschaft Deutschlands für Außenwirtschaft und Standortmarketing, hält in ihrem Bericht „Wirtschaftstrends Südafrika: Jahreswechsel 2011/12“ fest, dass die Strompreise für 2012 um ganze 25 Prozent anziehen werden. Die Wirtschaft Südafrikas wächst dementsprechend deutlich langsamer als die der anderen Schwellenländer. Ferner bleiben notwendige Investitionen einfach aus. Wie bewerten Sie Stromsparpläne und erweisen sich diese als sinnvolle Übergangslösung für Staat und Wirtschaft?

Antwort: Die Regierung hat den Ausbau des Stromnetzes seit 1998 schlichtweg verschlafen und läuft nun den Entwicklungen verzweifelt hinterher. Wenn es 2008 nicht zur weltweiten Finanzkrise und damit zu einer massvien Abkühlung der Wirtschaft am Kap gekommen wäre, hätte Südafrika heute ein viel größeres Stromproblem, denn der Ausbau des Netzes braucht viel Zeit und ist kostenspielig . Auch hat die Regierung bzw. der von ihr eingesetzte Regulierer Nersa  dem staatlichen Stromproduzenten Eskom, wie ich denke, viel zu hohe Stromerhöhungen gewährt. Die wirken sich nun negativ auf fast jeden Teil der Wirtschaft aus und lähmen die Entwicklung des Landes. Immerhin wurde 2008 dank der Empörung der Bürger über die Stromausfälle ziemlich rasch gehandelt, so dass das Schlimmste, nämlich ständige Stromabschaltungen, vermieden werden konnte.   

© Germany Trade & Invest (gtai),die deutsche Außenwirtschaftsgesellschaft, erwartet für 2012 eine Verteuerung der Strompreise am Kap um ganze 25 Prozent. Der Energieregulierer Nersa hat dem staatlichen Stromproduzenten Eskom zu hohe Strompreiserhöhungen gewährt, findet Handelsblatt-Korrespondent Drechsler. Die Leidtragenden sind Wirtschaft und Bürger. Daher werden Investitionen von Unternehmen möglichst gemieden. Das Wirtschaftswachstum ist gebremst. (Quelle: Chris Kirchhoff/ MediaClubSouthAfrica.com )

© Germany Trade & Invest (gtai),die deutsche Außenwirtschaftsgesellschaft, erwartet für 2012 eine Verteuerung der Strompreise am Kap um ganze 25 Prozent. Der Energieregulierer Nersa hat dem staatlichen Stromproduzenten Eskom zu hohe Strompreiserhöhungen gewährt, findet Handelsblatt-Korrespondent Drechsler. Die Leidtragenden sind Wirtschaft und Bürger. Daher werden Investitionen von Unternehmen möglichst gemieden. Das Wirtschaftswachstum ist gebremst. (Quelle: Chris Kirchhoff/ MediaClubSouthAfrica.com )

2010sdafrika-Redaktion: In Ihrem Handelsblatt-Artikel „Die Wirtschaft verliert den Anschluss“ vom 11.02.2012 sprechen Sie von einem „überregulierten Arbeitsmarkt“. Was ist hierunter zu verstehen und was sollte Ihrer Meinung nach unbedingt reformiert werden?

Antwort: Überreguliert heisst zu komplex und viel zu bürokratisch. Die vielen Vorschriften, Auflagen und Anforderungen wie etwa der Mindestlohn oder auch der von der Regierung geforderte rassische Proporz in allen Wirtschaftszweigen halten viele Arbeitgeber davon abgehalten, neue Jobs zu schaffen,. Erschwerend kommt hinzu, dass jeder Unternehmer, der in Südafrika eine Person einstellt, mit dieser fast verheiratet ist, weil sich das Arbeitsverhältnis später nur schwer wieder lösen lässt. Entsprechend schnell schreitet die Mechanisierung in vielen Bereichen der Arbeitswelt voran, etwa in der Landwirtschaft, wo Hundertausende von Arbeitsplätzen in den letzten Jahren verloren gegangen sind. Auch ist der mit dem ANC verbündete Gewerkschaftsbund Cosatu nicht viel mehr als eine Arbeiteraristokratie. Sei  ganzes Sinnen und Trachten besteht darin, die eigenen Mitglieder vor dem Heer der Arbeitslosen zu schützen. Auch der Nachdruck auf Rassenquoten ist für die Unternehmen eine starke Entwicklungsbremse geworden, weil der Staat nicht seinen Anteil zu einem besseren Erziehungssystem beiträgt.   

2010sdafrika-Redaktion: Sie beobachten seit längerer Zeit das staatliche Handeln am Kap. Lassen sich wirtschaftspolitische Unterschiede zwischen den Regierungen von Thabo Mbeki und Jacob Zuma erkennen?

Antwort: Bei all seinen Fehlern verfolgte Thabo Mbeki zumindest eine relativ wirtschaftsfreundliche Politik, auch wenn bereits unter ihm die Privatisierung völlig  zum Erliegen kam. Auch traf er im Gegensatz zu Zuma, der fast alles aussitzt und oft den Weg des geringsten Widerstands geht, zumindest hin und wieder einmal Entscheidungen. Zuma hingegen schreckt davor zurück, Südafrika aktiv zu führen. Auch ist er ein glühender Vertreter des Staatskapitalismus nach dem Vorbild Chinas – ein Konzept, dass angesichts des ineffizienten Staatsapparates in Südafrika und der  aus dem Ruder gelaufenen Bürokratie nicht wie in Asien funktionieren kann. Schon wegen seiner engen Allianz mit den Gewerkschaften  deutet derzeit wenig auf ein wirtschaftsfreundlicheres Umfeld, was dazu führen könnte, dass das eigentlich auf Auslandsinvestitionen angewiesene Südafrika weiter hinter seinen Konkurrenten jenseits von Afrika zurückfällt. Dies ist gerade wegen des anfangs beschriebenen Potenzials des Landes völlig unnötig und könnte mit etwas mehr Pragmatismus und Reformbereitschaft seitens des ANC eigentlich vergleichsweise leicht umgekehrt werden.   

2010sdafrika-Redaktion: Wolfgang Drechsler, Afrika-Korrespondent des Handelsblatts, vielen Dank für das Interview!

MdB bewertet Atomenergie Südafrikas

„Die Atomkraft wird die Energieprobleme nicht lösen“, sagt der Abgeordnete Oliver Krischer

(Autor: Ghassan Abid)

2010sdafrika-Redaktion: Wir begrüßen auf „SÜDAFRIKA – Land der Kontraste“ den Bundestagsabgeordneten Oliver Krischer. Sie hatten sich vor kurzer Zeit mit dem Kugelhaufenreaktorprojekt PBMR beschäftigt. Können Sie uns kurz sagen, wer diesen Reaktor überhaupt entwickelt hatte, was PBMR bedeutet und wer zurzeit dieses Projekt weiterverfolgt?

© Bundestagsabgeordneter Oliver Krischer, Sprecher für Energie- und Ressourceneffizienz der Partei Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag.

Antwort: PBMR bedeutet „Pebble Bed Modular Reactor“ und ist die Bezeichnung für einen speziellen Atomreaktortyp. Er heißt auch „Kugelhaufenreaktor“, weil die Brennelemente kugelförmig sind und in einem „Haufen“ im Reaktorkern liegen; dieser wird aber auch „Hochtemperaturreaktor“ genannt. Dieser Reaktortyp wurde in der 1950er und 1960er Jahren im Kernforschungszentrum in Jülich bei Aachen in Deutschland entwickelt, wo auch bis 1988 ein kleiner Versuchsreaktor mit 15 MW elektrischer Leistung in Betrieb war. In Deutschland gab es einen weiteren Reaktor dieses Typs von 1984 bis 1988 mit etwa 300 MW Leistung, der jedoch wegen zahlreicher Pannen nach nur 1,5 Jahren Netto-Betriebszeit stillgelegt werden musste. In Deutschland wird seitdem offiziell nicht mehr am Kugelhaufenreaktor gearbeitet. Darüber hinaus gab es noch zwei Reaktoren ähnlichen Typs in den USA, die aber auch beide stillgelegt wurden. Das kürzlich eingestellte Projekte von ESKOM in Südafrika war das letzte relevante Kugelhaufenreaktorprojekt. China soll angeblich noch daran arbeiten, aber da gibt es nicht viel mehr als Gerüchte. Es gibt immer noch einzelne Wissenschaftler, die den Kugelhaufenreaktor propagieren, aber nach dem Aus in Südafrika ist diese Technologie wohl endgültig weltweit gescheitert.

2010sdafrika-Redaktion: Was ist am PBMR überhaupt so gefährlich?

Antwort: Die Befürworter dieses Reaktortyps behaupten, er sei „inhärent sicher“. Soll heißen, eine Kernschmelze so wie bei der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl geschehen, sei konstruktionsbedingt ausgeschlossen. Das ist aber Unsinn, wie Studien und praktische Erfahrungen mit dem Reaktor belegen. Im Gegenteil: Neben den Gefahren, Risiken und Probleme aller Atomkraftwerke birgt der Kugelhaufenreaktor erhebliche konstruktionsbedingte Risiken. Diese hätten 1978 in Jülich beinahe zu einer schweren Katastrophe geführt, als unkontrolliert Wasser in den Reaktorkern eingedrungen ist. Wahrscheinlich hatte der Reaktor viel höhere Temperaturen entwickelt als ursprünglich vorausberechnet. Der Störfall, bei dem die Gegend um den Reaktor nur knapp einen atomaren Katastrophe entgangen war, wurde damals vertuscht, um das Projekt nicht zu gefährden. Jahre später fand man heraus, dass das Erdreich stark verstrahlt war. Auch über 20 Jahre nach seiner Stilllegung und Kosten von mehreren hundert Millionen Euro ist es nicht gelungen, die verstrahlte Reaktorruine in Jülich zurückzubauen.

2010sdafrika-Redaktion: Der südafrikanische Energieversorger ESKOM betont auf seiner Internetpräsenz die Notwendigkeit von Kernenergie als kostengünstigere Alternative zur Kohlekraft. Allein die Transmissionskosten wären bei AKWs, speziell beim Reaktor Koeberg, erheblich geringer als anderswo und würden aus fiskalischer Sicht somit positiv ins Gewicht gefallen. Was halten Sie von dieser Stellungnahme?

Antwort: Das ist Unsinn! Wenn man alle Folgekosten einrechnet, ist die Atomkraft die mit Abstand teuerste Form der Stromerzeugung. Nirgendwo auf der Welt werden Atomkraftwerke unter marktwirtschaftlichen Bedingungen gebaut. Atomkraft rechnet sich immer nur dann, wenn der Staat die sehr hohen Entwicklungs- und Investitionskosten und die Risiken des Betriebes der Anlagen absichert. Und den strahlenden Müll hinterlassen wir kommenden Generationen, denn nirgendwo auf der Welt gibt es bisher ein sicheres Endlager.

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Info-Box:

© Atomkraftwerk Koeberg/ Südafrika (Quelle: Pipodesign Philipp P Egli/Wikimedia)

© Atomkraftwerk Koeberg/ Südafrika (Quelle: Pipodesign Philipp P Egli/Wikimedia)

Das Atomkraftwerk Koeberg, welches von ESKOM unterhalten wird, liegt rund 30 Kilometer nördlich von Kapstadt im Western Cape. Über 1.200 Menschen sind unmittelbar in dieser Anlage beschäftigt. Das AKW besteht aus zwei mit Uran betriebenen Druckwasserreaktoren mit einer Gesamt-Nettoleistung von 1.800 MW. Ferner besteht am selben Standort ein Forschungsreaktor des Typs PBMR. Während die beiden Atomreaktoren vom französischen Unternehmen Framatome entwickelt wurden, stammt der Forschungsreaktor aus dem nordrhein-westfälischen Jülich. Koeberg deckt ca. 6 Prozent des südafrikanischen Strombedarfes ab und beliefert auch das Nachbarland Namibia mit Strom. Es ist das bislang einzige AKW in Südafrika und auf dem gesamten afrikanischen Kontinent.

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2010sdafrika-Redaktion: Tatsächlich verfolgt das „ESKOM’s Nuclear Programme“ die „mögliche“ Errichtung von Atomkraftwerken an 4 Küstenorten, nämlich in Brazil, Schulpfontein, Bantamsklip and Thyspunt. Beim Letzteren, unweit von der Großstadt Port Elizabeth gelegen, formiert sich seit einigen Wochen erheblicher Widerstand. Die Bewohner befürchten mit dem Bau eines Atommeilers eine Beeinträchtigung des Tourismussektors. Die NGO „Earthlife Africa“ tritt hierbei besonders in Erscheinung. Inwieweit kooperieren und unterstützen die Grünen die Anti-Atomgegner in Südafrika?

Antwort: Es gibt verschiedenste Kontakte von Atomkraftgegnern in Deutschland und Südafrika. Man tauscht Informationen und Erfahrungen aus. Das ist hilfreich für die konkrete Arbeit vor Ort. In der Vergangenheit waren Atomkraftgegner auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung auch schon in Deutschland.

2010sdafrika-Redaktion: Wie soll Südafrika die anhaltenden Energieversorgungsengpässe lösen, wenn nicht durch den Bau von AKWs? Auch sind kürzlich neue Stromtariferhöhungen beschlossen worden, welche bei der Mehrheit der armen Bevölkerung Südafrikas schwer ins Gewicht fallen. Es kursieren gegenwärtig Meldungen, wonach ESKOM sein Nuclear Programme nun verstärkt umsetzen möchte. Ist nicht der Umstand wichtiger, dass die Armen erstmal mit erschwinglichem Strom versorgt werden müssten?

Antwort: Nochmal: Atomstrom ist nicht billig. Das geht nur wenn der Staat die Atomkraft direkt oder indirekt subventioniert. Atomkraft wird die Energieprobleme Südafrikas nicht lösen. Das zeigt doch auch die gescheitete Entwicklung des PBMR, die Unsummen verschlugen und nichts für das Land gebracht hat. Die Milliarden Euro, die Atomkraftwerke kosten, sollten besser in Erneuerbare Energien – vor allem in Wind und Sonne – und auch in Energieeffizienz investiert werden. Hier hat Südafrika riesige Potenziale, die bisher kaum genutzt werden.

2010sdafrika-Redaktion: Können Sie uns die Vorteile von Erneuerbaren Energien im Gegensatz zur Atomenergie erläutern?

Antwort: Atomkraft birgt das Risiko schwerer Unfälle, die ganze Regionen unbewohnbar machen können, wie die Katastrophe von Tschernobyl zeigt. Sie hinterlässt strahlenden, hochgefährlichen Müll, der kommende Generationen für Jahrtausende belasten wird. Die Vorräte an Uran, den Brennstoff für Atomkraftwerke, sind sehr begrenzt und reichen kaum länger als die von Öl und Gas. Die Atomkraftwerke sind sehr große, aufwendige und teure technische Anlagen mit der Folge, dass die Abwärme – oft mehr als 50 % der eingesetzten Energie – nicht genutzt werden kann – eine riesige Energieverschwendung. All dieses Probleme gibt es mit Erneuerbarer Energie nicht. Sonne und Wind sind parktisch überall verfügbar. An vielen Stellen ist die Nutzung von Biomasse und Wasserkraft möglich. Die Ressourcen sind parktisch nicht begrenzt und im Falle von Sonne und Wind immer kostenlos und die Anlagen zur Energiegewinnung aus Erneuerbaren heute schon ausgreift und sehr effizient. Sie sind überwiegend dezentral. Das heißt, die Energie kann eher dort erzeugt werden, wo sie auch verbraucht wird, was Netzkosten einspart. Und vor allem: Sie hinterlassen keinen strahlenden Müll und das Risiko von Unfällen ist Null.

2010sdafrika-Redaktion: Zu guter Letzt eine Frage zu Deutschland. Wie bewerten Sie die aktuelle Atomenergiepolitik der Bundeskanzlerin Angela Merkel?

Antwort: Deutschland ist in den letzten zehn Jahren zum Weltmeister beim Ausbau der Erneuerbaren Energie geworden und hat beschlossen, aus der Atomkraft auszusteigen. Inzwischen gehen alle Parteien davon aus, dass Deutschland sich Mitte des Jahrhunderts zu 100 % durch Erneuerbare Energie wird versorgen können. Mit ihrem Ziel, die Laufzeit der 17 in Deutschland noch verbliebenen Atomkraftwerke jetzt doch noch einmal zu verlängern, gefährdet die Bundeskanzlerin den Ausbau der Erneuerbaren und macht ein Schritt zurück in die energiepolitische Vergangenheit. Das nutzt in Deutschland nur den vier großen Energiekonzernen, die die Atomkraftwerke betreiben. Auf der Strecke bleiben die Bürgerinnen und Bürger, die teuer die Zeche dieser Politik zahlen müssen sowie kommunale Stadtwerke und viele tausend kleine Unternehmen, die den Ausbau der Erneuerbaren bisher vorangetrieben haben.

2010sdafrika-Redaktion: Oliver Krischer, Sprecher für Energie- und Ressourceneffizienz der Partei Bündnis 90/Die Grünen im Deutschen Bundestag, vielen Dank für das Interview.