Schlagwort-Archive: West-Berliner

Kap-Kolumne: Gericht stützt Affirmative Action

Politik des Nachteilsausgleichs wird vom Verfassungsgericht in Südafrika höchstrichterlich bestätigt

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.

Das südafrikanische Verfassungsgericht in Johannesburg hat in einem Urteil die Politik des Nachteilsausgleichs (Affirmative Action) und der Transformation bestätigt. Gleichzeitig gilt dies als schwere Niederlage derjenigen, die Affirmative Action als „umgekehrte Apartheid“ anprangern. Die Politik der Affirmative Action hat zum Ziel, die krassen Ungerechtigkeiten der Apartheid-Vergangenheit nach und nach auszumerzen.

Solidarity SA

© Die Polizeibeamtin Renate Barnard [im Bild] fühlte sich von ihrem Dienstherrn benachteiligt, da ihr aufgrund ihrer weißen Hautfarbe die Beförderung auf einen höheren Posten verweigert wurde. Das Verfassungsgericht in Johannesburg hat nun die Politik des Nachteilsausgleichs (Affirmative Action), die Rechtsgrundlage für die ethnische Personalauswahl, höchstrichterlich bestätigt. (Quelle: flickr/ Solidarity SA)

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Kap-Kolumne: „Generations”

Arbeitskampf um TV-Soapie wird zur Staatsaffäre

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Am heutigen Montag hat Kulturminister Nathi Mthetwa zu einem „dringenden Treffen“ eingeladen. Er will die TV-Serie „Generations“ retten. Sechszehn Schauspieler und Schauspielerinnen der populären Seifenoper wurden in der vergangenen Woche von ihrem Arbeitgeber, der TV-Produktionsgesellschaft MMSV, fristlos gefeuert, weil sie in den Streik für höhere Gagen getreten sind. Dieser Arbeitskampf beschäftigt nun seit Tagen die Nation, von Musina bis Kapstadt.

generations

© Die Schauspieler der populären Seifenoper „Generations” wurden vergangenen Montag von ihrem Arbeitgeber fristlos gefeuert, weil sie höhere Gagen forderten. Nun hat sich die Politik in diesen Streit eingeschaltet.

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Kap-Kolumne: Eine Verabredung mit der Geschichte

„Rise and Fall of Apartheid“. Eine Ausstellung im Museum Africa in Newtown, Johannesburg

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Der Untertitel sei eine bewußte Analogie zu Hannah Arendts Wort von der „Banalität des Bösen“, schreibt Mark Robbins, Executive Director der Ausstellung, in seinem Vorwort zum Katalog. Hannah Arendt, die als Journalistin in Jerusalem den Prozess gegen den Organisator des Holocaust, Adolf Eichmann, beobachtete, gab ihrem Buch den Untertitel „Ein Bericht von der Banalität des Bösen“.

© Die Ausstellung „Rise and Fall of Apartheid“ ist bis zum 29. Juni 2014 im Museum Africa in Newtown/Johannesburg zu sehen. Kap-Kolumnist Detlev Reichel besuchte diese Kunstveranstaltung.

© Die Ausstellung „Rise and Fall of Apartheid“ ist bis zum 29. Juni 2014 im Museum Africa in Newtown/Johannesburg zu sehen. Kap-Kolumnist Detlev Reichel besuchte diese Kunstveranstaltung.

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Kap-Kolumne: Koloniale Rückstände

Wenn Rückstände der Apartheid im neuen Südafrika fortbestehen – zu Lasten der Arbeiter

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger Westberliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Früh morgens auf dem Parkplatz vor dem Pick’n’Pay-Supermarkt in Thabazimbi: Hunderte Männer und Frauen warten und hoffen auf Arbeit. Malocher für die Melonenernte, zum Ausheben eines Grabens, zum Rasenmähen oder Heckenschneiden, für Handlangerdienste aller Art – Farmer, Bauunternehmer, private Hausbesitzer bedienen sich auf diesem Menschen-Markt. Alltag, auch im neuen Südafrika.

    © Die Beschäftigten mehrerer Wirtschaftszweige in Südafrika fordern mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen. Die Weingutarbeiter von De Doorns zum Beispiel fordern nicht nur 150 Rand pro Tag, sondern auch die Einführung der gesetzlichen 40-Stunden-Woche, die Abschaffung der Kinderarbeit unter 18 Jahre, bezahlten Mutterschaftsurlaub sowie einen Jahresurlaub von 21 Tagen. (Quelle: Swartland Wine Routes/ MediaClubSouthAfrica.com)

© Die Beschäftigten mehrerer Wirtschaftszweige in Südafrika fordern mehr Geld und bessere Arbeitsbedingungen. Die Weingutarbeiter von De Doorns zum Beispiel fordern nicht nur 150 Rand pro Tag, sondern auch die Einführung der gesetzlichen 40-Stunden-Woche, die Abschaffung der Kinderarbeit unter 18 Jahre, bezahlten Mutterschaftsurlaub sowie einen Jahresurlaub von 21 Tagen. (Quelle: Swartland Wine Routes/ MediaClubSouthAfrica.com)

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Kap-Kolumne: Bildung als Ware

Marodes Bildungssystem Südafrika: Wenn Schulbücher auf dem Müllberg landen. Ein Skandal!

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Der Schulbuch-Skandal in Limpopo nimmt kein Ende. Jetzt hat der Präsident eine gründliche Untersuchung der „Textbook Saga“ angeordnet. Inzwischen sind vier (4!) Taskteams in der Provinz unterwegs, um der Sache auf den Grund zu gehen. Vor allem die ländlichen Schulen, dort, wo die Ärmsten in der nördlichen Provinz Südafrikas leben, haben in diesem Schuljahr noch keine Schulbücher gesehen – und das nach mehreren Abmahnungen und Gerichtsbeschlüssen.

© Korruption und Vetternwirtschaft sind mittlerweile fester Bestandteil des öffentlichen Bildungssystems in Südafrika, an welchem sich Politiker und Firmenrepräsentanten im Rahmen von öffentlichen Ausschreibungsverfahren bereichern. Das Nachsehen hat die Gesellschaft. Im konkreten Fall werden schulpflichtige Kinder ohne Schulmaterial auskommen müssen. Die Schulaufsichtsbehörden auf Landes- und Bundesebene haben komplett versagt. Das südafrikanische Bildungssystem ist marode. Der Staat kommt zum erneuten Male seiner Verantwortung nicht nach und große Reformen bleiben aus. (Quelle: flickr/ The Presidency of the Republic of South Africa)

© Korruption und Vetternwirtschaft sind mittlerweile fester Bestandteil des öffentlichen Bildungssystems in Südafrika, an welchem sich Politiker und Firmenrepräsentanten im Rahmen von öffentlichen Ausschreibungsverfahren bereichern. Das Nachsehen hat die Gesellschaft. Im konkreten Fall werden schulpflichtige Kinder ohne Schulmaterial auskommen müssen. Die Schulaufsichtsbehörden auf Landes- und Bundesebene haben komplett versagt. Das südafrikanische Bildungssystem ist marode. Der Staat kommt zum erneuten Male seiner Verantwortung nicht nach und große Reformen bleiben aus. (Quelle: flickr/ The Presidency of the Republic of South Africa)

Stattdessen hat man Tausende Bücher – Lehr- und Lernmaterial – gefunden, auf Müllkippen, im offenen Feld, in Flüssen und teils vebrannt. Die Provinzregierung schweigt weitgehend, weil sie ja derzeit unter Zentralverwaltung steht und damit alle Verantwortung abschieben kann. Die Ministerin für Basic Education hat den ganzen Misthaufen nun auf ihrem Tisch und eiert auch gewaltig herum.

Wie so häufig in derartigen Fällen liegt auch hier ein Ursachen-Mix vor: Zuvorderst das System staatlicher Ausschreibungen (Tender System) mit seinem inherenten Potential an Korruption und Vetternwirtschaft sowie die Überforderung der Bürokratie, in diesem Fall der Schulbehörden.

Ich denke, dies ist nur die Spitze des Eisbergs namens Bildungswesen, das in einer tiefen Krise steckt. An fehlenden staatlichen Mitteln liegt das nicht. Verglichen mit anderen Staaten des südlichen Afrika steckt Südafrika mehr Geld ins Bildungswesen. Doch diese Mittel versickern offenbar woanders und nähren die saftigen Wiesen privater Firmen.

Inzwischen haben Journalisten herausgefunden, dass die private Firma EduSolutions („Bildungslösungen“), die für die Schulbuchlieferungen zuständig ist, enge Verbindungen mit Politikern hat, darunter auch mit der Bildungsstiftung des Präsidenten Jacob Zuma. EduSolutions verdient Milliarden Rand mit staatlichen Aufträgen in mehreren Provinzen. Auf insgesamt 1,2 Milliarden Rand wird allein der Limpopo-Auftrag beziffert.

Und die Schulbehörde in Limpopo? Die hat das Schuljahr über ganz offensichtlich geschlafen und ihre Aufsichtspflicht sträflich vernachlässigt bzw. ist ihr gar nicht erst nachgekommen. Der Non-Profit-Organisation Section27 ist es zu verdanken, dass die Schulbehörden und das Ministerium aus ihrem Schlaf der (Selbst)Gerechten geweckt wurden. Die Bürgerrechtsorganisation (“SECTION27 is a public interest law centre that seeks to influence, develop and use the law to protect, promote and advance human rights.”) brachte den Schulbuchskandal vor Gericht und damit die Sache an die Öffentlichkeit und ins Rollen.

Nun beginnt die Suche nach den Schuldigen, ich denke eher: nach den Sündenböcken. „Name-and-Shame“ ist eine Art Volkssport hierzulande. Das Problem dabei: Es ändert sich nichts, solange der Fehler im System steckt. Wer Geld hat, kann sich eine gute Bildung leisten, d.h. seine Kinder auf private Schulen oder Universitäten schicken. Wer sich‘s nicht leisten kann, muss mit dem öffentlichen Schulwesen vorlieb nehmen. Dabei sind Schule und Bildung die vornehmste Verfassungsaufgabe des Staates. Diese Verantwortung sollte er nicht auslagern in die Privatwirtschaft. Bildung ist eine der wichtigsten Investitionen in die Zukunft. Sie darf nicht zur Ware verkommen, mit der man auf dem Markt Profit erzielt.

Kap-Kolumne: Wann sagt die Jugend – Es reicht!

Schüler zwischen Aufstand gegen die Apartheid und Bildungsnotstand im Neuen Südafrika.

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Am 16. Juni, am heutigen Tage, gedenkt Südafrika des Schüleraufstandes in Soweto 1976. Erinnern wir uns: Das Diktat des weißen Apartheid-Regimes, Afrikaans als Unterrichts- und Prüfungssprache an allen schwarzen Schulen einzuführen, war der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Der Apartheidstaat verschärfte damit die so genannte Bantu-Erziehung („Bantu Education“), deren erklärtes Ziel es war, die schwarze Mehrheit in Südafrika auf ewig als Knechte und Mägde der weißen Herren(rasse) zu erhalten. Einer der Architekten des Apartheid-Systems, Hendrik Frensch Verwoerd, stellte in den fünfziger Jahren zynisch fest, den Schwarzen könne nur so viel Wissen zugemutet werden, wie sie „als Holzsammler und Wasserträger“ benötigten.

© Der landesweite Bildungsnotstand stellt ein großes Problem für die Entwicklung des Landes dar. Die Jugend im Neuen Südafrika könnte infolge der Perspektivlosigkeit den Aufstand gegen die Regierung proben. Es ist allgemeines Wissen, dass Schüler die Grundschulen verlassen, ohne wirklich lesen, schreiben oder rechnen zu können. Die Bildungsmisere verursacht verherrende Gefahren für die Demokratie am Kap: Armut, Arbeitslosigkeit oder Kriminalität.

© Der landesweite Bildungsnotstand stellt ein großes Problem für die Entwicklung des Landes dar. Die Jugend im Neuen Südafrika könnte infolge der Perspektivlosigkeit den Aufstand gegen die Regierung proben. Es ist allgemeines Wissen, dass Schüler die Grundschulen verlassen, ohne wirklich lesen, schreiben oder rechnen zu können. Die Bildungsmisere verursacht verherrende Gefahren für die Demokratie am Kap: Armut, Arbeitslosigkeit oder Kriminalität.

Vor sechsunddreißig Jahren also sagte die Jugend Südafrikas: Es reicht! Und der Apartheidstaat erklärte dieser Jugend den Krieg. Das erste Opfer, Hector Petersen, ging in die Annalen der Weltgeschichte ein. Abertausende Tote, Verletzte, Gefolterte folgten ihm. Die Protagonisten des Apartheidsystems verloren am Ende ihre politische Macht. Südafrika ist heute eine konstitutionelle Demokratie, frei vom staatlich verordneten Rassismus, alle Bürger und Bürgerinnen sind vor dem Gesetz gleich.

Hat damit die schwarze Jugend ihren Kampf um Freiheit, um eine gleiche und bessere Bildung gewonnen? Diese Frage darf gestellt werden, angesichts der täglichen Misere an den Schulen. Diese Misere zeigt sich in vielerlei Symptomen. Nehmen wir Beispiele aus der Provinz Limpopo, wo ich als Freiwilliger in einem Kinderprojekt tätig bin. In Limpopo blieben die meisten Schulen bis sechs Monate nach Beginn des Schuljahres 2012 ohne Schulbücher, wegen Unfähigkeit der Schulbehörden. Dieser Skandal beschäftigt die nationalen Medien und nun auch die Gerichte. Lehrkräfte sind schlecht ausgebildet, kommen häufig nicht zur Arbeit. Ich höre die Klagen von Schülerinnen und Schülern, dass sie „heute mal wieder ein paar Schulstunden ohne Lehrer“ in der Klasse verbracht haben. Es ist allgemeines Wissen, dass die Schüler und Schülerinnen die Grundschulen verlassen, ohne wirklich lesen, schreiben oder rechnen zu können. Und das setzt sich munter in der Oberschule fort. Jeder Pädagoge weiß, wenn die Grundlagen nicht gelegt sind, kann der Unterricht noch so gut sein, das Ergebnis wird im besten Falle mager ausfallen. Die Liste der Mängel ist lang.

Das in Limpopo erlebte ist leider ein landesweiter Zustand, um nicht zu sagen ein nationaler Bildungsnotstand. An zu geringen staatlichen Mitteln für die Bildung liegt das nicht. Und doch ist es keine Seltenheit, dass Angestellte des Staates wie Lehrer, Polizisten, Sozialarbeiter, höhere Beamte Nebengeschäften nachgehen. Frei nach dem Motto: Die unternehmerische Initiative ergreifen, beispielsweise bei staatlichen Ausschreibungen mitmischen. „Tenderpreneurship“ heißt das hier. Der Traum vom großen Geld ohne Maloche von „8 to 6“ ist eben eine starke Versuchung.

Soweto-Schüleraufstand von 1976 in Bildern

Die Misere im Bildungswesen Südafrikas steht im krassen Widerspruch zu den hehren Zielen der Befreiungsbewegung und auch zur Verfassung. Kein geringerer als Nelson Mandela hat der Jugend immer wieder eingehämmert, Bildung ist der Schlüssel zur Freiheit, zur Teilhabe am Aufbau einer neuen Gesellschaft. Doch irgendwo bei den Mühen der Ebene ist diese Geisteshaltung am Wegesrand liegengeblieben. Ich denke, einen wesentlichen Anteil an diesem Verlust hat der fast religiöse Glaube an den freien Markt, die Orientierung der Gesellschaft auf den individuellen ökonomischen Erfolg. „Reich sein ist geil“ ist auch in Südafrika der Wahlspruch der Eliten, die, übrigens, ihren Kindern auf teuren Privatschulen eine bessere Bildung zukommen lassen können. Wer wirtschaftlich erfolgreich ist, ist „gesegnet“. Auf wessen Kosten? Diesen unbequemen Gedanken überläßt man, so er denn überhaupt gehegt wird, gern den „Sozialheinis“ und „Weltverbessern“.

Die herrschenden Eliten in Südafrika haben nicht mehr viel Zeit, einen neuen Aufstand der Jugend unter anderen Vorzeichen zu vermeiden. Sie müssen nur die Schrift an der Wand lesen: „Come back to the people“.

Kap-Kolumne: „Der Speer“ wurde begraben

Südafrika zwischen Himmel und Erde. Der irdische Streit entweicht den Sternen; zumindest vorerst.

(Autor: Detlev Reichel ist der Kap-Kolumnist des Südafrika-Portals. Als Missionskind, Sozialist und einstiger West-Berliner Anti-Apartheids-Aktivist berichtet er aus und zu Südafrika.)

Der Speer wurde begraben. Die Saga um das Gemälde „The Spear“ – Der Speer – des Künstlers Brett Murray hat vorerst ein versöhnliches Ende gefunden. Der ANC zieht seine Klage vor Gericht zurück, die Galerie hängt das Gemälde ab und die Zeitung City Press löscht das Bild von ihrer Website. Die Fragen jedoch, die dieser Streit aufgeworfen hat, stehen weiter im Raum.
Die Chefredakteurin der Zeitung City Press, Ferial Haffajee, schreibt in einer sehr persönlichen Kolumne: „Der Speer ist abgelegt, aus Fürsorge und Furcht.“ (The spear is down, out of care and fear.) Sie wolle zur Heilung in der Gesellschaft beitragen, meint Haffajee, die Hitze aus einer zunehmend überhitzten gesellschaftlichen Atmosphäre herausnehmen und ihre Redakteure sowie die Zeitungsverkäufer auf der Straße schützen wollte. Freilich schwirren zig Fotodateien davon im Internet herum. Aber darum geht es nicht.

Tausende Südafrikaner folgten dem ANC und demonstrierten gegen die Zeitung City Press. Diese Presseeinrichtung gab nach und der ANC zeigte, dass er weiterhin viel Macht am Kap genießt. Der Speer-Fall hat sich längst zu einem Paradebeispiel dafür etabliert, dass die Medien im Umgang mit dem ANC die Konsequenzen bedenken sollten.

Was zunächst als eine scharfe Debatte um Kunstfreiheit versus persönliche Rechte daherkam, wandelte sich innerhalb einer Woche zu einer teils bitteren Auseinandersetzung um die Gefühle einer ganzen Nation. Mehrere tausend Menschen demonstrierten am Dienstag – dem Aufruf des ANC und seiner Verbündeten folgend – in unmittelbarer Nähe zur Goodman Gallery in Johannesburg. „Hier geht es nicht um Zuma“, sagt ein Teilnehmer der Zeitung Mail&Guardian, „hier geht es um kulturelle Unterschiede. Brett Murray hat das Recht zu sagen, was er will. Aber er sollte sich im Klaren darüber sein, wen er beleidigt. Es ist vollkommen falsch einen Ältesten mit heraushängenden Genitalien zu porträtieren. Wie würden Sie empfinden, wenn man Ihren Vater so malt?“ Der Streit hat gezeigt, wie wund die Gesellschaft noch ist, nur achtzehn Jahre nach dem Ende einer 350-jährigen Geschichte kolonialer Herrschaft mit den letzten vierzig Jahren eines gnadenlos rassistischen Gewaltregimes namens Apartheid. Dies ist eine Seite der Medaille.

Mit dem Aufruf zum Boykott der Zeitung City Press sowie mit der Demonstration zur Galerie haben die ANC-Führung und ihre Verbündeten gewiss einen Nerv getroffen und ihre Muskeln spielen lassen. Sie müssen sich aber nun die Frage gefallen lassen, ob sie hier nicht auch die Gunst der Stunde nutzen, um politisch zu punkten – und dabei ziemlich heftig überziehen. Es ist daher gar nicht ausgemacht, ob der „Speerkampf“ am Ende dem ANC-Präsidenten Jacob Zuma zu seiner Wiederwahl im Dezember in Mangaung beim nationalen Parteitag des ANC verhelfen wird, wie dies so mancher Kommentator spekuliert. Mangaung ist noch ein paar Monate hin, in dieser Zeit fließt viel Wasser den Orange River hinunter.

Griff nach den Sternen

Während die Menschen also ihre Wunden lecken, kam die aufregende Nachricht vom größten internationalen wissenschaftlichen Projekt der nächsten Jahrzehnte gerade recht. Südafrika, und damit der Kontinent, erhielt den Löwenanteil (70 Prozent) des Baus der gigantischen Teleskopanlage SKA (Square Kilometre Array). Südafrika teilt sich dieses Projekt mit Australien und Neuseeland. Das SKA wird in der Halbwüste Karroo gebaut und soll, wenn fertiggestellt, weiter ins Weltall hineinsehen könne könne, als jedes bisherige Großteleskop. Die Wissenschaft erwartet damit neue Erkenntnisse über die Entstehung des Universums.

© Südafrika erhält mit einem Anteil von 70 Prozent den Zuschlag für das SKA-Forschungsprojekt. In der Halbwüste Karroo ist der Bau dieser gigantischen Anlage vorgesehen. Australien und Neuseeland beteiligen sich ebenfalls am Projekt. Die Teleskopanlage soll noch tiefer ins Weltall blicken können. Die Forscher erhoffen sich neue Erkenntnisse über die Entstehung des Universums. (Quelle: Dr Nadeem Oozeer/ SKA South Africa)

© Südafrika erhält mit einem Anteil von 70 Prozent den Zuschlag für das SKA-Forschungsprojekt. In der Halbwüste Karroo ist der Bau dieser gigantischen Anlage vorgesehen. Australien und Neuseeland beteiligen sich ebenfalls am Projekt. Die Teleskopanlage soll noch tiefer ins Weltall blicken können. Die Forscher erhoffen sich neue Erkenntnisse über die Entstehung des Universums. (Quelle: Dr Nadeem Oozeer/ SKA South Africa)

In den Weiten des Weltalls mag der „Streit um den Speer“ zu Winzigkeit schrumpfen. Die in diesem Streit aufgeworfenen und die Gesellschaft spaltendnen Probleme werden die Menschen hinieden in Südafrika noch sehr lange beschäftigen.